P. Rüttgers. Geschlecht und Sexualität in Jugendkulturen


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Von RocknRoll bis Hip-Hop
Peter Rttgers
Von RocknRoll
bis Hip-Hop
Geschlecht und Sexualitt
in Jugendkulturen
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
1 Jugend(kulturen), Geschlecht
und Sexualitt
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
1.1 Jugend . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
1.2 Jugendkulturen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10
1.3 Geschlecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17
1.4 Sexualitt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
2 Die fnfziger Jahre
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31
2.1 Wiederaufbau und Restauration . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31
2.2 Schwarzwaldmdel und Capri
scher:
Massenkultur in den 50ern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37
2.3 Restauration im Geschlechterverhltnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44
2.4 Kindheit und Jugend in den 50ern:
die alltgliche Verteidigung der Korrektheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51
2.5 Skeptische Generation, Existentialismus
und Teenager-Kultur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58
2.6 Die Halbstarken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64
VI Inhaltsverzeichnis
3 Die sechziger Jahre
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73
3.1 Das Ende der ra Adenauer und der Aufstand der Bildungseliten . . 73
3.2 Entfaltung der Konsumgesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81
3.3 Die Sexy Sixties . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87
3.4 Jugend im Aufbruch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94
3.5 Vom Rock n Roll zum Beat und Progressive Rock . . . . . . . . . . . . . 100
3.6 Die Hippies . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108
4 Die siebziger Jahre
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
4.1 lkrise und deutscher Herbst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
4.2 Gelockerte Bindungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123
4.3 Liberalisierung und Verschiebungen im Geschlechterverhltnis . . . 130
4.4 Jugend zwischen Emanzipation, Konsum und Krise . . . . . . . . . . . . . 138
4.5 Protestsongs, Glam Rock und Disco . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143
4.6 Punk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150
5 Die achtziger Jahre
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161
5.1 Die geistig-moralische Wende . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161
5.2 Kommerzfernsehen in der Multioptionsgesellschaft . . . . . . . . . . . 168
5.3 PorNo-Kampagne, sexueller Missbrauch und AIDS . . . . . . . . . . . . . 174
5.4 Jugend in den 80er Jahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181
5.5 Video killed the Radiostar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189
5.6 Gothic . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 196
6 Die neunziger Jahre
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 205
6.1 Die deutsche Wiedervereinigung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 205
6.2 Soziale Unsicherheit in der Erlebnisgesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . 212
6.3 Sexuelle Selbstbestimmung und Verhandlungsmoral . . . . . . . . . . . . 218
6.4 Jugend im vereinten Deutschland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225
6.5 Grunge, Brit Pop und Riot Grrrls . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233
6.6 Techno . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 240
7 Die zweitausender Jahre
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251
7.1 Hartz IV und Bankenkrise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251
7.2 Deutsche Zustnde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 258
7.4 Jugend in der interkulturellen Gesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 272
7.5 Rock und Pop am Beginn des neuen Jahrtausends . . . . . . . . . . . . . . 281
7.6 Hip-Hop . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 288
VII
Inhaltsverzeichnis
Schlussbetrachtung
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 299
Literatur
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 303
Einleitung
Die vorliegende Studie nhert sich dem Thema Jugendkulturen, Geschlecht und
Sexualitt aus einer historischen Perspektive. Sie geht der Frage nach, wie sich in
Zusammenhang mit den politischen und sozialen Entwicklungen, den Normvor-
den Angeboten der Rock- und Popmusik jugendkulturelle Stile entwickelt haben.
Sowohl die Populrmusik als auch Jugendkulturen stehen in einem Kontext gesell-
schaftlicher Vorstellungen von Mnnlichkeit und Weiblichkeit und einer gesell-
schaftlich normierten Sexualitt, wobei sie sowohl eine treibende Rolle hinsicht-
lich des Aufbrechens von sexuellen Tabus und der Rigiditt von Geschlechterrollen
spielen knnen als auch starre und manchmal berwunden geglaubte konserva-
tive Einstellungen reaktivieren knnen.
Im Gegensatz zu Verffentlichungen, die sich aus der Sicht eines Geschlechtes
(s. z. B. Rohmann 2007, Farin/Mller 2014) mit jeweils spezi

schen und aktuellen
Jugendkulturen befassen, verfolgt dieses Buch die Intention, aus einer lngerfristi-
gen Perspektive die Entwicklung von Jugendkulturen darzustellen; es geht um eine
systematische Darstellung in sozialgeschichtlichem Kontext, wobei Aspekte von
Geschlecht und Sexualitt im Mittelpunkt stehen.
Um die Darstellung anschaulich und authentisch zu gestalten, werden neben
wissenschaftlichen Texten und Zeitdiagnosen auch pdagogische Programme,
Medienberichte aus der jeweiligen Zeit, Zitate aus Romanen, Songtexte sowie
Aussagen von ZeitzeugInnen und Jugendlichen aus den jeweiligen Szenen als
Quellen herangezogen.
2 Einleitung
Das Buch ist chronologisch aufgebaut und bezieht sich auf die Geschichte der
Bundesrepublik von den 50er Jahren bis zum ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtau-
Im einleitenden Kapitel werden die zentralen Begriffe Jugend, Jugendkulturen,
Die anschlieenden Kapitel (Kap. 27) behandeln jeweils eine Dekade und sind
nach dem gleichen Schema aufgebaut. Die jeweiligen Ausfhrungen erheben dabei
keinen Anspruch auf Vollstndigkeit, es sollen lediglich zentrale Tendenzen dar-
1. Im ersten Kapitel wird kurz die konomische und politische Entwicklung be-
leuchtet. Es geht dabei sowohl um einschneidende politische Ereignisse in der
of

ziellen Politik als auch um politische Auseinandersetzungen auf der
Strae wie Demonstrationen und Streiks sowie um den konomischen und
sozialen Hintergrund fr das Heranwachsen von Mdchen und Jungen.
2. Das zweite Kapitel befasst sich mit den
sozialen Entwicklungen
des jeweili-
gen Jahrzehnts; hierbei stehen das Alltagsleben, die Mentalitt, der Massen-
konsum und die Medien im Mittelpunkt sowie das Entstehen neuer Milieus und
deren Werthaltungen, die charakteristisch fr die jeweilige Zeit waren.
3.
Geschlechterverhltnis und Sexualitt
sind Gegenstand des dritten Kapitels;
hier geht es vor allem um vorherrschende Bilder im Bereich der Geschlechter
und der Sexualitt, darum, was als Leitbild fr Frauen wie Mnner gegolten hat,
was sexuell als normal galt, verpnt war oder verboten wurde und schlielich
darum, welche sozialen Auseinandersetzungen um Bilder von Mnnlichkeit
wie Weiblichkeit sowie um Erlaubnisse und Verbote im Bereich der Sexualitt
gefhrt wurden.
4. Das vierte Kapitel handelt von der
Entwicklung und den Bedingungen, unter
denen Mdchen wie Jungen in der entsprechenden Dekade aufgewachsen
sind
, davon, welchen medialen Ein

tiven ihnen geboten wurden, von den pdagogischen Vorstellungen und Praktiken
der Zeit und von dem, was Heranwachsenden ber richtige Mdchen wie Jun-
gen beigebracht wurde; zudem auch davon, welche Informationen und Normie-
rungen ihnen in Schule wie Elternhaus in Bezug auf Sexualitt vermittelt wurden
und wie ber Jugendliche in Wissenschaft und Medien gesprochen wurde.
5. Im fnften Kapitel geht es um die
Entwicklung in der Rock- und Popmusik

als zentraler Bestandteil von Jugendkulturen: Im Mittelpunkt stehen die be-
stimmenden Musiktrends, die prominenten Bands und Stars, die wechselnden
Moden, das Aufkommen neuer Jugendkulturen, deren Vorstellungen und Prak-
tiken, vor allem in Bezug auf Geschlecht und Sexualitt.
3
Einleitung
speziellen Jugendkultur

mit ihrer jeweiligen Kleidung, der Musik, ihrem Tanzstil, den Geschlechter-
darstellungen von Mdchen wie Jungen sowie dem Umgang der jeweiligen Ju-
gendkultur mit Sexualitt. Im Mittelpunkt steht hierbei die Frage, in welchem
Verhltnis der jeweilige Umgang mit Geschlechterrollen und Sexualitt zu den
mehrheitlichen gesellschaftlichen berzeugungen und Praktiken stand.
1
Jugend(kulturen), Geschlecht
und Sexualitt
1.1 Jugend
Jugend als eine relativ eigenstndige Lebensphase zwischen Kindheit und Erwach-
senenalter ist eine historische Erscheinung, die mit der Industrialisierung der Ge-
sellschaft einhergeht, was sich auch daran zeigt, dass es im ausgehenden Mittel-
alter und in der Neuzeit keine Begriffe fr Jugend oder Jugendliche gab (s.
Ferchhoff 2011, S. 13f). Die vorindustrielle Gesellschaft war geprgt durch manu-
elle Ttigkeiten in Landwirtschaft und Handwerk, junge Menschen waren in diese
Arbeitsablufe von klein auf einbezogen, sie wurden als kleine Erwachsene (s.
Erwachsenenalter, Kindern und Jugendlichen war bei Weitem nicht so gravierend
wie in der heutigen Gesellschaft:
Weder die Arbeit noch die Ausbildung waren in der Weise eindeutig altersabhn-
gig, wie wir das erwarten wrden; auch das ist zum Teil fr den Mangel an Ein-
schnitten innerhalb der groen Altersspannen der vorindustriellen Jugendlichen
verantwortlich. Auch der Beginn krperlicher und sexueller Reife htte doch nach
unserer Erwartung einen Einschnitt bezeichnen knnen; er tut es aber vor allem
deshalb nicht, weil Kinder sich schon sehr frh daran gewhnten, die Geschlechter-
rollen der Erwachsenen zu bernehmen, und der Eintritt in die Pubertt war nicht
durch andere Kleidung oder durch sonstige uere Zeichen der Reife gekennzeich-
net. (Gillis 1980, S. 24f)
P. Rttgers,
Von RocknRoll bis Hip-Hop,
DOI 10.1007/978-3-658-10846-5_1,
Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
61 Jugend(kulturen), Geschlecht und Sexualitt
Die Er

rechtlichen Status verbunden, der jugendlichen Menschen von staatlicher Seite be-
stimmte Schutzrechte garantiert. Die allgemeine Schulp

icht, durch die fr He-
ranwachsende eine Schonzeit jenseits der Arbeitswelt eingefhrt wird, und die
Institution Jugendamt, die Kontrolle wie Schutz von Kindern und Jugendlichen ge-
whrleisten soll, sind der rechtliche Rahmen, unter dem Kinder und Jugendliche in
Arbeitszeitregelungen, Verbot des Konsums hochprozentigen Alkohols oder Ta-
baks dem Schutz vor schdlichen Verhaltensweisen, die Erwachsenen erlaubt sind.
Neben diesen Verboten, die sich auf die Gefhrdung der krperlichen Entwick-
lung und Gesundheit junger Menschen beziehen, werden Gefahren auch in einer
schdlichen psychischen Entwicklung gesehen: Schutz- und Schundliteratur,
deren Lektre sich angeblich moralisch schdigend auswirkt, sexuell aufreizende
Filme, Schriften oder Bilder, Pornographie, brutale Kriegs- oder Horror

lme sind
Genres, deren Konsum Kindern und Jugendlichen untersagt ist.
Schutz und Kontrolle sind kennzeichnend fr den staatlichen Umgang mit Ju-
gendlichen, der sie von verschiedenen Aktivitten (z. B. Autofahren), Zeiten (z. B.
Ursprnglich wurde das Jugendalter als die Zeit vom Beginn der Pubertt bis
zur Eheschlieung begriffen, doch durch die Verlngerung der Schul-, Ausbil-
dungs- und Studienzeiten und die Tatsache, dass die Ehe als Institution an Ver-
bindlichkeit eingebt hat, wird seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts von
einer Entstrukturierung der Jugendphase gesprochen mit der Folge, dass auch
Menschen mit Mitte oder Ende ihrer 20er Lebensjahre ohne festen Beruf und fa-
Schler und eine 29-jhrige Studentin noch unter den Begriff jugendlich fallen,
obwohl ihre Lebenssituation, ihre Interessen und ihre sozialen Lagen vollkommen
unterschiedlich sind.
Mit dem Aufkommen von Jugend als eigenstndiger Lebensphase haben sich
diverse wissenschaftliche Disziplinen wie Jugendpsychologie, Jugendsoziologie
oder pdagogische Jugendforschung entwickelt, die Jugend zum Objekt ihrer
Forschungen machen. Von Beginn an standen dabei die angeblichen Gefahren im
Mittelpunkt, die vor allem im Verhalten des mnnlichen Jugendlichen der unte-
ren Schichten gesehen wurden; der mnnliche Heranwachsende galt als
der Ver-
wahrloste, Gottlose, Kriminelle, der Korrekturbedrftige. (Roth 1983, S. 137)
Unangepasstheit, mangelnder Wille zur Unterordnung, aufbegehrendes Verhalten
und Regelverletzungen aller Art wurden vor allem Jungen zugeschrieben und fhrten
zu dementsprechenden Konsequenzen von Seiten der Ordnungskrfte; vor allem mnn-
liche Jugendliche wurden zum Objekt juristischer und pdagogischer Manahmen.
7
1.1 Jugend
So waren es auch junge Mnner, die zwischen Schulhof und Kasernentor als
gischer Instanz noch dem Militr als berwachender Institution unterstanden und
sich somit auerhalb der Kontrolle des Staates befanden.
Wissenschaftliche wie nicht-wissenschaftliche Urteile und Behauptungen ber
die Jugend werden dabei von erwachsenen Menschen getroffen, wobei die jewei-
ligen Deutungen und Urteile verschiedenen Interessen unterliegen:
Der Begriff Jugend markiert ein soziales Deutungs- und Verstndigungskons-
trukt, das als diskursives Feld der Selbstvergewisserung der Gesellschaft dient (
...) Aus dieser Perspektive ist Jugend nicht nur Untersuchungsgegenstand, sondern
immer auch als diskursives Konstrukt Schauplatz von politischen und ideologi-
schen Auseinandersetzungen ... Die soziale Konstruktion von Jugend sagt etwas
Allgemeineres aus ber den jeweiligen Zustand der Gesellschaft, sie illustriert die
relevanten Wirklichkeitsmodelle. (Klein 2004, S. 54)
Ein Blick auf die Jugend, der deren reale, bertriebene oder auch erfundene
politischen oder religisen Extremismus in den Mittelpunkt rckt, ist dabei auch
kel, die ber normale oder unproblematische Jugendliche informieren, ver-
sprechen weniger Einschaltquoten und Au

agen als skandalisierende oder Besorg-
nis erregende Berichte.
Auch die helfenden Professionen wie Sozialarbeit und -pdagogik haben ein
beru


zitr und
der Hilfe bedrftig zu beschreiben, um ihre Dienste legitimieren zu knnen, wobei
die jeweiligen Sorgen und Befrchtungen sich historisch wandeln:
Jugendverderben durch Selbstbe

eckung; zu viele Lektre; falsche Lektre;
gar keine Lektre; Haltungsschden; enge Hosen; Rock `n` Roll; Comics; Kino;
Fernsehen; Reklame; Dienstboten; Wiegen; Daumenlutschen; Alkohol & Niko-
tin; Verhaltensstrungen; Schulangst; sexueller Mibrauch; sexuelle Repression;
Rechtsradikalismus ... Die Liste ist endlos; jede Zeit, jede Saison hat ihre Lieblings-
katastrophen, mit denen die Pdagogen sich und andere auf Trab halten. (Rutsch-
ky 1985, S. 87)
Dieser pdagogische Pessimismus der helfenden Professionen ist die Grundlage
fr ihre eigene Legitimierung als Berufsgruppen, wobei er sich nicht auf Jugendli-
che als konstruierte Problemgruppe beschrnkt, sondern tendenziell auf alle Teile
der Bevlkerung ausgedehnt wird (s. Rttgers 2010).
81 Jugend(kulturen), Geschlecht und Sexualitt
Die Katastrophenstimmung, die durch die Berichterstattung ber die Jugend er-
zeugt wird, ist nicht unbedingt eine Reaktion auf wirkliche Probleme, die Jugend-
liche bereiten, es werden dabei vielmehr bevorzugt jugendliche Verhaltensweisen
herangezogen und skandalisiert, die sich im Interesse der jeweiligen Profession
funktionalisieren lassen:
Amtliche Untersuchungen, besorgte oder emprte Kommentare und Reportagen
sowie angeblich wertfreie Studien von Sozialwissenschaftlern greifen immer dann
zum Begriff Jugend, wenn junge Leute dadurch auf sich aufmerksam machen, da
sie ber die Strnge schlagen. Dann fhren sie bizarre Rituale auf, kleiden sich exo-
tisch, nehmen merkwrdige Posen ein, zerschlagen Konventionen, Flaschen, Fens-
ter und Schdel und provozieren die Rechtsordnung ... Dann werden sie verhaftet,
verfolgt, verwarnt, gemaregelt, in Gewahrsam genommen, verleumdet, aber auch
beklatscht, nachgeahmt und angehrt. Sozialarbeiter und andere Menschenfreunde
nehmen sie in Schutz, und Soziologen, Sozialpsychologen und Auguren jeder poli-
tischen Couleur bemhen sich, ihre Beweggrnde aufzuhellen. (Hebdige 1986, S.
186)
Jugendliche werden zum Gegenstand der Besorgnis, Forschung und Berichterstat-
tung, wobei diverse Professionen sie in ihrem Sinne ausnutzen und ihnen die unter-
che selbst haben keine Stellen an Hochschulen, wo sie Erwachsene in Kategorien
einsortieren oder ber das Leben der Erwachsenen forschen und lehren; Jugend-
liche sind nicht als JournalistInnen ttig und schreiben Berichte oder drehen Fil-
me, in denen sie das Leben der lteren problematisieren und skandalisieren oder
Empfehlungen ber eine Besserung der Lebensfhrung Erwachsener verfassen.
groer Unternehmen, wo bedeutende Entscheidungen getroffen werden. Sie sind
eine relativ machtlose gesellschaftliche Gruppe.
bedeutend greren sozialen und konomischen Macht nicht (mehr) verfgen,
nmlich ihre Jugend: In der gegenwrtigen Gesellschaft ist Jugendlichkeit ein
zentraler gesellschaftlicher Leitwert, an dem sich auch Erwachsene orientieren.
Trotz aller pessimistischen Darstellungen konkreter Jugendlicher gelten Jugend
und Jugendlichkeit an sich als erstrebenswert, weil mit ihnen Offenheit, Dy-
namik, Vitalitt, Unbekmmertheit und Modernitt verbunden werden; Jugend
gilt als der Gegenpol zu den gesellschaftlich tabuisierten Themen Alter, Krank-
heit und Tod. Ganze Industriezweige leben von dem Bedrfnis Erwachsener nach
9
1.1 Jugend
einem jugendlich wirkenden Erscheinungsbild: Produkte wie Cremes gegen Fal-
ten, Mittel gegen das Ergrauen der Haare oder Manahmen zur Straffung der Haut
pro

tieren von dem Bedrfnis zahlreicher Frauen wie Mnner, sich krperlich als
mglichst jugendlich zu inszenieren.
Im Gegensatz zu erwachsenen Menschen gelten Jugendliche als psychisch und
weltanschaulich noch nicht gefestigt und von daher auch noch formbar. Diese Tat-
sache machen sich vor allem totalitre Regime zu Nutze, die Heranwachsende in
Massenverbnden organisieren, sie auf das jeweilige politische Projekt einschw-
ren, dadurch ihre Loyalitt zum Staat erreichen wollen mit der Intention, dass die
politischen Interessen der Herrschenden von Jugendlichen bernommen und fort-
gefhrt werden; in diesem Kontext wird Jugend fr politische Ziele missbraucht
und gilt dem jeweiligen Regime als Hoffnungstrger, als fr die herrschenden In-
teressen manipulier- und instrumentalisierbar.
Sind diese Methoden der Beein

ussung und Indoktrinierung von Jugendlichen
noch relativ leicht zu durchschauen, so geschieht dies in den meisten kapitalistischen
Lndern subtiler ber den Konsum: Jugend ist ein riesiger Markt, auf den speziell
fr Jugendliche konzipierte und produzierte Gter geworfen werden. Dieser Markt
lebt von den Bedrfnissen Heranwachsender, sich von anderen Jugendlichen wie von
hip oder auch rebellisch darzustellen. Jugendzeitschriften, ganze TV-Anstalten,
spezielle Kleidung, Filme, Musik oder auch Video- und Computerspiele wenden sich
gendlichen Image ihrer Produkte, womit sie bei den Jugendlichen auch ein ge-
wisses Markenbewusstsein und eine Markenbindung frdern wollen, was den
weiteren Absatz garantiert.
Bei aller Gleichheit eines Merkmals, des biologischen Alters, muss innerhalb
der Jugendlichen differenziert werden: Jugendliche unterscheiden sich betrcht-
lich, unter anderem hinsichtlich ihrer Herkunftsfamilien, des pdagogischen Um-
mischen Lagen, ihrer Bildungschancen und nicht zuletzt ihres Geschlechts. Sie
verfgen ber hchst unterschiedliche Ressourcen an Geld, Bildung und sozialen
Kontakten, sodass Chancen und Entwicklungsmglichkeiten fr Jugendliche sehr
ungleich verteilt sind.
Zudem unterliegen sie konomischen und politischen Bedingungen, dem, was
ihnen zugetraut, zugemutet und geboten wird. Hierzu zhlen vor allem die Fragen,
ob es gengend Arbeit fr sie gibt, ausreichend Ausbildungs- und Studienpltze,
die sie bentigen, um sich zu entwickeln, konomisch selbststndig und in diesem
Sinne erwachsen zu werden.
101 Jugend(kulturen), Geschlecht und Sexualitt
1.2 Jugendkulturen
Als erste Jugendkultur verstanden als von der Erwachsenenwelt unabhngige
und wenig kontrollierte, relativ homogene soziale Gemeinschaft von Gleichalt-
rigen gelten im deutschsprachigen Raum die Wandervgel, die sich in ihrem
Selbstverstndnis als ein Gegenentwurf zur Lebensweise des erwachsenen, br-
gerlichen Menschen verstanden:
lichen Erziehung und sie strebten eine Reform der stdtischen Lebensformen durch
Gemeinschaft und Naturerleben an. Auerdem entwickelten sie erstmals einen
eigenstndigen, jugendkulturellen Lebensstil, zu dem neben Kleidungsstcken wie
kurze Hosen, grne Mtzen, Rippelsamtanzge, Leinenkleider als zentrale Aktivi-
tten das Wandern, Radfahren oder Paddeln gehrten. (Krger 2010, S. 14)
tion von Schlerfahrten. Ihrem Anspruch nach waren sie eine Bewegung, die sich
mit einem positiven Bezug zur Natur und selbst organisierten Aktivitten von der
sie ein Zusammenschluss von mnnlichen Jugendlichen privilegierter Herkunft,
sodass in der Bewegung 1907 ein Bruch stattfand, der sich an dem Streit entzn-
besuchten, teilnehmen durften. Trotz dieser Differenzen innerhalb der Bewegung
formulierten die Wandervgel und die Freideutsche Jugend einen gemeinsamen
Anspruch von Heranwachsenden auf eine selbst gestaltete und von Gngelungen
der Erwachsenen unabhngige Freizeitgestaltung, wie es der Aktivist Gustav Wy-
formulierte:
Die Freideutsche Jugend will aus eigener Bestimmung vor eigener Verantwortung,
mit innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten (Zit. n. Breyvogel 2005a, S. 13f)
Am Beispiel der Freideutschen Jugend und der Wandervgel zeigen sich die Hoff-
nungen und Befrchtungen, die mit dem Blick auf die Jugend verbunden sind; hier
spannt sich ein weiter Bogen von den enthusiastischen Hoffnungen, die junge Ge-
neration werde im 20. Jahrhundert frei und selbstbewusst von innen heraus die
Weichen fr eine humane Zukunftsgesellschaft stellen und auf diese Weise den
neuen Menschen schaffen, bis hin zur massiven Einhegung aller jugendlichen Be-
wegungskrfte in einem diktatorischen Erziehungsstaat. (Reulecke 2006, S. 319f)
11
1.2 Jugendkulturen
In der Weimarer Republik entstand die sogenannte Bndische Jugend als or-
ganisierte Jugendkultur, die allerdings hinsichtlich ihrer politischen Orientierung
alles andere als einheitlich war:
Das Spektrum gliederte sich in ein links-liberales, national-liberales, nationalis-
tisch-konservatives und ein rechtsradikales Feld, Optionen, die sich in gewisser
Nhe zum Parteienspektrum der Weimarer Republik befanden. (Breyvogel 2005a,
S. 14)
Neben diesen organisierten Formen von Jugendkulturen entwickelten sich nun
auch informelle Gruppen meist mnnlicher Jugendlicher, die sich in lockeren Cli-
quen jenseits des Vereinslebens zusammenfanden:
Sptestens aber ab der Weimarer Republik sind Rummel-, Wander-, Straen-,
Park- und Tanz-Cliquen in fast allen Regionen des damaligen Deutschlands an-
zutreffen. Beschrieben und etikettiert werden sie als proletarischer Hochstapler,
Industrieritter, Rosenkavaliere, Junge Industriefalter oder Halbstarker (...).
(Thole 2010, S. 176)
Die Nazi-Diktatur lie so gut wie keinen Freiraum fr dem System nicht geneh-
me organisierte oder informelle Jugendkulturen; hier wurde der totalitre Er-
ziehungsstaat in Form des Bundes deutscher Mdel und der Hitlerjugend Wirk-
lichkeit. Kinder wie Jugendliche wurden durch Indoktrination, Unterordnung und
Drill auf die verbrecherischen Ziele des deutschen Faschismus eingeschworen und
zu folgsamen und treuen Volksgenossen und -innen erzogen. Der unterdrcken-
tionen oder selbst organisierte Jugendliche, wobei ihm die Unterdrckung bis auf
wenige Ausnahmen auch gelang.
Mit dem verstrkten Aufkommen von Massenmedien wie Film, Fernsehen
und Schallplatten haben die Jugendkulturen nach dem Ende des Zweiten Welt-
krieges mehr und mehr ihren nationalen Charakter verloren; sie verloren dabei
auch zunehmend ihren selbst organisierte Struktur, Jugendkulturen wurden Teil
einer Kulturindustrie. Jugendkulturelle Angebote entstanden von da ab weniger
in (Jugend-)Organisationen als vielmehr in den entsprechenden Abteilungen der
Musik-, Film- und Modeindustrie. Die Massenkultur, die mit dem Konsumkapi-
talismus in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts aufkam, wurde und wird
dahingehend kritisiert, dass es sich um eine triviale Form von Kultur handelt, die
keinerlei Tiefgang besitzt, stattdessen stndig neue Produkte ohne jeden inhalt-
lichen Anspruch und lediglich zur Pro

terzielung produziert. Auf Jugendkulturen
121 Jugend(kulturen), Geschlecht und Sexualitt
Magazine konsumieren, die ihnen von Seiten der Industrie mit den Mitteln der
Werbung aufgedrngt werden.
Bei aller Berechtigung dieser Kritik kann das Phnomen der Jugendkulturen
nicht auf diesen Aspekt reduziert werden: Zum einen werden die kommerziellen
wenn oft auch nur in Details variiert. Zudem stellen Jugendkulturen vielmehr
ein groes Spektrum dar von einerseits vollkommen am Reibrett der Industrie
entworfenen kulturellen Stilen bis hin zu jugendkulturellen Formen, die unabhn-
gig von den kommerziellen Angeboten ihre eigene Musik machen, ihren eigenen
Tanzstil entwickeln, ihre eigene Kleidung tragen und auch ihre eigenen Medien
selbstbestimmt und in ihrem Sinne herstellen.
Doch auch Jugendkulturen mit dem Anspruch auf Selbstbestimmung und Un-
abhngigkeit sind nicht vor Vereinnahmungen einer Branche gefeit, die stndig
auf der Suche nach Quellen des Pro

ts durch neue modische und musikalische
Trends ist. So werden ursprnglich relativ unabhngige Jugendkulturen mit ihrem
jeweiligen Stil ausgebeutet und ihre musikalischen oder modischen Ausdrucks-
Erwachsene:
Trendforschung im Sinne einer permanenten Suche nach neuen Stilen in hippen
Jugendkulturen ist von daher nicht nur wichtig, um fr die Durchschnitts-Jugendli-
chen attraktive Modestrmungen bereitzustellen, sondern auch, um die Konsumwelt
der Erwachsenen mit neuen Trends aufzufrischen. Auf diese Weise sind jugendliche
trie ihren Rohstoff liefern. (Klein 2004, S. 57)
Dies muss nicht die bernahme des kompletten Stils bedeuten, es kann sich dabei
auch um das Nachahmen einzelner Elemente der Kleidung oder der Musik han-
deln: Auch hier werden Jugendliche oder zumindest Teile von ihnen zu einer
Avantgarde; allerdings nicht zu VorreiterInnen einer besseren Zukunft, sondern zu

t versprechen.
Distinktion, die Abgrenzung sowohl zu anderen Jugendlichen als auch zu Er-
wachsenen, ist ein bedeutendes Merkmal von Jugendkulturen. Nach auen sind
und machen sich die Angehrigen einer Jugendkultur durch einen relativ einheit-
lichen Stil erkennbar. Dieser drckt sich in bestimmter Kleidung aus, wobei nicht
selten die richtige Marke eine bedeutende Rolle spielt (s. Weis 2012), eventuell in
Krperverzierungen (Tattoos, Piercings), Frisuren, Musik, einem Tanzstil, in einer
13
1.2 Jugendkulturen
Werte, Einstellungen und Verhaltensweisen aus, die meistens zwar nicht explizit
formuliert sind, von den Einzelnen aber bewusst oder unbewusst befolgt werden.
erkennbar machen.
Die bernahme des kompletten Stils oder einzelner Elemente durch Menschen,
die ursprnglich nicht zur Szene gehrten, lsst den Distinktionswert, die Exklusi-
vitt einer Jugendkultur und ihrer Zeichen sinken: Wenn jede und jeder vergleich-
bare Musik hrt, hnliche Kleidung trgt, die gleiche Frisur hat und die gleiche
Sprache benutzt, wird sie zu einem Massenphnomen, das nicht mehr dazu taugt,
sich von anderen abzugrenzen.
In diesem Sinne gibt es auch innerhalb der Jugendkulturen den Unterschied
zwischen den ursprnglichen Vertreterinnen und Vertretern, die intern das hchs-
te Ansehen genieen, weil ihnen die Glaubwrdigkeit unterstellt wird, die die
NachzglerInnen, NachmacherInnen und Pseudos nicht haben. Gleiches gilt fr
die Bands und MusikerInnen, die aus einer relativ berschaubaren Szene als Ge-
heimtipp eines speziellen Musikstils den Schritt in den Mainstream gehen und
dann mit massentauglicher Musik in der Regel an Ansehen bei ihrer ursprng-
lichen Anhngerschaft verlieren.
Jugendliche begreifen die Zeichen ihre jeweiligen Kultur in der Regel als zu
ihnen gehrig; Versuche von Erwachsenen, Kleidung oder Sprache zu imitieren,
werden dabei oft als Anbiederung empfunden, als der Versuch Erwachsener, sich
selbst als jugendlich zu inszenieren und so zu tun, als gehrten sie dazu, wie es
bei zum Teil peinlich wirkenden Berufsjugendlichen im pdagogischen Bereich
vorkommt.
Ebenso gro wie das Spektrum von einerseits von der Industrie vorgegebenen
ist die Bandbreite der politischen Orientierungen in Jugendkulturen. Sie knnen
sowohl in dem Sinne links sein, als sie herkmmliche Verhaltensweisen, Macht-
strukturen und Hierarchien kritisch hinterfragen und politische Programme ver-
folgen, die sich in Richtung Gleichberechtigung bewegen, als auch in dem Sine
stellen oder sogar bekmpfen und undemokratische Ziele verfolgen. Schlielich
knnen sie in dem Sinne politisch sein, als sie sich vorgeblich nicht fr Politik in-
teressieren und lediglich unkritisch und unre

ektiert die ihnen zugedachten Rollen
als KonsumentInnen erfllen.
Tendenziell erweisen sich jugendkulturelle Angebote fr Jugendliche einer ge-
zung jeweils vollkommen homogen nach der sozialen Herkunft wre, doch haben
141 Jugend(kulturen), Geschlecht und Sexualitt
die verschiedenen jugendkulturellen Stile fr Jugendliche eines bestimmten Milieus,
was die Bildung, die Umgangsformen und die Einstellungen im Elternhaus betrifft,
eine besondere Anziehungskraft; Jugendkulturen knnen sowohl an diese anknp-
fen als auch im Gegenteil sich zum Protest und zur Rebellion dagegen eignen.
Schlielich bestehen groe Unterschiede beim Grad des Zusammenhaltes: Im
extremsten Fall knnen Jugendkulturen sich von der restlichen Gesellschaft ab-
aufbauen, es kann sich aber auch um lockere Zusammenschlsse von Jugendlichen
handeln, die sich an Wochenenden treffen, um zu feiern, ansonsten aber einem
geregelten Leben nachgehen und nicht viel miteinander zu tun haben. Doch auch
Jugendkulturen, die eher individualistisch und auf Freizeit bezogen sind, bilden
intern Normen und Werte aus, die ohne formuliertes Regelwerk befolgt werden
und der Abgrenzung dienen.
Jugendkulturen

nden an unterschiedlichen Orten statt, von gut sichtbar in der
Wohngemeinschaften. Die ffentlichkeit kann dabei bewusst gewhlt werden,
weil hier die Sichtbarkeit jugendkultureller Praktiken garantiert ist, aber auch, weil
Jugendlichen keine anderen Rume zur Verfgung gestellt werden, was sie dazu
zwingt, sich auf die Strae zu begeben. Rume knnen dabei die Bedeutung von
Territorien haben, die eine bestimmte Gruppe von Jugendlichen fr sich rekla-
miert und die sie gegenber anderen verteidigt.
Jugendkulturen knnen vllig unterschiedliche Verhltnisse zueinander ausbil-
den: Sie knnen kaum Berhrungspunkte miteinander haben oder sich absichtlich
ignorieren, sie knnen sich gegenseitig nahestehen und miteinander sympathisie-
ren sowie in Verachtung, Konkurrenz zueinander oder Abneigung und Feindschaft
anderen Jugendkultur hat dabei die Funktion, die eigene Gruppe aufzuwerten und
weiligen Jugendkultur knnen sowohl eigene Bezeichnungen sein als auch begriff-
Bei der Abgrenzung von Jugendkulturen untereinander spielt der Bezug auf
verschiedene Bilder von Geschlecht eine zentrale Rolle, wie es Kurt Mller an-
hand von wechselseitig abwertenden Begriffen ber Jungen und junge Mnner be-
schreibt:
15
1.2 Jugendkulturen
Man(n) distanziert sich mal von Machos, mal von Weicheiern, mal von Frau-
enverachtern, mal von Frauenverstehern, mal von Proleten, mal von Bonzen-
kindern, mal von Angebern, mal von Losern, mal von hirnlosen Dummkp-
fen, mal von intellektuellen Besserwissern, mal von Kanakencliquen, mal von
Faschohorden, mal von Schwulen, mal von Sexisten usw. Kurzum: Der jeweils
bevorzugte bzw. abgelehnte Stil dient dazu, sich im Angebot verschiedener alters-
entsprechender Mnnlichkeiten und Mnnlichkeitsmodule soziale Orientierung zu
verschaffen und die eigene Person unter Zuhilfenahme geschlechtlich konturierter
Referenzbezge sozial zu platzieren. (Mller 2014, S. 346)
Wenn Jugendkulturen auf der einen Seite eine Art Avantgarde sind, die Trends
Es sind hierbei vor allem nach Auen orientierte Jugendkulturen, die ffentlich in
Innenstdten, an Bahnhfen usw. sichtbar sind. Diese stoen mit ihrer Kleidung,
ihren Frisuren, laut gespielter Musik und einem zum Teil aggressiven Auftreten
auf den Unmut der Bevlkerung. Die Folgen zeigen sich in sogenannten Moral-
paniken, in denen Angst erregende Schilderungen ber die Gefahr kursieren, die
diese Jugendlichen verbreiten. Besorgte Brgerinnen und Brger knnen sich so
gegenseitig ihre vermeintliche moralische berlegenheit und Anstndigkeit be-
sttigen:
Das, was an bestimmten Jugendgruppen und -szenen unabhngig von ihrer Zahl
und Gre provoziert, spiegelt Werte wider, die zum jeweiligen historischen Zeit-
punkt die Gesellschaft in ihrem Wesen de

nieren. Das bse Kollektiv fhrt auf ne-
gative Weise den Zustand der Gesellschaft vor. Die Gesellschaft versichert sich
ihrerseits mit Hilfe des in der (Medien) ffentlichkeit gefhrten kriminologischen
Diskurses der eigenen guten Identitt. Das Bild bser, d.h. gefhrlicher oder prob-
lematischer Jugend, wird verhandelt in einem Austauschproze von Politik, Berufs-
beunruhigten, Medien und Jugendszenen selbst. (Findeisen/Kersten 1999, S. 68)
Die Emprung lsst sich besonders gut kanalisieren, wenn die Gruppe, der die
Emprung gilt, durch ein relativ einheitliches Auftreten benannt und identi

ziert
Ungep

egtheit oder ganz allgemein die wirkliche oder nur unterstellte Weigerung,
sich allgemein anerkannten und geforderten Verhaltensstandards unterzuordnen,
sind dabei die Auslser. Je rigider die gesamtgesellschaftlichen Standards von
Sauberkeit und Ordnung sind, je starrer die Vorstellungen von anstndigem
Verhalten und einem korrekten Lebenswandel, desto leichter haben es Jugend-
liche, durch ihr Auftreten Aufsehen zu erregen und zu provozieren, ob sie dies nun
beabsichtigen oder nicht.
161 Jugend(kulturen), Geschlecht und Sexualitt
Biogra

Bedeutung haben; sie kann von den spteren Erwachsenen belchelt und als Ju-
gendsnde empfunden werden, sie kann peinlich verschwiegen oder als Anlass
zur Darstellung von heldenhaften Taten benutzt werden; sie kann auch als lebens-
lange Identitt beibehalten werden, wie es zum Beispiel in dem Begriff des Alt-
Hippies zum Ausdruck kommt.
Als die zentralen Motive, sich einer Jugendkultur anzuschlieen, nennt Farin,
dass Jugendkulturen in einer immer unbersichtlicheren Gesellschaft Orientie-
tende Rolle spielt. Jugendkulturen tragen zum Entstehen von Freundschaften bei
geht davon aus, dass jede und jeder Fnfte unter 21 Jahren zu Beginn des 21. Jahr-
hunderts einer oder sogar mehreren Jugendkulturen angehrt (s. Farin 2008, S.
39f).
Kennzeichnend fr die Entwicklung der Jugendkulturen seit den 50er Jahren ist
eine enorme Vervielfltigung und Diversi

zierung der Stile, die dazu gefhrt ha-
ben, dass die unterschiedlichsten Zeichen der unterschiedlichsten Jugendkulturen
und Abgrenzung immer schwieriger werden:
Gegenwrtig sind fast alle jugendkulturellen Stilbildungen, die Jugendliche in den
unterschiedlichen Epochen erfanden, anzutreffen. Neu entwickelte Stile lsen die
alten nicht mehr ab, sondern platzieren sich neben diesen und reaktivieren darber
hinaus lngst verschwundene jugendkulturelle Muster. Mehr und mehr ausgefeilter
denn je wird die Bricolage, die Bastelei, in jugendkulturellen Szenen als radikali-
sierte Praxis auf den Ebenen der symbolischen Handlungsformen, der Sprachspiele
und sthetischen Codes ... (Thole 2010, S. 177f)
In der Geschichte der sozialwissenschaftlichen Forschung zur Jugendkultur lassen
sich mit Krger (Krger 2010) grob drei Anstze und Phasen unterscheiden:
1. Bis in die 60er Jahre hinein dominierte der strukturfunktionalistische Ansatz
des US-amerikanischen Soziologen Talcott Parsons (s. Parsons 1973). Dieser
begriff Jugendkultur als eine einheitliche Teilkultur mit der Aufgabe, Her-
anwachsenden beim bergang von der Kindheit zum Erwachsenenleben die
sozial notwendigen und erwnschten Einstellungen und Verhaltensweisen zu
vermitteln. Jugendkultur im Singular steht hier nicht im Gegensatz oder als
Konfrontation zur Gesamtgesellschaft, sie ist vielmehr ein notwendiges ber-
gangsstadium fr Jugendliche, um sich auf ihr spteres Leben in einer komple-
xen Gesellschaft vorzubereiten.
17
1.3 Geschlecht
2. Im Gegensatz dazu entwickelten ForscherInnen des Center for Contemporary
Cultural Studies (CCCS) in Birmingham ihren eigenen Forschungsansatz. Die-
se marxistisch orientierte Richtung stellt Klassen und Klassenunterschiede in
aus der Stellung im Produktionsprozess ab und interessiert sich vor allem fr
die Frage, ob und wie in Jugendkulturen beispielsweise Jugendliche in der
Arbeiterschule (s. Willis 1979) oder auch Rocker und Hippies (s. Willis 1981)
alternative, kritische und oppositionelle Einstellungen und Handlungsweisen in
Bezug zur Mehrheitsgesellschaft vorhanden sind.
3. Schlielich, im Zuge der fortschreitenden Individualisierung in modernen Ge-
sellschaften, dominieren gegenwrtig Konzepte, die die Jugendkulturforschung
unter dem Aspekt Leben in Szenen (s. Hitzler/Bucher/Niederbacher 2001)
betreiben: Jugendkulturen gelten ihnen als posttraditionale Vergemeinschaf-
tungsformen mit je eigener Kultur. Sie sind dynamisch und

uide und suchen
vor allem in Mega-Events ein totales Erlebnis, die von Organisationseliten ver-
anstaltet werden. (Krger 2010, S. 14)
wachsene Berufsleben die zentrale Rolle bei der Analyse, sind auch soziale Her-
kunft, Klassen-, Interessengegenstze und Widerstand nicht mehr bestimmend, an
1.3 Geschlecht
Anhand von wahrgenommener Stimme, Frisur, Kleidung, Mimik, Gestik, Krper-
sehr schnell sehr sicher, ob es sich bei ihrem Gegenber um ein Mdchen/eine
Frau oder einen Mann/einen Jungen handelt. Nicht nur die Wahrnehmung des
Gegenbers, sondern auch die eigene Identitt und das Selbstverstndnis als Frau
oder Mann sind von der unhinterfragten Zugehrigkeit zum jeweiligen Geschlecht
geprgt. Geschlecht ist weit mehr als eine Eigenschaft unter mehreren, sondern die
zentrale Kategorie fr die jeweilige Identitt und die Wahrnehmung anderer Men-
schen, mit der zugleich auch unterschiedliche Zuschreibungen verbunden sind:
181 Jugend(kulturen), Geschlecht und Sexualitt
Es ist trivial, darauf hinzuweisen, da jene Spaltung und Unterscheidung, die die
fundamentalste ist und die fast alle Gesellschaften prgt die zwischen Mnnern
und Frauen nmlich auf kulturell bestimmten emotionalen Gegebenheiten beruht
(und durch sie reproduziert wird.) (Fn) Wer ein wahrhafter Mann sein will, mu
Mut, khle Rationalitt und disziplinierte Aggressivitt zur Schau stellen. Feminitt
dagegen verlangt nach Freundlichkeit, Mitgefhl und Heiterkeit. (Illouz 2007, S.
11)
Die Einteilung in zwei Geschlechter strukturiert die soziale Wahrnehmung und
sorgt dafr, dass nicht nur Menschen, sondern auch unterschiedliche Gegenstnde
Schmuck, Hygiene, Blumen, P

ege oder Verzierungen eher als weiblich, ebenso
wie die Eigenschaften weich, frsorglich, zurckhaltend, emotional, abhngig und
elegant. Als mnnliches Pendant knnen Gegenstnde wie Werkzeuge, Waffen
und Maschinen, die Attribute hart, entschlossen, aggressiv, rational, dominant und
offensiv genannt werden.
Mit diesen den Menschen im Alltag natrlich und normal erscheinenden fun-
damentalen Einteilungen nach Geschlecht sind zugleich unterschiedliche Sph-
ren und Zustndigkeiten verbunden; so wird den Mdchen und Frauen eher die
Mnner die Auenorientierung, Technik und Rationalitt zugesprochen bekom-
men. Innen und Auen markieren zentrale Gegenstze der Geschlechter: der Be-
zug auf das Haus, auf die eigene Innerlichkeit und die eigenen Gefhle im Gegen-
satz zu dem nach Auen Strebenden, Dominanten und Rationalen.
In den krperlichen Prsentationen und Bewegungen gelten als traditionelle
Merkmale Schnheit, Anmut, Eleganz, Zurckhaltung und Verspieltheit als weib-
lich, im Gegensatz zu mnnlichen Krpern, die sich als berlegen, stark, aggressiv
und zielgerichtet prsentieren.
Die Unterscheidung zwischen weiblich und mnnlich ist dabei nicht ohne Hie-
rarchie, dem Mnnlichen wird in der Regel ein Vorrang und eine Hherwertigkeit
gegenber dem Weiblichen unterstellt: Das Rationale, Starke und Technische gel-
ten dem Emotionalen, Schwachen und Huslichen als berlegen.
Wenn die Zurichtung und Unterdrckung der Frau ber ihren Krper funktio-
niert (s. Bruder-Bezzel 1986), dann gilt dies in zweifacher Weise: in dem Sinn, dass
Mdchen zumeist von klein auf lernen, sich krperlich zurckzunehmen, keine
raumgreifenden Bewegungen zu vollziehen, ihre Krper und ihre Stimmen nicht
len Ausgleich bedacht; auerdem noch in dem Sinn, dass der weibliche Krper in
hohem Mae Schnheitsvorstellungen und damit Bewertungen unterliegt. Zahl-
lose Magazine, die einen attraktiven weiblichen Krper propagieren, endlose
19
1.3 Geschlecht
Manahmen zur Dit, um die Traum

gur zu erreichen, Mode und Schminktipps
eigene Selbstbewusstsein nicht aus sich selbst heraus, sondern von fremden Ma-
stben abhngig zu machen. Die Anforderungen an Frauen bewegen sich zwischen
Keuschheit, Zurckhaltung auf der einen und einem sexy Auftreten und Ele-
ganz auf der anderen Seite.
und Normierungen wre: Er unterliegt den Imperativen der Mnnlichkeit (s.
Hollstein 1999, S. 39), die von ihm verlangen, robust und schmerzunemp

ndlich
zu sein, die eigene krperliche wie psychische Be

ndlichkeit mglichst zu ignorie-
ren und sich als stark und berlegen zu prsentieren; der mnnliche Krper zeich-
dass Jungen und Mnner deutlich hu

ger Gewalttaten begehen.
Die Hherbewertung des Mnnlichen muss dabei nicht direkt formuliert oder
behauptet werden, sie kann sich wie in Teilen der Sozialwissenschaften auch
darin zeigen, dass das Mnnliche unhinterfragt als der Mastab gilt:
Die meisten klassischen soziologischen Theorien gehen implizit vom Mann als
dem Normalen aus und der Frau als dem Abweichenden, wobei sie sich in der
Regel nicht die Mhe machen, dieses Abweichende zu de

nieren. (Baur/Luedtke
2008, S. 7)
In den sozialwissenschaftlichen Anstzen dagegen, die Geschlecht in den Mittel-
punkt der Analyse stellen, wird zwischen dem natrlichen Geschlecht (Sex) und
dem sozialen Geschlecht (Gender) unterschieden, wodurch die Unterschiede
zung hierfr ist ein Bruch mit den Alltagsvorstellungen, die Geschlecht und da-
mit angeblich typisch mnnliches und weibliches Verhalten unhinterfragt, normal
und natrlich betrachten:
Die Kategorie Frau wird nicht als soziale Gegebenheit, sondern als gesell-
gegebenheit, sondern als kulturelles Zeichen und grundlegende gesellschaftliche
Strukturkategorie; geschlechtliche Identitten nicht als feste und stabile, sondern
als durchaus variable Gre. (Mhlen-Achs 1998, S. 21f)
201 Jugend(kulturen), Geschlecht und Sexualitt
Das kulturelle System der Zweigeschlechtlichkeit erfordert zu seiner Aufrecht-
erhaltung die Einsortierung aller Menschen in die Kategorien weiblich oder mnn-
lich. Dieser Prozess beginnt bereits mit der Geburt eines Menschen und bestimmt
die Identitt, das Verhalten und die Wahrnehmung anderer Menschen:
Dieser Vorgang zielt darauf ab, in den zuvor biologisch als mnnlich klassi

zier-
ten Individuen eine weitgehende Identi

kation mit den vorherrschenden Mnnlich-
keitsvorstellungen und in den biologisch als weiblich klassi

zierten Individuen eine
weitgehende Identi

kation mit den kulturellen Weiblichkeitsaspekten herbeizufh-
ren. (Mhlen-Achs 1998, S. 27)
In konstruktivistischer Perspektive ist Geschlecht vor allem eine bipolare Zu-
schreibung und keine Eigenschaft, die einem Menschen zukommt oder innewohnt,
sondern eine Vollzugswirklichkeit (Villa 2006, S. 90). Die Ausschlielichkeit
der bipolaren Ordnung, die nur entweder weiblich oder mnnlich kennt, zeigt sich
unter anderem daran, dass transsexuelle oder intersexuelle Menschen als Str-
fall angesehen und dementsprechend als behandlungsbedrftig de

niert werden.
Die konkrete Vollzugswirklichkeit des jeweils eigenen Geschlechts geschieht
im Doing Gender, in dem Menschen ihre Geschlechtszugehrigkeit in der Regel
unmissverstndlich prsentieren. Das Doing Gender ist dabei nicht als eine knst-
liche Rollenerfllung zu verstehen, sondern wird von Frauen wie Mnnern in den
allermeisten Situationen unre

ektiert und in diesem Sinne natrlich vollzogen.
Wie Paula-Irene Villa ausfhrt, ist diese unmissverstndliche Darstellung des
eigenen Geschlechts von verschiedenen Anforderungen abhngig, um intersubjek-
tiv glaubwrdig zu sein (s. Villa 2006, S. 90); hierzu zhlt die Darstellung und
Wahrnehmung des Geschlechtes als unhinterfragt, lebenslang, dichotom und bio-
logisch legitimiert:

unhinterfragt:
Die Zugehrigkeit zum jeweiligen Geschlecht wird nicht in
Zweifel gezogen

lebenslang:
Es wird davon ausgegangen, dass das Gegenber schon immer
diesem Geschlecht angehrt hat; so wre es irritierend, wenn ein erwachsener
Mann von seiner Kindheit als Mdchen sprechen wrde

dichotom:
Ein Mensch wird entweder als weiblich oder als mnnlich wahrge-
nommen, es gibt keinen Raum dazwischen

biologisch legitimiert:
Auch wenn sie meist verdeckt bleiben, geht man davon
aus, dass das Gegenber ber Geschlechtsteile verfgt, die seiner Geschlechts-
darstellung entsprechen
21
1.3 Geschlecht
Vor dem Hintergrund der Zweigeschlechtlichkeit ist jedes Individuum dafr ver-
antwortlich, sein eigenes Geschlecht eindeutig darzustellen, wofr ihm Ressour-
Zugleich ist jedes Individuum in den meisten Fllen auch in der Lage, das Ge-
schlecht der Anderen zu identi

zieren:
Das heit, jemand ist nicht nur fr das eigene Geschlecht verantwortlich bzw.
zustndig, sondern auch immer fr das der anderen an der Handlung beteiligten
Personen. Diese Zustndigkeit macht jedes Individuum zu einem Betrachter/in, der/
die mit den Darsteller/innen (meistens unbewusst) zusammenarbeitet. Es besteht
also eine soziale Beziehung zwischen Darsteller/in und Betrachter/in. Als Betrach-
ter/in weisen Personen einer anderen Person ein Geschlecht zu. (Villa 2006, S. 91f)
Die bipolare Einteilung in entweder weiblich oder mnnlich ist dabei weltweit mit einem
krassen Unterschied von Macht, Geld und Besitz zugunsten der Mnner verbunden:
Wre die Menschheit ein Dorf mit 100 Menschen, she dies folgendermaen aus:
52 Personen wren weiblich, 48 mnnlich. 57 wren asiatisch, 21 europisch, 8
afrikanisch. 70 Menschen wren Nichtweie, ebenfalls 70 wren Nichtchristen.
Ein einziger Mann wrde 40 Prozent des Dorfvermgens besitzen. 80 Menschen
hingegen in rmlichen, mangelhaften Behausungen, 50 wren unterernhrt. Die
meisten wren also weiblich, arm und htten nicht genug zu essen. (Zit. n. Scheub
2010, S. 66f)
Dieses weltweit bestehende Ungleichgewicht, die Privilegierung von Mnnern
lichkeit. Hegemoniale Mnnlichkeit ist ein durchgngiges und zentrales Phno-
men, das als Struktur und wesentliches Merkmal von Herrschaft auch die west-
In der derzeitigen westlichen Geschlechterordnung ist die wichtigste Achse der
Macht die allgegenwrtige Unterdrckung von Frauen und die Dominanz von Mn-
nern eine Struktur, welche die Frauenbewegung als Patriarchat bezeichnet hat.
Trotz zahlreicher Ausnahmen (...) besitzt diese Struktur Allgemeingltigkeit. (Con-
nell 2000, S. 94)
Obwohl es Frauen gibt, die im Vergleich zu konkreten Mnnern ber mehr Ver-
mgen, Prestige und Macht verfgen, pro

tieren Mnner als soziale Gruppe nach
Connell insgesamt von einer patriarchalen Dividende, die ihnen die mnnliche
Hegemonie sichert.
221 Jugend(kulturen), Geschlecht und Sexualitt
Mnnliche Hegemonie zeigt sich u. a. im durchschnittlich hheren Vermgen
und Verdienst von Mnnern und daran, dass Mnner wesentlich hu

ger in Fh-
rungspositionen anzutreffen sind als Frauen. Typische Berufe fr Mnner

nden
sich in Arbeiten, die krperlichen Einsatz erfordern, sowie in technischen und lei-
tenden Berufen; weibliche Ttigkeiten sind meist durch Unterordnung, Bedienen
und Hilfsfunktionen (Arzthelferin, Anwaltsgehil

in Professionen, die ein gekauftes Herz (Hochschild 2006) erfordern wie bei
P

ege- oder Erziehungsberufen und ansozialisierte weibliche Eigenschaften wie
Zurckhaltung, H

ichkeit, Charme und ein gep

wie bei Verkuferinnen, Stewardessen und Hostessen.
Gerade weil es sich um soziale Konstruktionen handelt, ist das Geschlechter-
torische Beispiele wie der Kampf um das Wahlrecht von Frauen, die Auseinander-
setzungen darum, ob Frauen vertragsfhig sind oder nicht, aktuelle Diskussionen
wie der Kampf um gleiche Lhne fr Frauen, um Frauenquoten in politischen und
welche Rechte und Freirume das jeweilige Geschlecht verfgen soll.
Ebenso historisch wandelbar sind die gesellschaftlichen Vorstellungen, wie der
richtige Mann oder die
richtige Frau zu sein haben. So war in Deutschland bis zum 2. Weltkrieg das Ideal
des militrischen Mannes mit Eigenschaften wie Disziplin, Mut und Kampfbereit-
schaft dominant, das nach dem Zweiten Weltkrieg tendenziell durch die herrschen-
de Mnnlichkeit der Fhrungskraft und des Ingenieurs abgelst wurde (Baur/
Luedtke 2008, S. 11).
Umgekehrt hat sich das Bild von Weiblichkeit von der treusorgenden Hausfrau
und Mutter hin zur karrierebewussten und attraktiven Powerfrau verschoben, die
nebenbei noch Kinder aufzieht.
Obwohl Geschlecht die zentrale gesamtgesellschaftliche Kategorie ist, variiert die
jeweilige Darstellung von Weiblichkeit und Mnnlichkeit innerhalb einer Gesell-
schaft je nach sozialer Position erheblich. Vor allem Menschen aus unterprivi-
legierten sozialen Schichten neigen dazu, bei ihrer Geschlechterdarstellung auf
klassische und traditionelle Muster zurckzugreifen:
23
1.3 Geschlecht
Die befragten Frauen aus den unteren Klassen identi

zieren sich demgegenber
viel strker mit ihrem Aussehen und sind, sofern sie im Dienstleistungsbereich
arbeiten, auch beru

ich mehr gefordert, auf ihr ueres zu achten. Besonders junge
Frauen und Singles aus der unteren Klasse berichten, anders als Frauen der oberen
Klasse, ihre Figur im Rahmen von intensiven Fitnessprogrammen modellieren zu
wollen ... (Penz 2010, S. 186)
Als Pendant dazu verkrpern Mnner aus unterprivilegierten sozialen Schichten eine
Geschlechterdarstellung, die sich am traditionellen Mnnlichkeitsbild orientiert:
Solche Mnner unterliegen am ehesten der Gefahr, auf der Suche nach Ergnzun-
gen und Kompensaten einer fragilen Mnnerrolle auf naturalistische Konzepte von
Maskulinitt und auf die mnnliche Dividende zurckzugreifen, um ihre alltg-
liche Handlungsfhigkeit zu erhalten (...) (Bhnisch 2006, S. 281).
In sozial unterprivilegierten Milieus dient Geschlecht als Ressource, weshalb
mangels

nanzieller Mglichkeiten und gesellschaftlicher Macht eine traditio-
nelle, demonstrative und unmissverstndliche Geschlechterdarstellung bei Frauen
wie Mnnern bevorzugt wird.
In ihrer Sozialisation werden Kinder von Geburt an einem Geschlecht zuge-
mnnlich und weiblich berall vorzu

nden ist: Von der Kinderleidung in Rosa
oder Blau ber Sportveranstaltungen fr Mdchen oder Jungen, das Rollenverhal-
ten in Elternhaus und pdagogischen Einrichtungen bis hin zu den Geschlechter-
bildern in den Medien erfahren sie alltglich, was ein richtiges Mdchen oder
einen richtigen Jungen ausmacht. Doch auch hier variiert die Rigiditt der Vor-
stellungen von und Anforderungen an Geschlecht, wodurch auch der Spielraum
und die Mglichkeiten an Kritik variieren.
Die jeweilige Geschlechtszugehrigkeit kann dabei mit einem subjektiven Lei-
den verbunden sein, mit der Angst, nicht als richtiges Mdchen oder richtiger
Junge anerkannt zu werden und an Ansehen zu verlieren.
Als relativ autonome Sphren verfgen Jugendkulturen potenziell ber die
Mglichkeit, sich kritisch zu vorgegebenen Geschlechterrollen zu verhalten, Alter-
nativen zu gngigen Klischees zu entwickeln und zu praktizieren, mit Geschlech-
terrollen zu spielen, mit ihnen zu brechen und damit eventuell auch zu provozie-
ren. Tendenziell allerdings reproduzieren sich in ihnen relativ unabhngig von
der jeweiligen politischen Orientierung die gesamtgesellschaftliche mnnliche
Hegemonie und die unausgesprochene Selbstverstndlichkeit, dass das Mnnliche
das Normale ist. Klaus Farin stellt fest, dass
241 Jugend(kulturen), Geschlecht und Sexualitt
fast alle Jugendkulturen eigentlich Jungenkulturen sind, in denen Frauen nur
einen marginalen Anteil stellen. Bei den Skinheads betrgt die Geschlechterrela-
tion ungefhr 5:1 zugunsten (oder ungunsten) der Mnner, und das gilt sowohl fr
die rechte Fraktion als auch fr die anderen, nicht rechtsradikalen, unpolitischen
oder sogar antirassistisch engagierten Skinheads. Bei den Neonazis herrscht das
gleiche Zahlenverhltnis vor (...). Bei der radikalen Linken Antifa, Autonome,
Antideutsche usw. sieht es nicht wesentlich besser aus. Die Hooligans bilden zu
100 Prozent eine frauenfreie Zone. Auch die groen Musikkulturen (...), die Sport-
szenen (...) und die Computer(spieler)szenen sind mnnlich dominiert. (Farin
2008, S. 37f)
Mnnliche Dominanz bezieht sich hierbei zunchst auf das rein quantitative Ver-
hltnis der Geschlechter zueinander innerhalb der jeweiligen Jugendkultur; so ist
es in verschiedenen Jugendszenen blich, Mdchen und junge Frauen weniger als
eigenstndige Personen zu betrachten und benennen, sie gelten eher als Freundin
von und werden ber ihre Beziehung(en) zu Jungen de

niert.
Mnnliche Dominanz zeigt sich darber hinaus auch in den Vorstellungen von
Weiblichkeit und Mnnlichkeit, und damit verbunden bei den jeweils domi-
nierenden Werten und das, was Jungen oder Mdchen sich jeweils herausneh-
men drfen, das heit, wie starr die Vorstellungen von Geschlecht praktiziert
und gefordert werden, um Anerkennung zu erhalten. Ebenso wie jugendkulturelle
Stile politisch nicht per se rechts oder links sind, unterscheiden sie sich auch
hinsichtlich ihrer Geschlechtervorstellungen; sie knnen reaktionre Vorstellun-
gen und Verhaltensweisen reaktivieren als auch Alternativen zum Bestehenden in
Richtung Gleichheit von Mdchen und Jungen praktizieren, sie knnen Geschlech-
terbilder lockern oder auch spielerisch mit ihnen umgehen und sie ironisieren. Fr
Jungen haben dabei Jugendkulturen eine andere Funktion als fr Mdchen: Md-
chen erleben in ihrer Sozialisation schon frhzeitig die Anwesenheit von erwach-
senen Frauen, der eigenen Mutter, dem berwiegend weiblichen Personal in Kin-
dereinrichtungen und Grundschule und knnen von daher schon frh Erfahrungen
in Kontakt mit erwachsenen Menschen ihres Geschlechts sammeln. Im Gegensatz
dazu bietet sich Jungen in der Kindheit selten Gelegenheit, Kontakt mit anderen
Mnnern zu erfahren:
Die Clique ist dann die soziale Gesellungsform, in der man nun zum ersten Mal
richtig unter Mnnern sein kann, nachdem in Familie, Kindergarten und Schule
Frauen den Alltag dominiert haben und mnnliche Vorbilder rar waren. (Bh-
nisch 2014, S. 24)
25
1.4 Sexualitt
lichkeit, sich durch Mutproben, aggressives Auftreten, risikoreiches und riskantes
gelung realer Mnner mediale Bilder von Mnnern wie Sportler oder Filmhelden
als Vorbilder dienen.
Zentrale Bedeutung und Vorbildcharakter haben fr Mdchen wie Jungen in
Jugendkulturen die angesagten Stars und Bands, die mit ihrem Auftreten ob ge-
wollt oder nicht Botschaften ber Geschlecht und Sexualitt vermitteln: Verkr-
pern sie in ihrem Auftreten, ihrer Kleidung, ihren Bewegungen eher traditionelle
Geschlechterbilder oder geben sie Raum fr eine Aufweichung rigider Muster, ent-
wickeln sie Alternativen oder stellen die Geschlechterordnung sogar auf den Kopf?
Thematisieren und problematisieren sie in ihren Texten Geschlecht oder reprodu-
ziert ein machohaftes Auftreten von Musikern und sexy Auftreten von Musike-
rinnen mit dementsprechenden Inhalten der Songs lediglich bestehende Klischees?
1.4 Sexualitt
Der Sexualpdagoge Sielert sieht die Schwierigkeiten einer einheitlichen De

ni-
tion von Sexualitt in der Widerborstigkeit des Gegenstandes:
Sexualitt zu de

nieren, macht einige Mhe. Sexualitt umfasst zu viel und zu
Widersprchliches, ist weitgehend dem Irrationalen und Unbewussten verhaftet.
Kurz: Die Widerborstigkeit dessen, was menschliche Sexualitt darstellt, strubt
sich gegen jede rational einsichtige Benennung ... (Sielert 2005, S. 37)
Die Widerborstigkeit von Sexualitt besteht vor allem darin, dass sich Sexuali-
tt nicht festlegen lsst, sondern zwischen extremen und widersprchlichen Polen
empfunden und praktiziert werden kann: Sexualitt kann mit Zrtlichkeit, Ge-
borgenheit und Liebe verbunden sein, ebenso mit Gewalt und Unterdrckung
und gegen den Willen einer oder eines anderen; sie kann Ausdruck von tiefer Zu-
neigung sein oder auch nur zum Zeitvertreib statt

nden; sie kann auf ehrlichen
gegenseitigen Gefhlen beruhen oder gegen Geld ge- und verkauft werden; sie
kann als Technik oder als Liebeskunst aufgefasst und praktiziert werden, sie kann
als lustvoll und erfllend oder unbefriedigend empfunden werden; sie kann voller
Scham- und Schuldgefhle sein als auch befreit ausgelebt werden; sie kann im
Mittelpunkt des Lebens stehen und schtig machen oder als ber

ssig und lstig
empfunden werden, sie kann sowohl intim als auch ffentlich, befriedigend und
enttuschend verlaufen und schlielich kann sie erlaubt sein und verboten werden.
261 Jugend(kulturen), Geschlecht und Sexualitt
Diese Komplexitt und Widersprchlichkeit macht es kaum mglich, einen ein-
heitlichen Kern von Sexualitt festzulegen. Unstrittig ist allerdings, dass Sexualitt
kulturell und historisch uerst wandelbar ist. In diesem Sinne ist Sexualitt auch
immer politisch, ein umkmpftes Feld, auf dem die unterschiedlichsten Gruppen
darum kmpfen, was zum einen unter Sexualitt zu verstehen ist und was zum
anderen als sexuelle Praxis und Begehren gestattet sein soll:
Dem Bereich der Sexualitt wohnen eine eigene Politik, eigene Ungerechtigkei-
ten und eigene Formen der Unterdrckung inne. Wie andere Aspekte menschlichen
Verhaltens sind auch die konkreten institutionellen Formen der Sexualitt zu jeder
gegebenen Zeit und an jedem gegebenen Ort Produkte menschlichen Handelns. Sie
sind von Interessenskon

ikten und politischen Manvern durchdrungen, sowohl
von bewuten als auch von zuflligen. In diesem Sinne ist Sex immer politisch.
(Rubin 2003, S. 31)
allem in Zeiten, in denen verschiedene Gruppen wie zum Beispiel Homosexuel-
le ihr Recht auf sexuelle Selbstbestimmung einfordern, in denen nderungen im
Sexualstrafrecht diskutiert werden, in denen neue Medien mit sexuellen Inhalten
auf den Markt drngen oder sich die Praktiken und das Selbstverstndnis bezg-
lich des Sexuellen in Teilen der Bevlkerung gendert haben und der Status quo
gefhrdet scheint.
In diesen politischen Kon

ikten spielt das Bild einer angeblichen natrlichen
Sexualitt eine zentrale Rolle; durch den Bezug auf eine unterstellte Natrlich-
keit von Sexualitt wird eine Trennlinie geschaffen, mit einer natrlichen,
dementsprechend normalen Sexualitt auf der einen und einer abweichenden,
perversen oder auch kranken Sexualitt auf der anderen Seite. Der Bezug auf
eine wie auch immer geartete natrliche menschliche Sexualitt ist somit auch
Ausdruck von Interessen unterschiedlichster Art:
Wer von natrlicher Sexualitt als biologisch vorausgegebener, gesunder, nor-
maler, richtiger, als nur gesellschaftlich berlagerter oder als der ungebrochenen,
ungehemmten des einfachen Menschen redet, leugnet die gattungsspezi

sche Na-
trlichkeit des Menschen, die in seiner gesellschaftlichen Geschichtlichkeit besteht,
will menschenfeindliche medizinische Attacken rechtfertigen (Beispiel: Psychochi-
rurgie), will entschuldigen und vorm Zeige

nger bewahren (Beispiel Homosexuali-
tt), entwrdigt die Entwrdigten zustzlich (Beispiel: sog. Arbeitersexualitt), will
alternative Lebensformen unter die Leute bringen (Beispiel: Psychosekten), kocht
sein eigenes Sppchen und hat Grund dazu. (Sigusch 1988, S. 187f)
27
1.4 Sexualitt
Sexualitt in zumeist hchst emotionalen Kon

ikten: Von der Frage, ob Schwan-
gerschaftsabbrche zulssig sein sollen, ber die Legitimitt von Homosexuali-
tt, der Erlaubnis des Konsums von Pornographie, den Diskussionen, ob und was
Kindern und Jugendlichen im Sexualkundeunterricht vermittelt werden soll bis
zungen, die von unterschiedlichsten Gruppen mit unterschiedlichsten Interessen
ausgefochten werden. Zentral sind hierbei die Fragen, was erlaubt sein soll, was
als normal und gesund zu gelten hat und welche Konsequenzen auf Abweichungen
des Einzelnen, sie legen fest, was sexuell legal oder verboten ist und was dement-
sprechend bestraft oder therapiert werden soll.
sehen zu erregen: Angebliche oder wirklich sexuelle Vorlieben oder Affren von
Prominenten, ffentliche Regelverste oder Sexualstraftaten tragen zur Au

a-
gensteigerung von Zeitschriften und erhhten Einschaltquoten bei.
Der Versuch, ihr rational zu begegnen, zeigt sich in den wissenschaftlichen
Disziplinen, die mit unterschiedlichen Fragestellungen und Methoden versuchen,
Sexualitt zu erforschen.
Sexualitt ist Gegenstand von Biologie und Medizin, die sich mit den krper-
lichen Grundlagen befassen und zudem Objekt einer streng empirischen Wissen-
schaft, die Daten ber das menschliche Sexualverhalten sammelt, den Fragen
nachgeht, wann, wie und wie oft und mit wem Menschen Sexualitt praktizieren,
wie es Alfred Kinsey tat:
Zwischen 1938 und 1953 interviewte er zusammen mit seinen Mitarbeitern viele
tausend Mnner und Frauen ber ihr Sexualverhalten und publizierte dieses Mate-
rial in zwei dickleibigen Wlzern (...): streng wissenschaftlich, khl und distanziert
geschrieben, voller komplizierter Zahlenkolonnen und Tabellen. (Schmidt 1988,
S. 13)
Im Rahmen der Forschung zur Sexualtherapie wurden vor allem die krperlichen
sexuellen Reaktionen von Frauen wie Mnnern gemessen. Virginia Johnson und
William Masters, Pioniere der Sexualtherapie aus den Vereinigten Staaten, zer-
legten den Ablauf der sexuellen Reaktionen in de

nierte Abschnitte Erre-
gungsphase, Plateauphase, Orgasmusphase, Rckbildungsphase und zhlten auf,
was bei einem richtigen Orgasmus alles passiert Atem- und Herzbeschleuni-
gung, Kontraktionen der Scheide, Farbvernderungen am Krper usw. Ihre Ergeb-
nisse geben sozusagen eine Checkliste des adquaten Sexualverhaltens her: War
281 Jugend(kulturen), Geschlecht und Sexualitt
fragen zu lang, zu kurz, war sie gut koordiniert; war das Plateau auf gleichem
Niveau, der Orgasmus richtig, intensiv, multipel, gemeinsam; die Entspannung da-
nach tief, das Ganze spontan und echt? (Schmidt 1988, S. 16f)
Schlielich wird Sexualitt auch im Rahmen der Sozialwissenschaften thema-
tisiert, wobei tendenziell zwischen progressiven und konservativen Richtungen
unterschieden werden kann:
Whrend die Progressiven die Befreiung der Sexualitt aus den gesellschaftlichen
Zwngen thematisierten (...), sprachen die Konservativen ber ihre Angst vor dem
Triebhaften und dem Zerfall der Institutionen. (Grgens 1992, S. 287f)
xualitt, das zu Grunde gelegt wird: Ist sie ein humanes und soziales menschliches
Bedrfnis, das durch gesellschaftliche Bedingungen und Unterdrckung an einer
ungefhrlichen Entfaltung gehindert wird, oder ein gefhrlicher Trieb, der durch
Die sexualwissenschaftlichen Fraktionen der Konservativen und der Progressi-
ven sind ideologisch auch in den sexualpolitischen Positionen vorzu

nden: auf der
einen Seite konservative Vorstellungen, denen zufolge Sexualitt als prinzipiell ge-
fhrlich gilt. Sie muss deswegen auch in Bahnen gelenkt werden, um sie beherrsch-
bar zu machen und zu entschrfen. Ein konservatives Bild von Sexualitt bezieht
sich auf konservative Bilder der Geschlechter, denen zufolge Mnner eine nach
auen drngende, aggressive Sexualitt haben, whrend Frauen zurckhaltend
sind. Insbesondere der mnnliche Trieb bekommt hier eine Gefhrlichkeit zu-
geschrieben, die unter Kontrolle gehalten werden muss. Frauen gelten demgegen-
sie die mnnliche Sexualitt herausfordern. Als Manahmen, die Sexualitt zu
beherrschen, gilt die Ehe zwischen Mann und Frau mit einer dementsprechenden
Zuordnung der Geschlechter, andere Formen von praktizierter Sexualitt oder Be-
ziehungen gelten als suspekt oder sogar als zu bekmpfen.
Die Progressiven dagegen beziehen sich auf die Lustmglichkeiten von Sexua-
litt; ihnen gelten Verbote und Tabus als tendenziell ber

ssige Einschrnkun-
gen, hier steht die Selbstbestimmung der Menschen jenseits von Traditionen im
Mittelpunkt. Grundlegend hierfr ist die Annahme einer natrlichen Sexualitt,
die an ihrer Entfaltung durch Tabus und allzu strenge Moral gehindert wird; den
Menschen wird grundstzlich das Recht auf ein selbstbestimmtes und lustvolles
Sexualleben zugestanden.
29
1.4 Sexualitt
Die konservative und die progressive Grundhaltung spiegeln sich auch in den
Vorstellungen darber wider, wie mit Kindern zum Thema Sexualitt umgegangen
werden soll. Die traditionelle Richtung lsst sich mit Koch als negative Sexual-
erziehung bezeichnen, die Kindern und Jugendlichen Angst vor allem Sexuellen
machen soll:
Legion sind die Schadenssuggerierungen, die die Pdagogik fr die Masturbation
bereithielt; Geschlechtskrankheiten wurden als methodisches Vehikel zur Abschre-
ckung eingesetzt. Vorehelicher Geschlechtsverkehr war gleichbedeutend mit dem
restlosen Scheitern der Erziehung. Der Homosexuelle wurde in dieser Pdagogik
sogleich in den Bereich des Kriminellen verwiesen. (Koch 1996, S. 19)
Als Gegenpol dazu kann die emanzipatorische Sexualerziehung gesehen werden,
die auf weitestgehende Selbstbestimmung und Re

exion von Kindern und Jugend-
lichen setzt:
Emanzipation in diesem Sinne ist die Befreiung von Vorurteilen; aber auch die
Erziehung zu Toleranz ... Emanzipatorische Sexualerziehung kann nicht nur ber
den Kopf realisiert werden. Sie mu Mglichkeiten erffnen, sich mit der eigenen
Sexualitt auseinanderzusetzen, mit der eigenen sexuellen Sozialisation, mit den
eigenen Wnschen und Begierden, aber auch mit den berechtigten und unberechtig-
ten Einschrnkungen dieser Strebungen. (Koch 1996, S. 22)
Wie Sexualitt, Sexualemp

nden und Sexualverhalten ist auch speziell Jugend-
sexualitt ein Forschungsgegenstand: Das Alter bei der ersten Selbstbefriedigung,
ersten Verliebtseins, beim ersten Kuss oder dem ersten Geschlechtsverkehr, die
Einstellungen von Jugendlichen zu Sexualitt und die Rolle ihrer Eltern sowie der
Schule bei der Sexualaufklrung werden wissenschaftlich erhoben.
die Mglichkeit, sexuelle Beziehungen untereinander einzugehen, weil sie hier auf
Mdchen wie Jungen treffen, mit denen sie aufgrund hnlicher Vorlieben in Bezug
auf Kleidung und Musik groe bereinstimmung haben.
Wenn es bezogen auf Jugendliche allgemein sowie auf Jugendkulturen eine
Klage ber Verfall von Sitte und Anstand sowie Moralpaniken hinsichtlich des
Verhaltens von Heranwachsenden gibt, dann ist der Bereich der Sexualitt Jugend-
rufen: Gewollte oder ungewollte Schwangerschaften von Mdchen und jungen
Frauen, grassierende Geschlechtskrankheiten, Sexualitt ohne tiefere emotionale
301 Jugend(kulturen), Geschlecht und Sexualitt
Bindung und Liebe, ohne die erforderliche seelische wie krperliche Reife; die
Gefahr des Erwachens der Sexualitt durch die Geschlechtsreife bei Mdchen
wie Jungen, die Gefahr sexueller Enthemmung und moralischer Desorientie-
rung durch den Konsum verschiedenster Medien sind Gegenstand der Debatten,
die Erwachsene ber die Sexualitt Jugendlicher fhren. Zentral ist hier die Be-
sorgnis ber die Entwicklung von Heranwachsenden, die in diversen Schutz- und
Gefahrendiskussionen zum Ausdruck kommt, in denen darber debattiert wird,
was Kindern und Jugendlichen zugemutet werden kann, wo die Gefahren fr eine
gesunde sexuelle Entwicklung fr Jugendliche liegen, wobei diese selbst wie-
derum Gegenstand der verschiedenen Diskussionen sind. Die Mglichkeiten von
Jugendlichen, ihre sexuellen Bedrfnisse auszuleben, werden dabei von Erwach-
gungen, unter denen sie ihr Sexualleben entwickeln knnen, uerst unterschied-
lich: Unterliegen sie strengen Verboten und Kontrollen oder werden sie mit ihren
sexuellen Bedrfnissen akzeptiert, werden sie aufgeklrt und in der Entwicklung
ihrer Sexualitt respektiert oder mssen sie sich Freirume gegen den Widerstand
ohne Kontrolle und Einmischung von erwachsenen Menschen Sexualitt leben zu
knnen.
Sexualitt ist in der gegenwrtigen Gesellschaft allgegenwrtig: Zahllose An-
Darstellungen in Filmen gehren in den westlichen Gesellschaften zum Alltag.
Sexualitt wirkt hier als Kaufanreiz und Motor des Konsums. Dies gilt ebenfalls
fr eine groe Anzahl der Produkte der Kulturindustrie und natrlich auch fr
die Produkte der Jugendkultur: Hier spielt der Umgang mit Sexualitt und Kr-
perlichkeit eine zentrale Rolle, und hier besteht derselbe Zusammenhang wie bei
anderen Moralpaniken: Je tabuisierter Sexualitt ist, je starrer die Vorstellungen
von anstndiger Sexualitt in der Mehrheit der Gesellschaft sind, desto einfa-
cher ist es, Skandale und Erregung zu erzeugen. Anheizende Rhythmen, erotische
Bewegungen der MusikerInnen, freizgige Kleidung und sexuelle Anspielungen
in Texten erregen dann Aufsehen und Emprung und sorgen nicht selten fr eine
Umsatzsteigerung der jeweiligen Produkte. Die VertreterInnen der althergebrach-
ten Sexualordnung fhlen sich verp

dergang und Sittenverfall zu warnen und ihre Vorstellungen von anstndiger
Sexualitt zu verteidigen.
2
Die fnfziger Jahre
2.1 Wiederaufbau und Restauration
mit verbundenen Einfhrung der D-Mark und der Wahl Konrad Adenauers zum
Kanzler der Bundesrepublik Deutschland begann die Geschichte der BRD und
wurde die Spaltung Deutschlands in DDR und BRD festgeschrieben. Adenauer,
der bis 1963 Kanzler blieb, wurde zur zentralen Figur der bundesdeutschen Politik
in der Nachkriegszeit.
Der Grndung der Bundesrepublik gingen 12 Jahre faschistischer Terrorherr-
schaft voraus, die vielen Millionen Menschen auf den Schlachtfeldern das Leben
bildes, das Menschenleben in wertes und unwertes einteilte, die Entfesselung
des Zweiten Weltkrieges, die Vernichtung von Millionen Jdinnen und Juden in
den Konzentrationslagern sind von historisch einmaligem und erschreckendem
Ausma.
Der Jugend kam in den Plnen der Nazis eine besondere Rolle zu, galt sie doch
als unverdorben und formbar; sie sollte durch permanenten Drill und lckenlose
Kontrolle in den Jugendorganisationen auf die Ziele des deutschen Faschismus
eingeschworen werden:
P. Rttgers,
Von RocknRoll bis Hip-Hop,
DOI 10.1007/978-3-658-10846-5_2,
Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
322 Die fnfziger Jahre
Diese Jugend, die lernt ja nichts anderes, als deutsch denken, deutsch handeln,
und wenn diese Knaben mit 10 Jahren in unsere Organisation hineinkommen und
dort oft zum ersten Male berhaupt eine frische Luft bekommen und fhlen, dann
kommen sie 4 Jahre spter vom Jungvolk in die Hitlerjugend, dort behalten wir sie
wieder 4 Jahre und dann geben wir sie erst recht nicht zurck in die Hnde unserer
alten Klassen- und Standeserzeuger, sondern dann nehmen wir sie sofort in die
Partei, in die Arbeitsfront, in die SA oder in die SS, in das NSKK usw. (A. Hitler,
zit. n. Keim 1995, S. 18)
Deutlich wird, dass mit dieser Jugend die mnnliche Jugend gemeint war, die
durch Zucht, Unterordnung, Kontrolle und eine harte Erziehung zu soldatischen
und kampfbereiten Jungen, zh wie Leder, hart wie Kruppstahl und

ink wie die
Windhunde, abgerichtet werden sollte.
Die Mdchen hingegen sollten zu treuen und frsorglichen Mttern erzogen
werden mit der Aufgabe, Kinder fr den Fhrer zu gebren. Als Massenorgani-
einer deutlichen Orientierung an einem konservativen Rollenverstndnis:
Wir wollen darum bewut politische Mdel formen. Das bedeutet nicht: Frauen,
die spter in Parlamenten debattieren oder diskutieren, sondern Mdel und Frau-
en, die um die Lebensnotwendigkeiten des deutschen Volkes wissen und dement-
sprechend handeln. (Jutta Rdiger, BDM Reichsreferentin, zit. n. Klnne 2003,
S. 87)
Die Plne der Nazis, nicht zuletzt mit Hilfe einer auf ihre Ideologie eingeschwore-
nen Jugend der arischen Rasse weltweit zur Vorherrschaft zu verhelfen, fhrten
zu einem Europa in Trmmern und unvorstellbarem menschlichem Leid, das tau-
Wesentlichen Anteil am Aufstieg und an der Herrschaft des Faschismus in
Deutschland hatte dabei die Industrie: Reiche Geldgeber hatten die Nazis schon
vor der sogenannten Machtergreifung 1933

nanziell untersttzt und konnten
sich von der Hitlerregierung lukrative Rstungsauftrge, die bernahme von j-
schaltung von oppositionellen Krften wie Gewerkschaften, der kommunistischen
und sozialdemokratischen Partei und liberalen Krften versprechen.
Deutlich wurde die Rolle, die das Kapital an der Nazi-Herrschaft hatte, bei den
Prozessen gegen die Kriegsverbrecher, bei denen neben fhrenden Nazi-Funktio-
nren und Militrs auch zahlreiche Industrielle und Manager auf der Anklagebank
saen.
33
2.1 Wiederaufbau und Restauration
Der Zusammenhang von kapitalistischen Interessen und dem deutschen Fa-
schismus war in der unmittelbaren Nachkriegszeit noch prsent. So forderte selbst
die CDU in ihrem Grndungsaufruf im Jahr 1945:
Das unermeliche Elend in unserem Volk zwingt uns, den Aufbau unseres Wirt-
schaftslebens ... ohne jede Rcksicht auf persnliche Interessen und wirtschaftliche
Theorien in straffer Planung durchzufhren ... Dabei ist es unerllich, schon um
fr alle Zeiten die Staatsgewalt von illegitimen Ein

ssen wirtschaftlicher Macht-
zusammenballungen zu sichern, da die Bodenschtze in Staatsbesitz bergehen.
Der Bergbau und andere monopolartige Schlsselunternehmungen unseres Wirt-
schaftslebens mssen klar der Staatsgewalt unterworfen werden ... (Zit. n. Lilge
1978, S. 18)
Diese antikapitalistische Stimmung war allerdings nicht von Dauer, es wurden
nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges keine entscheidenden nderungen der
der Besitzenden in Deutschland, in dem der Bundesverband der deutschen Indus-
trie (BDI), der zurecht als Nachfolgeorganisation des durch seine Rolle im Fa-
schismus berchtigten Reichsverbandes der Deutschen Industrie gelten kann.
Die Ziele des BDI bestanden in der sowohl konomischen als auch politischen
Westorientierung, der Entfaltung der
freien Marktwirtschaft und der Rehabi-
(Theissen 1983, S. 53)
zwlf Jahren faschistischen Terrors war eher durch Verdrngung und Verleugnung
Ein beraus dunkles Kapitel der frhen 50er Jahre bildete die nahezu restlose
soziale Integration ehemaliger Nationalsozialisten in die Nachkriegsgesellschaft.
(Schildt/Siegfried 2009, S. 132f)
Als Beispiel dafr, dass fhrende Nazis in der Bundesrepublik nicht nur von Ver-
folgung unbehelligt blieben, sondern auch weiterhin ein

ussreiche Positionen be-
kleideten, knnen Hans Globke und Theodor Oberlnder dienen: Globke war ab
1953 als Chef des Bundeskanzleramtes enger Mitarbeiter von Konrad Adenauer.
zudem Autor von Kommentaren und den Ausfhrungsanordnungen der antijdi-
zu gelten hat.
342 Die fnfziger Jahre
Oberlnder, Bundesminister fr Vertriebene, Flchtlinge und Kriegsgeschdig-
te von 1953 bis 1960, war seit 1933 Mitglied in der NSDAP, befehligte als Ostex-
Polen, seiner Einheit wurden zudem Massenmorde an der polnischen Zivilbevl-
kerung zur Last gelegt.
Auch die Angestellten des Volksgerichtshofes, einem faschistischen Sonder-
gericht, wurden fr ihre Taten unter der Naziherrschaft nicht zur Verantwortung
gezogen. Durch den Volksgerichtshof wurden ber 5.000 Regimegegner der Nazis
zum Tode verurteilt und fast alle diese Urteile wurden auch vollstreckt.
Weil ein groer Teil der Eliten des Nazi-Regimes in Wirtschaft, Politik, Justiz
wirklich von einem Bruch mit dem Nationalsozialismus und einer Aufarbeitung der
faschistischen Vergangenheit im Deutschland der 50er Jahre gesprochen werden:
Nicht nur Mitlufer zogen wieder in die Verwaltung ein, sondern auch Gestapo-
Kommissare, hohe SS-Chargen des Sicherheitsamtes, Staatsanwlte an Sonderge-
richten, Ghetto-Verwalter usw. (Theissen 1983, S. 67f)
heit Deutschlands wurde nun der Kommunismus zum Staatsfeind erklrt:
Im Klima des kalten Krieges fand die Integration ehemaliger Nationalsozialisten
ihr negatives Pendant im Ausschluss der Kommunisten aus dem politischen Leben.
1948 wurden ihre letzten Vertreter aus den Landesregierungen, Zeitungsredaktio-
nen und Rundfunkstationen entfernt, um 1950 begann die Illegalisierung des Um-
feldes der KPD. (Schild/Siegfried 2009, S. 140)
Dieser Antikommunismus gipfelte im Verbot der Kommunistischen Partei
Deutschlands 1956 durch das Bundesverfassungsgericht. Die KommunistInnen,
die zum grten Teil entschlossen gegen den Faschismus kmpften, von denen
viele in den Gefngnissen und Lagern der Nazis saen und umgebracht wurden,
mussten 11 Jahre nach dem Ende der Nazi-Diktatur zum Teil wieder aufgrund
ihrer politischen berzeugung in Haft.
Die relative Ignoranz gegenber den ehemaligen Nazi-Eliten und der steigende
Antikommunismus im Westdeutschland der frhen Nachkriegszeit sind nur ver-
stndlich im Zusammenhang der weltpolitischen Entwicklung. Hatten die USA,
nach Beendigung des Krieges die Konfrontation der beiden Machtblcke unter
35
2.1 Wiederaufbau und Restauration
der jeweiligen Fhrung der USA und der UdSSR ab, wobei die Grenze zwischen
beiden innerhalb Deutschlands verlief.
Die antikommunistische Politik der Adenauer-Regierung, die 1953 mit dem
Slogan Alle Wege des Marxismus fhren nach Moskau zur Wahl antrat, lief
eindeutig auf eine Integration in den je nach Sichtweise freiheitlichen oder kapi-
talistischen Machtblock hinaus: 1955 trat die Bundesrepublik der NATO bei und
im Jahr 1957 der EWG, der Europischen Wirtschaftsgemeinschaft, dem Vorlufer
der EU. Kritische Stimmen und eventueller Widerstand von Seiten der Kommu-
nistInnen wren hierbei hinderlich gewesen und die Integration der alten Nazis in
Verwaltung und Wissenschaft Fachleute brauchte.
Die Einbindung in den westlichen Machtblock und die damit verbundene Ein-
fhrung der Bundeswehr erfolgte allerdings nicht ohne innenpolitischen Protest:
1950 entstand die Ohne-mich-Bewegung, die gegen die Wiederbewaffnung der
Bundesrepublik kmpfte:
Im Jahre 1950 entstand spontan die Ohne-uns-Bewegung, die zunchst nur in der
Ablehnung der Wiederbewaffnung durch einzelne Persnlichkeiten oder kleinere
Gruppen bestand Ende 1950 verbreiterte sich diese Bewegung: berall im Stadt-
bild machte sie auf ihre Existenz aufmerksam. An Verkehrsschildern, Briefksten,
Huserwnden klebten Plakate in Taschenformat mit der Aufschrift: Untersttzt
die Ohne-mich-Bewegung. Schliet euch in Gruppen zusammen! (Theissen 1983,
S. 62)
Auch die geplante Aufrstung der Bundeswehr mit atomaren Waffen blieb nicht
diese Plne, die auch von der Bewegung Kampf dem Atomtod heftig abgelehnt
wurden.
Wegen der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung werden die 50er Jahre in der
land, das 1945 noch vllig in Trmmern lag, erholte sich erstaunlich schnell von
den materiellen Folgen des Krieges. Besonderen Anteil hatten dabei die Frauen;
zahlreiche Mnner waren entweder im Krieg gestorben, befanden sich noch in
(krperliche) Arbeit zu leisten, sodass vor allem Frauen in den ersten Nachkriegs-
jahren die Last des Wiederaufbaus trugen.
Die Arbeitslosigkeit, die 1950 noch ber 10 % betragen hatte, reduzierte sich
bis 1955 auf knapp ber 5 %, am Ende der 50er Jahre herrschte in der Bundes-
republik mit unter 1 % Arbeitslosigkeit nahezu Vollbeschftigung. Parallel hierzu
stieg der Wochenverdienst eines Industriearbeiters von 100 DM im Jahr 1950 auf
362 Die fnfziger Jahre
197 im Jahr 1960 (s. Lilge 1978, S. 268) und die Industrieproduktivitt um 164 %
(s. Hermand 2006, S. 182).
Durch diese Entwicklung wurde die Bundesrepublik gegen Ende des Jahr-
zehnts auch international zu einer konomischen Gre:
Das, was 1948 im Jahr der Whrungsreform Utopie war, wurde zehn Jahre spter
Wirklichkeit. Deutschland war Glubigerland geworden, seine Banken traten als
Kreditgeber anderer Regierungen auf, unsere Whrungsreserve rangierte hinter der
der USA und der Schweiz mit 25 Mrd. an dritter Stelle. Die Bundesrepublik rckte
an die zweite Stelle der Industrienationen vor. (Lilge 1978, S. 183)
Durch die Entbehrungen in Kriegs- und Nachkriegszeit herrschte in der deutschen
Bevlkerung ein groer Nachholbedarf an Konsumgtern, der durch die steigen-
den wirtschaftlichen Leistungen gedeckt werden konnte, wobei die konomische
Entwicklung es mglich machte, dass breitere Schichten der Bevlkerung an der
Entwicklung teilhaben konnten:
Im Jahre 1955 gab es in der Bundesrepublik nur 350000 Pkw, die fr Arbeit-
nehmer zugelassen waren. Die meisten dieser Arbeitnehmerautos standen in den
Garagen leitender Angestellter, hherer Beamter oder Direktoren, die statistisch ja
auch als Arbeitnehmer gelten. Ein Arbeiter mit einem Auto war eine Raritt. Fnf
Jahre spter besaen die deutschen Arbeitnehmer 6,6 Millionen Pkw. (Surminski
1983, S. 12)
Das Auto spielte in der Nachkriegszeit als Symbol des individuellen wie gesell-
schaftlichen Aufstiegs eine besondere Rolle. Aber auch mehr Wohnraum, automa-
tische Waschmaschinen, Urlaubreisen und Fernsehgerte waren Konsumartikel,
die fr die BundesbrgerInnen den wirtschaftlichen Aufstieg sprbar machten und
zugleich als Statussymbole dienten. Vor allem ab der zweiten Hlfte der 50er Jahre
ergab sich in der Bundesrepublik ein neues Konsummodell, in dem die Werbung
eine immer grere Rolle spielte:
Seit der Whrungsreform entwickelte sich in Westdeutschland eine neue, ameri-
kanisch beein

ute Konsumwirklichkeit; Markenartikel lsten die vertrauten Lose-
Ware-Produkte auf breiter Front ab. Sie sollten die Bausteine einer im Aufbau be-
griffenen Anschaffungskultur in der zweiten Hlfte der fnfziger Jahre und zugleich
die Inbegriffe eines leichteren und zukunftsgerichteteren Lebens werden. Bald ist
der Markenartikel aus dem bundesdeutschen Alltag nicht mehr wegzudenken, und so
ist es auch nicht bertrieben, ihn als wesentlichen Bestandteil der sozialen Umwelt
und Kultur berhaupt zu bezeichnen. (Gries/Ilgen/Schindelbeck 1995, S. 91)
37
2.2 Schwarzwaldmdel und Capri
scher: Massenkultur in den 50ern
Ab der zweiten Hlfte der fnfziger Jahre begann in der Bundesrepublik der ber-
gang von einer Mangel- zu einer Konsumgesellschaft, in der stndig neue Kon-
sumgter entwickelt und mit Werbung an die Frau und den Mann gebracht werden
sollten, in der Konsum neben der Bedrfnisbefriedigung auch die Funktion von
Status erfllte und Werbung und Markenbewusstsein eine immer wichtigere
Rolle spielten.
Der deutliche wirtschaftliche Aufschwung fhrte bei einem groen Teil der
BundesbrgerInnen zugleich zu einer Mentalitt, in der Arbeit, Konsum und ma-
terieller Fortschritt zu zentralen Leitwerten wurden und eine relativ unpolitische
Haltung begnstigte, die dazu beitrug, sich nicht mit dem Faschismus, dem Krieg
oder der Integration von alten Nazis in die BRD zu beschftigen. Nicht umsonst
konnte die CDU mit Adenauer den Bundestagswahlkampf 1957 mit dem Slogan
Keine Experimente fhren und auch gewinnen; die wirtschaftliche Entwicklung
hatte einem gewissen Konservatismus in politischen Dingen zur Folge.
Auch wenn die konomische Entwicklung in der BRD zu einer Anhebung
des Wohlstandsniveaus und damit zu einer hohen Loyalitt und Identi

kation
gegenber dem Staat fhrte, darf nicht vergessen werden, dass nach wie vor gro-
e Unterschiede in Einkommen und Vermgen herrschten. Vor allem durch die
Tatsache, dass die groen Vermgen trotz ihrer teilweisen Verstrickungen in die
Klassenunterschiede.
Es ist von daher ein Mythos, wenn behauptet wird, nach der Whrungsreform
htten alle Deutschen die gleichen Chancen gehabt und mit 40 DM angefangen;
groe Teile von Vermgen an Grund und Boden, Immobilien und Produktions-
mitteln blieben in den Hnden derer, die sie auch vor und in der Nazizeit besaen,
2.2 Schwarzwaldmdel und Capri
scher:
Massenkultur in den 50ern
Auch wenn es eindeutige Verbesserungen in Bezug auf den Lebensstandard gab,
war es vor allem groen Teilen der arbeitenden Bevlkerung bewusst, dass die neu
gegrndete Bundesrepublik eine Gesellschaft war, in der es eindeutig und nach
wie vor Unten und Oben gab:
382 Die fnfziger Jahre
Fester Arbeitsplatz und gute Lhne sind aber nur die eine Seite dieser Erfahrung,
die nicht gleichgesetzt werden kann mit Aufstieg oder gar Verbrgerlichung. Die
Lebensgeschichten der Arbeiter machen vielmehr deutlich, da sie Arbeiter blie-
ben, die Subalternitt und Ausbeutung als prgende Erfahrungen erlebten, die sich
ber die Gewerkschaften hhere Lhne und bessere Sozialleistungen erkmpfen
muten und die Gesellschaft als in wir und die dichotomisch gespalten erlebten.
(Herbert 1985, S. 43)
Insbesondere die Tatsache, dass weder die Gewerkschaften noch die sozialdemo-
kratische oder die kommunistische Partei in der Lage waren, den Faschismus und
den Weltkrieg zu verhindern, sorgte fr ein Gefhl der Niederlage und der Macht-
losigkeit.
Trotz der Klassenunterschiede, der Kontinuitt fhrender Nazis in Teilen der
Eliten, des KPD-Verbotes und eines tendenziell konservativen Klimas kann die
Bundesrepublik auch in ihren Anfangsjahren nicht mit der Zeit des Faschismus
verglichen werden. Mit der BRD war ein Staat mit demokratischen Wahlen, Parla-
menten, politischen und brgerlichen Rechten entstanden, in dem die Brgerinnen
und Brger bei allen Einschrnkungen ber politische und individuelle Rechte
verfgten.
In der Anfangszeit der BRD gehrten Trmmerlandschaften als Folge des
Krieges, Kriegsversehrte und unvollstndige Familien noch zur Normalitt. Die
Naziherrschaft hatte neben den sichtbaren Folgen des Krieges allerdings auch in
der Mentalitt der Westdeutschen deutliche Spuren hinterlassen. Vor allem fr die
Anfangsjahre der Bundesrepublik gilt, dass starke monarchistische, autoritre,
explizit demokratiefeindliche und faschistische Neigungen in weiten Teilen der
Bevlkerung in Rechnung zu stellen (Schildt/Siegfried 2009, S. 131) waren.
Zwlf Jahre Faschismus mit einer menschenverachtenden Propaganda, ein ver-
heerender Weltkrieg, Millionen von Toten in den Lagern der Nazis und ein Fh-
rerprinzip, das nur Befehl, Gehorsam und Unterordnung kannte, die Angst, seine
politische Meinung soweit sie nicht der of

ziellen Line entsprach zu uern,
ein Klima der Unterdrckung und erzwungenen Anpassung wirkten nach dem
Krieg fort.
Die fnfziger Jahre waren tendenziell noch von diesem autoritren und star-
ren Geist geprgt. Ein deutlich sprbares Machtgeflle zwischen Reich und Arm,
Mann und Frau, Alt und Jung war in der Gesellschaft berall prsent. Autoritre
Strukturen und konservative Umgangsformen schlugen sich deutlich im Alltag
nieder, wie sich Bommi Baumann rckblickend erinnert:
39
2.2 Schwarzwaldmdel und Capri
scher: Massenkultur in den 50ern
Ferner Kleidung, Sitten und das allgemeine Benehmen. Den wenigsten ist heutzu-
tage klar, dass in den 50er-Jahren die Leute noch rumliefen wie in den 30ern. Das
heit, Mnner hatten einen Hut auf und Frauen meistens auch, soweit einer vorhan-
den war. Benimmregeln waren erzkonservativ, brgerlich und autoritr geprgte
Verhaltensweisen, die sich schon darin manifestierten, dass jeder nach Mglichkeit
mit Titel angesprochen wurde ein Herr Oberschulrat, ein Herr Doktor oder ein
Herr Professor wurden grundstzlich vor den Namen gesetzt: ein ewiges Abheben
des Huts beim Gren und so weiter und so fort. (Baumann 2007, S. 9)
Ein Konservatismus beherrschte das alltgliche Leben, zudem ein hoher Grad an
Autoritt mit relativ steifen Verhaltensformen, die sich eher an Sitten, Gebruchen
und Anstndigkeit orientierten als an Individualitt, die eher Konventionen voll-
zogen statt Emotionen nach auen zu kehren.
Das Leben im ersten Jahrzehnt der Bundesrepublik war noch stark von dem
Gegensatz von Alltag und Sonn- und Feiertag geprgt. An (kirchlichen) Feier-
tagen und Sonntagen war es blich, gemeinsam die Kirche zu besuchen und gute
Sachen zu tragen, der Kirchgang konnte zudem auch die eigene Frmmigkeit vor
anderen demonstrieren. Zudem gab es, um die Besonderheit des Tages zu betonen,
ein Festtagsessen, das besonders in den frhen 50er Jahren im Kontrast zum
sonst noch herrschenden Mangel stand.
Die Tatsache, dass in den fnfziger Jahren Benimmbcher groe Au

agenzah-
len erreichten, ist in diesem Kontext verstndlich: Das richtige Verhalten im
Beruf, in der Ehe, auf Festen usw. wurde hier vermittelt. Der Boom dieser Form
von Ratgeberliteratur spricht fr eine relative Unsicherheit hinsichtlich des eigenen
angemessenen Verhaltens; hier wird ein Bedrfnis nach Konformitt deutlich,
um nicht aufzufallen, sich korrekt zu verhalten und sich Regeln unterzuordnen.
Dieses Bedrfnis nach einer heilen Welt, in der alles berschaubar und klar
geregelt ist, spiegelt sich auch in dem Genre des Heimat

lms, der in den 50er
Jahren sehr beliebt war und in dem die Bedrfnisse und Sehnschte der Bundes-
brgerInnen zum Ausdruck kommen:
Charakteristisch fr Heimat

lme der 1950er Jahre waren eine melodramatische
tragische Verwechslungen. Hu

g gab es Musikeinlagen. Die Handlung spielte in
abgelegenen, aber spektakulren und durch den Zweiten Weltkrieg unzerstrten
Landschaften wie dem Schwarzwald, den Alpen oder der Lneburger Heide. Es
werden insbesondere konservative Werte wie Ehe und Familie betont. Frauen wer-
den meistens nur als Hausfrau und Mutter positiv dargestellt. Die Obrigkeit darf
nicht in Frage gestellt werden und Heiraten war nur innerhalb derselben sozialen
Gruppe mglich. (Deutscher Film 2013, S. 7)
402 Die fnfziger Jahre
In Filmen wie Schwarzwaldmdel, Grn ist die Heide oder Der Frster vom
Silberwald konnten die Sehnschte nach einer Welt ohne Kriegsschden, mit kla-
ren Hierarchien und Geschlechterrollen und einem Happy End befriedigt werden.
Sie dienten der Entspannung und als eine Flucht und Ablenkung von einer Reali-
tt, in der die Kriegsfolgen materiell wie psychisch und physisch berall noch
sicht- und sprbar waren und in der ein harter Arbeitsalltag das Leben bestimmte.
Wie stark das Bedrfnis nach einer heilen und mglichst kon

iktfreien Welt
mit traditionellen Hierarchien und Geschlechterbildern war, zeigt sich an den Re-
aktionen, die der Film Die Snderin mit Hildegard Knef auslste. In diesem
Film von 1951 spielte Knef die Prostituierte Marina, die mit ihrem Freund, einem
Maler, zusammenlebt. Um ihm eine notwendige Operation zu

nanzieren, geht
Marina wieder ihrem alten Gewerbe nach; die Operation erbringt keine Heilung
und Marina leistet ihrem Freund schlielich Sterbehilfe und begeht Selbstmord,
wobei noch hinzukommt, dass Hildegard Knef in einer wenn auch nur kurzen
Szene nackt zu sehen ist. Mit den Themen Prostitution, wilde Ehe, Sterbehilfe
und Selbstmord rttelt die Snderin an vielen Tabus der Nachkriegszeit, was
auch von of

zieller Seite zu heftigen Reaktionen fhrte:
Pfarrer predigten von den Kanzeln gegen die Snderin; Kinos wurden von auf-
gebrachten Moralaposteln verbarrikadiert; der nordrhein-westflische Landtags-
prsident erklrte fordernd: Ich erwarte weitere Demonstrationen, Flugbltter
stellen die Ehre unserer Frauen und Mdchen und das gesunde Ehrbarkeitsgefhl
wieder her, das Hildegard Knef verhhnt hatte. (Der Spiegel, zit. n. Glaser 1986,
S. 100)
In einem Flugblatt, zusammen von der katholischen und der evangelischen Kirche
verfasst, hie es zur Snderin:
Wer sich dennoch entschliet, den Film zu besuchen, macht sich zum Wegbereiter
des Kultur-Bolschewismus. Er soll sich nicht beklagen, wenn morgen oder ber-
morgen der militrische oder der politische Bolschewismus ber uns hereinbricht!
Und die Frauenwelt, die sich den Film ansieht, soll nicht jammern, wenn sie spter
entsprechend gewertet und behandelt wird. (Zit. n. Steinbacher 2011, S. 108)
Diese Reaktionen knnen als symptomatisch fr die frhe Nachkriegszeit in der
BRD gelten: In einem Land, das unter einem verbrecherischen Regime einen mr-
derischen Weltkrieg gefhrt und in dessen Lagern Millionen jdischer Menschen
und andere Gefangene gestorben sind, das zudem diese Vergangenheit kaum auf-
41
2.2 Schwarzwaldmdel und Capri
scher: Massenkultur in den 50ern
baute Anstndigkeit in Frage stellt. Statt die Verbrechen der Nazis anzuprangern,
wird zudem vor einem Bolschewismus sei dieser nun kulturell, politisch oder
militrisch gewarnt.
mat

lm gab es auch im Bereich der populren Musik. Vor allem in der ersten
Hlfte der 50er Jahre waren deutsche Schlager die am meisten verkaufte Musik.
Lieder wie Capri

scher und Florentinische Nchte von Rudi Schuricke, Pack
die Badehose ein von der kleinen Cornelia (so noch der of

zielle Name der sp-
teren Cornelia Froboess), Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein von Rene Carol
oder Heimweh von Freddy belegten Spitzenpltze (s. Herwerth 1998, S. 3338).
In all diesen Schlagern ging es nicht um Kritik oder Protest, sondern um Liebe,
Sehnsucht und diverse harmlose Dinge des Alltags, wobei die klassischen Rollen-
klischees nicht hinterfragt wurden,
das Weltbild des Schlagers in den Fnfzigern war auch diesbezglich noch be-
achtlich geschlossen. Der weiblichen Hlfte der Menschheit blieb nichts weiter als
Trauer und verzweifeltes Warten am Hafen. (Herwerth 1998, S. 21)
Neben den Heimat

lmen als Form der populren Unterhaltung und den Schlagern
erfreuten sich in den 50ern Groschenromane und Comichefte immer grerer Be-
liebtheit, es
berschwemmte eine Flut von Heftchenromanen und Comics den Markt mit seriel-
len Angeboten fr unterschiedliche Zielgruppen (...) An Frauen richteten sich etwa
die Sylvia-Romane, in denen es stets um die groe Liebe ging ... Neue Kriminal-
serien wie G-man Jerry Cotton (seit 1945) bedienten vor allem ein jngeres mnn-
liches Publikum, ebenso wie die Westernformate Tom Prox oder Billie Jenkins, ...
(Schildt/Siegfried 2009, S. 114)
Insbesondere von bildungsbrgerlicher Seite wurden diese Produkte nasermp-
fahr einer Ver

achung und Vulgarisierung der Kultur durch Amerikanisierung
heraufbeschworen wurde, was vor allem als verderblich fr die Jugend galt. Als
erster Linie bei Jugendlichen immer grere Beliebtheit hatten. Vor allem der US-
Import Micky Maus (ab 1951) und das deutsche Fix und Foxi (ab 1953) erzielt
hohe Au

agen. VertreterInnen des traditionellen Bildungsbegriffes, die sich an
klassischen Werken der Literatur orientierten, waren diese Produkte ein Dorn im
Auge, ihnen galten sie als Produkte einer Massenkultur und damit bestenfalls als
422 Die fnfziger Jahre
wertloser Schund oder sogar als moralisch desorientierend und verdummend. Sie
sahen sich und das von ihnen bevorzugte klassische deutsche Bildungsideal durch
die aufkommende, oft aus den USA importierte Massenkultur bedroht.
Im Bereich der Medien war das Radio noch wesentlich bedeutender als das
Fernsehen. Neben politischen Sendungen wurden im Radio beliebte Schlager ge-
spielt, wobei der Radiokonsum in der Regel auch nach geschlechtsspezi

schen
Mustern verlief:
Die Mnner lasen whrend des Radiohrens am hu

ben ihre Liebhabereien, whrend die Frauen das Essen bereiteten oder andere
Hausarbeiten erledigten. (Schildt/Siegfried 2009, S. 107)
Als Massenmedium entwickelte sich das Fernsehen erst im Laufe der 50er Jahre:
Das Programm der frhen Jahre orientierte sich zunchst an den alten Grundst-
zen der Vorkriegszeit mit den Bestandteilen Information, Bildung und Unterhaltung
am Abend ab 20.00 Uhr in unterschiedlicher Abfolge, in der Regel bis 22 Uhr. Am
Abend gab es zwischen 16:30 und 18 Uhr Kinder-, Jugend- und Frauensendun-
gen, auch der Suchdienst nach Kriegsvermissten wurde am Nachmittag platziert.
(Schffner 2002, S. 96)
Im Lauf des Jahrzehnts gab es dann auch die ersten Stars im Fernsehen, Quiz-
master wie Peter Frankenfeld, Hans-Joachim Kuhlenkampff und Robert Lembke.
Zur Frderung und weiteren Popularisierung des Fernsehens als Massenme-
dium trugen vor allem Groereignisse wie die Krnung der englischen Knigin
1953 und der bertragung der Fuball-Weltmeisterschaft der Mnner in der
Weltmeisterschaft durch die deutsche Mannschaft, war fr die Mentalitt in der
westdeutschen Nachkriegsgesellschaft von enormer Bedeutung. War der Natio-
nalismus aufgrund der Katastrophe des deutschen Faschismus zumindest of

ziell
verpnt, so brach er anlsslich des Gewinns der Weltmeisterschaft zum Teil unver-
hohlen aus, wie in einem Zeitungsbericht geschildert
Frauen verloren ihre Schuhe, Kinder ihre Taschen, Mnner ihre Stimme. Die Mas-
se brach in einen einzigen Schrei aus, der gellend durch die Straen brauste. Nie
wurde ein Knig, ein Held, ein Diktator (!) strmischer gefeiert als die Mannschaft,
die ber sich hinausgewachsen war. ( MnchnerIllustrierte v. 17.7.1954, zit. n.
Gries/Ilgen/Schindelbeck 1995, S. 79)
43
2.2 Schwarzwaldmdel und Capri
scher: Massenkultur in den 50ern
Nationalistische Gefhle, mhsam unterdrckt, ein Gefhlstaumel und emotiona-
le Ausbrche in einer Gesellschaft, die sonst eher durch anstndiges Verhalten
und kontrollierte Gefhle charakterisiert ist, kommen in diesen Situationen zum
Ausdruck. Viele Deutsche hatten das Ergebnis des Zweiten Weltkriegs als deut-
sche Niederlage und nicht als Befreiung vom Faschismus empfunden, sodass nun
ge

gelte Worte wie Wir haben es geschafft oder Wir sind wieder wer das
ldierte Selbstbewusstsein aufpolieren konnten.
Bern gestillt und befriedigt werden konnte, ging einher mit einer Welle nationa-
ler Euphorie, die aufgrund der deutschen Geschichte verpnt war oder zumindest
nicht offen gezeigt wurde.
Die sichtbarsten Erbschaften der Nazizeit, die Trmmerlandschaften, waren
gegen Ende des Jahrzehnts zwar nicht verschwunden, aber zum grten Teil be-
seitigt. Geblieben war allerdings eine stark autorittshrige Mentalitt, die den
Alltag durchzog und es nicht ermglichte, sich mit der Schuld der Vergangenheit
andere, weltoffenere Tendenzen: Urlaubsreisen ins Ausland wurden sehr beliebt
und erweiterten den Horizont vieler Westdeutscher. Trotz eines geringen Jahres-
urlaubs und einer erschwerten Anreise in meist recht kleinen Autos zog es die
BundesbrgerInnen vor allem nach Italien, weil eine den ItalienerInnen unterstell-
te lockere Lebensart, das Dolce Vita, und das bessere Wetter Abwechslung
vom mhseligen und starren deutschen Alltag versprachen.
Der Beginn einer Massenkultur fhrte zudem dazu, dass der deutsche Schla-
ger nicht mehr unangefochten die populrste Musik war, und schlielich kann
die Nierenform als Symbol eines, wenn auch sehr zaghaften, Aufbruchs hin zu
mehr Modernitt und Abwendung von dem Muf

gen und Spieigen interpretiert
werden. Die Nierenform war bei verschiedenen Konsumgegenstnden sehr beliebt,
bekannt ist vor allem der Nierentisch als Mbel der fnfziger Jahre. Als Symbol
dieser Zeit weist er auf eine Abkehr von geraden, kantigen und zackigen Linien hin
und stellt diesen weichere, verspieltere Formen entgegen:
Die neuen Formen erinnerten in nichts an die schreckliche jngste Vergangenheit.
Sie waren einfach, und ihre beschwingten Linien strahlten einen gewissen Optimis-
mus aus. Die neu geformten Gegenstnde waren leicht und handlich, und die neuen
Materialien, wie Plastik und Stahl, extrem p

egeleicht. So kamen sie den besonde-
ren Bedrfnissen der Jahre des Wiederaufbaus entgegen. (Kriegkorte 1992, S. 38)
442 Die fnfziger Jahre
2.3 Restauration im Geschlechterverhltnis
Die Tendenz zu einer konservativen Politik in den frhen Jahren der Bundesre-
publik zeigte sich vor allem im Bereich des Geschlechterverhltnisses und der
Sexualitt. Als Ergebnis des Zweiten Weltkrieges hatte sich das quantitative Ver-
hltnis der Geschlechter gravierend verndert. Bedingt durch den Tod im Krieg
und die Gefangenschaft betrug das Verhltnis von Frauen zu Mnnern im Jahr
Mann zu

nden. Auch waren viele Frauen in den Nachkriegsjahren auf sich ge-
stellt und hatten groen Anteil am Wiederaufbau, was in vielen Fllen zu einem
erhhten Selbstbewusstsein von Frauen durch die Erfahrung fhrte, dass Frau es
auch alleine schaffen kann.
In den unmittelbaren Jahren nach Kriegsende und in den frhen Jahren der
Bundesrepublik herrschte in Bezug auf Sexualitt noch ein relativ offenes und
liberales Klima, was durch den Zusammenbruch des Nazi-Regimes mit einer u-
klren ist, die deutsche Frauen mit den Mnnern der Besatzungstruppen, in West-
deutschland vor allem mit US-amerikanischen Soldaten, machten:
Das Gefhl, dass die traditionelle Sexualordnung sich praktisch ber Nacht auf-
lste, wurde auerdem durch die verbreitete Fraternalisierung zwischen deutschen
Frauen und Soldaten der alliierten Besatzungsarmee genhrt. Amerikanische Sol-
daten waren besonders beliebt. Anfngliche Bestrebungen, Fraternalisierungen zu
unterbinden, wurden schnell aufgegeben, weil sich die Verbote als nicht durchsetz-
bar erwiesen. (Herzog 2005, S. 87)
Doch wurden Liebesbeziehungen zwischen deutschen Frauen und den Soldaten
der Besatzungsarmeen nicht gerne gesehen, den Frauen wurde in der Regel Verrat
und Berechnung vorgeworfen. Zudem galten solche Beziehungen ganz in der
rassistischen Tradition als sogenannte Mischbeziehungen oder -ehen:
Ging ein Kind aus der Beziehung hervor, handelte es sich nicht etwa um eine
alleinerziehende Mutter, sondern um ein sitzengelassenes Ami-Flittchen. Gesell-
schaftlich war die deutsch-amerikanische Liebesbeziehung weitgehend gechtet
... Den deutschen Frauen wurde Berechnung unterstellt, weil ihr Freund aus dem
PPX-Laden schon mal ein paar Nylons mitbrachte. Auf die Idee, es knne sich um
aufrichtige Liebe handeln, kam kein Mensch. (Miersch u. a. 2010, S. 16)
45
2.3 Restauration im Geschlechterverhltnis
In der Nazi-Diktatur wurde Sexualitt in Dienst genommen, Kinder der arischen
Rasse fr den Fhrer zu gebren, es herrschte eine brutale Verfolgung homo-
sexueller Mnner, Sexualitt und Fortp

anzung waren nicht der persnlichen
Entscheidung berlassen, sondern wurden im Rahmen einer unmenschlichen Ras-
senideologie funktionalisiert, Ehen zwischen jdischen und nicht-jdischen Men-
schen galten als Rassenschande und waren verboten.
Die ersten Jahre nach Kriegsende und die ersten Jahre der Bundesrepublik wa-
ren demgegenber wesentlich liberaler, was die Sexualmoral betrifft. Die Einstel-
lung, dass eine unbefriedigte Sexualitt nicht gesund sei, dass Sex zwischen unver-
Sexualitt vor der Ehe gut sei, damit Frau und Mann auch sexuell erfahren in die
Auch was die Einmischung des Staates in die Sexualitt betrifft,

nden sich
tendenziell liberale Haltungen bei den BundesbrgerInnen. Eine Umfrage des Al-
lensbacher Institutes fr Demoskopie im Jahr 1950 brachte das Ergebnis,
dass ber die Hlfte der Bundesbrger ein Gesetz gegen Schmutz und Schund ent-
weder dezidiert fr ber

ssig hielten oder jedenfalls unentschieden waren, wie sie
darber denken sollten. Insgesamt 32 % lehnten gesetzliche Eingriffe rundweg ab,
22 % wollten sich nicht genau festlegen. (Steinbacher 2011, S. 102f)
Dieser im Vergleich mit der Nazizeit fortschrittliche Umgang mit Sexualitt wurde
Anfang bis Mitte der fnfziger Jahre zugunsten einer traditionellen Sexualmo-
ral mit zunehmend verschrften Zensurvorschriften wieder rckgngig gemacht.
Hierdurch wurde eine historische Chance nicht genutzt, gesellschaftliche n-
derungen hin zu einem eher gleichberechtigten Verhltnis der Geschlechter und
Wie leicht wre es gewesen, nach der Deklassierung der Frauen zu hirnlosen Ge-
brerinnen in der Nazizeit neue Wertsysteme der Gleichberechtigung und Partner-
schaft zu setzen ... Statt dessen beherrschten bald wieder die alten Rollenklischees
die Szene. Die angeblich angeborenen typischen mnnlichen und typischen weib-
lichen Wesensmerkmale erschwerten besonders den Mdchen eine freie Persn-
lichkeitsentwicklung, untergruben ihr Selbstvertrauen. (Weber-Kellermann 1985,
S. 14)
Die Frauen, die einen groen Anteil am Wiederaufbau der Nachkriegsgesellschaft
hatten, sollten wieder zurck in die Familien gedrngt werden und fr Kinder
und Kche zustndig sein. Dies erwies sich nicht immer als einfach, waren die
Frauen doch aufgrund ihrer Erfahrungen im Wiederaufbau zu Selbstbewusstsein
462 Die fnfziger Jahre
und grerer Unabhngigkeit gekommen, sodass sich durch die teilweise versp-
tete Rckkehr der Mnner aus Krieg und Gefangenschaft ein kompliziertes und
spannungsreiches Verhltnis zwischen den Geschlechtern ergab: Die Mnner, oft
physisch wie psychisch durch die Kriegsteilnahme beschdigt, kmpften in den
Familien um ihre verloren gegangene traditionelle Autoritt. Doch gelang es nach
und nach, die Frauen aus dem Berufsleben erneut zu verdrngen, was deren Posi-
tion schwchte und ein konservatives Klima begnstigte.
Forciert wurde diese Tendenz durch rckwrts gewandte, vor allem kirchliche
Krfte, die die alte Ordnung im Geschlechterverhltnis und der Sexualitt wieder
herstellen wollten:
Nach den bemerkenswert freizgig-debattierfreudigen ersten Nachkriegsjahren
erfolgte in der ersten Hlfte der fnfziger Jahre ein abrupter Schwenk hin zu kon-
servativen Auffassungen von Sexualitt. Binnen kurzem waren all jene, die sexuelle
Fragen aufgeschlossen errterten, in die Defensive geraten. Nun beherrschten kon-
servativ eingestellte Politiker, Kirchenvertreter, Journalisten, Juristen und Medizi-
ner die Diskussion ... (Herzog 2005, S. 127)
Zentraler Punkt dieses Rollbacks der frhen Jahre war das Frauenbild, das eine
natrliche oder christliche Bestimmung der Frau unterstellte; dem Mann
hung und im Haushalt zu

nden statt in Selbststndigkeit und Beruf sowie sexuelle
Zurckhaltung zu ben statt eines selbstbewussten Umgangs mit den eigenen Be-
drfnissen waren Bestandteil dieses Frauenbildes, wie es Franz-Josef Wuerme-
ling, Bundesminister fr Familienfragen, in seinem Buch Familie Gabe und
Aufgabe formulierte:
Mutterglck ist stets von Anfang an nicht nur mit groer Verantwortung, sondern
auch mit stetem Verzicht verbunden ... Diese Gabe und Aufgabe der Selbsthinga-
be und Selbstverleugnung um hherer Ziele willen ist es auch, die die Mutter zur
verstndnisvollen Lebensbegleiterin des Mannes und Vaters und zum Herzen der
Familie werden lt ... Da wird heute so viel von der Gleichberechtigung der Frau
geredet, aber so wenig von dem hchsten und schnsten Beruf der Frau und Mutter
in der Familie ... (Zit. n. Glaser 1986, S. 99f)
Das Pendant zur aufopferungsvollen und treusorgenden Ehefrau und Mutter war
der aktive oder auch ritterliche Mann, dem in Familie und Ehe eindeutig die fh-
rende und auch Frauen beschtzende Aufgabe zukam. In den Benimmbchern die-
ser Zeit wird ein Idealbild des Mannes entworfen, der eindeutig die Fhrungsrolle
hat, sich aber zugleich h

ich und rcksichtsvoll Frauen gegenber verhlt. Das
47
2.3 Restauration im Geschlechterverhltnis
zunehmend konservative Klima erhhte den Druck auf die Frauen, sich den ein-
schrnkenden traditionellen Vorstellungen von Weiblichkeit anzupassen. Frauen
sollten dem Ehemann nach einem harten Arbeitstag ein gemtliches Zuhause mit
einer angenehmen Atmosphre verschaffen, sich in seine Bedrfnisse einfhlen
und ihre eigenen zurckstellen.
Die alte Trennung, in der der Mann fr die Arbeit und damit den Auenbereich
zustndig ist und die Frau fr den Haushalt und die Erziehung der Kinder, wurde
verstrkt propagiert. Auch in zahlreichen Werbespots dieser Zeit wird die Rolle
der Frau als frsorgliche Mutter, Haus- und Ehefrau inszeniert: Ein schlechtes
Gewissen, weil das Hemd angeblich nicht sauber genug gewaschen ist, oder die
Freude, dass den Kindern und dem Mann das Essen gut schmeckt, prsentieren
deutlich ein Bild von Frauen, deren ganze Bestimmung in der Bedrfniserfllung
von Familienmitgliedern steht, die sich ganz und gar darber de

nieren und kei-
ne eigenen Bedrfnisse haben oder artikulieren. Im Zuge des wachsenden Wohl-
standes und der vergrerten Konsummglichkeiten wurde dem Bild der treuen
und aufopferungsvollen Hausfrau und Mutter noch das Bild der modischen und
konsumierenden Frau hinzugefgt, neben die Aufgaben der Haushaltsfhrung und
Kindererziehung trat der Imperativ, sich mit Hilfe der Produkte der Mode- und
Die Tendenz zur Forderung nach weiblicher Zurckhaltung spiegelt sich nicht
nur in den Benimmbchern oder Werbespots der Zeit; auch in der Ratgeberlite-
ratur, die explizit Sexualitt thematisiert, wurde im Zuge der Wiederherstellung
der konservativen Werte ein reaktionres Frauenbild propagiert, das Frauen jede
Selbstbestimmung und Lust untersagte, so
wurde die konservative Ratgeberliteratur bald marktbeherrschend.( ...) Auf diese
Weise wurde bei den Jugendlichen wie bei ihren Eltern und Lehrern eine Reihe von
Schlsselbotschaften verankert: dass Mdchen von Natur aus weniger an Sexua-
litt interessiert seien als Jungen; dass voreheliche Enthaltsamkeit vor allem fr
Mdchen verp

ichtend sei, wollten sie ihre Aussichten auf eine glckliche Ehe nicht
zunichte machen; dass Selbstbefriedigung diese Botschaft galt mehr den Jungen
als den Mdchen die psychische Gesundheit beeintrchtige und den Weg zu lang-
fristigem Glck verbaue. (Herzog 2005, S. 142)
Typisch fr das Genre der Ratgeberliteratur zur Sexualitt in den Fnfzigern ist
dabei der Bezug auf eine angeblich natrliche und unterschiedliche Sexualitt von
Frauen wie von Mnnern; viele dieser Bcher waren schon in der Nazizeit verf-
fentlicht worden und wurden in den fnfziger Jahren immer noch herausgegeben
und verkauft. Den Mnnern wird dabei ein kaum zu bndigender Sexualtrieb
unterstellt, whrend die Frauen sich vor diesem Trieb schtzen mssen:
482 Die fnfziger Jahre
Der Geschlechtstrieb des Mannes ... ist ...
aktiv. Mit allen Listen des Jgers sucht
er sein Wild zu erlegen. Er ist hierbei in der Wahl seiner Mittel ziemlich skrupel-
los. Je nher er seinem Ziel kommt ... um so strker wird sein Erregungszustand
und umso hemmungsloser und bedenkenloser sein Verhalten. Schlielich wird er
aggressiv und unter Umstnden sogar brutal.
Da der Mann viele Geschlechtszellen zu vergeben hat und tglich neue, ist er in
seiner geschlechtlichen Wahl nicht allzu bedenklich ... Er ist polygam eingestellt
und liebt im erotischen Erleben den Wechsel. Dieses Bild des Mannes ist das nor-
male. (Zit. n. Schenk 1991, S. 226)
Beide Zitate stammen aus dem Buch Unser Geschlechtsleben von Fritz Kahn,
das 1937 seine erste Au

age hatte und bezeichnenderweise bis in die sechziger
Jahre hinein in diversen weiteren Au

agen erschien.
Die Bedrfnisse nach Zrtlichkeit und Geborgenheit schien es nach diesem
Verstndnis von Sexualitt bei Mnnern nicht zu geben, sie galten vielmehr als
triebgesteuerte Wesen, die von ihrer eigenen Sexualitt beherrscht werden und
Verhalten bernehmen knnen oder mssen. Mnnliche Sexualitt wurde als Ge-
fahr vor allem fr Frauen dargestellt.
Auf der anderen Seite galten Frauen als von Natur aus zurckhaltend in se-
xuellen Dingen und mussten sich vor den Trieben der Mnner in Sicherheit brin-
gen.
Um die Frau vor dem heftigen, aber asozialen Trieb des Mannes zu bewahren, hat
die Natur sie durch einen zweifachen Riegel geschtzt: durch das Jungfernhut-
chen vor ihrer Scheide und die Schamhaftigkeit ihrer Seele. Der Mann mu also
einen gewissen Widerstand berwinden, bevor er die Frau besitzen kann und an
der Strke ihres Widerstandes fhlt er den Wert der Umworbenen. (Zit. n. Schenk
1991, S. 226)
Im Kontext dieses Bildes von gefhrlicher und triebhafter mnnlicher Sexualitt
dass Sexualitt einzig legitim in der Ehe ausgelebt werden durfte, um vor allem die
Triebe der Mnner zu kanalisieren. Sexualitt wurde vornehmlich als von Mn-
nern ausgehende Gefahr thematisiert, gleichberechtigte und auf gegenseitiger Be-
friedigung basierende Beziehungen kamen kaum vor.
In den Ratgebern zur ehelichen Sexualitt zeigte sich zudem eindeutig die Ten-
denz, bei sexuellen Problemen den Frauen die Schuld zuzuschreiben und ihnen
angebliches Fehlverhalten vorzuwerfen.
49
2.3 Restauration im Geschlechterverhltnis
Gab es jedoch Probleme, waren immer die Frauen schuld. Hu

g beschrieben sol-
che Schriften (wie die Aufklrungsbroschren fr die Jugend) verstrende Folgen
vorehelichen Geschlechtsverkehrs. Probleme von Frauen mit ihren Ehemnnern
wurden regelmig auf ihre vorehelichen Erfahrungen zurckgefhrt. Unter ande-
rem behaupteten die Autoren, Frauen wrden von ihrer ersten sexuellen Begegnung
dauerhaft geprgt;

nde die jedoch mit einem anderen Mann als dem knftigen
Ehemann statt, bleibe die Frau in einem seelischen Kon

ikt befangen und sei nicht
in der Lage, sich ihrem Ehemann ganz hinzugeben (und Leidenschaft mit ihm zu
erleben). (Herzog 2005, S. 149)
Ratgeberliteratur, ob sie sich auf korrektes Benehmen im Allgemeinen oder die
Sexualitt im Besonderen bezieht, spiegelt natrlich nicht das wirkliche Verhalten
oder die Einstellungen unmittelbar ab. Doch sind der Kauf und das Lesen von
Ratgeberliteratur immer vor dem Hintergrund eines empfundenen Mangels an
Informationen und einer Unsicherheit im Verhalten zu sehen; Ratgeberliteratur
trgt entscheidend dazu bei, Orientierung zu geben und gesellschaftliche Stan-
unterstellt werden. Die Ratgeberliteratur der fnfziger Jahre hatte insofern einen
entscheidenden Anteil daran, ein uerst konservatives Bild der Geschlechter
(wieder) herzustellen und ein Bild von Sexualitt zu vermitteln, das von triebge-
steuerten Mnnern und zurckhaltenden Frauen geprgt war.
Neben den konservativen Normen, die in der ersten Hlfte der Fnfziger wieder
eingefhrt wurden und festlegten, was als anstndig und schicklich zu gelten
hat, war Sexualitt in den Anfangsjahren der Bundesrepublik zudem noch einer
Die sogenannte Himmlersche Polizeiverordnung war nach wie vor gltig,
nach der es verboten war, fr Verhtungsmittel zu werben; der Kuppeleiparagraph
nung zur Verfgung zu stellen; Schwangerschaftsabbrche waren grundstzlich
verboten und das Gleiche galt fr das Praktizieren mnnlicher Homosexualitt.
straft-Werden verbunden.
Das Verbot, fr Verhtungsmittel zu werben, fhrte in der Bevlkerung, die
sexuell zudem noch vollkommen ungengend aufgeklrt war, zu groen Schwie-
rigkeiten, sich vor ungewollten Schwangerschaften zu schtzen. Es wurde in den
fnfziger Jahren noch heftig darber diskutiert, ob es berhaupt vertretbar sei,
Kondomautomaten in der ffentlichkeit zu platzieren, weil diese so die Befrch-
tung zum Geschlechtsverkehr animieren knnten, was vor allem als groe Ge-
fahr fr die Jugend angesehen wurde.
502 Die fnfziger Jahre
sam Sexualitt zu leben. Selbst liberalere Eltern, Bekannte oder Verwandte liefen
Gefahr, von Dritten angezeigt zu werden, wenn sie sich nicht davon berzeugt hat-
ten, dass die jeweilige Frau und der Mann, die sich in ihrer Wohnung aufhielten,
als Unzucht.
Dies hielt viele Frauen und Mnner nicht davon ab, gemeinsam Sexualitt
zu praktizieren. Als Folge der unzureichenden Aufklrung und der Schwierig-
keit, Verhtungsmittel zu bekommen, war in den fnfziger Jahren die Zahl der
Schwangerschaftsabbrche hoch: Schtzungen sprechen hier von 500.000 bis zu
einer Million Abtreibungen im Jahr (s. Herzog 2005, S. 157). Diese fanden unter
illegalen Bedingungen statt und in einer Atmosphre der Heimlichkeit und Angst.
Teil katastrophaler hygienischer Bedingungen zahlreiche Komplikationen und
auch Todesflle.
Die Schwierigkeit, an Verhtungsmittel zu gelangen, und das Abtreibungsver-
bot sorgten fr zahlreiche sogenannte Muss-Ehen unter jungen Menschen, eine
tiert. Die Mglichkeit, erst einmal das Zusammenleben auszuprobieren und nach
einer Probephase eventuell zu heiraten, war de facto nicht gegeben.
buch geregelt, wurde aus der Nazizeit bernommen. Schwule Sexualitt war da-
mit weiterhin von Strafe bedroht; mnnliche Homosexuelle, die zum groen Teil
unter der Nazi-Diktatur in Gefngnissen, Lagern und KZs saen, mussten wei-
terhin befrchten, wegen ihrer sexuellen Orientierung bestraft und inhaftiert zu
werden. Der Paragraph 175 wurde erst 1969 abgeschafft, bis dahin wurden in der
Bundesrepublik rund 100.000 Mnner wegen homosexueller Handlungen polizei-
lich erfasst und 1.500 bis 3.500 jhrlich verurteilt (s. Herzog 2005, S. 117), wobei
in den fnfziger Jahren die Repression am strksten war. Dies fhrte zum Teil
zu Situationen, in denen homosexuelle Mnner von denselben Richtern verurteilt
erschreckendes Beispiel fr Kontinuitt in der frhen Bundesrepublik.
51
2.4 Kindheit und Jugend in den 50ern
2.4 Kindheit und Jugend in den 50ern:
die alltgliche Verteidigung der Korrektheit
Die Bedingungen, unter denen Kinder und Jugendliche im ersten Jahrzehnt der
Bundesrepublik aufwuchsen, waren noch stark von den Kriegsfolgen bestimmt. Ma-
terieller Mangel und beengte Wohnverhltnisse, die kaum Raum fr einen Rckzug
oder eine Intimsphre lieen, prgten vor allem in den Anfangsjahren der Dekade
die Lebensumstnde der meisten Heranwachsenden. Hinzu kam eine relativ hohe
Zahl an Geschwistern (s. Fend 1988, S. 114) und die Tatsache, dass viele Kinder
ohne ihren Vater aufwuchsen, was dazu fhrte, dass viele Kinder und Jugendliche
frh die Verantwortung fr Haushalt und Geschwister bernehmen mussten.
Der berwiegende Teil der Schlerinnen und Schler besuchte die Volksschule
(s. Schildt/Siegfried 2009), musste sich nach dem Schulabgang mit 14 oder 15
Jahren eine Ausbildungsstelle oder eine Beschftigung suchen und machte somit
frh Bekanntschaft mit der Arbeitswelt und den damit verbundenen Anpassungs-
leistungen und Anstrengungen.
Die vorherrschende Mentalitt der Nachkriegszeit, das Angepasst-Sein, das
Hierarchische, Konventionelle und Konservative, spiegelt sich in der typischen Er-
ziehung der 50er Jahre wider.
Die damalige Pdagogik war dabei noch recht stark von der Nazizeit geprgt,
es herrschte ein groes Autorittsgeflle zwischen Kindern und Erwachsenen, was
sich auch darin zeigte, dass Schlge in der Erziehung in der Schule wie zu Hau-
se alltglich waren. Als Kind und Jugendlicher in den fnfziger Jahren in der
beschrnkten Situationen abzu

nden, sich bermchtigen Autoritten unterzuord-
nen, mglichst nicht negativ aufzufallen und sich den Sitten und Gep

ogenheiten
der Erwachsenen anzupassen:
Von den Tischsitten und den Begrungsritualen ber die Lernzeiten und Haar-
frisuren, von den Farben, Zuschnitten und Stoffen von Kinderhosen und -rcken
bis hin zu den Zu-Bett-Geh-Zeiten (Hnde auf die Decke!) war die deutsche Nach-
kriegsfamilie (oder was von ihr brig blieb) auf Konformismus, aufs Nicht-Auffal-
len und die Niederschlagung jeder abweichenden kindlichen uerung

xiert.
(Preuss-Lausitz 1995a, S. 92)
Das Ziel der Kindererziehung bestand in erster Linie in Anpassung und Unterord-
nung, Stze wie Das tut man nicht oder Das gehrt sich nicht verwiesen dabei
auf allgemein geltende Verhaltensstandards. Abweichendes Verhalten wurde als
ungezogen, ungehrig und aufsssig verurteilt und sanktioniert. Meinungs-
522 Die fnfziger Jahre
uerungen oder sogar Kritik von Kindern und Jugendlichen an den Sitten oder
dem Verhalten der Erwachsenen galten als Frechheiten, die Heranwachsenden
nicht zustanden.
In der Welt der Erwachsenen herrschten Konformitt, Anpassung, starre Kon-
ventionen und nicht zuletzt Leistungsbereitschaft, in die die Kinder und Jugend-
lichen oft auch mit Hilfe von Gewalt eingepasst werden sollten.
Dies galt auch und in besonderer Weise am Sonntag, wenn die Kinder anderen
Erwachsenen als anstndig und ordentlich prsentiert werden sollten.
Am Sonntag trugen alle Kinder besondere Kleidung, nmlich die guten Sachen.
Fr die Jungen gehrte dazu ein weies Hemd mit Krawatte oder Fliege und fr
die Mdchen weie Strmpfe und Kragen und Lackschuhe. (Strobel 2002, S. 139)
Erklrbar wird dieser rigide und strenge Umgang mit den Heranwachsenden zum
einen durch einen relativen materiellen Mangel, beengte Wohnverhltnisse und
ein Leben, das durch harte Arbeit geprgt war und die Kinder auf einen frhen
Berufseintritt vorbereiten musste. Eine groe Rolle spielte die Tatsache, dass die
Erwachsenen selbst zum grten Teil in der Nazizeit sozialisiert worden waren; sie
hatten den Krieg und den Mangel der Nachkriegszeit erlebt und das Gefhl, um
ihre eigene Kindheit und Jugend betrogen worden zu sein.
Vor allem aber hatten sie in Schule, Militr oder den verschiedenen Jugend-
organisationen der Nazis einen uerst autoritren Umgang erlebt und erlitten. In
diesen Organisationen gab es nur Oben und Unten, Befehl und Gehorsam und
keinerlei Raum fr Kritik, Aushandeln oder Individualitt, es galt ohne Einschrn-
kung das Fhrerprinzip, das strenge Anpassung und Unterordnung oft bei ent-
in Umfragen zu den Erziehungsbildern in der Bevlkerung die gesamten fnfziger
Jahre hindurch Gehorsam und Unterordnung sowie Ordnungsliebe und Fleiߓ
an vorderer Stelle stehen (s. Fend 1988, S. 114).
Das Verhltnis von Erwachsenen zu Kindern dieser Zeit ist als alltgliche Ver-
teidigung der Korrektheit (Ziehe 1986) zu beschreiben, in der die ltere Genera-
tion der jngeren ihre Moral- und Verhaltensvorstellungen aufdrckte:
Die fast besessene Konzentration auf Ordnung, Anstand, Sauberkeit war ver-
meintlich gegen den Irrtum der jngsten Vergangenheit gerichtet. In dieser Sicht-
weise war der Nationalsozialismus ein unkontrollierter Ausbruch gewesen. Um das
innere Tier im Zaum zu halten, das da losgelassen worden war, muten die vorgebli-
che alten` Tugenden wieder her, zumal diejenigen aus dem Reservoire preuischer
Werte. Gerade der Rigorismus im Detail sollte vor Fehlverhalten schtzen. (Ziehe
1986, S. 254)
53
Die Orientierung an Konformismus, Anpassung und Unterordnung mag dazu bei-
getragen haben, dass die ltere Generation der jngeren mit Hrte, Kontrolle und
Intoleranz begegnete. Es mag auch hinzukommen, dass es einfacher war, sich an
diesen Werten und Umgangsformen zu orientieren, da sie bekannt und eingebt
waren, sie also ein relativ risikoloses Verhaltensmuster reprsentierten. Hinzu kam
noch die Angst der Erwachsenen, bei einem liebevolleren oder liberaleren Verhal-
ten ihren Kindern gegenber an Respekt und Autoritt einzuben.
Zwar hatte es mit der Niederlage der Nazis und dem Ende des Zweiten Welt-
krieges einen Bruch in der Geschichte gegeben, doch waren die Folgen des autori-
tren Nazi-Regimes in der Erziehung noch in der frhen Bundesrepublik sprbar:
Unterordnung, Entsagung und Hrte auch kleinen Kindern gegenber galten als
Mittel, um das Kind gefgig zu machen:
Frhkindliche nationalsozialistische Erziehung wirkte also noch lange nach 1945
fort. Das tat sie nicht nur durch Mtter, die nach dem sogenannten Zusammenbruch
keineswegs ihre vorher bewhrten Praktiken aufgaben, sondern es geschah dar-
ber hinaus, indem das, was Kindern zuvor angetan worden war, weiterhin wirksam
blieb und bis heute zu spren ist. (Chamberlain 2003, S. 9)
Die Kontinuitt in Erziehungsvorstellungen und -praktiken zeigt sich unter ande-
rem darin, dass das Buch der rztin Johanna Haarer Die deutsche Mutter und ihr
erstes Kind, das im Faschismus geschrieben wurde und eine dementsprechende
Pdagogik des Drills und der Unterordnung des kleinen Kindes vertrat, auch noch
in den 1950er Jahren hohe Au

agen erzielte und als Standard fr den Umgang mit
Kleinkindern galt. Haarers Buch wurde nach 1945 in Die Mutter und ihr erstes
Kind umbenannt, was politisch opportuner war; dies nderte aber nichts an der
unbarmherzigen und emotionslosen Art, die als der richtige Umgang mit Kindern
dargestellt wurde. Die letzte Ausgabe des Buches erschien 1995, es hatte eine Ge-
samtau

age von 1,2 Millionen Exemplaren.
Die autoritre Erziehung orientierte sich an einem traditionellen Bild von Ge-
schlechtern und Sexualitt, das sptestens seit Mitte der Fnfziger in der BRD
Ton angebend war. Mdchen und Jungen wurden zum grten Teil getrennt von-

sch ge-
prgt. Hier war das Bild des anstndigen Mdchens und des richtigen Jungen
weit verbreitet. Das Ideal in der Erziehung war das freundliche, zurckhaltende
und h

Aktivitten wie sich schmutzig machen und kmpfen zugestanden oder auch ab-
verlangt wurden:
2.4 Kindheit und Jugend in den 50ern
542 Die fnfziger Jahre
Auch in den Lesebchern der fnfziger Jahre wurden noch ganz selbstverstndlich
die alten Tugendkataloge rekapituliert: die puppenspielende Tochter als Mutters
beste Haushaltshelferin, der geschickte spor
tliche Sohn als Vaters handwerklicher
Assistent, ein richtiger Junge! (Kellerman 1985, S. 14)
Mdchen durften ihr Bedrfnis nach Wildheit und Aggressivitt nicht ausleben,
whrend bei Jungen Weichheit und ngstlichkeit verpnt waren, die Emotionen
und die Krper der Kinder und Jugendlichen wurden den gesellschaftlichen An-
forderungen untergeordnet. Kinder hatten zu schweigen, wenn Erwachsene rede-
ten, und durch Rituale Mdchen mit einem Knicks und Jungen mit einem
Diener die Hierarchie zwischen Erwachsenen und Kindern zu besttigen.
Die Krper der Heranwachsenden wurden zu gepanzerten Krpern (Preuss-
Lausitz 1995) erzogen, die keine unpassenden Emotionen nach auen dringen
lassen durften und starren Regeln unterworfen waren. Leistung und Anpassung
standen im Mittelpunkt, sodass fr Lust, Sensibilitt und Neugier auf den eigenen
Krper kein Platz war. Waren diese Bedrfnisse trotzdem vorhanden, mussten sie
zumeist heimlich ausgelebt werden, was in der Regel mit einem schlechten Ge-
wissen verbunden war.
Die Generation der Erziehenden war selbst in einem Klima aufgewachsen, in
dem krperliche Lust unterbunden wurde, sie waren unsicher in ihrer eigenen Se-
xualitt und konnten diese kaum oder gar nicht bei ihren Kindern, Schlerinnen
oder Schlern zulassen.
So fand Sexualaufklrung in den meisten Familien nicht statt, ganz im Geist
der Zeit war Sexualitt ein Tabuthema; es war innerhalb der Familien nicht blich,
dass Eltern vor den Kindern Zrtlichkeiten austauschten oder sich nackt zeigten.
Die Sexualratgeber fr Jugendliche dieser Zeit reproduzierten das gngige Kli-
schee, dem zufolge (mnnliche) Sexualitt gefhrlich sei und weibliche Sexualitt
ber Sexualitt die Jugendlichen nur auf dumme Gedanken bringen und zur
Sexualitt animieren knne. Grundstzlich war es fr Jugendliche kaum mglich,
hilfreiche Untersttzung bei der Entwicklung einer eigenen und befriedigenden
Sexualitt zu bekommen. Wenn sie berhaupt stattfand, informierte Sexualerzie-
hung hchstens ber Aufbau und Funktion der Geschlechtsorgane und den Verlauf
von Schwangerschaft und Geburt. Gesellschaftliche Aspekte oder sexuelle Lust
waren keine Themen.
Das Ziel in der Sexualerziehung in Elternhusern wie Schulen bestand darin,
Kinder und Jugendliche mglichst von sexuellen Aktivitten mit sich selbst wie
mit anderen fernzuhalten:
55
Durch strenge und sittliche Fhrung und Beein

ussung sollen die Jugendlichen
geschlechtlichen Aktivitten entsagen, um die Ehefhigkeit nicht zu gefhrden.
(Aus dem Buch Wie schtzen wir unsere Jugend vor Schmutz und Schund? von
1956, zit. n. Kuhnert 1990, S. 17)
Dominant war eine negative Sexualerziehung, eine Sexualpdagogik der Mu-
mien (Kuhnert 1990, S. 16), die den Kindern und Jugendlichen Angst machen
sollte, die Ehe als einzig legitimen Ort fr Sexualitt anerkannte und Sexualitt
nicht als Lust und Freude an sich sah, sondern in erster Linie in die Aufgabe der
Zeugung von Nachwuchs stellte. Homosexualitt wurde entweder nicht themati-
siert oder verteufelt.
Mdchen wurden nicht aufgeklrt und hrten stattdessen nur die Drohung:
Komm mir nicht mit einem Kind nach Hause, was zu noch strkerer Verunsi-
cherung fhrte.
So ist in den Bchern fr Jugendliche zum Thema Sexualitt fast durchgngig
von Gefahren die Rede, die mit Sexualitt verbunden sind. In dem Buch Was Jun-
gen wissen wollen von Heinz Hunger, Erstau

age 1959, heit es:
Der Geschlechtstrieb ist eine Kraft, die leicht wie ein Strom ber sein Ufer treten
kann. Gegen seine berschwemmung knnen wir Menschen uns meist schlechter
schtzen als gegen Feuer. Gegen Feuer hilft oft Wasser. Aber gegen Wasser

uten
gibt es zumeist keine andere Hilfe als wegzulaufen. Das ist nicht feige, sondern
zeugt von Klugheit. Wer glaubt, in solch tobenden Wassermassen noch schwimmen
zu knnen, kommt darin um. (Zit. n. Mller 1992, S. 107)
Wenn hier von wir Menschen die Rede ist, bezieht sich die Aussage allerdings
wie der Titel des Buches schon verrt lediglich auf Jungen; der Rat an sie besteht
darin, wegzulaufen, ihre Triebe zu unterdrcken oder sie zu ignorieren. Folglich
war fr Jungen alles zu unterlassen, was in irgendeiner Weise dazu fhren knnte,
sexuelle Erregung hervorzurufen, wobei zum Teil auch rassistische Klischees be-
mht wurden:
Wer in den Schaufenstern pikante Bilder betrachtet, wer dementsprechende Zeit-
schriften studiert und Filme besucht, wer abends im Variete sitzt und sich schwle
Negersongs zu Gemte fhrt, der darf sich nicht beklagen, wenn ihm nachts sein
Trieb zu schaffen macht. (Zit. n. Mller 1992, S. 111)
Die Schriften, die sich an junge Menschen richteten und vor den Gefahren der
Sexualitt warnten, bezogen sich meist auf eine mnnliche, triebgesteuerte Se-
2.4 Kindheit und Jugend in den 50ern
562 Die fnfziger Jahre
xualitt und deren angebliche Gefahren. Zentral war auch hier die Warnung vor
(mnnlicher) Onanie.
Selbstbefriedigung von Jungen wurde als Gefahr gebrandmarkt, ihr kam eine
dermaen groe Bedeutung zu, dass sie sogar unterschiedlich quali

ziert und in
ttsonanie, der Zufallsonanie, der Sehnsuchtsonanie, der Racheonanie, der
Examensonanie, und in einer autoritr geprgten Gesellschaft besonders ver-
wer

ich der Oppositionsonanie (s. Kuhnert 1990, S. 17).
Der Kampf gegen die Lust am eigenen Krper und eine damit verbundene
Selbstbestimmung ber diesen Krper hatte einen besonderen Stellenwert, Kinder
und Jugendlichen sollten der sexuellen Lust vllig entsagen. Um den Gefahren
der Onanie vorzubeugen, wurde an klassische mnnliche Tugenden appelliert:
Hrt ab. Eine vorzglich abhrtende Wirkung haben kalte, mit einem groen,
viel Wasser fassenden Schwamm am Morgen vorgenommene Waschungen der Ge-
schlechtsorgane. (Zit. n. Mller 1992, S. 107)
Hier nimmt der Kampf gegen die Selbstbefriedigung soldatische Zge an, der Jun-
ge soll seinen Krper abhrten und nicht spren, stark und tapfer sein und sich
keinesfalls seinen Gefhlen und Bedrfnissen hingeben.
Als Folge der strengen und lustfeindlichen Erziehung entwickelten Jugendliche
ein ngstliches und unsicheres Verhltnis zu ihren Krpern und erotischen Be-
drfnissen:
Die erste Nachkriegsgeneration masturbierte noch mit schlechtem Gewissen, weil
die Lufthoheit in Fragen der Sexualmoral bei klerikalen Tugendwchtern lag, die
heute nur noch als Witz

guren durchgehen wrden. Pfarrer, Religionslehrer und
sogar rzte machten Jugendlichen Angst vor der Hlle und Rckenmarkschwund.
(Miersch u. a. 2010, S. 140)
In den Bchern zum Thema Sexualitt kommen verschiedenste Momente der bun-
desdeutschen Nachkriegsgesellschaft zum Ausdruck: eine strenge, autoritre und
uerst lustfeindliche Grundhaltung, die auf der einen Seite Mdchen keinerlei
sexuelle Bedrfnisse oder Freirume zugesteht, die auf der anderen Seite Jungen
vor ihren eigenen Gefhlen und den Gefahren der Onanie warnt, die Sexualitt
grundstzlich als Gefahr thematisiert und mit Angst statt mit Aufklrung operiert.
Ein richtiges Mdchen hatte sich zurckzuhalten und musste vor der gefhr-
lichen Sexualitt der Jungen und Mnner bewahrt werden, um rein und un-
57
be

eckt in die Ehe zu gehen; ein richtiger Junge musste seine Triebe unterdr-
cken und den heroischen Kampf gegen die Freude am eigenen Krper aufnehmen.
Im Sinne einer Auffassung, die Mnnern eine aktive und Frauen eine passive
Sexualitt zuschreibt, stand in erster Linie die Selbstbefriedigung der Jungen im
Mittelpunkt der pdagogischen Schriften, weibliche Onanie wurde lediglich am
Rand thematisiert, wobei auch diese mit Gefahren verbunden war. In einer Auf-
klrungsschrift werden Mdchen gewarnt:
Wenn Masturbation ausschlielich an der Klitoris statt

rismus, ..., durch ihn sind Frauen unfhig, bei der ehelichen Beziehung die Lust in
der Scheide und an der Gebrmutter zu emp

nden, die allein die Flle des Genus-
ses in sich bergen. (Zit. n. Kuhnert 1990, S. 17)
Im Mittelpunkt stand hier die Orientierung an der Ehe, sexuell unabhngige Md-
chen mit Lust am eigenen Krper stellten eine Gefahr fr die konservative Sexual-
moral dar, ihre Ehefhigkeit stand auf dem Spiel. Ganz im Sinne des konservati-
ven Weltbildes unterlagen Mdchen bei sexuellen Kontakten zu Jungen strengeren
Kontrollen und Repressionen, vorehelicher sexueller Kontakt konnte fr sie die
Unterbringung in einem Erziehungsheim zur Folge haben:
Wurde das Mdchen einmal als sexuell verwahrlost eingestuft, und dieser Aspekt
war laut Jugendwohlfahrtsgesetz bei jeglicher Form vorehelicher sexueller Kontak-
te und Beziehungen erfllt folgte in den meisten Fllen eine Heimunterbringung,
die zur Resozialisierung beitragen sollte (...). (Klein/Sager 2010, S. 101)
Eine Angst ein

bung fhrten dazu, dass sexuelle Lust oft mit einem schlechten Gewissen und
Schuldgefhlen verbunden waren; neben das eigene Gewissen traten dabei noch
die Angst, erwischt zu werden oder eine ungewollte Schwangerschaft hervor-
zurufen.
Die Lage von homosexuell orientierten Mdchen und Jungen war auf Grund
der gesetzlichen Bestimmungen und der strengen Moralvorstellungen noch drama-
tischer; sie litten unter der Angst, nicht normal oder sogar krank zu sein, litten
unter Bedingungen, die ein Ausleben ihrer sexuellen Orientierung verbot, waren
ganz auf sich alleine gestellt und hatten keinerlei Untersttzung oder Anerkennung
zu erwarten.
Beengte Wohnverhltnisse, strenge Erziehung und eine repressive Sexualmoral
waren die kennzeichnenden Merkmale der Nachkriegsjahre; fr Heranwachsende
2.4 Kindheit und Jugend in den 50ern
582 Die fnfziger Jahre
auch, sich Freirume gegen die autoritre Welt der Erwachsenen erkmpfen zu
mssen.
2.5 Skeptische Generation, Existentialismus
und Teenager-Kultur
In einer damals sehr populren Untersuchung hat der Soziologie Helmut Schelksy
auf der Grundlage empirischer Untersuchungen die Jugend in Westdeutschland als
Jahre als eine Jugend der bergangszeit zwischen dem vergangenen Nationalso-
zialismus und der Nachkriegsgesellschaft der Bundesrepublik. In seiner Untersu-
chung ging er den Fragen nach, wie sich die Jugend in Schule, Freizeit und Arbeit
verhlt, welche Werte fr sie Bedeutung haben und vor allem, wie sie sich nach der
Katastrophe des deutschen Faschismus und des Weltkrieges politisch orientiert.
Als Ergebnis diagnostizierte er eine skeptische Generation, die aufgrund der
Geschehnisse der deutschen Vergangenheit weniger an Politik, sondern eher an
individueller Lebensgestaltung, beru

ichem Fortkommen und der jeweiligen Zu-
kunftsplanung interessiert sei:
Zugehrigkeit und Teilnahme an den Veranstaltungen einer Jugendvereinigung
oder -gruppe sind fr sie nur eine sinn- und zweckvolle Ergnzung ihres priva-
ten Lebensraumes, dagegen keineswegs eine soziale Heimat, ein totaler Lebens-
bereich echter Jugendlichkeit; sie wollen nicht in einer Gemeinschaft aufgehen,
sondern Anschlu

nden, der bei aller geselligen Verbindung die Grenzen ihres
persnlichen Lebens respektiert. In diesem Sinne knnte man sagen, da die gegen-
wrtige Jugendgeneration durchaus organisationsbereit, aber gemeinschaftsscheu
ist. (Schelsky 1958, S. 469)
Schelsky beschreibt die deutsche Nachkriegsjugend, und hierbei vor allem die
arbeitende Jugend zwischen 14 und 25 Jahren, als wohl politisch interessiert, aber
dies lediglich auf einzelne politische Fragen bezogen und aufgrund der Erfahrun-
gen der Nazizeit wenig interessiert an Utopien oder politischen Gegenentwrfen,
an Zugehrigkeit zur Volksgemeinschaft oder totalitren Ideologien. Die Unter-
suchung erschien 1958, zur Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs. Jugendliche
hatten gute konomische Zukunftsperspektiven und konzentrierten sich eher auf
die Gestaltung des eigenen Lebens. Sie hatten somit ihre Konsequenzen aus der
deutschen Katastrophe gezogen und waren skeptisch gegenber verschiedenen poli-
tischen Heilslehren, allerdings nicht rebellisch in ihrer politischen Grundhaltung,
sondern im Groen und Ganzen einverstanden mit den politischen Verhltnissen.
59
2.5 Skeptische Generation, Existentialismus und Teenager-Kultur
Existentialismus, und hierbei vor allem an den Schriften von Sartre und Camus
orientierten. Fr sie erwies sich der Existentialismus als eine attraktive Alternative
zur Mentalitt der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit, in der die Schuld der
Nazizeit verdrngt wurde und der wachsende Konsum eine immer grere Rolle

ek-
tionsfhigkeit und Bildung voraus, zudem ein Interesse, sich mit philosophischen
Fragen zu befassen, weshalb Existentialistinnen und Existentialisten vor allem den
gehobeneren Schichten entstammten; es handelte sich in erster Linie um Gymna-
sistInnen und Studierende, die sich so von dem Mainstream der deutschen Nach-
kriegsgesellschaft abgrenzten. Sie hatten dabei eine gewisse kritische Grundhal-
tung, es waren Jugendliche und junge Erwachsene,
die gegen den Konsens des Schweigens ber die politische Vergangenheit oppo-
nierten und gegen das Leistungs- und Konsumdenken auftraten und sei es nur auf
dem Weg des Rckzugs in die Ghettos der Jazz-Keller, Eis-Cafes oder Kunsthoch-
schulen. (Krger 1986a, S. 268)
Kennzeichnend fr den Stil des Existentialismus in Deutschland waren den fran-
zsischen Vorbildern folgend schwarze Rollkragenpullover, schwarze Kleider
und Hosen, es wurde vor allem amerikanischer Jazz gehrt und neben den franz-
sischen Existentialisten stand die amerikanische Beatnik-Literatur bei ihnen hoch
im Kurs. Im Gegensatz zur Szene in den USA lehnten die ExistentialistInnen in
Deutschland allerdings mehrheitlich den Drogengebrauch ab, die Geschlechterfra-
ge wurde bei ihnen kaum re

ektiert, auch

an den Konzepten oder Vorstellungen einer freien Liebe (s. Krger 2010, S. 16),
wie dies zum Teil in den USA der Fall war.
Der Bezug auf den Existentialismus bot Jugendlichen vor allem aus brgerli-
chen Milieus eine Alternative zur gngigen Moral der Deutschen in der damaligen
Zeit und verschaffte ihnen in der Nachkriegsgesellschaft einen groen Distink-
tionswert sowohl gegenber Erwachsenen als auch anderen Jugendlichen: Ex-
klusive Orte wie Jazzkneipen und Kunsthochschulen, ein intellektuelles Milieu,
eine Antihaltung der konformistischen Nachkriegsgesellschaft gegenber und ein
meist eher ernsthaftes und nachdenkliches Auftreten, das im Gegensatz zur auf-
kommenden Unterhaltungsindustrie stand, dazu die schwarze Kleidung, all dies
verschaffte ihrer Szene ein gewisses Flair:
602 Die fnfziger Jahre
Zu Idolen wurden Sartre und de Beauvoir, das nicht verheiratete, kinderlose, frei
liebende Paar, Inbegriff der Unmoral fr deutsche Spieer, oder die geheimnisvolle
Juliette Greco im langen schwarzen Kleid, mit langem schwarzen Haar. (Heider
2014, S. 27)
Neben den intellektuellen und elitren Jugendlichen, die dem Existentialismus
anhingen, entwickelte sich in der zweiten Hlfte der 50er Jahre in der Bun-
desrepublik die Teenager-Kultur. Im Gegensatz zu vorherigen Jugendkulturen,
wie der bndischen Jugend oder dem Wandervogel, war sie ein Produkt aus
den USA und damit die erste importierte und kommerzielle Jugendkultur in
Deutschland:
Das ging einher mit der multimedialen Prsentation eines Teenager-Stils, der von
Jeans bis Petticoat ber eine sthetik des Flotten und Schicken bis zur Lebensein-
stellung reichte, da jung sein Spa machte. Teenagersongs und -

lme bildeten den
berbau dieser Jugendwelt ... (Maase 1992, S. 102f)
stimmten diesen neuen, umfassenden Stil, in dem es darum ging,

ott und
nomische Wachstum in Deutschland und die damit verbundene Tatsache, dass Ju-
gendliche ber immer mehr eigenes Geld verfgten und dadurch fr die Industrie
zu interessanten Konsumentinnen und Konsumenten wurden.
In der Teenager-Kultur ging es vornehmlich darum, einen eigenen Stil, be-
stehend aus Musik, Kino

lmen, Kleidung, der Vermarktung von Stars, und ein
lichen entgegen bei ihren Bemhungen, sich von der Welt der Erwachsenen abzu-
grenzen. Die Schauspieler Marlon Brando und James Dean sowie der Rockmusi-
ker Elvis Presley waren dabei die zentralen Figuren. Sie fanden ihre Pendants in
Deutschland in Horst Buchholz, Peter Kraus und Cornelia Froboess.
Vor allem die Tatsache, dass die neue Jugendkultur zum grten Teil aus den
USA importiert wurde, sorgte in bildungsbrgerlichen Kreisen fr Emprung; sie
Comics, Rock

n

ihnen gefhrlich fr ihr eigenes Wertesystem, sie galt als trivial und vor allem rein
kommerziell orientiert.
Trotz des Flotten und Schicken, das als Ideal fr Jugendliche prsentiert wur-
de, war die Teenager-Kultur keine rebellische Kultur, sie stellte weder Autoritten
61
2.5 Skeptische Generation, Existentialismus und Teenager-Kultur
noch die Gesellschafts- oder Geschlechterordnung grundstzlich in Frage, rekla-
mierte lediglich den Anspruch der Jugend auf Freude, Spa und Konsum:
Am Beispiel Teenager als kommerzieller Modelljugendlicher tritt uns zum er-
stenmal die Transformation eines rebellischen Stils in eine geglttete Modevariante
vor Augen: Jugendkultur als Markt liefert die brave Ausgabe, die nette Version,
das saubere Surrogat der jugendlichen Subkultur. (Lindner 1986, S. 283)
Wenn Lindner hier von einer Transformation eines rebellischen Stils spricht, so
bezieht er sich auf den Rock

n

Roll, der zwar in der Teenager-Kultur eine ge-
wisse Rolle spielt, aber in der Teenager-Variante wesentlich weniger rebellisch
auftritt als im Ursprungsland USA; Rock

n

Roll war eher die Musik der Halb-
starken.
Der Teenager dagegen, ob weiblich oder mnnlich, war im Gegensatz zum
Halbstarken eine marktkonforme, konsumfreudige, freundliche und brave Aus-
gabe der neuen Jugendkultur, obwohl auch Teenager in ihren Familien oft das
Recht auf ihre Musik, ihre Filme und ihre Kleidung erkmpfen mussten.
Die Grundhaltung dieser Jugendlichen spiegelt sich auch in ihrem Sprachge-
brauch wider, der sich stark von einer militrischen oder brokratischen Sprache
abgrenzt, stattdessen locker, originell und witzig wirken soll. In dem Buch Stei-
ler Zahn und Zickendraht (1960) wird versucht, eine Art Lexikon dieser Jugend-
sprache zu verfassen. Hier wird der Gegensatz zur Sprache der Erwachsenen als
Unbekmmertheit auf der anderen Seite beschrieben.
Jung-Sein wurde zum gesellschaftlichen Leitbild, es galt als modern und offen
se neue Auffassung von Jugendlichkeit verkrperte, wurde prsentiert auf extra
organisierten Teenager-Parties, Teenager-Messen und Modenschauen fr Jugend-
lichen, die der Werbung fr verschiedene Produkte dienten.
In der BRD wurde die Figur des Teenagers und die dazugehrige Kultur vor
allem durch die Zeitschrift Bravo popularisiert. Bravo, 1956 zum ersten Mal er-
schienen, damals noch mit dem Untertitel Zeitschrift fr Film und Fernsehen,
ab 1957 Zeitschrift mit dem jungen Herzen. Film-Fernsehen-Schlager und an-
schlieend, ab 1958, speziell fr die Jugend, nur noch Fr die jungen Herzen,
war von Beginn an ein groer kommerzieller Erfolg. Die Zeitschrift hatte mit den
ersten Heften eine Au

age von 30.000, die sich gegen Ende des Jahrzehnts auf
500.000 pro Ausgabe steigerte (s. Maase 2005a, S. 13).
Bravo verkaufte Stars, machte damit Werbung fr Schallplatten und diverse
Merchandising-Produkte, gab (fr Mdchen) Schmink-, Schnheits- und Dit-
622 Die fnfziger Jahre
tipps, trug so zu einer Verfestigung von Rollenbildern bei und propagierte durch
Inserate und Vorbilder eine konsumorientierte Jugendkultur.
Die Rollenbilder in der Zeitschrift entsprachen zwar dem allgemeinen Ver-
stndnis der Zeit, doch zeigten sich hier schon Au

ockerungen, was ein stark
konservatives Bild vor allem von Weiblichkeit betrifft. So prsentierte Bravo
Frauen, die einerseits zu neuen Ufern aufbrechen, indem sie selbstbewusst ihrer
Arbeit nachgehen, andererseits aber noch sehr dem traditionellen Rollenbild ent-
sprechen. (Nieland 2006, S. 82)
Das Spektrum von Weiblichkeitsbildern, das Bravo in den Fnfzigern prsen-
eine klare Einteilung von starken Mnnern und schwachen, aber verfhrerischen
Frauen, wobei Sexualitt noch nicht direkt angesprochen oder thematisiert wurde:
Wenn Mitte der 50er Jahre Auerirdische den Versuch unternommen htten, sich
anhand der Fotos und Schlagzeilen in den ersten BRAVO-Jahrgngen ein Bild von
den auf der Erde vorkommenden zwei Geschlechtern zu machen, dann wre ihr
erster Eindruck gewesen: Frauen rkeln sich auf Schaukeln, winden sich um Seile
und schrzen ihre Rcke, Mnner schlagen sich, erobern Weltreiche, wissen zu viel
und werden erstochen. Das Thema Sexualitt war in dieser Zeit etwas, was weder
sachlich noch genussvoll medial erarbeitet wurde ... Im Allgemeinen mussten die
Menschen jedoch, was Details sexueller Handlungen anbelangte, noch ihre eigene
Fantasie bemhen. (Freund 2005, S. 69)
Ein tendenziell konservatives Bild der Geschlechter und ein Schweigen ber se-
xuelle Details lagen dabei durchaus im Trend der Zeit, was sich auch an der Ru-
brik Rat in Liebesdingen der ersten Jahre in Bravo zeigt. Die Aufklrung zur
Sexualitt kam erst auch dem Zeitgeist folgend in den 60er Jahren, beginnend
mit dem Knigge fr Verliebte. Die eher brave Richtung der Teenager-Kultur, die
schrift. So waren noch 1959 bei den Frauen Ruth Leuwerik, Romy Schneider und
Sabine Sinjen uerst populr, bei den Mnnern O. W. Fischer, Peter Kraus und
Hardy Krger (s. Hoersch 2006, S. 53).
An Bravo zeigt sich die Ambivalenz jugendkultureller Produkte: Zum einen
propagierte Bravo ein relativ konservatives Verstndnis von Geschlechterrollen
und trug zur Verbreitung einer konsumorientierten Jugendkultur bei.
Zum anderen enthlt Bravo durchaus emanzipatorische Elemente. Hier ist vor
allem der Umgang der Zeitschrift mit Militarismus und Konservatismus, der in
zogen wurde:
63
2.5 Skeptische Generation, Existentialismus und Teenager-Kultur
Von der ersten Ausgabe bis etwa Mitte 1958 fand sich durchschnittlich in jedem
dritten oder vierten Heft ein Kommentar mit antimilitrischer oder antimilitaris-
tischer Tendenz. Gegenstand von Kritik oder Spott waren Waffen(kufe), Komiss-
kppe, Schieer, Of

ziere, Uniformen, der Spieߑ, Verteidigungsminister Strau,
Atombomben(versuche), Kriegs

lme. (Maase 2005a, S. 18)
Auch die Ratgeberrubrik in Liebesdingen war fr die damalige Zeit, in der Ju-
gendliche kaum Gelegenheit hatten, ihre Fragen, Sorgen und Nte mit anderen
Erwachsenen zu besprechen, ein Fortschritt. Hier gab es zumindest eine Anlauf-
stelle, deren Existenz signalisierte, dass man Probleme und Fragen der Liebe the-
matisieren kann und darf.
Bravo ist somit das Magazin fr die neu aufkommende Teenager-Kultur:
freundlich und modern, ohne zu rebellisch zu sein, und vor allem konsumfreudig,
wie es dem neuen Jugendtyp entspricht. Dieser muss sich allerdings gegen die
Welt der Erwachsenen behaupten, um jugendgeme Musik, Filme, Kleidung
konsumieren zu knnen.
Der Teenager, jung, lebensfroh und hedonistisch, ist ein anderes Leitbild als der
asketische,

eiige und gepanzerte Mensch, dem es kaum erlaubt war, Freude und
Spa auszudrcken; der Teenager verkrpert im Gegensatz dazu Jugendlichkeit,
Dynamik und Offenheit.
Der zentrale Gegensatz zwischen der neu aufkommenden Jugendkultur der
50er Jahre und dem gesellschaftlich vorherrschenden Bild, insbesondere von
Mnnlichkeit, kann mit Maase als das Gegensatzpaar von lssig und zackig
beschrieben werden (s. Maase 1999); beide Begriffe bezeichnen dabei sowohl eine
grundstzliche Haltung als auch eine unmittelbar wahrnehmbare Krperhaltung.
Als lssig galten Eigenschaften wie locker, rund, geschmeidig, dazu ein
schlendernder und schlurfender Gang. Diesem gegenber stand zackig, was
durch stramm, eckig, hart und einem marschierenden Gang charakterisiert war.
Der mnnliche Habitus des Lssigen verkrperte dabei Individualitt, einen
nicht geformten und eher genieenden und lockeren Krper, der lustvoll tanzt statt
zu marschieren, der eher

irtet statt be

ehlt, in Kontrast zum zackigen, harten,
gedrillten und gepanzerten Krper, der Befehle empfngt und ausfhrt, wie es fr
das Militr typisch ist. Es handelte sich um eine (mnnliche) Krperpraxis, die
eine Tendenz hin zu einem eher zivilisierten Umgang signalisierte. Fr diejenigen
deutschen Mnner, deren Krper vor allem im Militr, aber auch in der Berufswelt
geformt wurde, musste dieser lssige Habitus als Provokation erscheinen: zum
einen als verweiblicht, weil nicht hart und schneidig, und zum anderen als
rebellisch, weil er durch seine Haltung eine Weigerung zur Unterordnung signali-
642 Die fnfziger Jahre
Als Pendant dazu die Mdchen, die nicht mehr nur brav oder zurckhaltend,
sondern eher

ott, mit Petticoat und Pferdeschwanz auftraten. Im Rahmen der
Teenager-Kultur war es ihnen erlaubt, Lebensfreude auszustrahlen und zumindest
in Anstzen eine Jugend jenseits der traditionellen Vorschriften zu leben, die es
ihnen ermglichte, den ansonsten streng kontrollierten weiblichen Krper zu ge-
nieen und Kontakte zum anderen Geschlecht aufzubauen.
Auch wenn Lindner (s. Lindner 1986, S. 282) schreibt, dass die Teenager-Kultur
fr die Mdchen neben den drei traditionellen K (Kinder, Kche, Kirche) noch das
vierte K, nmlich den Konsum, gebracht habe, knnen hier doch auch Anstze zu
einer Modernisierung von Weiblichkeit gesehen werden.
Das typische Teenager-Mdchen legte zu Hause Platten auf und schwrmte von
himmelnden Rolle. Doch zeigen sich auch im Bild der Teenager-Mdchen Tenden-
zen, die klassischen Rollenvorschriften aufzuweichen. Bei den Idolen in Bravo ist
und angepasst ist, sondern auch modern und relativ selbstbewusst, eine

ottere
Variante von Weiblichkeit, die die Mdchen in den Fnfzigern gegenber ihren in
dass die klassischen Bilder des zackigen Jungen und des braven Mdchens als
vorherrschende Rollenmuster an Bedeutung verloren haben.
2.6 Die Halbstarken
len der Bevlkerung erfuhr, stie die Jugendkultur der Halbstarken meist auf hef-
tige ablehnende Reaktionen von Seiten der Erwachsenen und der ffentlichkeit.
Das Wort Halbstarker stammt aus dem 19. Jahrhundert und war eine Bezeich-
nung fr vor allem mnnliche Jugendliche aus unteren sozialen Schichten, die, da
sie nicht mehr schulp

ichtig waren und auch keine Arbeit hatten, herumlungerten
und denen kriminelles Verhalten nachgesagt wurde.
Die Halbstarken waren die hrtere und unangepasstere Version der Teenager-
Kultur, wobei es zwischen beiden mehr oder weniger feine Unterschiede gab:
65
2.6 Die Halbstarken
...: fr Halbstarke waren Bill Haley und Elvis Presley, fr Teenager Conny Fro-
boess und Peter Krauss. Fr Halbstarke war Auer Rand und Band, fr Teenager
Wenn die Conny mit dem Peter. Fr Halbstarke waren Lederjacken (mnnlich)
und hautenger Pulli (weiblich), fr Teenager Peter Krauss-Coll und der Conny-
Teen. Fr Halbstarke waren Spielhalle und Rummelplatz; fr Teenager Eisdiele
und Tanz-Cafe. (Lindner 1986, S. 283)
Beide Jugendkulturen teilten die Begeisterung fr die aus den USA importierten
Angebote der Kulturindustrie: Im Zentrum der Halbstarkenkultur stand der Rock

n

Roll als Musik, Tanzstil und als allgemeines Lebensgefhl. Rock

n

Roll, eine
Mischung aus Rythm and Blues und Country and Western, war ursprnglich die
Musik der unterdrckten schwarzen Bevlkerung in den USA, wurde allerdings
von dieser Tradition musikalisch und textlich zunehmend gereinigt und weich-
gesplt, um als massenkompatibles Produkt schlielich ab Mitte der Fnfzi-
ger in den Vereinigten Staaten zu einem groen kommerziellen Erfolg zu werden.
teilweise unverhohlenen sexuellen Anspielungen abzuschwchen, oder dass z. B.
Elvis Presley in der Anfangszeit bei TV-Auftritten nur bis zur Hfte gezeigt wer-
den durfte, weil sein Hftschwung als sexuell zu anstig empfunden wurde.
Im Mittelpunkt standen vor allem mnnliche und weie Protagonisten wie Bill
Haley, Elvis Presley, Eddie Cochrane, Buddy Holly. Der Begriff Rock and Roll
zu Deutsch Schaukeln und Wlzen ist ein Slang-Ausdruck, der in bertrage-

n

Roll durch
seinen Rhythmus und seinen Tanzstil immer auch sexuelle Anspielungen, wie der
Rockmusiker Eric Burdon betont:
Sex ist Rock and Roll. Rock and Roll Musik ist eine sexuelle Ausdruckform
Sexualitt drckt sich musikalisch aus. Die sexuelle Begegnung setzt bestimmte
Grundelemente voraus das Mnnliche, das Weibliche, die Liebe, den Hass oder
ein Drittes (...); auf bertragene Weise zeigen sich diese Grundelemente im Rock
and Roll. (Burdon 1979, S. 224)
Von konservativer Seite wurde dieser Zusammenhang genauso gesehen. Im Her-
kunftsland des Rock

n

Roll, den USA, wurde vor allem in kirchlich-konservati-
ven Kreisen vor einer Gefahr der Sexualisierung der Jugend gewarnt:
662 Die fnfziger Jahre
Der Rock

n

Roll ent

ammt und erregt die Jugend wie Dschungeltrommeln, die
Krieger zum Kampf aufrufen und vorbereiten. Ein falsches Wort, ein Missverstnd-
nis, und alles geht in Flammen auf. Die zweideutigen Texte dieser Musik sind An-
gelegenheit der Gerichte und der Polizei. (Zit. n. Compart 2013, S. 3)
Nicht nur die Sexualitt der Jugend, sondern damit verbunden ganz allgemein
die Wertorientierungen von Heranwachsenden wurden durch die neue Musik als
gefhrdet angesehen:
Hinzu kamen die professionellen Bedenkentrger und Daueraufreger aus den
verschiedenen politischen Lagern, die den Anstieg der Jugendkriminalitt, Frh-
Schwangerschaften und allgemeinen Werteverfall mit der Musikbegeisterung von
Teenagern ( ) in Zusammenhang brachten. Senator McCarthy sah die fnfte
Kolonne Moskaus am Werk (), wo wiederum die gleiche Musik als kulturelle In-
vasion des amerikanischen Imperialismus () verunglimpft wurde. (Wicke 2011,
S. 21)
In der Bundesrepublik der Fnfziger wirkte die neue Art der Musik ebenfalls
schockierend. Hier waren im Mainstream noch brave Schlager mit ebenso braven
Texten angesagt, und wenn getanzt wurde, dann im Paar von Frau und Mann und
das nach vorgegebenen Schritten und Bewegungen. Der Rock

n

Roll hingegen
betonte wesentlich strker den Rhythmus und den individuellen, sexuellen Krper,
was fr den lteren Teil der Bevlkerung schockierend wirkte, weil es in ihren
Augen gegen Anstand und Sitte verstie:
Eltern und Erzieher, Lehrherren und ltere Kollegen reagierten ablehnend, ja
aggressiv auf die Begeisterung Jugendlicher fr sogenannte Urwaldmusik und
Langhaarfrisuren (Elvistolle), fr krperbetonte Tnze und Stars ... (Maase
2005b, S. 28)
Der Rock

n

Roll und die Halbstarken wirkten auf die VertreterInnen der alten
Ordnung provokant, irritierend und gefhrlich. Diese sahen sich in ihren Vor-
stellungen von Musik und Tanz, ihrer nationalen und kulturellen Identitt durch
und der Kontrolle ber die Jugend. Weit ber die Bezeichnung fr einen Musikstil
hinaus wurde der Begriff Rock

n

Roll zu einem Synonym fr eine wilde, unan-
gepasste und rebellische Lebensweise.
Die Wildheit des Rock

n

Roll und die nicht weniger schockierend da-
mit verbundenen sexuellen Anspielungen wurden vor allem bei den Auftritten
von Elvis Presley deutlich, wenn Elvis the Pelvis das Becken kreisen lie und
67
2.6 Die Halbstarken
damit eindeutige Bewegungen vorfhrte, die dem Geschlechtsverkehr hnelten;
sexualisierter Krper als Objekt der Begierde. Seine Tanzbewegungen ahmten die
Halbstarken nach, Rock

n

Roll wurde von ihnen individuell und krperbetont
getanzt, ihr Krper war ein wilder, ungezhmter und individueller Krper, der sich
Die Begeisterung fr den neuen Musikstil fhrte zu teils heftigen Auseinander-
ltere Generation zu provozieren, wobei allerdings im Sinne der Gep

ogenheiten
Das

ng halt schon zu Hause mit dem Theater an, wenn da Bill Haley im Radio
war ..., dann war ich aus dem Huschen ... dann konnte ich nicht stille sitzen ... und
dann kriegte ich erst links und rechts ein paar um die Ohren, und dann wurde das
Radio ausgedreht ... Ja, und dann wurde ich ein bisschen unruhig, ich nehme an,
aus lauter Opposition meinem Vater gegenber. (Zit. n. Maase 2005b, S. 27)
In den fnfziger Jahren wirkte ein mnnlicher Jugendlicher mit grinsendem Ge-
sicht und Zigarette im Mundwinkel, lssig an eine Mauer gelehnt, die Hnde im
Bund der Jeanshose verhakt, auf Erwachsene subversiv und provokant.
Der Kleidungsstil der Halbstarken bestand bei den Mdchen und jungen Frau-
en aus Petticoats, weiten Rcken oder engen Hosen, die damals fr anstndige
Mdchen verpnt waren; die Frisur war zumeist ein Pferdeschwanz, zudem wur-
den Lidstrich und Lippenstift benutzt. Die Jungen und jungen Mnner orientierten
sich an ihren Idolen, trugen Jeans, meist schwarz und eng, Lederjacken, farbige
Hemden oder Pullover mit auffallenden Mustern, spitze schwarze Schuhe, als Fri-
sur war die Elvis-Tolle angesagt, bei der die Haare nach hinten gekmmt wur-
den. Schon die Aufmachung der Halbstarken signalisierte durch Petticoat oder
Mdchen wie Jungen unterstrich. Insbesondere die bevorzugt getragenen Jeans
stellten einen Versto gegen die herrschende Vorstellung von ordentlicher Klei-
dung bei Mdchen wie Jungen dar, Jeans galten bis dahin lediglich als Hosen, die
Der Rock

n

Roll drckte das Bedrfnis Jugendlicher aus, sich den beklem-
menden, korrekten und ordnungsliebenden 50er Jahren entgegenzustellen, dem
erdrckenden und autoritren Alttag zu ent

iehen, was in der of

ziellen Politik
uerte sich Walter Ulbricht, der Staatsratschef der DDR:
682 Die fnfziger Jahre
Dieser Lrm ist nichts als Ausdruck der Hemmungslosigkeit; er spiegelt die an-
archistischen Verhltnisse der kapitalistischen Gesellschaft wider. Ein System, das
am Absterben, am Verfaulen ist, bringt solche Ausschreitungen hervor. Es kann sich
nicht darum handeln, diese Jugendlichen zu kritisieren, es geht vielmehr darum, die
Verantwortlichen zu verurteilen ... (Zit. n. Farin 2001, S. 50)
Der DDR-Verteidigungsminister Willy Stoph ergnzte:
Der Rock

n

Roll ist ein Verfhrungsmittel, um die Jugend reif zu machen fr den
Nato-Atomkrieg. (Zit. n. Farin 2001, S. 50)
Die christliche Zeitung Rheinischer Merkur beklagte anlsslich eines Konzertes
Papstwahl einen Feldzug wider die letzten Reste von Anstand und Selbstachtung
unternommen habe. (s. Farin 2001, S. 49)
Bei allen sonstigen Gegenstzen zwischen Vertretern der sozialistischen DDR
und der katholischen Kirche waren sich diese in gewissen Punkten einig: Hem-
mungslosigkeit und Triebentfesselung wirkten bengstigend und provozierend; der
Krper, die Lebensfreude und auch die Aggressivitt, die sich in der Jugendkultur
der Halbstarken zeigte, war weder ein Krper, der sich in die Jugendorganisationen
der SED mit ihren organisierten Massenaufmrschen noch in die katholische Kir-
che mit ihren streng regulierten Ritualen eingliedern lie, es war ein rebellischer,
lustbetonter, individueller und sexualisierter Krper.
Die Zitate der Politiker und des Journalisten beziehen sich dabei auf die so-
genannten Halbstarken-Krawalle, bei denen es Mitte bis Ende der Fnfziger, zu-
meist im Zusammenhang mit Rock

n

Roll-Konzerten oder Filmvorfhrungen, zu
des Films Rock around the clock (der deutsche Titel: Auer Rand und Band):
In Bremen rissen sich im November 1956 Jugendliche bei der Auffhrung die Klei-
der von Leib und gerieten in einen Begeisterungstaumel, anschlieend zogen ca.
500 Jugendliche durch die Stadt und lieferten sich mit der Polizei Straenschlach-
ten. Im Dezember des gleichen Jahres setzte die Polizei in Kontext des Bill-Haley-
Films eine Woche lang in Dortmund Wasserwerfer gegen 3000 bis 4000 Jugend-
liche ein. (Hickethier 2003, S. 15)
Es war dabei keineswegs die Intention der Musiker, Jugendliche zu gewaltttigen
Ausschreitungen anzustiften, wie es Bill Ramsey bei einem Konzert von Bill Ha-
ley beobachtete:
69
2.6 Die Halbstarken
... da Bill Haley nichts damit zu tun hatte, kann ich als Eywitness, als Zeuge, sa-
gen. Er hatte nicht einmal anderthalb Titel gespielt, dann kamen die Leute auf die
Bhne. Die haben nur auf ihn gewartet und gesagt: Jetzt machen wir Remmidemmi.
Diese Leute haben die Bageige kaputtgemacht und einen Konzert-Steinway-Flgel
zerschlagen. Es war wirklich ganz schlimm. (Zit. n. Bloemeke 1999, S. 47)
Die Krawalle der Halbstarken waren nicht in dem Sinne politisch, dass konkrete
Forderungen erhoben wurden; sie waren auch nicht geplant, sondern entstanden
spontan, sie waren ein Ventil, mit dem sich Jugendliche gegen die von ihnen als
beengend empfundenen Verhltnisse au

ehnten, was auch fr Ratlosigkeit sorgte:
Fr einen halbwegs vernnftigen Menschen ist der Krawall um diesen gehalt-
losen amerikanischen Musik-Rabatz ebenso unverstndlich, wie den entfesselten
Halbwchsigen selbst das Motiv ihrer blindwtigen Zerstrungswut und kindischen
Provokation unklar sein drfte. In London und Duisburg haben die es ja auch ge-
macht, war die Kurzschlusslogik von vier Burschen, die jemand nach dem Grund
ihres verstandlosen Tuns fragte. (WAZ vom 13.12.1956, zit. n. Krger 1986b, S. 271)
Der Unterschied zwischen der Teenager-Kultur und der hrteren Jugendkultur der
zu krasse Provokation, sie bevorzugte den braven Teenager als Leitbild. Die Halb-
starken hingegen waren die deutlich radikalere Variante, was Peter Kraus als Lieb-
ling der Teenager-Kultur dazu veranlasste, sich von den Krawallen zu distanzieren
und die gewaltttigen Auswchse zu kritisieren:
Aber von Rhythmus im Blut bis zu ekelhaften Balgereien, zertrmmerten Sthlen
und Polizei-Alarm ist ein weiter Weg. Ein Weg, den alle Rock

n

Roll-Fans lieber
links liegen lassen sollten ... Weil wir Jungen eine andere Musik lieben als die l-
tere Generation, werden wir von manchen Leuten scheel betrachtet. Das ist nicht
schlimm. Schlimm ist aber, wenn einige wenige uns alle in ein falsches Licht rcken.
Rock

n

Roll ist Freude, aber nicht Krawall und Zerstrung. Verget das nie! (Zit.
n. Lindner 1986, S. 283)
Neben der Rock-and-Roll-Musik besaen fr die Jugendkultur der Halbstarken
noch verschiedene Filme berwiegend auch aus den USA stammend eine be-
sondere Bedeutung. Die Filme der Musiker Bill Haley Auer Rand und Band
(1956), Elvis Presley Rhythmus hinter Gittern (1957), aber auch Marlon Brandos
Der Wilde (1952), James Dean mit ... denn sie wissen nicht, was sie tun (1952)
und der Deutsche Horst Buchholz mit Die Halbstarken (1956) demonstrierten
ein neues Bild junger und rebellischer Mnnlichkeit, das auf einen Teil der (mnn-
702 Die fnfziger Jahre
lichen) Jugend groe Faszination ausbte. Die Protagonisten bezeichnenderwei-
se alle mnnlich und mit weier Hautfarbe demonstrierten hier entweder ihre
Begeisterung fr Rockmusik oder spielten mnnliche Underdogs, die in Kon

ikt
fr die bundesdeutsche Jugend in den autoritren und lustfeindlichen 50er Jahren.
Die grundstzliche oppositionelle und rebellische Haltung der Halbstarken
kommt in einer Filmszene in The wild one mit Marlon Brando zum Ausdruck:
Brando spielt den Halbstarken Johnny, der in einer Gaststtte in lssiger Pose an
der Musikbox lehnt und von einem Mdchen gefragt wird:
Johnny, wogegen rebellierst du eigentlich?, worauf Johnny antwortet: Was hast
du anzubieten?
Das Phnomen der Halbstarken ist eng verbunden mit dem Geschlecht und der
sozialen Herkunft dieser Jugendkultur. So waren bei den verschiedenen gewalt-
samen Ausschreitungen, den Halbstarkenkrawallen, in erster Linie mnnliche
Jugendliche aus der Arbeiterklasse vertreten (s. Peters 2005, S. 35); Jugendliche
aus der Mittelschicht lehnten den Rock

n Roll eher ab:
Mittelschichtsjugendliche bernahmen das Urteil ihrer Eltern und Lehrer, dass
dieser Rock

n

Roll doch wohl eher wertloser Lrm sei. Bestenfalls wurde eine Be-
geisterung fr Jazz zugelassen, der sich in seiner musikalischen Qualitt und seiner
Virtuositt ja noch immer von dem Rock

n

Roll-Klamauk abhebt. (Zimmermann
1995, S. 111)
Auch wenn die Texte der englischsprachigen Songs nur wenig verstanden wur-
den, war doch die Botschaft deutlich. Kurze und prgnante Songs mit eingngigen
drckte Gefhle unmittelbar ausdrcken und musste zudem nicht im Tanzschulen,
die zugleich Benimmregeln vermittelten, eingebt werden.
Hinzu kam, dass vor allem die arbeitenden Jugendlichen der 50er Jahre ber
die

nanziellen Mittel verfgten, sich die Konsumartikel der neuen Jugendkul-
tur zu leisten; neben den Platten und der Kleidung erlangten hierbei Mopeds und
Motorrder eine groe Bedeutung. Auf diesen konnten die Halbstarken teilwei-
se organisiert in Moped- und Motorradgangs ihr Bedrfnis nach Freiheit und
Grenzberschreitungen ausleben und die Erwachsenen durch riskante und hals-
brecherische Fahrmanver provozieren. Sie konnten sich zudem in einer Grup-
pe Gleichgesinnter mchtig fhlen und die Erfahrungen ihrer zumeist eintnigen
71
2.6 Die Halbstarken
und anstrengenden Arbeit kompensieren. Diese Aktionen der Halbstarken waren
raumgreifend, sie ignorierten mit Absicht Regeln und Konventionen. Sie waren
wie der mnnliche Teenager auch lssig, aber ihre Art der Lssigkeit hatte
Die Kultur der Halbstarken war in erster Linie eine mnnliche Kultur, eine
der Kulturindustrie. Dies zeigt sich nicht zuletzt an den Bezeichnungen fr die
Mdchen und jungen Frauen innerhalb dieser Cliquen, die als Moped-Brute,
schmckendes Beiwerk, als der Stolz ihrer mnnlichen Freunde und als Bewunde-
rinnen der mnnlichen Inszenierungen der Halbstarken. Fr die Mdchen und jun-
gen Frauen in den Halbstarken-Cliquen ergaben sich dementsprechend erweiterte
Spielrume, ihr Bedrfnis nach Wildheit, Krperlichkeit, Spa und auch Sexuali-
tt auszuleben. Allerdings geschah dies vor dem Hintergrund eines konservativen
gesellschaftlichen Bildes von Weiblichkeit, das Mdchen diese Freiheiten nicht
zugestand. Insofern liefen sie immer auch Gefahr, als leichtes Mdchen abge-
stempelt zu werden, das fr ein kleines Abenteuer zu haben ist. Die mnnliche
Dominanz bei den Halbstarken fhrte dazu, dass Sexualitt auf kurze mnnliche
Triebbefriedigung reduziert wurde, Bedrfnisse von Frauen und Mdchen wurden
kaum bercksichtigt, wie sich ein Zeitzeuge erinnert:
..., da haben wir uns immer draufgeschwungen und einen abgerattert, in den un-
mglichsten Lagen; aber, das richtig mit Gefhl, die Frau zu stimulieren, das war
nicht drin. Vgeln und danach

runterfallen wie

n Toter. Das war alles. (Zit. n.
Kuhnert 1990, S. 27)
Frauen und Mdchen waren vor allem zum Vergngen da, letztendlich dominierte
also bei den mnnlichen Halbstarken ein traditionelles Frauenbild, das zwischen
einer Frau fr sexuelle Abenteuer und einer Frau zum Heiraten unterschied:
Das Mdchen, das ein Halbstarker mal zu heiraten beabsichtigte, sollte ein bra-
ves Mdchen sein, eine freundliche und sanfte Jungfrau, die ihm erlauben wrde,
die heroische Rolle des Familienoberhauptes zu spielen, ein Mdchen, das mnnli-
chen Schutzes bedurfte und als Baby gehalten werden konnte. (Fischer-Kowalski
1995, S. 65)
Anknpfen konnte diese Jugendkultur neben der mnnlichen Dominanz an die
in ihrer sozialen Herkunft herrschenden Vorstellungen von Solidaritt und Hie-
722 Die fnfziger Jahre
der Gruppe aus, die auf einer relativ starren, wenn auch informellen Hierarchie
beruhte, wie es ein Halbstarker in der Rckschau beschreibt:
Schriftlich festgelegte Satzungen hatten wir nicht. Aber natrlich war da

ne Ord-
nung. Da war zuerst der Bandenfhrer, der Huptling, der hatte immer recht. Da-
nach kam gar nichts und dann kam der Stellvertreter. (Zit. n. Krger 1986b, S. 272)
Hier zeigen sich typische Elemente traditioneller Mnnlichkeit: Eine kritiklose
Ein- und Unterordnung in Hierarchien nach innen bei gleichzeitigen kollekti-
ven Regelversten, aggressivem Auftreten und raumgreifendem Verhalten nach
auen.
Obwohl sich der geringste Teil der Jugend in den 50er Jahren als Halbstarke
bezeichnen lsst, sorgten diese durch ihren Musikkonsum, Tanzstil, ihr provokan-
tes Auftreten und nicht zuletzt durch Krawalle fr betrchtliches Aufsehen. Inso-
fern waren die Halbstarken durchaus eine rebellische Kultur, vor allem, was ihren
offenen Umgang mit Sexualitt und Krperlichkeit betrifft. Es war allerdings eher
eine Rebellion des Alltags und des Krpers, die weder politische Forderungen er-
hob noch eine umfassende Gegenkultur anstrebte.
Ihre Kultur war eine Konsumkultur, zu der man Schallplatten, Mopeds und Le-
derjacken bentigte, um anerkannt zu werden. Durch die Akzeptanz der internen
Hierarchien und ihr Bild von Frauen und Mdchen waren sie in vielen Punkten
konservativ. Es ging bei ihnen vor allem um das Recht auf Spa, sich auszule-
mnnlichen Dominanz.
Mit ihrer betont mnnlichen und aggressiven Inszenierung in schwarzen Leder-
jacken, ihrer Begeisterung fr Mopeds und Motorrder und ihren musikalischen
Vorlieben sind die Halbstarken ein Vorlufer der spteren Rocker.
3
Die sechziger Jahre
3.1 Das Ende der ra Adenauer und der Aufstand
der Bildungseliten
konomisch ist mit Beginn der 60er Jahre in der Bundesrepublik die Nachkriegs-
und steigenden Wohlstand der Bevlkerung aus.
Nach den schweren Jahren der unmittelbaren Nachkriegszeit setzte sich zuneh-
mend ein Konsummuster durch, in dem nicht nur das Notwendige, sondern auch
Luxusgter gekauft wurden:
berall war mit der Verbesserung der materiellen Lebensumstnde eine Aufhel-
lung der dsteren, ngstlichen Atmosphre der frhen 50er Jahre zu spren. Die
nun angebrochenen fetten Jahre mit steigendem Einkommen, Vollbeschftigung
und krzerer Arbeitszeit schufen die Basis fr ein neues Konsummodell und zugeh-
rige, sich rasch verbreitende moderne Lebensstile. (Schildt/Siegfried 2009, S. 179)
Der Konsum erleichterte das alltgliche Leben und hatte zudem noch den Effekt,
Khlschranks als erfolgreich, wohlhabend und modern darzustellen:
P. Rttgers,
Von RocknRoll bis Hip-Hop,
DOI 10.1007/978-3-658-10846-5_3,
Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
743 Die sechziger Jahre
Vor allem sparte man auf einen Khlschrank, der in den Anschaffungswnschen
noch vor der Waschmaschine rangierte und neben dem Nutzwert auch eine hohe
symbolische Bedeutung hatte. Er stand fr Luxus, Modernitt und sozialen Status.
(Angster 2012, S. 23)
Die enorme wirtschaftliche Dynamik der Bundesrepublik in den 60er Jahren ver-
deutlicht die Tatsache, dass der Index der Industrieproduktion 1960 noch 90,7
betrug und am Ende des Jahrzehnts, 1969, auf 147,7 anstieg; der Auenhandel
erhhte sich im gleichen Zeitraum von 42 auf 97 Milliarden DM, von 1962 bis
1970 stieg die Zahl der zugelassenen PKW von 5,9 Millionen auf 12,9 Millionen
(s. Deuerlein 1972, S. 208f).
Militrisch und politisch war die Bundesrepublik mit der Mitgliedschaft in
NATO und EWG fest in den Westen integriert, durch den Bau der Berliner Mauer
1961 war zudem die Teilung Deutschlands festgeschrieben.
nauer, seit 1949 Kanzler der Bundesrepublik Deutschland und die zentrale Fi-
gur der westdeutschen Nachkriegsgeschichte, trat nach 14 Jahren Kanzlerschaft
zurck, sein Nachfolger wurde Ludwig Erhard, der bis 1966 Kanzler blieb. Mit
der Groen Koalition unter Kurt Georg Kiesinger (19661969) war erstmals die
Sozialdemokratie an einer Bundesregierung beteiligt, bis schlielich am Ende
des Jahrzehnts, 1969, die erste sozialliberale Koalition mit Bundeskanzler Willy
Brandt die Regierung stellte.
Im Vergleich zur Kontinuitt in den 50er Jahren waren die 60er, vor allem ab
Mitte des Jahrzehnts, von einer Atmosphre des politischen Aufbruchs bestimmt.
Dieser Aufbruch kam insbesondere in der Person des ersten sozialdemokratischen
Bundeskanzlers Willy Brandt zum Ausdruck. Brandt, der ursprnglich Herbert
Frahm hie, wurde 1913 als uneheliches Kind geboren, emigrierte aus politischen
Grnden whrend der Zeit des deutschen Faschismus nach Norwegen, war aktiv
im Widerstand gegen den Nationalsozialismus und berzeugter Sozialist. Allein
diese Merkmale seiner Biographie, die mit einigen Tabus der Nachkriegszeit bre-
chen, machen den Wechsel in der politischen Landschaft im Westdeutschland der
60er Jahre deutlich.
symbolischer Akt, der einen anderen Umgang mit der deutschen Vergangenheit
demonstrierte, vor allem vor dem Hintergrund, dass zahlreiche Alt-Nazis weiter-
hin in politischen mtern saen. Diese Geste, die Respekt und Demut vor den
Opfern des Faschismus ausdrckte, stie bei Teilen der Presse und der Politik auf
scharfe Kritik, was ein bezeichnendes Bild auf das politische Klima auch noch
Ende der sechziger Jahre in der Bundesrepublik wirft:
75
3.1 Das Ende der ra Adenauer und der Aufstand der Bildungseliten
Dem Kanzler wurde der Vorwurf der nationalen Unzuverlssigkeit, des Verrats
an deutschen Interessen gemacht, von den ffentlichen Schmhungen und Mord-
drohungen gegen Willy Brandt als Person ganz zu schweigen. (Angster 2012, S. 56)
In der politischen Aufbruchstimmung ab Mitte der 60er Jahre konnte Brandt als
Kanzlerkandidat der SPD die Stimmen zahlreicher Linker, Intellektueller und vor
allem jngerer Menschen auf sich ziehen, die nach Adenauer und der CDU-Herr-
schaft einen politischen Wechsel herbeisehnten. Es war sein Wahlslogan Mehr
Demokratie wagen, der die Hoffnung weckte, an die Stelle der autoritren und von
gern zu ermglichen und mehr Gestaltungsspielraum in verschiedenen politischen
Feldern zu erhalten. Hinzu kam seine Entspannungspolitik, die an die Stelle der
stand fr demokratische statt autoritre Strukturen und Transparenz der politi-
schen Entscheidungen, wie er es in seiner Regierungserklrung 1969 formulierte:
Wir wollen mehr Demokratie wagen. Wir werden unsere Arbeitsweise ffnen und
dem kritischen Bedrfnis nach Information Genge tun. Wir werden darauf hinwir-
ken, da durch Anhrungen im Bundestag, durch stndige Fhlungnahme mit den
reprsentativen Gruppen unseres Volkes und durch eine umfassende Unterrichtung
ber die Regierungspolitik jeder Brger die Mglichkeit erhlt, an der Reform von
Staat und Gesellschaft mitzuwirken ... (Zit. n. Angster 2012, S. 50)
Aufgrund seiner Biographie und seiner politischen Haltung sah sich Brandt zahl-
sei es als Vaterlandsverrter, weil er im Zweiten Weltkrieg nicht fr die deutsche
Wehrmacht kmpfte, als Verzichtspolitiker, weil er die Ergebnisse des Zweiten
Weltkrieges mit ihrer territorialen Neuaufteilung nicht in Frage stellte oder auf
Grund der Tatsache, dass er unehelich geboren wurde und ohne Vater aufwuchs;
auch Ende der sechziger Jahre gab es in der Bundesrepublik noch starke konser-
vative Krfte, die sich nicht mit dem Ende der CDU-Herrschaft ab

nden wollten.
Neben der Entwicklung in der of

ziellen Politik, die durch Wahlen, Parlamente
und Regierungen bestimmt wird und sich in Westdeutschland hinsichtlich einer
demokratischen ffnung entwickelte, war in den 60er Jahren die Politik auf der
Strae, auerhalb der Parlamente und Ministerien, die sich in Demonstrationen,
Streiks und anderen Formen der politischen Aktion uerte, von mindestens ge-
nauso groer Bedeutung. Bereits zu Beginn der 60er Jahre sorgte die Subversive
763 Die sechziger Jahre
... mehrten sich um 1960 die Anzeichen, dass sich in der jngeren Generation ein
Protestpotenzial angesammelt hatte. Schon gegen Ende der fnfziger Jahre hatte es
Halbstarkenkrawalle in der Arbeiterjugend gegeben. Nun sprang der Funke auf
die Gymnasiasten und Studenten ber. 1962 kam es in Mnchen zu Unruhen. Die
von Dieter Kunzelmann und seiner Subversiven Aktion organisierten Schwabin-
ger Krawalle hatten keine konkrete Utopie, sondern waren als Provokation ge-
dacht, als inszeniertes sthetisch-politisches Happening. (Angster 2012, S. 62)
Irritation zu erzeugen und Verwirrung zu stiften; auf diese Weise sollten Herr-
schaftsstrukturen und Normvorstellungen der autoritr geprgten Bundesrepublik
der 60er Jahre ins Lcherliche gezogen werden. Es war in erster Linie die Protest-
bewegung junger Menschen, und hier vor allem der Studierenden, die sich hier
artikulierte. Dabei handelte es sich nicht um eine (west)deutsche Spezialitt, die
Proteste waren Bestandteil einer fast weltweiten Bewegung, die ihren Ursprung in
den USA hatte:
Dort nmlich, im Herzland des modernen Kapitalismus, brach sich jener Typus
radikaler Systemkritik, der nicht aus der Parteinahme fr den real existierenden
Kommunismus schpfte, am frhesten und in besonders eindrucksvoller Weise
Bahn: im Eintreten fr ungeteilte Brgerrechte, fr umfassende politische Parti-
zipation und fr die konkrete Utopie einer neuen Gesellschaft. (Frei 2008, S. 31)
Die Bewegung fr die unterdrckte schwarze Bevlkerung der USA, fr das Recht
auf freie Meinungsuerung und gegen das militrische Eingreifen von US-Trup-
geblichen Organisationen das Civil Rights Movement, die Students for a democra-
ten.
Auch in anderen Lndern, unter anderem den Niederlanden, Japan, Grobri-
tannien und Frankreich, gab es zum Teil gewaltttig verlaufende politische Aus-
groe Katalysator war:
77
3.1 Das Ende der ra Adenauer und der Aufstand der Bildungseliten
berkommenen Politik- und Moralverstndnisse, streute Dynamit in berliefert Ge-
nerationskon

ikte, sprengte Reste von Staatsloyalitt auf, zwang Zehntausende zur
Suche nach einer neuen politischen und persnlichen Identitt, lieferte das gesamte
Arsenal der Legitimationsideologien des freien Westens dem historischen Mll-
eimer aus. (Siepmann 1984, S. 125)
Es ging neben der berechtigten Emprung und Kritik an dem Krieg der USA in
gen, berkommenen politischen und gesellschaftlichen Strukturen, einer Kritik
am Establishment und an Autoritten insgesamt, formuliert von einer emanzipa-
torischen Strmung, die in erster Linie von der Jugend getragen wurde.
Neben den Bewegungen von kritischen Schlerinnen und Schlern an einer
Schule, die nicht das kritische Denken frderte, sondern Unterordnung forderte
und keinen Widerspruch zulie, und den Lehrlingen, die sich nicht weiter auf ihre
nen und Studenten, die in Deutschland gegen die Verhltnisse aufbegehrten und
in der Auerparlamentarischen Opposition (APO) politischen Widerstand organi-
sierten. Die bedeutendste Rolle spielte dabei der Sozialistische Deutsche Studen-
tenbund (SDS) mit Rudi Dutschke als zentraler Figur. Inhaltlich waren im SDS
wie in Teilen der kritischen Studierenden auch Positionen vertreten, die sich an
einer sozialistischen Programmatik orientierten, sowie antiautoritre Strmungen,
wobei es zwischen beiden Lagern berschneidungen gab; der SDS war seinem
Selbstverstndnis nach Teil der Neuen Linken.
Die Kritik der Studierenden bezog sich zunchst vor allem auf die Studienbe-
dingungen an den deutschen Universitten: Mit dem Slogan Unter den Talaren
der Muff von 1000 Jahren wurde ein Universittssystem kritisiert, in dem An-
passung statt Diskussionen und Austausch praktiziert wurde, Lehrende aus der
Nazizeit noch aktiv waren, ein unkritisches Wissenschaftsverstndnis ohne Be-
zug zur gesellschaftlichen Praxis vermittelt wurde und autoritre Bedingungen
herrschten, wobei die Proteste, oft in den originellen Formen von Sit-Ins, Teach-
Ins, Go-Ins, Happenings oder Streiks, in aller Regel mit harschen Sanktionen ge-
Die Universittsleitungen reagierten fast ausnahmslos repressiv auf die Protes-
te: mit Disziplinarverfahren, Exmatrikulationen, Haus- und Raumverboten fr die
Studentenvertreter. (Farin 2006, S. 60)
783 Die sechziger Jahre
Die Utopie eines herrschaftsfreien Umgangs miteinander, eines demokratischen
Alltags und einer frei ausgelebten Sexualitt sollten in der Kommune 1 (K1) ver-
wirklicht werden. Die K1 sorgte bundesweit fr Aufsehen und Emprung, sie
verstand es zudem, ihren betont antibrgerlichen, freien Lebensstil medial zu in-
szenieren, der unkonventionelle Umgang mit Ordnung und Sexualitt der Kommu-
nemitglieder war eine Steilvorlage fr eine skandalisierende Berichterstattung, die
Die Bild-Zeitung berichtete regelmig, die Nation war schockiert. Die Insti-
tution Familie stand unter Beschuss. In dieser Frhform der spter alltglichen
Wohngemeinschaften wurden die Klotren ausgehngt, sexuelle Liberalisierung
eingebt und neue Herrschaftsstrukturen entwickelt. Man lebte gegen die deutschen
Tugenden Ordnung, Sauberkeit und Flei an, Putzplne standen noch nicht auf dem
Programm. (Angster 2012, S. 62)
Bei sogenannten Polit-Happenings sorgten Mitglieder der Kommune 1 durch be-
wusst inszenierte Regelverste fr Skandale und medienwirksame Irritationen:
Phantasievolle Verkleidungen mit der Vertauschung der Geschlechterrollen, Um-
funktionieren deutschen Liedgutes, eine Au

sung der Trennung von Privatsphre
und ffentlichkeit sowie der Versuch, die Polizei der Lcherlichkeit preiszugeben,
kennzeichneten die Polit-Happenings der Kommune 1. ( Reichhardt 2014, S. 112)
Groe Teile der ffentlichkeit sahen durch ein paar Kommunemitglieder Anstand
Staatsgewalt und alarmierten Brgerinnen und Brgern verschrften sich in den
folgenden Jahren zunehmend.
Im Juni 1967 war der Schah von Persien mit seiner Frau Dibah, in der Regen-
bogenpresse der BRD als Traumpaar hochgejubelt, zu einem Staatsbesuch in der
BRD. Gegen den Besuch des Schahs, der sein Land brutal mit Unterdrckung und
Folter regierte, regte sich Protest. Im Verlaufe dieser Protestkundgebungen kam
es zu brutalen bergriffen von sogenannten Jubelpersern gegen die Demons-
trierenden, wobei die deutsche Polizei die friedlichen DemonstrantInnen nicht
schtzte:
Eine kleine Gruppe kaisertreuer Jubel-Perser schlug mit Stahlruten und Holz-
latten auf die Demonstranten ein. Es gab mehrere Verletzte. Daneben, ungerhrt,
eine Einsatzgruppe der West-Berliner Polizei, die erst nach einigen Minuten Anla
zum Eingreifen sah. (Cohn-Bendit/Mohr 1988, S. 83)
79
3.1 Das Ende der ra Adenauer und der Aufstand der Bildungseliten
Im Zusammenhang mit der Demonstration gegen den Besuch des Schahs wur-
erschossen. Die Studierenden, die lediglich von ihrem Recht auf eine friedliche
Demonstration Gebrauch gemacht hatten, waren schockiert. Die Reaktion von an-
stndigen Brgerinnen und Brgern auf die Geschehnisse rund um den Schah-
Besuch verrieten dabei, dass es in der Bevlkerung nach wie vor stark autoritre
und faschistische Gesinnungen gab: Drohbriefe bedauerten, dass nur ein Student
gettet wurde, man wnschte sich das rote Studentenpack vergast, der Innenmi-
nister der Nazis, Gring, wurde wieder herbeigesehnt, man wollte das rote Pack
durch den Schornstein jagen (s. Cohn-Bendit/Mohr 1988, S. 92f).
Demonstrierenden und der Staatsmacht. Auf ihrem Hhepunkt, im Jahr 1968, lag
weltweit eine Aufbruchstimmung in der Luft, die Protestierenden sahen sich nahe
1968 formulierte:
Genossen, Antiautoritre, Menschen! Wir haben nicht mehr viel Zeit. In Vietnam
werden auch wir tagtglich zerschlagen, und das ist nicht ein Bild und ist keine
Phrase. ... Wir haben eine historisch offene Mglichkeit. Es hngt primr von unse-
rem Willen ab, wie diese Periode der Geschichte enden wird. (Zit. n. Cohn-Bendit/
Mohr 1988, S. 112)
Die Hoffnung auf einen revolutionren Umsturz lag in einem gemeinsamen inter-
nationalen Kampf der Befreiungsbewegungen der Dritten Welt, der Anti-Kriegs-
Bewegung und den antiautoritren Krften in den westlichen Lndern, hier vor
allem der Studierenden.
Rudi Dutschke, die Leit

gur des Protestes in Deutschland,

el 1968 einem At-
tentat zum Opfer, der Tter schoss ihm in den Kopf. Dutschke berlebte den An-
schlag nur knapp und litt seitdem an Epilepsie, an deren Folgen er schlielich 1979
starb.
Die Studierenden machten weniger den Tter, Josef Bachmann, zum Verant-
wortlichen fr das Attentat als vielmehr diejenigen, die den Kon

ikt angeheizt,
den Hass auf die Protestierenden geschrt hatten und dabei das politische Klima
vergifteten, wobei sie vor allem die Springer-Presse als hauptschlich verantwort-
lich sahen, wie es in der Anti-Springer-Kampagne formuliert wurde:
803 Die sechziger Jahre
Die Springerpresse stellt die permanente Zustimmung der Massen zu einem Herr-
schaftssystem her, dem diese demokratisch nicht zustimmen knnen, weil sie an der
Bildung der politischen und konomischen Zielvorstellungen nicht beteiligt sind.
Sie verhindert die Entstehung eigener gesellschaftlicher Perspektiven bei den Mas-
sen und macht sie dadurch bereit, autoritre Zielvorstellungen zu akzeptieren. Die
Springerpresse praktiziert den autoritren Staat schon vor seiner institutionellen
Verwirklichung. (Rede zum Beginn der Springerkampagne, S. 141)
Als Konsequenz aus der manipulativen, verleumderischen und aggressiven Be-
richterstattung aus dem Verlagshaus Springer versuchten Teile der Protestieren-
den, die Auslieferung von Zeitungen des Verlags zu verhindern, gingen Springer-
Verlagshuser in Flammen auf und wurde die Forderung erhoben, Axel Springer
zu enteignen.
Mythos und zum Symbol fr den Protest geworden ist, weil sich in diesem Jahr die
Unruhen auf ihrem Hhepunkt befanden.
Der SDS lste sich schlielich 1970 selber auf, die Proteste der Studierenden

auten ab, haben allerdings ber die unmittelbaren Jahre der Revolte hinaus tief-
greifende Vernderungen in Politik und Alltag bewirkt.
enorme Entwicklung im Vergleich zu den biederen 50ern ergeben. Vor allem die
Proteste junger Menschen prgten das Ende des Jahrzehnts. Im Vergleich zu den
Halbstarken war ihr Protest in der Regel mit konkreten politischen Forderungen
und Utopien verbunden. Es war ein Aufstand der Bildungseliten (Farin 2006,
S. 55), und auch wenn er gelegentlich gewaltsam verlief, ein intellektueller Protest,
der die Solidaritt mit den leidenden Vlkern der Dritten Welt verkrperte, der
Herrschaftsstrukturen und soziale Ungleichheit in Frage stellte und Selbstbestim-
mung und Kritik an die Stelle von Anpassung und Gehorsam in einer weiterhin
Zugleich war es allerdings auch eine Protestbewegung, die von mnnlichen Fi-
guren mageblich gestaltet wurde: Auf den Plakaten und Transparenten der Stu-
dierenden sieht man mit den Bildern von Ho Chi Min, Che Guevara, Karl Marx,
Lenin und Mao Tse-tung ausschlielich mnnliche Theoretiker und Praktiker der
Revolution. Gleiches gilt fr die Handelnden im SDS: Auf einem Bild, das dem
Abendmahl von Leonardo da Vinci entlehnt ist, sieht man neben den Gsten Che
Guevara und Mao ausschlielich Mnner, die die Geschicke des SDS bestimmten
wie Rudi Dutschke, Rainer Langhans, Bernd Rabehl und Daniel Cohn-Bendit; es
war eine mnnlich dominierte Revolte. Mnnliches Leitbild war dabei nicht mehr
der korrekte und arbeitsame Mann mit diszipliniertem Verhalten und Krper, nicht
der tapfere Soldat, der in Reih und Glied marschiert, sondern der heroische Kmp-
81
3.2 Entfaltung der Konsumgesellschaft
fer auf den Barrikaden in Jeans und Lederjacke, der kritische Intellektuelle und
der Studentenfhrer.
3.2 Entfaltung der Konsumgesellschaft
Im Vergleich zu den Fnfzigern waren die sechziger Jahre, vor allem wegen der
Proteste der jungen Generation, ein politisch bewegtes Jahrzehnt. Der Politikbe-
griff der Protestierenden bezog sich dabei nicht nur auf tages- oder parteipolitische
terreichenden, grundstzlich kritischen Ansatz. Durch die Ereignisse um das Jahr
1968 wurden die Westdeutschen zwangslu

g mit Fragen der Politik konfrontiert,
wodurch ihr Interesse an politischen Fragen insgesamt stieg. Das Jahrbuch der
ffentlichen Meinung stellte fest, dass zwischen 1960 und 1969 die Zahl der Bun-
desbrgerInnen, die sich fr Politik interessieren, von 27 auf 44 % gestiegen ist
(s. Noelle/Neumann 1973, S. 213).
Das Interesse an politischen Fragestellungen sagt freilich nichts ber die jewei-
lige politische Orientierung aus. Die teils heftigen Briefe an verschiedene Zeitun-
gen, die hasserfllte Ablehnung der kritischen Studierenden, voller Rache- und
Vernichtungsfantasien, lassen erkennen, dass in der Bundesrepublik der 60er Jahre
weiterhin stark autoritre und faschistische Einstellungen existierten. In diesem
Kontext sind auch die Wahlerfolge der rechtsextremen NPD in den 60ern zu sehen.
Zwischen 1967und 1968 zog die Partei in sieben Landtage ein und konnte 1968 in
Baden-Wrttemberg sogar knapp 10 % der Landtagsmandate erringen.
Ein Grund fr das starke Abschneiden der NPD ist die Wirtschaftskrise in der
BRD 1966/67, die allerdings nicht lange whrte. In Zeiten konomischer Unsi-
cherheit kann es zu radikalisierten politischen berzeugungen kommen, in denen
Schuldige und Sndenbcke fr die wirtschaftliche Misere gesucht werden. Der
Erfolg der Rechtsextremen zeigt aber vor allem die Verunsicherung, die die kul-
turellen Wandlungen der 60er Jahre mit sich brachten. Die Kritik an Autoritten,
das antibrgerliche Auftreten vieler Protestierender und die damit verbundenen
Turbulenzen weckten das Bedrfnis nach Tradition und Ruhe und Ordnung,
die Verwestlichung mit Rockmusik, langhaarigen Jugendlichen und der Zer-
strung von Autoritt, die dem Normenverstndnis vieler Bundesbrger entgegen-
lief, wurde von der NPD als Verfallserscheinung gedeutet und bekmpft. (Schildt/
Siegfried 2009, S. 286)
823 Die sechziger Jahre
Bezeichnend dabei ist, dass das Gros der Whler der NPD Mnner von 45 bis
60 Jahren waren (s. Schildt/Siegfried 2009, S. 286). Sie hatten die Nazizeit und
Krieg zum groen Teil miterlebt, wurden in den verschiedenen faschistischen Or-
ganisationen und durch den Krieg sozialisiert und hingen einem hierarchischen
Ordnungs- und Mnnlichkeitsbild an, das sie durch die verschiedensten Protest-
aktionen bedroht sahen.
Doch handelt es sich bei den traditionell Orientierten in den 60ern eher um
Randgruppen, die Mentalitt des Jahrzehnts war eindeutig durch einen Aufbruch
hin zu Demokratie und Kritik an Autoritten geprgt.
Ein Kennzeichen fr die strkere kritische Grundstimmung ist die wachsende
mindest in Anstzen Diskussionen hierber statt

nden konnten. Das Selbstver-
stndnis und die Selbstdarstellung der Bundesrepublik als demokratischer Staat
waren im Grunde nicht vereinbar mit der Tatsache, dass zahlreiche ehemalige Na-
zis nach wie vor nicht verfolgt wurden, sondern im Gegenteil sich nach wie vor
in hohen Positionen befanden.
Weil sich die Institutionen der Bundesrepublik immer wieder of

ziell in Distanz
zur NS-Zeit de

nierten, war in der ffentlichkeit immer weniger plausibel dar-
zustellen, da zahlreiche ehemalige Parteifunktionre der NSDAP, ranghohe SS-
Gren und andere Funktionstrger des NS-Staates in der Bundesrepublik wieder
wichtige Funktionen ausben konnten. (Hickethier 2003, S. 12)
Groes Aufsehen erregte Beate Klarsfeld, die auf einem CDU-Parteitag 1968 den
damaligen Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger wegen dessen Ttigkeit im na-
tionalsozialistischen Auenministerium ohrfeigte und ihn ffentlich Faschist
nannte.
tische Umbruch; die Generation der lteren hatte durch Mitwisser- und Tter-
schaft an den Verbrechen des deutschen Faschismus an Autoritt eingebt und
Teile der Jugend unglaubwrdig geworden, was einen Aufbruch zu demokrati-
scheren Verhltnissen noch forcierte:
Dazu trug auch die berzeugung der Studenten bei, die nationalsozialistische
Vergangenheit sei nicht bewltigt, ja es seien gar die Verantwortlichen von damals
noch immer an der Macht. Man forderte eine Aufarbeitung des Nationalsozialis-
mus und warf der Elterngeneration sogar vor, ihr nachzutrauern: Mein Papi will
wieder Blockwart werden, hie es. (Angster 2012, S. 63)
83
3.2 Entfaltung der Konsumgesellschaft
Der politische Aufbruch der Sechziger ging einher mit Vernderungen in der So-
zialstruktur der Gesellschaft in Westdeutschland. Die Arbeitswelt nderte sich mit
der Folge, dass krperliche Arbeit in Landwirtschaft, Handwerk und Industrie ab-
nahmen und an ihre Stelle Berufe im Dienstleistungssektor und in der Verwaltung
traten. Hinzu kamen eine geringere Wochen- und Jahresarbeitszeit mit den ent-
sprechenden erweiterten Mglichkeiten der Freizeitgestaltung.
Vor allem aber hatten sich in Folge der Unruhen der Studierenden erste Anfn-
ge eines alternativen Milieus entwickelt. Insbesondere in den Wohngemeinschaf-
ten von Universittsstdten, im damaligen Sprachgebrauch Kommunen genannt,
herrschte der Anspruch, Alternativen zur brgerlichen Kleinfamilie zu praktizie-
ren. Die Kleinfamilie galt getreu dem Motto Das Private ist das Politische
freie Entwicklung des und der Einzelnen nicht zulasse und von daher abzulehnen
und zu berwinden sei.
Als politische und private Alternative wurde in diesen neuen Wohnformen ver-
sucht, einen mglichst demokratischen und hierarchiefreien Umgang miteinander
zu praktizieren; hier sollten Diskussionen und Aushandlungsprozesse an die Stelle
ohne Repressionen und Tabus gelebt werden. Harmonie galt als altmodisch und
berkommen, es wurde Kritik untereinander gebt und alternative Lebensformen
wurden ausprobiert.
Dies strahlte auch auf den Umgang im Alltag aus, der in der Tendenz immer
weniger von starren Ritualen und Gebruchen, dafr mehr von informellen Um-
gangsformen beherrscht war. Nicht nur in linken und alternativen Kreisen, auch
in anderen Teilen der Bevlkerung verloren Rituale an Bedeutung, an ihre Stelle
traten zunehmend die persnliche Entscheidung und das individuelle Verhalten.
Indiz fr eine Abkehr von traditionellen Verhaltensmustern ist unter anderem
das Verhltnis der Westdeutschen zur Kirche. Beide christlichen Konfessionen
hatten im Laufe der 60er Jahre weitaus mehr Austritte als Neuaufnahmen zu ver-
(s. Ringshausen 2003). Diese Tendenz hin zu einer Skularisierung zeugt zum
einen von einer kritischen Grundhaltung gegenber geistlichen Autoritten und
zum anderen von dem Bedrfnis nach einer individuelleren Lebensgestaltung,
nach Weltdeutungen und moralischen Orientierungen, die sich nicht an der her-
gebrachten Moral orientierten.
In die gleiche Richtung entwickelten sich die Scheidungsraten, die sich gegen
Ende der 60er Jahre stark erhhten und 16 % aller Eheschlieungen erreichten
(s. Baader 2008b, S. 155). Das Modell der brgerlichen Kleinfamilie galt nicht
mehr uneingeschrnkt und unhinterfragt als das Ideal. Mehr und mehr Frauen wie
843 Die sechziger Jahre
Mnner entschieden sich, statt des Bundes fr das Leben andere, individuelle
Wege zu gehen.
Die Sechziger waren im Alltag mit einer rasanten technischen Entwicklung
verbunden: Elektrische Haushaltsgerte zogen immer mehr in die Wohnungen ein,
Autos bestimmten zunehmend das Straenbild und das Fernsehen verdrngte ab
Mitte der Sechziger die Bedeutung des Radios als Massenmedium. Zum ersten
Programm kamen ab 1963 das ZDF und verschiedene dritte Programme hinzu, ab
1967 wurden einzelne Sendungen bereits in Farbe ausgestrahlt. Den meisten Zu-
spruch hatten Unterhaltungssendungen wie Der goldene Schuߓ, Was bin ich?,
Krimis wie Tom Frazer oder Die Gentlemen bitten zur Kasse, unterschied-
liche Serien sowie diverse Sportsendungen, wobei der Groteil der ausgestrahlten
Sendungen, sich relativ unpolitisch und konservativ gab:
Nicht also darf man das Fernsehen der sechziger Jahre etwa als kulturelles Forum
einschtzen, auf dem eine Debatte ber Normen und Werte stattfand, auf dem Kon-

ikte thematisiert und gelst wurden, auf dem Lebensstile berzeugend prsentiert
und tolerant akzeptiert wurden. (Baar 2003, S. 237)
Neben die herkmmliche Kultur traten linke und sich als alternativ verstehende
Konzepte von Kunst und Kultur. Nicht mehr die althergebrachte Hochkultur, die
klassischen Werke aus Malerei, Dichtung und Musik waren hier bestimmend, son-
dern eine Kultur, die sich als kritisch und zum Teil auch avantgardistisch verstand,
wobei sich auch die Form der Kultur wandelte; nicht die Bhne des Stadttheaters,
das Museum oder der Konzertsaal waren Schauplatz dieses Kulturverstndnisses,
sondern alternative Spielsttten oder das Happening, das im Grunde berall aufge-
fhrt werden konnte. Ziel war eine Politisierung und Demokratisierung der Kultur,
die breite Masse gedacht war.
Eine eindeutig kritische Storichtung hatten hierbei Liedermacher wie Franz
Josef Degenhardt und Hannes Wader, die Klner Band Floh de Cologne oder auch
das Berliner Grips-Theater, die die Missstnde des Kapitalismus und Unterdr-
ckungszusammenhnge anprangerten, Machtverhltnisse in Frage stellten und so
zur Politisierung beitrugen. Das gesamte Spektrum der bundesdeutschen Kultur
hatte sich in Folge der unterschiedlichen linken Bewegungen enorm erweitert,
es entstanden Lieder und Theaterstcke, die sich kritisch mit den herrschenden
Wesentlich krassere Formen gab es bei Teilen der Happening-Knstler, wie
zum Beispiel Otto Mhl, der beabsichtigte, durch demonstrativen Tabubruch in
ffentlichen Vorstellungen das Publikum von angeblichen Zwngen zu heilen:
85
3.2 Entfaltung der Konsumgesellschaft
Neben einem Weihnachtsbaum wurde ein Gedicht vorgetragen und Weihnachtslie-
der wurden vom Tonband gespielt. Ein Schwein wurde geschlachtet. Blut, Eingewei-
de, Drme des Schweins und Milch, Mehl und rohe Eier wurden auf einer nackten
Frau bearbeitet. Dann pinkelte Mhl auf die Nackte und entleerte seinen Darm auf
einem Schweinekadaver. (Faulstich 2003a, S. 70)
Diese Vorstellungen der selbsternannten Avantgardisten waren allerdings nicht
von Dauer, sie hatten auch keinerlei aufklrerische Wirkung, dienten in erster Li-
nie der Inszenierung des Happening-Knstlers als Brgerschreck, wobei die Tabu-
brche auf die Dauer auch in

ationr waren:
Irgendwann erschpften sich auch die Provokationen, nicht zuletzt bei den Knst-
lern selbst. Und irgendwann war auch das letzte Schwein geschlachtet. (Faulstich
2003a, S. 70)
Die kulturellen Vernderungen der 60er Jahre vollzogen sich vor dem Hintergrund
des enormen konomischen Wachstums. War es in der unmittelbaren Nachkriegs-
zeit und zu Beginn der Fnfziger noch notwendig, bescheiden zu sein, zu sparen
und sich im Konsum zurckzuhalten, so befand sich die Bundesrepublik nun in
einer Phase, in der Konsumartikel in riesigen Mengen zu Verfgung standen und
es im Interesse der Wirtschaft darum ging, KuferInnen fr ihre Produkte zu

n-
den:
Der Geist des Kapitalismus hatte sich verndert. Nicht mehr sparen, sondern
Konsum und direkte Befriedigung waren die neuen Elemente, die auf einmal ganze
Lebensbereiche deutlich umwlzten. Der Wandel war aber nicht mehr auf Geld,
Autos und Luxusgter begrenzt, sondern erfate auch das gesellschaftliche Angebot
an Sinndeutungen und die psychische Realitt (...), kurz, der Wandel schaffte bzw.
erforderte neue Bewusstseinsformen. (Zimmermann 1985, S. 119)
Diese neuen Bewusstseinsformen standen den alten Tugenden von Selbstbeherr-
schung, Sparen, sich Zurcknehmen vollkommen entgegen, das berangebot von
Waren bentigte einen Menschentyp, der offen war fr neue Produkte, der nicht
sparte, sondern konsumierte, fr den Genuss zum zentralen Lebensmotiv wurde,
der zu seinen Bedrfnissen im Hier und Jetzt stand und sie mittels Konsum befrie-
digte; forciert wurde die neue Mentalitt dabei von einer bis auf die Ausnahme
von 1966/67 rasant boomenden Wirtschaft, die weiteres Wachstum und damit
weitere Konsummglichkeiten versprach.
863 Die sechziger Jahre
Deutlich wird dieser Mentalittswandel von der P

icht zur P

icht zum Ge-
nuss (Bourdieu 1988, S. 573) auch an den Motiven der Werbung in den sechziger
Jahren. Hier stand immer weniger der konkrete Gebrauchswert des Produkts im
Mittelpunkt, seine Qualitt oder seine Haltbarkeit, sondern mehr und mehr das
Image, wobei dieses mit Jugendlichkeit in Verbindung gebracht wurde:
Nicht mehr reife Herren warben um Vertrauen, sondern junge Leute beiderlei
Geschlechts demonstrierten Spontaneitt und Experimentierfreudigkeit. (Schildt/
Siegfried 2009, S. 257)
Jugendlichkeit und eine damit unterstellte Offenheit und Dynamik wurden zu
zentralen gesellschaftlichen Leitwerten, der autoritre und knauserige Spieer mit
seinen traditionellen Werten wurde in einer Gesellschaft, die auf stndig wach-
senden Konsum angewiesen war, ber

ssig. Der gepanzerte, verschlossene und
reglementierte Krper wurde tendenziell durch den genussfreudigen, offenen und
individuellen Krper ersetzt.
Modisch kommt die Tendenz einer Modernisierung im Aufkommen des Mini-
rocks zum Ausdruck; dieser zeigt zum einen einen lockeren Umgang mit dem
weiblichen Krper und trgt andererseits zu dessen Sexualisierung bei. In der Ver-
wendung von bunten Farben in der Kleidung, die das vorher dominierende eintni-
geschlechtsspezi

schen Kleidung modern:
Nicht nur eigneten sich die Frauen im Zeichen der Emanzipation traditionell
Mnnern vorbehaltene Kleidungsgegenstnde an, im Gegenzug stylten sich Mn-
ner weiblicher. Diese Tendenz zum Androgynen wurde in der Modewelt seit etwa
1966 unter dem Stichwort Unisex verhandelt und die Zeitschrift Twen sah darin
sogar in erster Linie Jrgen will wie Uschi sein eine Aufweichung mnnlicher
Rollenstereotype. (Schildt/Siegfried 2009, S. 265)
Doch drfen diese Anstze des Wandels in der Mode nicht darber hinwegtu-
schen, dass in den 60er Jahren nach wie vor das Bild des starken Mannes als Er-
nhrer und Oberhaupt der Familie fortbestand, ebenso wie das Bild der Frau als
Hausfrau und Mutter.
Die Bundesrepublik erlebte in den 60er Jahren insgesamt einen enormen poli-
tischen, sozialen und kulturellen Modernisierungsschub. Angefangen bei der
fragestellung von Autoritten, eine strkere Orientierung an einer individuellen
Lebensfhrung bis zum Aufkommen alternativer Lebensweisen und kritischer
87
3.3 Die Sexy Sixties
Kultur ist sie nicht mehr mit den Fnfzigern zu vergleichen. Ende der 60er Jahre
ist die bundesrepublikanische Gesellschaft wesentlich vielfltiger, bunter und li-
beraler, wobei allerdings bei allgemein grerem Wohlstand die grundstzlichen
Besitzverhltnisse weiterhin bestehen.
3.3 Die Sexy Sixties
Der Aufbruch und der soziale Wandel der sechziger Jahre zeigten sich auch im
Bereich der Sexualitt. Zu Beginn dieses Jahrzehnts kam die Anti-Baby-Pille auf
den Markt, die es ermglichte, ohne Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft
heterosexuellen Geschlechtsverkehr zu praktizieren. Die Pille sorgte fr hefti-
ge Diskussion, schroffe Ablehnung und ngste in kirchlichen und konservativen
Kreisen, es
war vom Untergang der Moral die Rede, vom Verfall der abendlndischen Sitten,
und dstere Bilder allgemeiner Promiskuitt wurden heraufbeschworen. (Deut-
sches Hygiene-Museum 1995, Umschlagtext)
Insbesondere die Frage, welchen Frauen das Recht zugestanden werden sollte, die
Pille zu nehmen, war Gegenstand der Diskussionen:
sellschaftlich wnschenswerter Familienplanung: Die Pille wird befrwortet fr
Frauen, die mehr Kinder haben, als sie ernhren knnen, fr Frauen, die zu krank
und zu schwach sind fr weitere Geburten, fr Frauen, die krperlich oder sozial
unfhig sind, die Kinder zu erhalten. (Theweleit 1995, S. 27)
Deutlich tritt hier noch die konservative Auffassung hervor, dass Sexualitt in der
Ehe stattzu

nden hat und dass es vor allem Mnner waren, die sich das Recht her-
ausnahmen, Frauen sexuelle Freirume zuzugestehen oder zu verwehren.
Insgesamt waren die 60er Jahre, oft auch als Sexy Sixties tituliert, durch eine
deutliche Tendenz zur Liberalisierung sowie Kommerzialisierung der Sexualitt
gekennzeichnet.
xualratgeber, Kondome und Reizwsche zu kaufen gab, Fachgeschft fr Ehehy-
der Name verweist darauf, dass es Uhse nicht um eine Kritik oder Alternativen zur
Ehe ging, sie verstand ihr Angebot als eine Untersttzung von Ehepaaren bei der
883 Die sechziger Jahre
Gestaltung ihres Sexuallebens und begriff eine befriedigende Sexualitt von Frau
und Mann als notwendig fr eine funktionierende Ehe.
Das verklemmte Schweigen zu sexuellen Dingen begann Anfang bis Mitte des
Jahrzehnts, sich aufzulsen, Sexualitt wurde immer strker ffentlich themati-
siert und gezeigt.
Ein manisches Interesse wandte sich Themen wie Zeugung, Geburt, Abtreibung,
Prostitution, Eheschlieung, Ehebruch, Impotenz, Eifersucht, Ehescheidung zu;
Ausziehen wurde zur groen Mode. (Glaser 1986, S. 102)
Im Laufe der 60er Jahre wurde die Umwelt in einem starken Ausma sexualisiert,
das vorher undenkbar erschienen war. Ob bei den Illustrierten am Kiosk, an Pla-
katwnden oder in Fernseh- und Kino

lmen, Sexualitt wurde Teil der normalen
Alltagswelt. Vor allem junge und weibliche Krper wurden werbewirksam benutzt,
Wirkung hinsichtlich der Vorstellungen von attraktiven weiblichen Krpern hatte.
Die Zensur spielte in Folge dieser Entwicklung eine immer unbedeutendere
Rolle:
Sptestens 1966 war unbersehbar geworden, dass die Zensurbestimmung hin-
sichtlich Nacktheit und sexueller Themen schlicht nicht mehr ernst genommen
wurde. Bilder sprlich bekleideter junger Menschen, entblte Bauchnabel und
nackte Busen (mit lediglich bedeckten Brustwarzen) zierten Plakatwnde und Zeit-
schriftencover; in der Werbung griffen erotisch anspielungsreiche Slogans um sich,
mit denen alles, vom Auto bis zur Schokolade, angepriesen wurde. (Herzog 2005,
S. 174)
Eine zentrale Rolle bei der sexuellen Liberalisierung spielte Oswalt Kolle. Er hat-
te es sich zur Aufgabe gemacht, das Thema zu enttabuisieren, durch Aufklrung
Fragen zur Sexualitt zu beantworten und Hemmungen und ngste abzubauen.
Mit seinen Filmen Das Wunder der Liebe Sexualitt in der Ehe (1968), Deine
Frau das unbekannte Wesen und Dein Mann das unbekannte Wesen (beide
1969) erreichte er Millionen von ZuschauerInnen in den Kinos, was belegt, wie
gro der Bedarf der Bevlkerung an Informationen zur Sexualitt war.
Die Millionen Zuschauer, die die Kinos strmten, an den berfllten Kassen an-
standen, die uns in Briefen Dank und Zustimmung signalisierten, die uns aufforder-
ten, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen daneben verblasste alles andere.
(Kolle 2008, S. 234)
89
3.3 Die Sexy Sixties
Kolle hatte einen groen Anteil an der Thematisierung von Sexualitt und an der
Befreiung von den alten Ansichten, die die menschliche Sexualitt als schmutzig
Krfte, die bemht waren, die Auffhrungen seiner Filme zu verhindern und Kolle
zu diffamieren, wie es an den Reaktionen auf den Film Das Wunder der Liebe
deutlich wird:
Auch die katholische Kirche blieb nicht unttig. An Kirchen, Gemeindezentren
und Litfasssulen hingen groe Plakate, die die Glubigen dringend davor warn-
ten, sich diesen gottlosen und sndigen Film anzusehen. Pfarrer wetterten von
der Kanzel herab gegen das teu

ische Machwerk, dessen einziges Ziel es sei, ge-
schlechtliche Lust zu propagieren. (Kolle 2008, S. 235)
Doch waren diejenigen, die gegen die Auffhrung von Kolles Filmen und die se-
xuelle Liberalisierung antraten, von keiner groen gesellschaftlichen Bedeutung
mehr, ihre Versuche, diese Prozesse zu verhindern und wieder rckgngig zu ma-
chen, waren zum Scheitern verurteilt.
Der Sexualwissenschaftler Gunter Schmidt sieht diese Tendenz in engem Zu-
sammenhang mit der konomischen Entwicklung, dem bergang von einer Man-
gel- zu einer Konsumgesellschaft, wie er sich auch in der verstrkten Werbung
ausdrckt:
Es ist also zu einem Wegfall von Sexualverboten gekommen und zwar von solchen
Verboten, die in der ber

ugesellschaft ohnehin keine gesellschaftliche Funktion
mehr haben. Der Zwang zu verzichten, auch auf sexuelle Wnsche, geht einher mit
wirtschaftlichen Mangelsituationen, in denen alle Krfte fr das berleben oder
den Aufbau der Wirtschaft mobilisiert werden mssen, also dann, wenn viel mehr
Bedrfnisse vorhanden sind, als befriedigt werden knnen. (Schmidt 1988, S. 49)
Die sechziger Jahre gingen fr groe Teile der Westdeutschen einher mit einer
Befreiung von berkommenen Sexualtabus, einer Befreiung von ngsten und Un-
wissenheit und damit verbundenen greren Mglichkeiten zu einem erfllten
Sexualleben. Hierbei stand von Beate Uhse ber die strker sexualisierte f-
fentlichkeit bis hin zu Oswalt Kolle die Heterosexualitt innerhalb der Ehe im
Mittelpunkt und mnnliche Homosexualitt war bis Ende des Jahrzehnts verboten;
903 Die sechziger Jahre
Die Homophilen oder Homosexuellen, die in den fnfziger und sechziger Jahren
fr die Verbesserung der Situation von schwulen Mnnern warben, taten dies ber-
wiegend im ffentlich Verborgenen; laut werden durften Interessenvertreter von
Homosexuellen nicht, sie wren sonst als Schwule, als warme Brder oder als
Hundertfnfundsiebziger stigmatisiert worden und htten damit jede Anschluss-
fhigkeit an die brgerliche, ffentlich strikt heterosexuelle Welt eingebt. (Fed-
dersen 2013, S. 3)
Sexualitt, seit Mitte der 60er Jahre strker in der Alltagswelt der Brgerinnen und
Brger prsent, spielte auch eine zentrale Rolle in der Studierendenbewegung, die
sich vor allem auf die Schriften von Herbert Marcuse und Wilhelm Reich bezog.
Sexualitt war in diesem Kontext nicht lediglich eine individuelle Angelegenheit,
eine Mglichkeit der Befriedigung eines natrlichen und legitimen Bedrfnisses,
sondern wurde darber hinaus zu einer politischen Frage und als solche in Macht-
sublimierung, womit zwar eingerumt wurde, dass Sexualitt nicht mehr den vor-
herigen strengen Tabus und Verboten unterlag, aber andererseits die Freigabe von
Sexualitt nichts an den unterdrckenden Mechanismen gendert hatte, sondern
Sexualitt in dieser Form sogar noch Teil der Unterdrckung im Kapitalismus
war. Vor allem die Normierung von Sexualitt, der Leistungscharakter und die
Kommerzialisierung wurden kritisiert:
Sex als Ware erhht also auch den Wert der Ware Arbeitskraft. Und die sexuali-
sierte Warenwelt selbst schafft neue sexuelle Bedrfnisse, denen dann durch Kon-
sum scheinbar Befriedigung zuteil wird. Es ist eben nicht mehr der lustfeindliche,
sparsame Kaltduscher, sondern der bewegliche, genussfreudige Konsument, den
die Industrie braucht und produziert. (Zit. n. Holl/Glunz 2008, S. 199)
Die Liberalisierung von Sexualitt wurde lediglich als Modernisierung begriffen,
die nichts an grundstzlichen Machtverhltnissen nderte, sondern auch die se-
xuellen Bedrfnisse kommerziellen Interessen auslieferte.
Die andere Quelle der Sexualittsdiskussion in der Bewegung der kritischen
Studierenden war Wilhelm Reich. Reich, Psychoanalytiker und Mitglied der
kommunistischen Partei, verffentlichte in den 20er und 30er Jahren des letzten
Jahrhunderts zahlreiche Schriften, in denen er sich mit dem Zusammenhang von
individueller und gesellschaftlicher Unterdrckung befasste. Als zentralen Mecha-
nismus sah er hierbei eine sexual- und krperfeindliche Erziehung, die schon im
frhen Alter Kindern die Lust am eigenen Krper verbietet und sie damit spter
anfllig fr kritiklose Unterordnung und Disziplin macht:
91
3.3 Die Sexy Sixties
Die moralische Hemmung der natrlichen Geschlechtlichkeit des Kindes, deren
letzte Etappe die schwere Beeintrchtigung der genitalen Sexualitt des Kleinkin-
des ist, macht ngstlich, scheu, autorittsfrchtig, gehorsam, im autoritren Sinne
brav und erziehbar; sie lhmt, weil nunmehr jede lebendig-freiheitliche Regung
mit schwerer Angst besetzt ist, die au

das sexuelle Denkverbot eine allgemeine Denkhemmung und Kritikunfhigkeit;
kurz, ihr Ziel ist die Herstellung des an die autoritre Ordnung angepaten, trotz
Not und Erniedrigung sie duldenden Untertans. (Reich 1972, S. 55)
Die Schriften Reichs fanden als Raubkopien in Kreisen der Studierenden groen
Anklang und wurden intensiv diskutiert. Hier konnte eine Erklrung fr den
Untertanengeist des deutschen Faschismus gefunden werden, wobei der Schls-
sel zur Erklrung in der repressiven (Sexual-)Erziehung und der daraus resultie-
renden Bereitschaft zu Gehorsam, Unterordnung und der Furcht vor Autoritten
lag, wie es der Sexualpdagoge Kentler, ganz im Sinne von Wilhelm Reich, aus-
drckt:
Die Sexualunterdrckung gehrt zu den wichtigsten Ein

ussfaktoren, die den
Krper entsexualisieren und zu einem Arbeitswerkzeug umformen, die eine Ver-
zichts- und Opferethik einben, die an Selbstdisziplin, Gewissengehorsam, Leis-
tungsfhigkeit gewhnen. Wer gelernt hat, seine eigenen sexuellen Bedrfnisse zu
unterdrcken, der unterwirft sich auch fremdbestimmter Arbeit und politischer
Macht. Kaisertreue und Hitlerfanatismus, die Blutbder zweier Weltkriege und die
technisierte Ausrottung ganzer Bevlkerungsgruppen in den KZ wren ohne die
Herrschaft einer sexualfeindlichen und damit lebensfeindlichen und menschenun-
wrdigen Moral nicht mglich gewesen. (Kentler 1981, S. 56)
Sexualunterdrckung galt als zentrales Instrument der gesellschaftlichen Unter-
drckung, woraus in Teilen der Studierendenbewegung der Schluss gezogen wur-
de, alles, was (sexuell) als repressiv galt, zu kritisieren und mglichst abzuschaf-
fen. In Folge der Beschftigung mit Reich und seiner These der gesellschaftlichen
Folgen von Sexualunterdrckung wurden in Teilen der Bewegung der Studieren-
den feste Beziehungen und das Leben in Kleinfamilien abgelehnt, Sexualitt mit
wechselnden PartnerInnen galt als nicht repressive, revolutionre Praxis, als Bei-
trag zur sexuellen und politischen Emanzipation, die nach dieser Auffassung nicht
voneinander zu trennen waren. Der Spruch Wer zweimal mit derselben pennt, ge-
hrt schon zum Establishment bringt diese Haltung auf den Punkt, wobei er aus
Ambitionen wurde Homosexualitt kaum thematisiert.
Besonders sensibel war ganz im Sinne Reichs die Sexualerziehung von Kin-
dern, die keinerlei Verboten oder Repressionen unterworfen sein sollte, wie ein
923 Die sechziger Jahre
Beispiel aus der Kommune 2 zeigt, hierbei geht es um die Begegnung eines er-
wachsenen Mannes mit einem Mdchen unter drei Jahren:
Ich liege auf dem Rcken. Grischa streichelt meinen Bauch, woraus sie meinen
herausstehenden Rippen als Brste versteht. Ich erklre ihr, da das Rippen sind,
ich nur eine

ache Brust und Brustwarzen habe. Sie streichelt meine und zeigt mir
ihre Brustwarzen. Wir unterhalten uns ber die Brust von Mdchen, wenn sie lter
sind ... als ich mich wieder umdrehe, um sie ... zu streicheln, konzentriert sich ihr
Interesse sofort auf Penis. Sie streichelt ihn und will ihn zumachen (Vorhaut ber
die Eichel ziehen), bis ich ganz erregt bin und mein Pimmel steif wird. Sie strahlt
und streichelt ein paar Minuten lang mit Kommentaren wie Streicheln. Guck ma,
Penis groߑ (zit. n. Kentler 1984, S. 118).
Dieses Beispiel zeigt die Bemhungen um eine Sexualerziehung, die mglichst
ohne Verbote und Tabus auskommen mchte, die Kindern Fragen zur Sexualitt
beantworten will, ohne ngste aufzubauen, mit der Intention, mit Sexualitt frei,
natrlich und offen umzugehen, um dadurch Menschen zu erziehen, die zu ihren
krperlichen Bedrfnissen stehen knnen und nicht zu autorittshrigen Unter-
tanen werden. Im Gegensatz zu dem Bild von Sexualitt, das die 50er Jahre be-
herrschte und vor einem von Mnnern ausgehenden gefhrlichen Trieb warnte,
bezogen sich Teile der Studierenden auf ein Bild, das Sexualitt ob weiblich oder
mnnlich prinzipiell als sozial und lustvoll auffasste und die deswegen nicht
unterdrckt werden durfte; eine mglichst frei gelebte, von Tabus und Verboten
ohne Unterdrckung fhren.
Die Fronten verliefen lange Zeit zwischen den Protestierenden auf der einen
und den Herrschenden, dem sogenannten Establishment, auf der anderen, zwi-
schen den Antiautoritren einerseits und den Autoritren, den Spieern, ande-
rerseits. Innerhalb der Bewegung gab es Diskussionen ber die Prioritten, die im
dabei das Verhltnis von konomischer Macht und mnnlicher Vorherrschaft.
dem Nebenwiderspruch gefhrt, wobei die zentrale Frage war, ob zunchst der
Kapitalismus abgeschafft werden sollte, wodurch sich eine Gleichstellung der Ge-
schlechter ergbe, oder ob die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern als Erstes
zu ndern sei.
Trotz aller revolutionren Ambitionen und aller kritischen Grundhaltungen gab
es ein deutliches Machtgeflle zwischen Mnnern und Frauen innerhalb der Bewe-
gung, das sich darin uerte, dass sich die Mnner als Theoretiker und Praktiker
der Revolution bettigten, auf Podien diskutierten und in Diskussionen dominant
93
3.3 Die Sexy Sixties
auftraten, whrend fr die Frauen die klassischen Aufgaben der Kindererziehung,
der Haushaltsfhrung und helfende Ttigkeiten brig blieben. Auf der Delegier-
tenkonferenz des SDS 1968 kritisierte die Aktivistin Helke Sander die mnnliche
Dominanz innerhalb der Bewegung:
Wir werden uns nicht mehr damit begngen, da den Frauen gestattet wird, auch
mal ein Wort zu sagen, das man sich, weil man ein Antiautoritrer ist, anhrt um
dann zur Tagesordnung berzugehen ... Diese Tabuisierung hat zur Folge, da das
spezi

sche Ausbeutungsverhltnis, unter dem die Frauen stehen, verdrngt wird,
wodurch gewhrleistet wird, da die Mnner ihre alte, durch das Patriarchat ge-
wonnene Identitt noch nicht aufgeben mssen ... (Zit. n. Angster 2012, S. 67f).
rat im SDS, die Frauen des Weiberrates bewarfen fhrende Mnner des SDS mit
Tomaten und formulierten einen Flugblatttext gegen deren mnnliches Dominanz-
verhalten, in dem es unter anderem heit:
... wir werden gelobt, dann drfen wir an den stammtisch, dann sind wir identisch;
dann tippen wir, verteilen

ugbltter, malen wandzeitungen, lecken briefmarken:
wir werden theoretisch angeturnt.
kotzen wir es aus: wir sind penisneidisch, frustriert, hysterisch, verklemmt, ase-
xuell, lesbisch, frigid, zukurzgekommen, irrational ...
wir berkompensieren, sind penisneidisch, penisneidisch ...
BEFREIT DIE SOZIALISTISCHEN EMINENZEN VON IHREN BRGERLICHEN
SCHWNZEN!
(Zit. n. Flgge 1984, S. 174)
verschiedenen abgeschnittenen Penisse fhrender SDS-Mnner als Trophen ab-
Das Aufbegehren der Frauen wirkte fr die Mnner des SDS wie ein Schock,
waren sie doch der festen berzeugung, als kritische Theoretiker und Demonst-
mit ihren eigenen chauvinistischen Verhaltensweisen konfrontiert.
Die Rebellion der Frauen im SDS gegen dominantes und in diesem Sinne
klassisches mnnliches Verhalten gilt als Beginn der zweiten Frauenbewegung in
Deutschland mit der Folge, dass die Geschlechterfrage von da an zur zentralen
Frage in den Diskussionen ber Sexualitt wurde.
943 Die sechziger Jahre
3.4 Jugend im Aufbruch
Insbesondere zu Beginn der 60er Jahre war das Leben von Kindern und Jugend-
lichen in den Elternhusern wie auch der Schule noch von dem autoritren Geist
der 50er Jahre geprgt:
Autoritre, ja prgelnde Eltern und Lehrer, Leistungs- und Notendruck, militaris-
tischer Sportunterricht, offene Indoktrination in Religion, Deutsch und Geschich-
te, Aufstehen vor dem Lehrer, Tadel, Schulverweise, Strafen wegen berzogenem
Ausgang, langer Haare, Anti-Baby-Pille. Schmuddelklamotte. Verhre fr Kriegs-
dienstverweigerer, Terror und Entmndigung ohne Ende zumal die Volljhrigkeit
erst mit 21 Jahren eintritt. (Holl/Glunz 2008, S. 157)
Die Entwicklung des Jahrzehnts, das Aufbegehren der Jugend und die wachsende
Kritik an einer autoritren, lustfeindlichen und von Erwachsenen und deren Vor-
stellungen dominierten Gesellschaft erreichte im Laufe der Sechziger neben den
Studierenden auch die Schlerinnen und Schler, wie es in einer Ausgabe von
Konkret beschrieben wurde:
Deutschlands Schler spielen verrckt. Von Flensburg bis zum Bodensee. Auf-
stand gegen die falsche Autoritt. Revolution. Mao-Sprche an der Schulmauer.
Zeugnisverbrennungen. Flugbltter. Die Pille fr alle. Boykott des Religionsunter-
richtes. Die Lehrer schieen zurck. Mit unzugnglicher Munition: Nachsitzen,
Strafarbeiten, schlechte Zensuren, blaue Briefe. Sitzenbleiben. Durchs-Abitur-Fal-
len-lassen. Die Schler wollen sich nicht mehr mit Selbstverwaltungs-Mtzchen
und etwas Sexual-Kunde abspeisen lassen. Sie wollen das Schulsystem nicht n-
dern, sondern reparieren. Schule kaputt. (Konkret 1968, S. 11)
Als Pendant zum SDS, der Organisation der Studierenden, wurde das Aktionszen-
trum Unabhngiger und Sozialistischer Schler (AUSS) gegrndet, das sich gegen
deunterricht eintrat, der Jugendliche aufklrt und ihnen Spa an der Sexualitt
vermittelt.
In die gleiche Richtung und zur gleichen Zeit Ende der 60er Jahre began-
nen die Aktivitten der Lehrlingsbewegung. Die Auszubildenden forderten Aus-
kritisierten, dass ihre Ausbildung zum Verrichten ausbildungsfremder Ttigkeiten
wie Putzen und Botengnge missbraucht wurde, und wehrten sich gegen autoritre
95
3.4 Jugend im Aufbruch
sich selbst als Gegenpart zur Welt der Erwachsenen; nicht umsonst gab es zu der
Zeit den Slogan Trau keinem ber Dreiig. Jugend verkrperte den gesellschaft-
lichen Aufbruch:
Die Erfahrungen der Erwachsenen galten nicht mehr, das eigene Handeln sollte
vielmehr selbstbestimmt werden. Jugend galt nicht mehr als bloe Schinderei die-
se Entdeckung vermittelte ein Gefhl von Befreiung. Befreiung dieses Zauber-
wort der 60er Jahre ist wohl das wesentliche Merkmal des Lebensgefhls einer
Generation ... (Zimmermann 1995, S. 119)
Der Aufbruch der Jugend war vor allem eine Revolte gegen mnnliche Autori-
tten, denen der Respekt aufgrund ihrer tatschlichen oder unterstellten Mit-
tterschaft in der Nazizeit und ihres verklemmten und repressiven Umgangs mit
Sexualitt verweigert wurde:
Die, die ihre Shne militrischer Disziplin unterwarfen, die Unschuld der Tchter
hteten, kleine, beim Onanieren erwischte Kinder zchtigten, aber ber Sexualitt
nicht sprechen konnten. Die, denen der Anblick nackter Fauenbrste in Filmen und
Zeitschriften unertrglich war. Die, die sich mit jener stickigen Aura von Doppel-
moral, Heuchelei, von Verschweigen und Vertuschen umgaben. Eine Mrderbande
waren sie einst gewesen, nichts anderes als ein Haufen Schwerverbrecher. (Heider
2014, S. 51)
Zu bercksichtigen ist bei all den Protesten, dass sie unter den Bedingungen von
konomischer Sicherheit stattfanden; es gab so gut wie keine Arbeitslosigkeit und
so mussten sich SchlerInnen, Auszubildende wie Studierende keine Sorgen um
einen spteren Arbeitsplatz machen. Im Gegenteil: Noch zu Beginn der 60er Jahre
versprachen Firmen den zuknftigen Auszubildenden Ferienreisen, Mopeds oder
ein Sparbuch als Prmie, falls sie eine Ausbildung beginnen wrden; es herrschte
ein Mangel an Arbeitskrften, was die Position der jungen Menschen strkte, weil
sie gebraucht wurden.
Auch wenn sich lngst nicht alle Jugendlichen und jungen Erwachsenen an den
verschiedenen Bewegungen beteiligten oder mit ihnen sympathisierten, so kann
man doch von einem Kon

ikt der Generationen sprechen mit den Gegenstzen
von autoritr und kritisch, hierarchisch und demokratisch, fremdbestimmt und
selbstbestimmt. Die Ideen und Ambitionen der kritischen Studierenden fanden vor
allem bei den Heranwachsenden mit hherer Bildung zahlreiche AnhngerInnen
und Sympathien:
963 Die sechziger Jahre
So ergab eine Mitte 1969 verffentlichte Anfrage unter Schlern, Abiturienten und
Studenten, dass rund 30 Prozent der Befragten mit marxistischen oder kommunis-
tischen Ideen sympathisierten, whrend 20 Prozent bereit waren, eine links von der
SPD stehende Partei zu whlen. (Reichhardt 2014, S. 43)
Der Gegensatz zwischen Alt und Jung zeigte sich im Alltag als der Gegensatz von
Schlager und Popmusik, einem steifen und korrekten sowie einem lockeren und
genieenden Umgang mit dem Krper, in Befehlen auf der einen und Diskussionen
auf der anderen Seite. In den Vorstellungen von den Geschlechterrollen kam er im
Gegensatz von Rock und Hose bei Mdchen sowie kurzen und langen Haaren bei
Jungen zum Ausdruck, was in zahlreichen Familien zu heftigen Generationskon-

ikten fhrte, weil es als Rebellion gegen traditionelle Geschlechterrollen emp-
funden wurde, nach denen Mdchen hbsch und anmutig und Jungen korrekt und
zackig zu sein hatten.
Im Bereich der schulischen Bildung gab es allerdings auch Vernderungen, die
nicht in Zusammenhang mit den Protesten der SchlerInnen und Studierenden
zu sehen sind: Die Bildungsexpansion, die in der Bundesrepublik der 60er Jahre
begann. 1964 schrieb Georg Picht das zur damaligen Zeit viel gelesene und disku-
tierte Buch Die deutsche Bildungskatastrophe (Picht 1964), in dem er darlegte,
dass in der Bundesrepublik im Vergleich zu anderen Industrienationen weniger
Jugendliche einen hheren Bildungsabschluss erzielten. Neben der erhhten poli-
ging es vor allem um ein Ausschpfen der Begabungsreserven, die ungenutzt wa-
ren. Als hoch entwickelte Industrienation so die Argumentation und Befrchtung
sei Deutschland mit weiterhin relativ niedrigen Bildungsabschlssen nicht in der
Lage, konkurrenzfhig zu anderen Nationen zu bleiben. Eine komplexe und hoch
um den Anforderungen in Produktion, Verwaltung und Wissenschaft gerecht zu
werden. Es war also notwendig, in den Bereich von Bildung und Ausbildung junger
Menschen zu investieren. Bekannt wurde in diesem Zusammenhang das Bild des
katholischen Arbeitermdchens vom Lande, das alle Merkmale, die statistisch
eine niedrige Bildungskarriere wahrscheinlich machen, auf sich vereinigt: die
Konfession der Eltern, deren regionale Herkunft, die soziale Schicht und vor allem
das Geschlecht, denn in nicht wenigen Familien herrschte noch die Einstellung,
dass Mdchen keine Ausbildung und schon gar kein Studium bruchten, weil sie ja
fhrte dazu, dass mehr Kinder und Jugendliche einen hheren Schulabschluss
anstrebten: Im Verlauf des Jahrzehnts sank der Anteil der HauptschlerInnen in
97
3.4 Jugend im Aufbruch
einem Jahrgang von 87 auf 78 %, die Quote der Realschlerinnen stieg von 2 auf
ber 6 %, die der GymnasiastInnen von 8 auf 12 % (Bildungsexpansion und Schul-
reform 2013, S. 2).
Eine lngere Verweildauer in der Schule ist zum einen verbunden mit mehr
Freizeit im Vergleich zu arbeitenden Jugendlichen, zugleich erhalten Jugendliche
durch eine bessere Ausbildung potenziell die Mglichkeit, sich mit nicht unbe-
ein kritisches Bewusstsein zu entwickeln.
Im Rahmen der Studierendenbewegung spielten Fragen nach dem Verhltnis
und dem richtigen Umgang von Erwachsenen und Kindern eine zentrale Rolle.
welche Rolle die Erziehung bei der Errichtung der Nazi-Diktatur, den Massenmor-
den und dem Zweiten Weltkrieg gespielt hatte. Neben einer repressiven Sexual-
erziehung wurden autoritre Verhltnisse zwischen den Generationen insgesamt
fr die faschistische Vergangenheit verantwortlich gemacht. Als Konsequenz aus
diesen Erkenntnissen wurde eine Pdagogik gefordert und praktiziert, die ohne
Repressionen, Drohungen und Strafen auskommen sollte und die Bedrfnisse und
Interessen der Kinder in den Mittelpunkt stellte. In Kinderlden sollten diese
Richtungen unterscheiden, eine eher individuelle und eine sozialistische bzw. pro-
Die individuelle wurde in Kinderlden praktiziert, die sich bemhten, den Kin-
dern keinerlei Zwang aufzuerlegen, sie mglichst ohne Reglementierungen und
Anweisungen aufwachsen zu lassen. Kinder sollten selber bestimmen, was, mit
wem und wo sie spielten, wann und was sie aen und wie sie die jeweiligen Kinder-
lden gestalten wollten; ein Eingriff von Seiten der Erwachsenen wurde dabei als
Theorie des Klassenkampfes und beabsichtigte, Kinder und Jugendliche aus unter-
privilegierten Familien ber ihre Lage aufzuklren und sie zu einem revolution-
ren Verhalten und Bewusstsein zu erziehen:
Die pdagogische Intelligenz sieht sich heute aber angesichts der Entwicklung der
Arbeiterjugendbewegung vor die Aufgabe gestellt, sowohl eine Theorie der Lage
und des Kampfes der Jugend im Sptkapitalismus als auch eine Theorie zur Er-
ziehung zum Klassenkampf unter den heutigen Kampfbedingungen der Arbeiter-
jugendbewegung zu entwickeln. Die kritisch pdagogische Intelligenz fragt nach
Mglichkeiten, dieser Aufgabe nachzukommen. (v. Werder 1972, S. 7)
983 Die sechziger Jahre
Bei allen Unterschieden dieser beiden Richtungen es gab in Theorie und Praxis
auch berschneidungen und Annherungen hatten beide Anstze doch gemein-
sam, dass Studierende die herrschenden Erziehungspraktiken in der westdeutschen
durch das Thema der Erziehung zu einem politischen Thema wurde. Diese Vor-
stellungen von Erziehung grenzten sich eindeutig von den bis dahin herrschenden
autoritren Erziehungspraktiken ab.
Doch nicht nur im Milieu der kritischen Studierenden wurde ein anderer Um-
gang mit Kindern und Jugendlichen praktiziert; auch gesamtgesellschaftlich hat
sich im Laufe der 60er Jahre die Einstellung in Bezug auf Ziele und Methoden der
Erziehung gendert. Die Orientierung an Gehorsam und Unterordnung erhielt
im Jahr 1964 noch 25 % Zuspruch als zentrales Ziel der Erziehung, im Jahr 1969
sank der Wert auf 19 %; im Gegensatz dazu erhhte sich im gleichen Zeitraum die
Bedeutung von Selbstndigkeit und freier Wille von 31 auf 46 % (s. Fend 1988,
S. 114). In die gleiche Richtung geht der Einstellungswandel zu den Erziehungs-
man kann jedes Kind auch ohne Schlge erziehen stimmten im September 1965
16 % zu, im September 1970 waren es 28 %. Die Zustimmung zur Aussage Schl-

el von
36 % im September 1965 auf 29 % im September 1970 (s. Noelle/Neumann 1973,
Band 4, S. 52, S. 74).
Hinter diesen empirisch ermittelten Zahlen verbirgt sich zumindest in Anst-
zen eine genderte Einstellung im Umgang mit Kindern und Jugendlichen: Der
Trend geht eindeutig dahin, Heranwachsende mit ihren Bedrfnissen und Anspr-
chen ernst zu nehmen, sie als Individuen mit eigenem Willen anzuerkennen und
an die Stelle von Verboten und Anordnungen Diskussionen und Aushandlungen
zu setzen.
Es ist unwahrscheinlich, dass dies die direkten Folgen der antiautoritren oder
sozialistischen Erziehungsvorstellungen sind, wie sie in Kinderlden und Kommu-
nen praktiziert wurden. Diese wurden medial eher als negatives Beispiel fr Er-
ziehung dargestellt, das auf die BundesbrgerInnen abschreckend wirken musste:
Die Kommunekinder waren von Anfang an Objekt tiefsten Bedauerns in der br-
gerlichen ffentlichkeit. Sie galten als verwahrlost, verfhrt, sie lebten berhaupt
am falschen Ort. (Hartung 1984, S. 106)
Kinder, die nackt herumliefen und sich in Wohnungen aufhielten, die keineswegs
den Ordnungsvorstellungen der meisten Erwachsenen entsprachen, galten in den
meisten Familien nicht als erstrebenswert. Doch auch bei vielen Jugendlichen galt
99
3.4 Jugend im Aufbruch
das Leben in Kommunen nicht als attraktiv, wie das Zitat eines Jungen zeigt, der
zu seinen Vorstellungen vom Leben in Kommunen befragt wurde:
Zusammenleben von Hippies in einem Raum. Keiner arbeitet. Meistens linke Stu-
denten mit Bart und so. Die Mdchen schlafen mit jedem und Mao-Bilder an der
Wand. Alle sind sehr unsauber und gehen nicht in die Kirche. Leute aus Kommunen
kommen oft vor Gericht. Das ist richtig, denn sie tun ja auch nichts. (Zit. n. Si-
gusch/Schmidt 1973, S. 55)
Die genderten Vorstellungen und Praktiken im Umgang mit Heranwachsenden
sind eher dadurch zu erklren, dass durch das Aufbegehren von Teilen der Jugend
diese auf ihre eigenen Bedrfnisse aufmerksam gemacht haben. Jugendliche in
den 60ern waren nicht mehr nur Befehlsempfnger, die zur Anpassung erzogen
werden konnten; sie erlebten sich mehr und mehr als GestalterInnen der Bedingun-
gen, unter denen sie aufwuchsen. Sie stellten ihren Eigensinn und ihre Kritikfhig-
keit unter Beweis. Aufgrund dieser Entwicklungen sind Fragen der Erziehung, des
Umgangs mit Kindern und Jugendlichen berhaupt erst diskutiert und re

ektiert
worden.
Die gewandelte Sexualmoral zeigt sich schlielich auch im Bereich der Jugend-
sexualitt, die in diesem Zeitraum ebenfalls von einer rasanten Entwicklung ge-
Untersuchung festgestellt haben:
1970 hatten sehr viel mehr Jungen und Mdchen als vor einer Dekade im Alter
von 15 und 16 Jahren soziosexuelle Erfahrungen. Das gilt fr Dating, Kissing und
verschiedene Formen des Pettings wie Bruststimulation unter der Kleidung, aktive
und passive Stimulation der Genitalien. (Sigusch/Schmidt 1973, S. 72)
Sowohl in ihren Einstellungen als auch in ihrem Verhalten lsten sich Jugendliche
im Laufe der 60er Jahre tendenziell von traditionellen Vorstellungen im Bereich
der Sexualitt. Zusammenfassend bestanden diese Trends darin, dass das Alter der
sexuellen Aktivitten deutlich vorverlegt war, Sexualitt bei beiden Geschlechtern
weniger mit Angst, Schuldgefhlen und Kon

ikten erlebt wurde, Virginalitt kei-
ne Wertvorstellung mehr war und von Seiten der Erwachsenen Jugendlichen eher
eine eigene Sexualitt zugebilligt wurde (s. Sigusch/Schmidt 1973, S. 7476).
Diese Entwicklungen weisen auf einen deutlich selbstbewussteren, selbstver-
stndlicheren und lustvolleren Umgang von Jugendlichen mit ihren sexuellen Be-
drfnissen hin; vor allem die Tatsache, dass Virginalitt kaum noch eine Bedeu-
tung hatte, spricht dafr, dass sich Mdchen in diesem Jahrzehnt von einem Bild
1003 Die sechziger Jahre
der weiblichen Sexualitt gelst hatten, das den Wert einer Frau ber ihre sexuelle
Enthaltsamkeit de

niert.
3.5 Vom Rock n Roll zum Beat und Progressive Rock
Bereits zu Beginn der sechziger Jahre kam es in Zusammenhang mit Jugendlichen
und deren Musik zu den sogenannten Twist-Krawallen in Mnchen; ausgelst
durch ein paar Jugendliche, die Gitarre spielten, begannen junge Leute, auf der
Strae zu tanzen, was emprte Brgerinnen und Brger auf den Plan rief. Die
daraufhin alarmierte Polizei lieferte sich mit den Jugendlichen tagelange hand-
grei

es gab zahlreiche Festnahmen. Der Ablauf der Twist-Krawalle folgte dem Schema,
das bereits bei den Halbstarken-Unruhen zu erkennen war, mit der Ausnahme,
dass von den Tanzenden bei den Twist-Krawallen keine Gewalt ausging und die
Musik nicht professionell, sondern privat aufgefhrt wurde. Die Musik und der
dazu praktizierte Tanz, der Twist, war eine Mode aus den USA, der Tanz wurde
durch betonte Hftbewegungen als anstig empfunden; es gengte auch Anfang
der Sechziger schon, auf den Straen zu tanzen, um Entrstung und Emprung
auszulsen und die Anstndigen zu provozieren.
Musik war ein zentrales, wenn nicht sogar das zentrale Feld der Auseinander-
der jngeren Generation brachte die britische Band The Who mit ihrem Song
My Generation auf den Punkt:
People try to put us down/Just because we get around/Things they do look awful
cold/Hope I dy before I get old Die Erwachsenen leben in einer kalten, emotions-
losen Welt, und es ist besser zu sterben, als selber erwachsen zu werden.
Der Ausdruck von Lebensfreude und Spa am Krper, das krperliche ber-
schreiten von Grenzen und damit auch Emotionen wirkten fr viele Erwachsene
befremdlich und alarmierend. Vergleichbar mit der Emprung, die die Halbstar-
ken durch ihre Musik und ihren Tanzstil ausgelst hatten, ging es auch hier um die
anstndig und akzeptabel gilt. Die populre Musik war Ausdruck eines ande-
ren, modernisierten Umgangs mit dem Krper und den Emotionen, wobei dieses
Kon

Jahrzehnt bestimmte.
101
3.5 Vom Rock n Roll zum Beat und Progressive Rock
Dieser Zusammensto einer ekstatischen musikdominierten Jugendkultur und
einer hartnckig auf Ordnung erpichten Gesellschaft hielt sich als ein Grundmus-
ter der ganzen sechziger Jahre hindurch. Entscheidend war, dass sich ein Protest-
verhalten nicht primr mit den politischen Inhalten der Songtexte verband, sondern
mit einem neuen Krpergefhl, einem rauschenden Erleben, das ganz auf das Indi-
viduum ausgerichtet war. (Hickethier 2003, S. 15f)
Im Bereich der kommerziellen Rock- und Popmusik bten in diesem Zeitraum
die US-amerikanischen Snger und Bands ihre Vormachtstellung ein, es begann
die Zeit der British Invasion. Im Gegensatz zu der Musik der 50er Jahre, die
einzelne Stars wie Elvis Presley oder Bill Haley in den Mittelpunk stellten, trat
nun die Band als Kollektiv auf. Zahlreiche Bands aus England, deren Mitglieder
ausschlielich mnnlichen Geschlechts waren, wie Herman

s Hermits, die Kinks,
die Animals, die Searchers oder The Who. Die Who, deren Mitglieder dafr be-
rchtigt waren, ihre Instrumente oder Hotelzimmer machomig zu demolieren,
waren dabei eine wichtige Gruppe fr die aus England stammende Jugendkultur
der Mods. Mods waren mnnliche Jugendliche der unteren Mittelschicht oder
der Unterschicht, die sich in ihrem Auftreten von ihrer sozialen Herkunft distan-
zierten. Das zeigte sich im Tragen mageschneiderter Kleidung und italienischer
Mode; ber diese teure Kleidung trugen Mods einen Parka, sie fuhren Lambret-
tas, italienische Motorroller mit auffallend vielen Rckspiegeln. Sonst bestand ihr
Lebensstil in exzessivem Tanzen und dem Konsum von aufputschenden Medika-
menten und Drogen. Bevorzugte Musik der Mods waren schwarze Musikstile
wie Rythm and Blues, Soul und Ska, als Bands die Who, die Kinks und die Small
Faces. Obwohl sie vergleichbarer sozialer Herkunft waren, gab es vor allem zwi-
prallten zwei Vorstellungen von gelebter Mnnlichkeit aufeinander: auf der einen
Townshend, Songschreiber und Gitarrist von The Who in seiner Autobiogra

e er-
innert:
Die Mods interessierten sich fr Mode, R&B, Motorroller und die neuesten Tanz-
schritte, whrend die Rocker eher zum Machismo neigten, nach dem Vorbild von
Marlon Brando als Anfhrer seiner Motorrad-Gang in Der Wilde. (Townshend
2014, S. 59)
1023 Die sechziger Jahre
Vor allem aber dominierten die Rolling Stones und die Beatles die internationale
Musikszene, was zu Kon

ikten zwischen den Generationen fhrte:
Vier junge Mnner aus Grobritannien, bei deren aggressiven Rhythmen die El-
tern erschreckt zusammenzuckten und fassungslos den Untergang der abendlndi-
schen Kultur nahe whnten, stahlen den bis dato unangefochtenen Publikumslieb-
lingen die Show: Die BEATLES, eine Band, deren Musikstil und deren Auftreten
sich deutlich von Freddy, Rex Gildo und allen anderen bisherigen Idolen unter-
schied ... (Herrwerth 1998, S. 51)
Die Beatles prgten im Wesentlichen den neuen populren Musikstil, den Beat,
eine Mischung aus US-amerikanischem Rock

n Roll und Pop mit britischem
Folk und Skif

e, der Musik der englischen Arbeiterklasse. Neben dem Rhythmus,
der ihre Songs bestimmte, waren es vor allem ihre Frisuren, die fr Emprung
sorgten. Die Beatles hatten sogenannte Pilzkpfe, bei denen die Haare ber die
Ohren getragen wurden und nicht in das Bild eines richtigen Jungen oder Man-
nes passten. Neben den traditionellen, als mnnlich angesehenen Eigenschaften
gescheitelt und mit freien Ohren, als die passende Frisur fr Jungen, wodurch An-
stndigkeit, Korrektheit und Zackigkeit demonstriert werden sollten und mussten.
Lange Haare bei Jungen und Mnnern hingegen galten zum einen als ungep

egt
Mnnlichkeitsvorstellungen aufzubegehren. Wenn es in den Familien zu Ausei-
gendlichen kam, wenn ber jeden Zentimeter Haarlnge gestritten, verhandelt und
gefeilscht wurde, dann ging es neben der Frisur auch um etwas Symbolisches,
nmlich darum, welcher Typ von Mnnlichkeit statthaft war und gelebt werden
durfte, das Konzept der traditionellen Mnnlichkeit und die Au

ehnung dagegen
Abgesehen von ihren Pilzkpfen und ihrer rhythmusbetonten Musik waren die
Beatles bis Mitte der 60er Jahre keine revolutionre Band. Songs wie Love me
do, All my loving, Please please me und I want to hold your hand waren im
Grunde noch sehr brave Stcke, Beat- bzw. Popmusik mit eingngigen Melodien,
die hierbei durchaus vergleichbar mit den bis dahin dominierenden deutschen
Schlagern von den blichen Themen Liebe, Verliebtsein und Zweisamkeit han-
delten. Auch war die Kleidung der Beatles in ihrer Anfangszeit noch konventio-
nell, sie trugen bei ihren Auftritten und den Bildern auf Postern und Plattencovern
Anzge, Hemden und Schlipse. Ihr Verhalten auf der Bhne war keineswegs voller
sexueller Anspielungen, wie es bei Elvis Presley der Fall war, sie wippten mit den
103
3.5 Vom Rock n Roll zum Beat und Progressive Rock
dabei aber auf sexuelle oder aggressive Gesten.
Doch reichten diese Auftritte aus, um bei konservativen Krften Panik ber
den moralischen Zustand der Jugend auszulsen, wie bei einem Kommentar in der
britischen Zeitung New Statesman:
Wenn die Beatles und ihresgleichen tatschlich das sind, was die britische Jugend
will, dann msste man zutiefst verzweifeln. Ich weigere mich, dies zu glauben Die-
jenigen, die die Beatles umschwrmen und deren leere Gesichter ber die Fernseh-
schirme

immern, sind der bedauernswerte Teil ihrer Generation: die Abgestumpf-
ten, Faulen, die Versager. (Zit. n. Wicke 2011, S. 24)
Doch konnten alle Befrchtungen es nicht verhindern, dass die sogenannte Beat-
lemania ausgelst wurde, eine fast weltweite Begeisterung fr die Band, die ber
die Plattenverkufe und Konzerteinnahmen hinaus systematisch kommerziell aus-
Mehr als 100 Firmen stellen derzeit 150 verschiedene Massenartikel her, auf
denen die Konterfeis oder die Namen der vier Beatles prangen: Damenstrmpfe,
Luftballons, Pullover, Slips und Hemden, Schuhe, Hte, Hosen, Jacken, Keksverpa-
ckungen, Limonadenglser und Schals, Eierbecher, Puppen, Kaugummipckchen,
Broschen und Ringe und natrlich die Original-Beatles-Percken. (Zit. n. Fa-
rin 2001, S. 56)
Neben dem enormen kommerziellen Erfolg, den die Beatles durch Plattenverkufe,
Konzerteinnahmen und Merchandising-Produkte fr sich verbuchen konnten, u-
erte sich die Beatlemania vor allem in den Reaktionen bei ihren Konzerten oder
ihrer Ankunft auf einem Flughafen. Tausende von Fans

elen bei dem Anblick
ihrer mnnlichen Idole in Ekstase und vor allem weibliche Fans erlitten Wein-
krmpfe, nervse Zusammenbrche und hysterische Anflle.
Das Aufkommen der neuen Form der Popmusik, des Beat, lste in Deutschland
eine Welle von Bandgrndungen aus. Es waren fast ausschlielich Jungen und jun-
ge Mnner, die den Bands der Beat-Welle nacheiferten. In Deutschland erreichten
die Lords mit ihrem Snger Ulli Gnther und die Rattles mit Achim Reichel Be-
rhmtheit, wobei keine dieser Gruppen allerdings auch nur annhernd den Erfolg
der Beatles verzeichnen konnte.
Im Gegensatz zum Rock

n Roll in den 1950ern, der bei Jugendlichen aus der
Arbeiterklasse Begeisterung auslste, erreichte der Beat die Jugend klassen- und
schichtbergreifend, auch GymnasiastInnen und StudentInnen gehrten zu den
1043 Die sechziger Jahre
Fans des neuen Musikstils. Sie fanden in diesem Angebot der Kulturindustrie eine
Mglichkeit, ihr Bedrfnis nach Lebensfreude, Krperlichkeit und Sexualitt aus-
leben zu knnen:
Das durch Twist und Beat angestachelte Bewegungsbedrfnis lste ein neues Kr-
pergefhl, eine Erotisierung auch im Alltag aus. Noch bevor der Mini-Rock von
Mary Quant zum Siegeszug ansetzte, trugen die 13- bis 17-jhrigen Mdchen eng
anliegende Kleider, Stckelschuhe und hochtoupierte Frisuren. Wenn auch noch
zumeist in Grau- und Schwarz-Wei-Tnen gehalten, so war die sexuelle Note doch
unbersehbar. Die lteren Generationen reagierten darauf mit einer Mischung aus
Neid, Wut, Verachtung und Verboten. (Kraushaar 1986, S. 220)
Der Siegeszug des Beat war zugleich eine Rebellion gegen die konservativen Re-
geln des Geschlechter- und Sexualverhltnisses, die sich in einer anderen Mode
ausdrckte:
Hinzu kamen Samtanzge und bunte Hemden fr mnnliche, sowie der Minirock
und toupierte Frisuren oder Kurzhaarschnitte fr weibliche Jugendliche, die nicht
nur traditionelle Geschlechterrollenbilder in Frage stellten, sondern auch Aus-
druck eines lustbetonten Lebensgefhls waren (...) (Krger 2010, S. 20)
Die andere Band aus Grobritannien, die neben den Beatles international fr Fu-
rore sorgte, waren die Rolling Stones. Waren die Beatles, trotz des neuen Sounds
gute Schwiegershne durchgehen, so gaben sich die Rolling Stones von An-
fang an ein rebellisches Image, was sich in den Texten, der Bhnenprsenz und
den Fotos der Band ausdrckte. Die Texte der Stones waren zum Teil wesentlich
gesellschaftskritischer als die der Beatles bis Mitte der Sechziger Jahre. So be-
frauen, Street


s
spend the night together fordert unverblmt zum Sex auf. Dieser Song durfte
deswegen in den USA nur in zensierter und verharmloster Form, der Version
Let

s spend some time together, im Radio gespielt werden. Ihr berhmtestes
Stck Satisfaction beschreibt die Unfhigkeit, angesichts einer konsumorien-
tierten Welt wirkliche Befriedigung zu

nden. Als Bad boys und hrteste
Band der Welt gaben sich die Rolling Stones provokativ, rebellisch, laut und
sexuell offensiv. Insbesondere ihr Leadsnger Mick Jagger verstand es, sich an-
drogyn zu inszenieren und durch eindeutige sexuelle Gesten whrend der Bh-
nenshows Aufsehen zu erregen. Die Emprung und Verwirrung, die die Stones
105
3.5 Vom Rock n Roll zum Beat und Progressive Rock
Ablehnung:
Einige Trger platzenger Hosen sah ich geschttelt wie von verschluckten Press-
luftbohrern, Schulmdchenkrper zuckten in einer Weise, die den Chronisten ratlos
machen und den Pornographen inspirieren musste. Die elektrischen Gitarren teil-
ten Schlge eines rhythmisch-musikalischen Flagellantismus aus, der unmglich
nur die Ohren treffen konnte (...) Mick Jagger, sthnender Chef der Lotter-Idole,
sang I can

t get no satisfaction (...), zuckte von den Zehen bis zu den Spitzen seines
weibischen Schopfes und wiederholte mit obszner Stimmvibration sein glaubhaftes
Gestndnis ... (Zit. n. Compart 2013, S. 5)
erinnert:
Die Stones trugen zur Eskalation bei. Sie zickten herum verweigerten Zugaben
und mussten schlielich mit einem britischen Militrhubschrauber evakuiert wer-
den. Die inzwischen alarmierten Bullen konnten die Zerlegung der Waldbhne
nicht verhindern; auch danach ging

s zur Sache, und der eine oder andere S-Bahn-
wagen musste dran glauben. (Zit. n. Grabowski 2005, S. 45)
ling Stones-Fans, die bis Mitte der 60er Jahre zwischen Jugendlichen stattfanden,
waren auch Kmpfe zwischen unterschiedlichen Typen von Mnnlichkeit, dem
aggressiven und sexuell offensiven Variante der Rolling Stones.
Die British Invasion war erst der Anfang eines Jahrzehnts, in dem die Pop- und
Rockmusik eine immer strkere Rolle spielte und sich in vielfltige Formen aus-
differenzierte. So gab es mit Joan Baez, Donovan und Bob Dylan eine Richtung, die
sich an der amerikanischen Folk-Tradition orientierte, ihre VertreterInnen begriffen
sich als kritisch-politische KnstlerInnen. Insbesondere Bob Dylan erweiterte durch
seine Texte die Ausdrucksmglichkeiten der Popmusik. Wenn Bruce Springsteen
sagt: Elvis hat den Krper befreit Bob Dylan den Geist (zit. n. Theweleit 2011,
Umschlagseite), dann drckt er damit aus, dass nach den als obszn empfundenen
Hftschwngen von Presley mit den Songs Dylans eine neue, bis dahin unbekannte
Art der Textschreibung Teil der populren Musik wurde, die weit ber das bis dahin
Gewohnte, nmlich Liebe, Liebeskummer und heie Ksse, hinausging:
1063 Die sechziger Jahre
Musikalisch blieb Dylan dem Folk und Blues verhaftet, textlich jedoch wagte er
Experimente, die das Psychedelic-Prinzip auf den Bereich der Sprache bertrugen.
Je ambitionierter Dylan wurde und all das fand zwischen 1964 und 1966 statt
, desto mehr entfernte er sich auch vom eindeutigen Protestsong. (Bsser 2004,
S. 33)
Neben dem Beat entstand in den 60er Jahren der Progressive Rock, der im
Gegensatz zum Beat vor allem aus den USA stammte, die Grenzen des bisher in
der Popmusik Bekannten sprengte und musikalisch wie textlich wesentlich ambi-
tionierter war:
Was mit dem Rock n Roll einmal auf dem Tanzboden begonnen hatte, artikulierte
sich nun mit einem Kunstanspruch, der in nie zuvor gehrte Klangge

lde fhrte.
(Wicke 2011, S. 44)
Beach Boys oder der LP Revolver von den Beatles. Statt der blichen Hits, die
auch Tonbandschleifen und Alltagsgerusche, die mit den blichen Hrgewohn-
heiten brachen, mit Tommy von The Who entstand 1969 eine weitere Erneue-
rung, die erste Rockoper.
Bands und Musiker wie Jefferson Airplane, Grateful Dead, Pink Floyd, Jimi
Hendrix und Frank Zappa erweiterten die musikalischen Ausdrucksformen, es
entstanden sehr komplexe Songs, die nicht in das herkmmliche 3-Minuten-Sche-
Musik war nun auch in der Lage, die Bedrfnisse eines eher intellektuellen Pub-
likums zu bedienen.
Neben dem greren musikalischen Spektrum gab es zudem eine Durchdrin-
gung von Popmusik und anderen Kunstformen:
Die Malerei lie sich von der Popkultur beein

ussen, die Popmusiker schlielich
von der bildenden Kunst man denke nur an Yellow Submarine, den Pop-Art-
Comic

lm der Beatles. Bob Dylan orientierte sich an den Dichtern der Beat Ge-
neration, und Allen Ginsberg, einer ihrer Hauptvertreter, trat in Bob Dylans Video
(...) zu Subterranean Homesick Blues auf. Die Experimente der Neuen Musik vor
allem, was den Einsatz von Collagetechnik und Elektronik anging frbten auf die
Produktion von Popalben ab ... (Bsser 2004, S. 16)
107
3.5 Vom Rock n Roll zum Beat und Progressive Rock
Musik war das Medium einer aufbegehrenden Generation, die ihren Protest, ihre
Aggressionen, ihr Bedrfnis nach neuen Ausdrucksformen und ihre sexuelle Lust
artikulierte:
Kein anderes Ausdrucksmittel war fr das Zusammenspiel von sexueller Entfesse-
lung und jugendlichem Neubeginn so gut geeignet ... Wenn The Who am Ende ihrer
Auftritte die Gitarren zertrmmerten und Jimi Hendrix seine Gitarre, nachdem er
sie liebkost, abgeleckt und wie einen Penis gerieben hatte, auf der Bhne in Flam-
men aufgehen lie, war darin wenn auch sehr mnnlich dominiert mehr von
Aufbruch, Zerstrungswut und Neuanfang sprbar, als eine Karl- Marx -Lektre
htte liefern knnen. (Bsser 2004, S. 18f)
Bedeutend harmloser ging es dagegen bei dem Chicagoer Motown-Label zu,
das in den 60er Jahren ber 100 Top-Ten-Erfolge verbuchen konnte; es war vor al-
lem das Komponisten-Trio Brian Holland, Herbert Dozier und Eddie Holland, das
Hits wie am Flieband schrieb. Musikalisch waren es Popsongs mit dem blichen
Muster, ohne Experimente, die sich um die herkmmlichen Themen des Genres
wie Liebe und Liebeskummer drehten. Erfolgreich waren hier vor allem Marvin
mit der spteren Disco-Queen Donna Summer. In all diesen Bands vertraten die
Musikerinnen ein der Zeit entsprechendes konventionelles Weiblichkeitsbild mit
toupierten Haaren und Kleidern.
Popmusik wurde zu einem festen Bestandteil des Alltags. Die Songs der Beat-
les, der Stones und anderer Bands waren im Radio zu hren, die Gruppen traten in
verschiedenen Fernsehshows auf, in der Mainstream-tauglichen Variante wurden
Rock und Pop zu einem Teil der Unterhaltungsbranche. Zeichen dieser Verallge-
meinerung und Kommerzialisierung ist die Tatsache, dass in den fr die Musik-
industrie interessantesten Lndern den USA, England, Australien und Deutsch-
land fast die gleichen Titel die Hitparaden dominierten.
Gegen Ende des Jahrzehnts wurde die Kommerzialisierung durch zahlreiche
Altamont Free Concert (1969), den Open-Air-Auftritt der Rolling Stones im Hy-
de-Park (1969) mit jeweils mehreren zehntausend BesucherInnen und schlielich
das wohl bekannteste Festival, Woodstock im Jahr 1969, das als Hhepunkt der
Hippiekultur gilt.
1083 Die sechziger Jahre
3.6 Die Hippies
Neben den nach wie vor existenten Halbstarken, aus denen zum Teil die Rocker
wurden, und den Beat-Fans entwickelte sich in den 60er Jahren in den Vereinigten
Staaten die Jugendkultur der Hippies. Vorlufer waren in Deutschland und ande-
ren westeuropischen Lndern die Gammler, die seit Mitte des Jahrzehnts auf
sich aufmerksam machten.
Introvertierter und weniger hbsch anzusehen waren die sogenannten Gamm-
ge, aber heruntergekommene und ungewaschene junge Leute, die nichts taten. Sie
arbeiteten nichts, sie lernten nichts und sie planten nichts, sie waren ungeraten
und verwahrlost. Sie weigerten sich schlicht, ein anstndiges brgerliches Leben
zu fhren. (Angster 2012, S. 61)
In einer Gesellschaft, die sich durch Arbeit, Leistung, Disziplin und Konsum de-

nierte, war die Weigerung, sich daran zu beteiligen, eine offene Provokation.
Gammler weigerten sich, ihr Leben den Anforderungen der Arbeitswelt anzu-
passen, lebten stattdessen in den Tag hinein und bestritten ihren Lebensunterhalt
dem er den Gegensatz zwischen den anstndigen BrgerInnen auf der einen und
den Gammlern auf der anderen Seite betonte:
Wer will nicht mit Gammlern verwechselt werden? WIR/Wer sorgt sich um Frieden
auf Erden? WIR/Ihr lungert herum in Parks und in Gassen/wer kann eure sinnlose
Faulheit nicht fassen/WIR! WIR! WIR! (zit. n. Siegfried 2005, S. 57)
Schlaffe Krper, die scheinbar ohne Sinn und Ziel einfach rumhingen, die sich
nicht den Anforderungen, Anstrengungen und Zeitstrukturen der Arbeitswelt
unterordnen wollten und zudem nicht den Vorstellungen ordentlicher Kleidung
und Frisuren gengten, wirkten auf die berwiegende Mehrheit der Bevlkerung
abstoend und provokant.
Die zweite Strmung, auf die sich die Hippiebewegung nach den Gammlern
bezog, waren die Beatniks mit den US-amerikanischen Schriftstellern Jack Kerou-
mit Drogen, verachteten das brgerliche Leben, wandten sich gegen die herkmm-
lichen sexuellen Tabus und wollten ein Leben auerhalb der Gesellschaft fhren:
109
3.6 Die Hippies
Sie besaen nicht viel, machten sich aber wenig daraus. Dem Elternhaus hatten
sie sowieso schon ade gesagt, Karriere wollten sie keine machen smtliche br-
gerliche Zukunftsvorstellungen waren ihnen fremd geworden. Sie verabscheuten die
Gesellschaft und zogen sich angeekelt von ihr zurck. (Brake 1981, S. 107)
Die Ablehnung eines brgerlichen Lebens, das durch Arbeit, Anstrengung, an-
Experimentieren mit Drogen und die Orientierung an einer freien Sexualitt waren
auch Bestandteile der Hippiekultur, wobei der Begriff Hippie von dem engli-
Zentrum der Hippiekultur war die US-amerikanische Westkste:
Zum Mekka der neuen Daseinsform wurde San Francisco. Dort, in den etwas her-
untergekommenen, idyllisch bemalten Holzhusern von Haight-Ashbury, dem euro-
pischsten Teil der Stadt, entwickelte sich die bunteste Blte jener Flower Power,
deren Anhnger als Hippies

rmierten. (Frei 2008, S. 57)
Im Gegensatz zur Halbstarken-Kultur, die sich aus Jugendlichen der Arbeiter-
gehobenen Schichten, es waren weie junge Frauen wie Mnner aus privilegierten
Verhltnissen, die keineswegs den Durchschnitt der US-amerikanischen Bevlke-
In New Yorks East Village kamen 12 Prozent der Hippies aus der Oberschicht,
87 Prozent aus der Mittelschicht und 1 Prozent aus den Unterschichten. In San
Francisco gehrten 8 Prozent der Oberschicht, 84 Prozent der Mittelschicht und 8
Prozent den Unterschichten an. (Holstein 1969, S. 68)
Die Philosophie der Hippies lsst sich in dem Slogan Turn in, tune in and drop
out auf den Punkt bringen: Erweitere dein Bewusstsein, wozu durchaus auch der
Drogengebrauch und der Bezug auf fernstliche Religionen und Philosophien ge-
hrten; stimme dich ein auf ein anderes Leben der Selbstverwirklichung und der
Gemeinschaft; lass das bisherige, brgerliche Leben hinter dir.
Hintergrund fr diese Aufforderungen war die grundlegende Annahme, dass
die westlichen, kapitalistischen Gesellschaften lediglich die materielle Seite des
Lebens, Industrie und Konsum, weiterentwickelt htten, wobei die spirituellen
und emotionalen Bedrfnisse auf der Strecke geblieben seien. Die Menschen im
Kapitalismus galten als seelenlose Plastik People, manipuliert durch die Mas-
senmedien, deren zentrale Werte wie Karriere, Konsum, Konformismus, Prestige
1103 Die sechziger Jahre
und Arbeit an den wirklichen Bedrfnissen der Menschen vorbeigingen. Dem
keit und Freiheit. Mageblichen Anteil an der Ideologie der Hippies hatte Timo-
thy Leary, Dozent fr Psychologie in Berkeley. Leary experimentierte mit be-
wusstseinserweiternden Substanzen wie Mescalin und LSD, befrwortete eine
liberalere Drogenpolitik und lieferte einen theoretischen Hintergrund fr diese
Jugendkultur.
Drogen, fernstliche Philosophien und die damit erhoffte Bewusstseinserwei-
terung waren bedeutsam fr den Lebensstil und die Intention der Hippies; es war
zudem eine Jugendkultur, fr die Diskussionen und zwischenmenschlicher Aus-
tausch von groer Bedeutung waren, wie es das Beispiel einer Hippie-Kommune
in Duisburg illustriert:
Nchtelang saen wir auf Matratzen und probierten kalifornische Drobs, die sa-
hen aus wie Brause und schmeckten auch so. Pltzlich war man 24 Stunden auf
einer LSD-Reise. Ein anderes Lebensgefhl, eine intensivere Wahrnehmung ent-
stand. Leblose Dinge wie Mbel oder Geschirr pulsierten im Atemrhythmus ...
Aber es gab auch endlose Gesprche ber die Vietnampolitik der Amerikaner, M.
L. King, ber Selbstanalyse, die Provos in Amsterdam, Dreiecksverhltnisse, an-
erzogene Komplexe, Unverstndnis bei den Eltern, beim Brger. Rollen- und Part-
nertausch, Enthaltsamkeit, Abtreibung, Frigiditt und Homosexualitt wurden zum
Problem. (Groth 1993, S. 81)
In seiner Untersuchung Profane Culture beschreibt der britische Soziologe Paul
Willis den Gegensatz zwischen den Werten und Zielen der herrschenden Gesell-
schaft und denen der Hippies als Gegensatz zwischen Straight und Head
den herkmmlichen Werten orientiert: eine Ausbildung oder ein Studium zu absol-
vieren, einen Beruf zu ergreifen, eine Familie zu grnden und seinen Erfolg durch
sich das Leben vor allem im Inneren des Menschen, im Kopf, abspielt. Damit ist
nicht eine rationale oder wissenschaftliche Weltsicht gemeint, sondern der Bezug
auf die eigenen Phantasien, das eigentliche Ich, die eigentliche Identitt, die durch
Meditation oder Drogengebrauch zum Vorschein kommen sollte. Hippies lehnten
eine wissenschaftliche Weltsicht und Gesellschaftsanalyse ab, sie besannen sich
auf das Individuum und betonten eher Innerlichkeit und Emotionen:
Nicht Analyse, nicht Marx oder Marcuse waren interessant, sondern Intuition,
Spontaneitt, unvermittelte Theorie und Praxis, direkte Erfahrung, Kreativitt, Ge-
meinschaft und Freunde bestimmten die Hippies, ... (Jaenicke 1980, S. 61)
111
3.6 Die Hippies
In dieses Weltbild, das vor allem Jugendliche aus hheren Kreisen mit dement-
sprechend intellektuellen Ansprchen ansprach, passte auch die bevorzugte Musik
der Hippies: Greatful Dead, Jefferson Airplane, Pink Floyd, Frank Zappa, Janis
Joplin und Jimi Hendrix waren die beliebtesten InterpretInnen und Bands der Be-
wegung. Kurze 3-Minuten-Songs waren weniger angesagt, die Musik sollte eher
dazu dienen, sich zu versenken, zu meditieren, sich ausgiebig den Gefhlen und
Inspirationen hinzugeben:
Dies erfordert eine Zuhrerschaft, die sich nicht viel bewegt, still dasitzt, sich
nicht mit anderen Dingen beschftigt und bereit ist, betrchtliche Zeit allein der
kritischen Rezeption von Musik zu widmen. (Willis 1981, S. 98)
Auf der anderen Seite war es blich, bei Festivals und Konzerten ekstatisch zu
tanzen, um seinen Krper zu spren und sich individuell auszudrcken. Die Hip-
pies waren

ihrem Selbstverstndnis nach nicht nur eine Jugendkultur, die sich ge-
legentlich zu Parties oder Konzerten traf. Sie verstanden sich vielmehr als eine
Counter Culture, eine umfassende Gegenkultur und grundstzliche Alternative
zum herrschenden System. Praktiziert wurde diese Utopie in Anstzen in einer
organisierten Gegengesellschaft:
Zu den Hervorbringungen ihres alternativen Kultur- und Lebensstils gehrten
Digger, die kostenlose Mahlzeiten verteilten, aber auch Straenverkufer, die Lo-
veburger und Lovedogs anboten, natrlich Musikbhnen, Mode Boutiquen,
eine eigene Zeitung mit dem schnen Titel Oracle und ein Psychedelic-Shop, in
dem die Zutaten fr sehr bunte Nachmittage erhltlich waren. (Frei 2008, S. 58)
Erreicht werden sollte eine andere Gesellschaft, allerdings nicht durch Revolutio-
nen und Kmpfe auf den Barrikaden oder einen gewaltsamen Sturz der Regierung.
Im Gegenteil, Friedfertigkeit und Gewaltlosigkeit waren zentrale Bestandteile der
nderung bzw. Erweiterung des Bewusstseins gesehen.
Freiheit und Liebe waren die wesentlichen Schlagworte der Hippies: Freiheit
von den Zwngen und Normen des brgerlichen Lebens, von entmndigender, ein-
tniger und fremdbestimmter Arbeit, Freiheit von manipulierten Bedrfnissen,
ber

ssigem Konsum, gesellschaftlichen Konventionen und sexuelle Freiheit.
Durch den Bezug auf Liebe sollte die grundstzliche lebensbejahende Einstellung
zum Ausdruck bringen, wobei es weit ber ein Verstndnis von sexueller Liebe
1123 Die sechziger Jahre
Gewaltlosigkeit, Anerkennung aller Menschen unabhngig von Hautfarbe, Natio-
nalitt, Religion, Erziehung. Liebe hie Bindung: die Integritt der Persnlichkeit
des anderen respektieren. (Faulstich 2003, S. 299)
einer friedfertigen Haltung versprach man sich die Lsung aller Kon

ikte; die
Flower Power, die Kraft der Blume als Symbol ihrer grundstzlichen Haltung
der Toleranz, der Liebe und des friedlichen Umgangs miteinander sollte an die
Diese Einstellung und Utopie der Hippiebewegung kommt in der Hymne der
Hippies, dem Song San Francisco von Scott Mc Kenzie zum Ausdruck:
If you

re going to San Francisco/Be sure to wear some

owers in your hair/If you

re
going to San Francisco/You

re gonna meet some gentle people there There

s a
whole generation with a new explanation/People in motion, people in motion
Die Hippies, auch Blumenkinder genannt, demonstrierten ihre Einstellung in
ihrer Kleidung und ihrem Verhalten. Ihre Kleidung war demonstrativ anti-br-
gerlich: meist weite, wallende Kleider bei den Frauen, weite Hosen und Hemden
bei den Mnnern und in der Regel als Kontrast zu sonst blichen grauen und
schwarzen Anzgen und Kostmen sehr farbenfroh. Beide Geschlechter trugen
die Haare lang, die Mnner zumeist noch Brte. Blumen im Haar und Blumenket-
ten um den Hals sowie verschiedene Armbnder und Ketten. Die Geschlechter n-
herten sich modisch an, was an den Angeboten der Szene-Lden zu erkennen war:
Als Ressourcen fr die Gestaltung dieses subkulturellen Stils wurden fremde
Kulturen, vor allem fernstliche herangezogen. Indien-Lden versorgten Szene-
Kundinnen und -Kunden mit bunter, locker hngender, nach westlichen Mastben
weiblicher Bekleidung, aber auch mit exotischer und ber diesen Umweg auch fr
Mnner akzeptablen Kosmetik, insbesondere Henna, Kajal. (Ellwanger/Hlsen-
beck 1997, S. 165)
Gegensatz zu den Anhngerinnen der Beat-Kultur auf die klassischen weibli-
chen Accessoires wie Stckelschuhe und BHs, sie waren das Gegenteil einer ele-
ganten Dame.
113
3.6 Die Hippies
krperlichen Erscheinung das krasse Gegenteil des Soldaten: Im Gegensatz zu
den geschorenen Haaren des Soldaten, seiner Aggressivitt, dem Marschieren im
lichkeit und Gelassenheit aus, bewegte sich eher weich, lehnte Hierarchien ab und
trug die Haare lang.
All das sollte Natrlichkeit ausdrcken, was auch fr das Verhltnis zum
Krper und zur Sexualitt gilt. Gem ihrer grundlegenden Weltanschauung, in
und lebensbejahende Kraft. Dementsprechend wurde ein natrlicher und un-
verkrampfter Umgang mit dem Krper und sexuellen Bedrfnissen praktiziert,
Homosexualitt war akzeptiert. Nacktheit und das Ausleben von Zrtlichkeiten
und Sexualitt waren keine Tabus, sondern galten als Akt der Befreiung von
einer einschrnkenden brgerlichen, krper- und lustfeindlichen Moral. Liebe
und Sexualitt sollten spontan und ohne Besitzansprche ausgelebt werden,
wobei der Sexualitt im Zusammenhang mit der Orientierung an fernstlichen
berkommen und einengend beim Ausleben der eigenen Bedrfnisse und der
Selbst

ndung; insofern konnten sie an die Liberalisierung der Sexualitt in den
60er Jahren anknpfen.
Die Krperhaltung der Hippies beider Geschlechter war locker, geschmeidig
und weich: Mit Gleichgesinnten friedlich auf einer Wiese liegen, Musik hren,
nicht krperlich arbeiten, sondern genieen und vor allem entspannt sein war ihr
Ideal. Durch diese anti-brgerliche Haltung lsten sie bei zahlreichen BrgerInnen
Emprung aus, wenn sie sich als Ungewaschene und Langhaarige in Parks oder
Innenstdten versammelten. Das Provozierende der Hippies war nicht vergleichbar
mit dem der Halbstarken; diese hatten durch bewusste Regelverste und aggres-
sives Auftreten erregt; bei den Hippies waren die Regelverste eher nonkonfor-
mistisch, antibrgerlich, gewaltfrei und fr alle sichtbar gegen die Arbeit und ein
geregeltes Leben gerichtet.
Passend zu ihrer Grundhaltung der Freundlichkeit und Offenheit ergab sich
bei den Hippies auch ein anderes Mnnerbild; da Hierarchien, Autoritten und
vor allem Gewalt tabuisiert waren, entwickelte sich ein eher sensibler Mnnertyp,
Macho-Gehabe und mnnliches Dominanzverhalten waren verpnt, es wurde ein
sanftes und verspieltes mnnliches Verhalten bevorzugt, tendenziell herrschte eine
Gleichheit der Geschlechter innerhalb der Szene.
Typisch fr die Hippiekultur ist auch ein anderes Umgehen mit Fahrzeugen:
Statt eines gep

egten und polierten Autos dem Statussymbol des Spieers
1143 Die sechziger Jahre
fuhren sie alte und verbeulte Autos, die sie bunt anstrichen und mit Blumen ver-
zierten, wobei VW-Busse sehr beliebt waren.
Die Bltezeit der Hippies war in den Jahren 19651970, das Woodstock-Festival
1969 gilt als Hhepunkt. Mit ca. 400.000 BesucherInnen kamen weit mehr Men-
verlief alles friedlich, es war eine Demonstration der neuen Werte der Counter
Culture mit Auftritten unter anderem von Grateful Dead, Jimi Hendrix, Jeffer-
son Airplane, The Who, Joan Baez, Janis Joplin und Joe Cocker. Das dreitgige
Woodstock-Festival ist als Manifestation der Hippiebewegung in die Geschichte
eingegangen, als drei Tage voller Love and Peace, in denen junge Leute friedlich
zusammen das Leben, die Musik und die Liebe genieen konnten.
Ein tiefes Zusammengehrigkeitsgefhl hatte die Jugend Amerikas (und die Hlfte
aller Nationen der Erde) erfasst, eine avantgardistische Vision von orgiastischen
Freuden fern jeder Gewalt und selbst abseits der Unterschiede des Geschlechts.
(N. Mailer, zit. n. Frei 2008, S. 60)
Freie Liebe und Gleichberechtigung aller Menschen waren im Sommer of love
allerdings in erster Linie wie die Hippiekultur insgesamt, ein Privileg fr junge
Menschen aus gehobeneren Schichten.
Die meisten, die so rumprobierten, waren Brgerkinder. Viele hatten sich nach
kurzer Zeit ausgetobt, nahmen die Blumen wieder aus dem Haar und tauschten
ihre Trume gegen eine ordentliche Karriere ein. Arbeiterkinder lernten solche
Spielwiesen kaum kennen: sie muten gleich nach der Schule in die Lehre. Arbei-
terkinder, wenn sie

`s berhaupt schafften, konnten gerade noch als Beat-Musiker
oder Fuballer eine wirkliche Aufstiegschance sehen. (Lindenberg/Knigstein
1984, S. 77)
Auch wenn sie dem Konsum in der westlichen Welt ablehnend gegenberstanden, war
ein Elternhaus mit gutem Einkommen doch ein beruhigender Hintergrund fr viele Hip-
pies. Ihre privilegierte Situation als SchlerInnen oder Studierende erlaubte ihnen zu-
mindest zeitweise einen Ausbruch aus der brgerlichen Welt, eine Rckkehr in das nor-
male Leben wurde durch eine wachsende Wirtschaft und Vollbeschftigung erleichtert.
Ihrem Alter und ihrer sozialen Herkunft nach waren sie durchaus mit den kriti-
an den Universitten und der Hhepunkt der Hippiekultur fanden zeitgleich statt.
Beide Bewegungen hatten auerdem die Utopie einer gerechteren und humaneren
Gesellschaft gemeinsam.
115
3.6 Die Hippies
Doch unterschieden sich das Verstndnis, die Begriffe und die Praxis von Poli-
Individuen und deren Bewusstsein; wrde sich dieses bei mglichst vielen Men-
schen ndern, dann stand einer besseren Welt nichts mehr im Weg. Die Hippiekul-
tur war in dem Sinne politisch, als dass sie zentrale Werte der westlichen Welt in
Frage stellte. Doch waren ihr Individualitt, Gefhl und Spontaneitt zu wichtig,
um sich in der konkreten Tagespolitik zu engagieren. Parteien mit Wahlen, einer
festen Organisation, Parteiprogrammen usw. widersprachen ihrer ideologischen
Grundeinstellung, an Politik im herkmmlichen Sinne hatten sie wenig Interesse.
Die Haltung und der Lebensstil der Hippies werden in dem 1968 uraufgefhrten
Musical Hair dargestellt, das weltweit erfolgreich war; es erzhlt die Geschichte
singt das neue Zeitalter, das Zeitalter des Wassermannes, von dem sich ein spiritueller
Wandel hin zu mehr Harmonie und Akzeptanz unter den Menschen versprochen wird.
Die Utopie der Hippies, Gewalt, Ausbeutung und Unterdrckung durch eine
nderung des Bewusstseins und die weitere Verbreitung ihrer Counter Culture ab-
zuschaffen, hat sich nicht verwirklichen lassen. Sie konnten auch nicht die Verein-
nahmung und kommerzielle Ausbeutung von Elementen ihrer Kultur verhindern,
wobei vor allem sexuelle Aspekte fr die Werbung interessant waren:
Findige Tanzhallen veranstalteten love-ins, und Nachtklubbesitzer von San
Francisco bis London riefen ihre Gste zu Topless Hippie Sex Orgies; Blumen-
geschfte in aller Welt adaptierten die Hippie-Strategie von der

ower power als
Slogan ihrer Geschfte ... Playboy zeigte sich von der Malfreude der Hippies an-
getan und kredenzte fnf nackte Mdchen, um die provozierende Kunst der Kr-
perbemalung vorzufhren; Mayfair stand nicht zurck und offerierte ein Hippie-
Girl, das nur mit Blumen im Haar und Gebetsketten um den Hals bekleidet war ...
(Hollstein 1980, S. 61)
liche Leben fr einen vorbergehenden Hippie-Trip verlieen:
Vor allem in den Schul- und Sommerferien verlieen Zehntausende ihre Wohnorte,
um sich fr beschrnkte Zeit dem Blumen-Lager anzuschlieen; diese dekorierten
Massen begriffen die Rebellion weithin als modisches Phnomen und entleerten sie
dergestalt jedweden Sinns. (Hollstein 1980, S. 62)
1163 Die sechziger Jahre
Doch hatte die Hippie-Bewegung weit ber eine Modewelle hinausreichende ge-
sellschaftliche Folgen: Sptere gegenkulturelle Bewegungen wie die kologie-
bewegung, die Frauenbewegung, die Alternativ- und Psychoszene sind ohne die
Hippies als Vorgngerkultur nicht denkbar, sie haben insofern eine kulturelle Vor-
reiterrolle und eine Wirkung ber ihre unmittelbare Hochphase hinaus. Vor allem
aber haben sie durch ihren anderen Umgang mit dem Krper, der Sexualitt und
dem Geschlechterverhltnis einen Beitrag zu einer strkeren Akzeptanz sexueller
Bedrfnisse, Toleranz und Gleichheit der Geschlechter geleistet.
4
Die siebziger Jahre
4.1 lkrise und deutscher Herbst
Die bernahme der Regierung durch die sozialliberale Koalition im Jahr 1969
lste in weiten Kreisen der Bevlkerung Euphorie aus; nach ber 25 Jahren Regie-
rungszeit der CDU war mit dem Machtwechsel hin zu einer SPD/FDP-Regierung
schaft aufzubrechen. Willy Brandt galt als Hoffnungstrger, der durch seinen An-
spruch Mehr Demokratie zu wagen auch Teile der kritischen Jugendlichen fr
sich gewinnen konnte.
Reformeuphorie machte sich breit. Eine auerparlamentarische Opposition
scheint nun nicht mehr notwendig. Ein Groteil der Mitglieder des in Au

sung
be

ndlichen SDS geht zu den Jungsozialisten der SPD. Der Staat wandelte sich
vom Repressionsinstrument zum Motor des Fortschritts. Die sozialliberale Koali-
tion steht fr Entspannungspolitik, Bildungsreform, mehr soziale Gerechtigkeit und
demokratische Partizipation das moderne Deutschland. (Farin 2006, S. 81)
Die Proteste der 60er Jahre schienen erfolgreich gewesen zu sein und die Hoff-
nungen auf eine demokratische gesellschaftliche Umgestaltung durch Reformen
realisierbar.
P. Rttgers,
Von RocknRoll bis Hip-Hop,
DOI 10.1007/978-3-658-10846-5_4,
Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
1184 Die siebziger Jahre
Der groe Rckhalt, den Brandt in der Bevlkerung genoss, ist daran zu er-
kennen, dass er angesichts eines drohenden Verlustes der Mehrheit im Bundestag
1972 die Vertrauensfrage im Parlament stellte und die SPD bei den anschlieenden
Neuwahlen ber 45 % als strkste Partei erhielt.
Ein zentrales Anliegen der Regierung Brandt war die Entspannungspolitik, die
an Stelle der Konfrontation mit den sozialistischen Staaten eine friedliche Koexis-
tenz anstrebte. Die Entspannungspolitik respektierte die Neuordnung Europas als
Ergebnis des Zweiten Weltkrieges und war dadurch der rechtliche Garant fr eine
friedliche Koexistenz zwischen den Staaten in West und Ost. Allerdings brachte
diese Politik Brandt und seiner Regierung zum Teil polemische Kritik von konser-
vativen Krften wie dem Bund der Vertriebenen, dem Bund der Mitteldeutschen
und der Deutschen Jugend des Ostens ein; diese und vergleichbare Organisationen
verfolgten eine revanchistische Politik, die sich mit der territorialen Neuordnung
Europas nicht ab

nden wollten und Brandt als Vaterlandsverrter und Ver-
zichtspolitiker diffamierten.
Trotz aller demokratischen Ansprche und Reformvorhaben ist die Regierungs-
Dienst vom Verfassungsschutz auf verfassungsfeindliche Aktivitten und ihre de-
mokratische Gesinnung hin berprft werden mussten:
Hunderttausende Bundesbrger wurden registriert, obwohl sie nur ihre verfas-
sungsmigen Rechte wahrnahmen. Wie zur Zeit der Inquisition wurden die Be-
troffenen Verhren unterzogen und ausgefragt, zum Beispiel ber ihr politisches
Engagement whrend ihres Studiums, ihre Einstellung zum Marxismus, zu Eigen-
tum, zu Kommunisten. (Gingold 1997, S. 44)
Eine Regierung, die mit dem Anspruch nach mehr Partizipation und Demokra-

i-
che Ttigkeit in staatlichen Einrichtungen unter Generalverdacht. Diese sahen
sich gezwungen, ihre politischen Einstellungen und ihr politisches Engagement
berprfen zu lassen, sodass der Radikalenerlass de facto ein Berufsverbot war.
freiheitlich-demokratische Grundordnung der Bundesrepublik, wobei die Gefahr
ausschlielich auf der linken Seite des politischen Spektrums gesehen wurde. Oft
gengte schon die Teilnahme an einer Demonstration (trotz des Rechtes auf freie
Meinungsuerung) oder die Mitgliedschaft in einer nicht verbotenen, gesell-
schaftskritischen Organisation, um Zweifel an der Verfassungstreue des Bewer-
119
4.1 lkrise und deutscher Herbst
eine Arbeit im ffentlichen Dienst bewarben, von der Juristin ber den Grtner bis
zur Lokomotivfhrerin oder dem Bademeister. Vor allem ehemalige Studentinnen
und Studenten, die sich im Laufe ihres Studiums an den Hochschulen mit marxis-
tischen oder anderen kapitalismuskritischen Theorien befasst oder einer dement-
sprechenden Organisation angehrt hatten und nun eine Stelle als LehrerIn oder
Die Regelanfrage wurde 1979 wieder abgeschafft, ihr

elen in der Zwischenzeit
ber tausend BewerberInnen zum Opfer, denen eine Anstellung im Staatsdienst
verwehrt wurde. Als Ergebnis fhrten die Berufsverbote zu einem Klima der
Angst, der Einschchterung und Unsicherheit und zu einem erhhten Anpassungs-
druck, wie Alfred Grosser in einer Rede betonte:
Aber wenn jeder Anwrter auf eine Stellung im ffentlichen Dienst auf Herz und
Nieren geprft werden soll, wenn er Fragebogen (ja, Fragebogen!) auszufllen hat,
wenn dem Gymnasiasten schon klar wird, was er zu unterlassen und was er brav
zu sagen hat, um spter keine Schwierigkeiten zu bekommen, so vermeidet man
weniger Gefahren fr die Grundordnung, als wenn man junge Generationen zum
S. 388)
ter Guillaume 1974. Sein Nachfolger als Kanzler der sozialliberalen Regierung
wurde Helmut Schmidt, wobei der Wechsel von Brandt zu Schmidt nicht nur eine
personelle nderung bedeutete, sondern auch eine inhaltlich andere Ausrichtung
der Regierungspolitik. Im Gegensatz zu Brandt sah sich Helmut Schmidt sich als
unideologischer Macher:
Hatte Brandt fr gesellschaftspolitische Visionen gestanden, fr eine umfassende
gesellschaftliche und auch kulturelle Reform, so stand Schmidt fr einen pragma-
tischen Rationalismus, der von der Philosophie Karl Poppers beein

usst war: Wer
Visionen hat, so Schmidt, sollte zum Arzt gehen. (Angster 2012, S. 83)
Pragmatik statt Visionen, Realpolitik statt Utopie und eine Politik der sogenannten
Sachzwnge, zu der es angeblich keinerlei Alternativen gab, bestimmten nun die
Richtung der sozialliberalen Regierung unter Helmut Schmidt, sodass sich viele
der Hoffnungen, die mit einer SPD-gefhrten Regierung verbunden waren, in Luft
au

sten. An die Stelle des Aufbruchs und der Hoffnungen waren Ernchterung
Auch die konomische Situation in Deutschland verschlechterte sich im Laufe
der 70er Jahre. Die goldenen Jahre des Kapitalismus, die Zeit nach dem Zweiten
1204 Die siebziger Jahre
Weltkrieg bis Anfang der 70er waren nicht nur in Deutschland, sondern auch
sie einen Boom: Stndiges Wirtschaftswachstum, hohe Beschftigungszahlen mit
annhernder Vollbeschftigung oder sogar einen Mangel an Arbeitskrften, stei-
gende Lhne, steigender Lebensstandard und stndig erweiterten Konsum kenn-
In Deutschland wie in anderen westeuropischen Lndern wurde das Ende die-
ser Periode zunchst durch den sogenannten lschock ausgelst. 1973 beschlossen
die arabischen Erdl exportierenden Lnder, den Preis fr Rohl in krzester Zeit
drastisch zu erhhen. In der Bundesrepublik, deren konomie stark vom Rohstoff
l abhngig war, wurde das Ende des wirtschaftlichen Aufschwungs daran deut-
lich, dass Tankstellen geschlossen wurden und die Regierung Sonntagsfahrverbote
genden Lebensstandard und an einen immer strker wachsenden Individualver-
kehr, war dies ein vllig ungewohnter Zustand.
Doch der lschock war lediglich der Auslser einer wirtschaftlichen Krise, die
die gesamte westliche Welt erfasste; die Industriekapazitten waren nicht mehr
ausgelastet, die Kaufkraft ging zurck und Arbeitslosigkeit wurde zu einem ge-
sellschaftlichen Problem in seit dem Krieg nicht gekanntem Ausma. Zwar gab es
in Westdeutschland bereits 1966/1967 eine Konjunkturkrise mit einem Anstieg der
Erwerbslosen, doch konnte sich die Wirtschaft davon relativ schnell erholen. Ab
1973 sah es dagegen ganz anders aus:
Mit Beginn der wirtschaftlichen Rezession im Herbst 1973 ging die Vollbeschfti-
gung zurck, und es entstand eine neue Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik. Die
Quote stieg von 0,6% (1970) der zivilen Erwerbspersonen auf 4,2% (1975), um dann
nur wenig zurckzugehen auf 3,4% (1979); in Zahlen: von 100000 Arbeitslosen
(1970) und 20000 (1971) ber 300000 (1973) und 600000 (1974)bis auf 1,1 Million
(1975). (Faulstich 2004a, S. 11f)
Durch die Steigerung der Arbeitslosigkeit um das 10-Fache im Laufe der 70er
Jahre machten die Westdeutschen Erfahrungen, die es in dieser Form in der Bun-
desrepublik nicht gegeben hatte: Gefhle der Krise und der Verunsicherung ver-
drngten den vorher herrschenden Optimismus, es wurde offensichtlich, dass die
Phase des hohen Wirtschaftswachstums und des steigenden Konsums fr alle an
ein Ende gekommen war.
Neben die wirtschaftliche Krise trat das Bewusstsein fr die kologischen Fol-
gen des wirtschaftlichen Wachstums: Der rasante Wachstum des Lebensstandards
breiter Bevlkerungsschichten war durch einen Raubbau an der Natur und gra-
121
4.1 lkrise und deutscher Herbst
vierende Umweltschdigungen erkauft worden. Verschmutzte Flsse, hohe Schad-
stoffkonzentration in der Luft und riesige Mllberge wurden zum Problem, Fort-
schrittsskepsis machte sich breit, die in ihrer Extremform auch apokalyptische
Zukunftsngste freisetzte. (Angster 2012, S. 85f)
Der Club of Rome, ein Verbund von Industriellen, konomInnen und Wis-
senschaftlerInnen verffentlichte Anfang der 70er Jahre unter dem Titel Die
Grenzen des Wachstums eine viel gelesene und diskutierte Studie ber die be-
denklichen kologischen Zustnde:
Wenn die gegenwrtige Zunahme der Weltbevlkerung, der Industriealisierung,
der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von
natrlichen Rohstoffen unverndert anhlt, werden die absoluten Wachstumsgren-
zen auf der Erde im Laufe der nchsten hundert Jahre erreicht. (Club of Rome, zit.
n. Angster 2012, S. 85)
desrepublik grtenteils durch einen grundstzlichen Optimismus geprgt, der im
Laufe der 70er allerdings angesichts der konomischen und kologischen Krisen-
tendenzen einer zunehmenden Unsicherheit und Skepsis wich.
Die Bewegung der Studierenden zer

el in dieser Zeit in verschiedene Strmun-
gen, wobei die kritische Grundhaltung zumindest zum Teil beibehalten wurde.
Ein Teil der AktivistInnen der 68er organisierte sich in den sogenannten K-
Gruppen wie dem Kommunistischen Bund (KB), dem kommunistischen Bund
Westdeutschlands (KBW) oder der Kommunistischen Partei Deutschlands/Auf-
bauorganisation (KP/AO). Sie hielten meist an der berzeugung fest, dass eine
fhren sollte, und waren straff organisiert. Wegen verschiedener ideologischer
fgten allerdings, vor allem zu Beginn dieses Jahrzehnts, ber eine relative Strke
innerhalb der Linken.
In ihrer Bltezeit konnten die K-Gruppen bis zu 40000 Personen zu bundesweiten
Demonstrationen mobilisieren. (...) Fr die siebziger Jahre sind rund 5000 rtliche
Gruppen, Untergruppen oder Sympathisantenorganisationen der diversen K-Grup-
pen erfat. Etwa 100 000 Personen sollen whrend der siebziger Jahre einmal zeit-
weise einer dieser Untergliederung angehrt haben. (Staadt 1997, S. 76)
Eine weitere Folge der Politisierung vor allem der spten 60er Jahre war das Auf-
kommen der neuen sozialen Bewegungen. Hierunter fllt ein breites politisches
1224 Die siebziger Jahre
Spektrum, das weniger die groe soziale Umwlzung zum Ziel hatte, sondern ba-
sisbezogen vor Ort aktiv war. Hierzu zhlen die seit Anfang der 70er entstandenen
haben, Stadtteilinitiativen, Frauenlden oder auch das Engagement fr selbst ver-
sis zu betreiben und eine groe Skepsis gegen Politik von oben. Die neuen sozia-
len Bewegungen trugen dadurch zur Entstehung einer alternativen Infrastruktur in
beginnenden Hausbesetzungen:
So wurden die Hausbesetzungen der Jahre zwischen 1970 und 1974 in Frankfurt,
Berlin, Mnchen, Kassel und anderen bundesdeutschen (Universitts-)Stdten hu-

g zum Kristallisationspunkt einer vielfltigen Basisarbeit und selbst organisier-
ten alternativen Infrastruktur aus Schler- und Frauenlden, Stadtteilinitiativen,
hilfen, Mieter- und Trebegngerberatungsstellen. (Farin 2006, S. 83)
Auch die westdeutsche kologiebewegung entstand als Folge der Ereignisse um
1968. Die Erkenntnis, dass die Grenzen des Wachstums erreicht oder schon ber-
schritten seien, fhrte zu einer Orientierung an einer anderen, alternativen Lebens-
weise, die mehr Rcksicht auf die Umwelt nehmen wollte und einen Lebensstil
p

egte, der mehr mit der Natur und der eigenen Gesundheit in Einklang stehen
sollte. Aus diesem sozialen Umfeld entstand auch die Bewegung gegen die Nut-
zung der Atomkraft. Mit Parolen wie Atomkraft? Nein danke! und Lieber heu-
te aktiv als morgen radioaktiv! mobilisierte sie zu Massendemonstrationen Mitte
bis Ende der Siebziger in Wyhl, Brokdorf, Kalkar und Gorleben, wo es zum Teil zu
bei einer Kundgebung gegen den Schnellen Brter in Kalkar:
Innerhalb von 12 Stunden berprfte die Polizei 125000 Personen. Schon an den
Abfahrtsorten wurden die Demonstranten stundenlang aufgehalten, von Polizisten
mit Maschinenpistolen im Anschlag gestellt, Autos und Busse durchsucht, Hals-
tcher und Transparente beschlagnahmt. Zehntausende konnten Kalkar nie errei-
chen. Einzelne Personen wurden auf ihrer Fahrstrecke bis zu zwlfmal angehalten
und durchsucht. (Kriener 1997, S. 153)
Als Ergebnis der politischen Unruhen der spten 60er Jahre ist auch der Terroris-
und andere die Rote Armee Fraktion (RAF). Die RAF verstand sich als antiimpe-
123
4.2 Gelockerte Bindungen
US-amerikanische Einrichtungen in der BRD. Im Mai 1972 wurden die fhrenden
Kpfe Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof, Holger Meins und Jan-
Carl Raspe verhaftet, Holger Meins verstarb 1974 in der Haft an den Folgen eines
Staat und der RAF im sogenannten Deutschen Herbst 1977: Der Bankier Jrgen
Ponto wurde von RAF-Mitgliedern erschossen, der Arbeitgeberprsident Hanns-
Martin Schleyer entfhrt, wobei drei Sicherheitsbeamte gettet wurden. Mit der
Entfhrung einer Lufthansa-Maschine sollten die RAF-Mitglieder aus der Haft
freigepresst werden, was allerdings misslang. Schlielich wurden Baader, Ensslin
und Raspe tot in ihren Zellen im Hochsicherheitstrakt von Stuttgart-Stammheim
aufgefunden.
in der BRD verschrft, die Rasterfahndung eingefhrt, zahlreiche Polizeikontrol-
len durchgefhrt, Fahndungsplakate mit den Bildern der RAF-Mitglieder hingen
ffentlich aus. Es ergab sich eine aggressive, zum Teil hysterische Atmosphre, in
der vor allem konservative Krfte linke politische Positionen und Personen per se
als terroristisch diffamierten und damit zu einer Verschrfung und Polarisie-
rung des politischen Klimas beitrugen.
4.2 Gelockerte Bindungen
Trotz der Enttuschungen ber die sozialliberale Regierung in groen Teilen der
Linken, der Au

sung des SDS, der Verdchtigung tendenziell aller linken Krfte
als TerroristInnen und dem Niedergang der Hippiekultur haben die Sechziger in
der Mentalitt und im Verhalten der meisten Westdeutschen Spuren hinterlassen.
Die Gesellschaft der Bundesrepublik ist in diesem Jahrzehnt insgesamt demokrati-
scher geworden. Dies bezieht sich nicht in erster Linie auf die Ebene der of

ziellen
Politik, sondern eher auf das alltgliche Leben der Menschen, die Wandlungen in
den Fragen der Lebensfhrung, der Kindererziehung und des Umgangs mit Se-
xualitt.
1244 Die siebziger Jahre
Die Vernderungen im Alltag, die in den Jahren der Reformen um sich griffen,
sind jedenfalls viel schwerer rckgngig zu machen als die politischen Schritte ins
moderne Deutschland. Es endete eine Art Diktatur, in der die einen den anderen
vorschreiben durften, da sie nach ihrer Familiennorm zu leben hatten. Es zerbrach
die ideologische Einheit der Gesellschaft, jene nur von Auenseitern gestrte ber-
einkunft, wie zu leben sei, was Erfolg, was Glck und was Vernunft ausmache. Ver-
loren ging die Gewiheit ber die Moral der Arbeit und der freien Zeit. Neben der
hergebrachten Kultur entstand, zunchst in Grostdten, eine zweite Wirklichkeit,
ein zweites Wertesystem, ein zweites Wirtschaftsleben. (Koch 1997, S. 10)
Uwe Koch bezieht sich auf das Entstehen einer Alternativkultur, die es in den
und mehr Lebenszusammenhnge, die sich bei ihrem Lebensstil, ihrer Kleidung
und Musik, ihren grundstzlichen Einstellungen zu Sexualitt, Geschlechterrollen
und Autoritt grundlegend von konservativen Haltungen unterschieden. Es ent-
standen linke, alternative und kologische Milieus mit ihren eigenen Geschften,
Kneipen, Zeitungen und Wohnformen (s. Reichhardt 2014).
die Gesellschaft der Bundesrepublik durch eine wesentlich grere Vielfalt und
Buntheit aus. Schon in der Kleidung der meisten Menschen wurde dies deutlich:
Schrille Farben und Muster auf Kleidern und Krawatten, weite Hosen mit Schlag
und Schuhe mit Plateausohlen bei beiden Geschlechtern waren en vogue; Frauen
konnten kurze und Mnner lange Haare tragen; die Generation der Erwachsenen
hatte sich gendert.
Die SchlerInnen und Lehrlinge der aufbegehrenden Generation, die politi-
schen AktivistInnen der Revolten an den Universitten und die AnhngerInnen
bildungen oder Studien und traten falls es mglich und gewnscht war in das
Berufsleben ein. Auch wenn sich viele aufgrund der Ergebnisse des Regierungs-
wechsels und der politischen Zustnde enttuscht zeigten, behielten sie doch, zu-
mindest in Anstzen, ihre Einstellungen und Vorstellungen bei. Hierzu zhlt eine
grundstzliche Skepsis gegenber Autoritten, eine gestiegene Akzeptanz gegen-
ber krperlichen und sexuellen Bedrfnissen und die Erkenntnis, dass es grund-
stzliche Alternativen zum Leben in Kleinfamilien gibt, denen sie zum grten
Teil entstammten. In diesem Sinne knnen die siebziger Jahre durch den Begriff
der gelsten Bindungen charakterisiert werden:
125
4.2 Gelockerte Bindungen
Die siebziger Jahre sind das Jahrzehnt der gelsten Bindungen. Ehe- und Fami-
lienbande, textile Bande, die Fesseln der kleinstdtischen Kulturnorm, die Bindung
des Menschen an genau einen Lebensort, an einen Arbeitsplatz oder eine Wohnung
all das lockerte sich in einer liberalen, individualistischen, beziehungsloseren
Gesellschaft. (Koch 1977, S. 16)
Krperhaltung, dem Gebrauch der Sprache, der Kleidung, der Konversation und
den Begrungen niederschlgt. Grundstzlich lsst sich hier auch der Gegensatz
von lssig und zackig erkennen, mit dem Maase (s. Maase 1999) den Habitus
der Halbstarken im Gegensatz zu den gesellschaftlich erwnschten Verhaltenswei-
sen beschreibt. Eine geschmeidige statt einer starren Krperhaltung, eine Sprache,
die Slangausdrcke statt korrekter Begriffe benutzt, Gleichberechtigung statt
Hierarchie, Freizeitkleidung und Jeans statt Anzug und Kleid, Duzen statt Siezen
und Hallo und Tschss sagen statt Guten Tag und Auf Wiedersehen sind
Gegensatzpaare, die die genderten Standards zum Ausdruck bringen. Locker-
heit und Lssigkeit stehen hier gegen Starrheit und Konvention, wobei locker
eher fr Jugend und starr fr die Erwachsenen stand und ein gelockerter Ha-
bitus mehr und mehr zum gesamtgesellschaftlichen Standard wurde. Lockerung
statt eines starren Gewissens, das durch verinnerlichte Normen und Gebote ein-
schrnkend wirkte, entstand ein Menschentyp, der sich durch die berzeugung
Der Impuls zu gelockerten Verhaltensstandards und Bindungen hatte seinen Ur-
sprung ohne Zweifel in den politischen und gegenkulturellen Jugendbewegungen
der 60er Jahre. Dabei darf allerdings keinesfalls der Anteil der Werbung an der
und entledigte sie ihres Kontextes:
Was in den Sechzigern als politische Auseinandersetzung einer alternativen Min-
derheit mit dem Establishment begonnen hatte, erlangte im Laufe der siebziger
Jahre eine breite ffentlichkeit. Allerdings nicht als kollektive Bewutseinsver-
nderung, sondern vermarktet in einer groen Modewelle. Lange Haare, Flower-
Power und Hippiekleidung, Happenings, Demos und die sogenannte sexuelle Be-
freiung, alles wurde vereinnahmt von der Glitzerwelt des Konsums. Stndig auf der
Suche nach zugkrftigen Bildern, ohne ernsthaftes inhaltliches Interesse, fllte
die Werbung alles in ihre groe Mhle, was einen Moment von Konsumentenauf-
merksamkeit oder auch nur einen Etat versprach. (Kriegskorte 1995, S. 188)
1264 Die siebziger Jahre
Als Ergebnis dieses Wechselspiels von politischem Protest und Gegenkultur auf
der einen und konomischer Ausbeutung und inhaltlicher Entleerung auf der an-
deren Seite wurden die Distinktionsmerkmale der kritischen Bewegungen instru-
mentalisiert, banalisiert und hielten Einzug in das normale Leben:
Als in den 70ern der Bankangestellte von nebenan auch lange Haare zu tragen
begann, ohne da ihm gravierende Nachteile daraus erwuchsen, als der Geschfts-
fhrer auch mal in Jeans ins Bro kam und als spter jeder x-beliebige Turnschuhe
mit allem mglichen kombinierte, ohne damit seine Identitt zu verndern,

el das
kaum auf. Es war fast schon normal. (Bucher/Pohl 1986, S. 29)
Diesen gesellschaftlichen Wandel hat der Soziologe Ulrich Beck mit dem Wandel
Industriegesellschaften zeichnen sich durch hierarchische soziale Strukturen
mit relativ klaren Verhaltensstandards aus, die sich vor allem im Verhltnis von
Mnnern und Frauen und den Generationen zeigen. Was sich gehrt, was man
darf, wie sich richtige Frauen, Mnner, Jungen und Mdchen zu verhalten haben,
ist zwar je nach sozialer Lage und Milieu unterschiedlich, doch herrschen diesbe-
zglich relativ einheitliche Vorstellungen und Normen vor.
Im Gegensatz dazu ist die Risikogesellschaft durch eine strkere Individualisie-
rung, gelockerte soziale Bindungen und grere Wahlfreiheiten fr die Individuen
kenden Zahl von Kindern und der geringeren Bedeutung von Religion zeigten sich
diese Tendenzen in allen westlichen Staaten seit Mitte der 60er Jahre, wobei sich
dieser Prozess in den 70er Jahren beschleunigte. Individualisierte Lebensformen
immer auch mit der Gefahr verbunden sind, angesichts der erweiterten Optionen
falsche Entscheidungen zu fllen und zu scheitern.
Individualisierung ist der zentrale soziale Trend, der die westdeutsche Gesell-
schaft im Laufe der 70er Jahre erfasste. In diesem Kontext sind auch die Refor-
men der Psychiatrie und des Strafvollzugs zu sehen; psychisch kranke Menschen
sollten weniger in abgeschlossenen und riesigen Kliniken ruhiggestellt, sondern
in kleinen, mglichst gemeindenahen Einrichtungen versorgt werden, was Pro-
zessen der Stigmatisierung entgegenwirken sollte. Zudem bekamen therapeutische
Angebote und die Absicht der Wiedereingliederung eine grere Bedeutung, die
Bedrfnisse der PatientInnen wurden ernster genommen. Im Strafvollzug wurde
Resozialisierung nach der Haft das Ziel, statt die Strafe in den Mittelpunkt zu
rcken, gewannen Prvention und Wiedereingliederung in die Gesellschaft an Be-
127
4.2 Gelockerte Bindungen
und einer Beschrnkung der Macht der Institutionen bei.
Gelste Bindungen bedeuten auch eine tendenzielle Abnahme von Hierarchien,
vor allem zwischen den Geschlechtern und den Generationen. Die Kritik an auto-
ritren Verhaltensweisen der erwachsenen Generation in Elternhaus, Schule, Be-
trieb und Universitt, die Kritik der Frauenbewegung an dem autoritren Gehabe
auch sich als links verstehender Mnner fhrten dazu, dass das traditionelle
Machtgeflle zwischen Eltern, LehrerInnen und Kindern, Mnnern und Frauen
moral durch, in der die Individuen nicht geforderte Verhaltensstandards einfach
reproduzierten, sondern als VerhandlungspartnerInnen auftraten, die miteinander
und mglichst auf gleichberechtigter Basis ihre Angelegenheiten regeln mssen:
Was Familie, Ehe, Elternschaft, Sexualitt, Erotik, Liebe ist, meint, sein sollte oder
sein knnte, kann nicht mehr vorausgesetzt, abgefragt, verbindlich verkndet wer-
den, sondern variiert in Inhalten, Ausgrenzungen, Normen, Moral, Mglichkeiten
am Ende eventuell von Individuum zu Individuum, Beziehung zu Beziehung, mu
in allen Einzelheiten des Wie, Was, Warum, Warum-Nicht entrtselt, verhandelt,
abgesprochen, begrndet werden, selbst wenn auf diese Weise die Kon

ikte und
Teufel, die in allen Details schlummern und besnftigt werden sollen, aufgeweckt
und entfesselt werden. Die Individuen selbst, die zusammenleben wollen, sind oder
genauer: werden mehr und mehr die Gesetzgeber ihrer eigenen Lebensform, die
Richter ihrer Verfehlungen, die Priester, die ihre Schuld wegkssen, die Therapeu-
ten, die die Fesseln der Vergangenheit lockern und lsen. (Beck/Beck-Gernsheim
1990a, S. 13)
Die Gesellschaft der Siebziger ist demokratischer geworden in dem Sinne, dass es
eine Demokratisierung von unten gegeben hat, grere Freiheiten der Individuen,
ihr eigenes Leben zu gestalten. Diese neuen Werte wurden vor allem in linken,
alternativen und kologischen Milieus bevorzugt und gelebt. Die sogenannten
Spontis, ihrem Selbstverstndnis nach undogmatische und basisdemokratische
innerhalb der Stadt Frankfurt ein nahezu geschlossenes Soziotop aus Wohnge-
meinschaften, kleinen alternativen Projekten und Initiativen. Ein Netz aus Drucke-
reien und Buchlden, Kinderlden und diversen Dienstleistungsbetrieben, Second-
hand- und Dritte-Welt-Lden schuf eine Alternativkonomie. (Reichhardt 2014,
S. 117)
1284 Die siebziger Jahre
berechtigt und demokratisch zu verhalten, traditionelle, autoritre Beziehungen durch

ogenheiten
der Elterngeneration abzugrenzen, was in Kleidung, Frisur, Umgang der Geschlech-
ter und der Generationen und dem Umgang mit Ordnung zum Ausdruck kam:
Der Bruch mit der brgerlichen Welt der Ordnung, Sauberkeit und Anstand sollte
sinnfllig dokumentiert werden. Die peinliche Beachtung von Regeln und Verhal-
tensnormen, die man aus den Herkunftsfamilien kannte, wollte man ebenso sym-
bolisch berwinden wie die Sterilitt und Hygiene bertrieben auf Hochglanz ge-
putzter Wohnungen. (Reichhardt 2014, S. 452)
In diesen linken, alternativen und kologischen Milieus entwickelte sich auch der
aufkommende Psychoboom der 70er Jahre.
Trotz aller Erfolge, die die 68er und die Hippies erreicht hatten, machte sich
auf der politischen Ebene doch eine Ernchterung breit, weil die zentralen Zie-
le und Utopien nicht verwirklicht werden konnten. Der SDS hatte sich aufgelst,
Teile der AktivistInnen waren in verschiedenen Gruppen zersplittert oder in den
Untergrund gegangen; die Euphorie, die mit der Kanzlerschaft Brandts verbunden
war, war enttuscht worden und auch die Hippies hatten nach ihrem Hhepunkt
in Woodstock nichts Vergleichbares mehr erlebt und mussten zusehen, wie ihre
Kultur und Ideale kommerzialisiert wurden.
Als Folge der empfundenen Niederlagen und der Frustration ber die anschei-
nende Ausweglosigkeit, die gesellschaftlichen Verhltnisse grundlegend zu ndern,
begann ein Teil des linken, kologischen und alternativen Milieus, sich mit seinem
Inneren, seiner eigenen Emp

ndlichkeit, zu befassen, weil hier Hoffnung auf eine
wenigstens individuelle nderung bestand. Hier, im alternativen Milieu vor allem
der Universittsstdte, hatte der Psychoboom seinen Ursprung; als Ergebnis ist eine
explosionsartige Ausweitung psychologischer Therapieformen entstanden, die sich
und zum Teil vllig neue, aus anderen Kulturen stammende Therapien anpries und
Buddhistische Therapie durch Diplompsychologen/Befreiung des transzendenta-
len Selbst/Krper und Trommeln/Selbsterfahrung durch elementare Rhythmen ()
Tanztherapie und Body-Language/Praktische Anwendung ursprnglicher Weisheit
gem dem vierten Weg () Individuelle Einzelkurse in psychischer Massage, ()
Bodyreading, Reinkarnation () Heilkruter-Meditations-Seminar () Indiani-
sche Pfeifenzeremonie (zit. n. Mller, C.W. 1992, S. 176).
129
4.2 Gelockerte Bindungen
Im Mittelpunkt all diese Angebote stehen das Individuum, seine Be

ndlichkei-
ten und sein Krper. Der Krper wird hier nicht instrumental und in Hierarchien
freien gilt, ein Krper, der nicht als Instrument und Zweck, sondern als Zeichen
fr psychisches Wohlbe

nden oder Unwohlsein gesehen wird. Der Theorielastig-
keit der traditionellen Linken wird emotionale Be

ndlichkeit statt gesellschaft-
licher Analyse entgegengesetzt, Individualitt statt gesellschaftlicher Vernderung
als Gegenstck zu Rationalitt und Verstand wurden in groen Teilen der (ehe-
mals) Linken zu zentralen Bezugspunkten und betonten das Individuum strker
im Gegensatz zu den gesellschaftlichen Verhltnissen, wie es die kritische Gesell-
schaftsanalyse tut. Mit diesem Verstndnis von Individualitt, Emotionalitt und
Krperlichkeit sowie der Faszination fr fernstliche Philosophien und Lehren
konnte der Psychoboom sich auf die Hippiekultur beziehen, in der Spontaneitt,
Ganzheitlichkeit und Emotionalitt bereits die zentrale Rolle spielten. In einem
spezi

schen Sprachgebrauch mit Ausdrcken wie Auf sein Bauchgefhl hren,
Keinen Bock haben, Sich einbringen, Blockiert sein, Authentisch sein oder
Schwingungen spren uerte sich diese Haltung.
Gem dem Anspruch, Hierarchien tendenziell zu beseitigen, wurde hier in
selbst organisierten Gruppen ohne Machtgeflle zwischen ExpertInnen und Laien
Wie die Kultur der Hippies, so stammen auch die meisten der im Psychoboom
melsurium aus diversen Heilverfahren verschiedener Kulturen handelt, was an Be-
griffen wie Encounter Group, Sensitivity Training oder Awareness Fitting
deutlich wird. Insbesondere Verfahren aus der sogenannten Humanistischen Py-
chologie wie Gestalt- und Urschreitherapie oder Sensitivity-Training erfreuten
sich groer Beliebtheit, weil sich diese auf ein Menschenbild beziehen, das Kreati-
vitt und individuelles psychisches Wachstum in den Mittelpunkt stellt.
Mit dem Interesse und der Orientierung an Psychologie und psychotherapeu-
tischen Verfahren war der Psychoboom in der linken und alternativen Szene ein
Vorreiter fr psychologische Denkmuster, die sich in den 70ern gesamtgesell-
schaftlich verbreiteten. Sozialer Hintergrund hierfr sind die gelsten Bindungen
als zentrale Tendenz. Es entstand ein erhhter Entscheidungs- und Re

exionsbe-
darf, der das Bedrfnis nach professioneller Hilfe hervorrief:
1304 Die siebziger Jahre
An die Stelle herkmmlicher Gemeinschaftsbindungen trat nun der Expertenrat-
schlag fr die Kunst des Lebens. Der Erosion der Hilfeleistungen durch traditionel-
le Ressourcen seien es Pfarrer oder Verwandte standen nun die neuen psycho-
therapeutischen Heilslehren gegenber. (Reichhardt 2014, S. 792)
4.3 Liberalisierung und Verschiebungen im Geschlechter-
verhltnis
Menschen in den 70er Jahren, ihre Sexualitt weitestgehend selbstbestimmt zu
leben. Im Rahmen der Strafrechtsreform von 1969 wurde der Ehebruch als Straf-
rechtsbestand aufgehoben und der Kuppeleiparagraf gestrichen. Auch wenn er zu-
Heterosexualitt auch auerhalb der Ehe legal zu leben. Schlielich wurde Para-
graph 175, der sexuelle Beziehungen zwischen Mnnern unter Strafe stellte, ab-
geschwcht, bis er 1994 vollkommen gestrichen wurde. Homosexuelle Mnner,
die whrend des Faschismus brutal verfolgt wurden, mussten bis Ende der 60er
Jahre warten, um eine Anerkennung ihrer sexuellen Orientierung zu erfahren,
auch wenn sie heterosexuellen Menschen noch nicht vllig gleichgestellt wurden.
Um ihre Forderungen nach Akzeptanz und Freiheit vor Diskriminierung durch-
bewegung. Der Begriff schwul wurde bewusst gewhlt, homosexuelle Mnner
bernahmen den ursprnglich diskriminierend gebrauchten Ausdruck und gingen
in die Offensive, indem sie ein ursprnglich stigmatisierend gebrauchtes Wort zum
Ausgang der internationalen Bewegung fr das Recht auf (mnnliche) Homo-
sexualitt war der sogenannte Stonewall-Aufstand in New York am 28. Juni 1969:
sexuelle gegen die Schikanierungen von Ordnungskrften und lieferten sich Stra-
als jhrlichen Tag zur Demonstration fr die Rechte homosexueller Menschen zu
begehen.
In Deutschland gab der Film Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die
Situation, in der er lebt, 1970 von Rosa von Praunheim gedreht, den Ansto fr
die Bewegung homosexueller Mnner, sich als Schwule sichtbar zu machen und
fr ihre Gleichberechtigung einzutreten; eine homosexuelle Bewegung und Kultur
mit psychosozialen und kommerziellen Angeboten entstand.
131
4.3 Liberalisierung und Verschiebungen im Geschlechterverhltnis
Seit der Reform des 175 hat sich die kommerzielle Subkultur (...) besonders in
den Grostdten stndig emanzipiert und bietet mit ihren Kneipen, Discos, Saunen,
Cafs, Restaurants usw. mittlerweile auch ein sozial differenziertes Angebot von
Treffpunkten. Mit der Entstehung einer schwulen Brgerrechtsbewegung Anfang
der 70er Jahre hat sich zugleich eine neue Form der homosexuellen Sub entwickelt.
Vor allem die Organisierung der sozialen und kulturellen Bedrfnisse sowie Selbst-
hilfe stehen dabei im Vordergrund. So haben sich in fast allen Grostdten, aber
mittlerweile auch in vielen Klein- und Mittelstdten schwule Gruppen gebildet, die
hauptschlich in den Bereichen Beratung, Information und Hilfe, sowie in der Or-
ganisation von Freizeitangeboten ttig sind. (Stmke 1992, S. 108)
her noch Verbrechen und Vergehen gegen die Sittlichkeit als Bezugspunkt fr
Strafen, also ein relativ abstrakter Begriff, so bezog sich das Recht nun auf Straf-
taten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, womit auch rechtlich die individuelle
Selbstbestimmung anerkannt wurde.
Der affektiv aufgeladene und rechtlich unbestimmte Unzuchts-Begriff wurde
durch den sachlicheren Begriff der sexuellen Handlung ersetzt. Als vor Besch-
digung zu schtzende Rechtsgter wurden nun ausdrcklich nicht mehr Sitte und
Moral, sondern lediglich noch sexuelle Freiheit und sexuelle Entwicklung de

-
niert. Dieses Rechtsgterschutz-Prinzip steht und fllt freilich mit der tatschli-
chen oder tatsachenwissenschaftlichen Ermittelbarkeit manifester oder potentieller
Schadenswirkungen. (Bllinger 1992, S. 279)
rechtlich privilegierte Stellung des Mannes innerhalb der Ehe aufgehoben. Bis da-
hin war noch Paragraph 1354 in Kraft, der unter anderem besagte:
Dem Manne
steht die Entscheidung in
allen
das gemeinschaftliche eheliche Leben betreffen-
den Angelegenheiten zu; er bestimmt insbesondere Wohnort und Wohnung. (Zit.
n. Beck-Gernsheim 1990, S. 118)
das Geschlechterverhltnis betreffen, weisen in die gleiche Richtung: Es geht um
eine Legalisierung von sexuellen Prferenzen wie der Homosexualitt, eine An-
erkennung von Sexualitt auch auerhalb der Ehe und ein rechtliches Gleichge-
wicht von Frauen und Mnnern innerhalb der Ehe. In der Folge hielt sich der Staat
weitestgehend aus dem Sexualleben der Brgerinnen und Brger heraus, sie hat-
ten rechtlich erheblich grere Mglichkeiten, ohne juristische Vorschriften und
Angst vor Bestrafung ihr Sexualleben zu gestalten.
1324 Die siebziger Jahre
dem es ursprnglich um unzchtige Schriften ging, wurde in pornographische
Schriften gendert, was signalisierte, dass Unzucht kein Bezugspunkt fr die
Rechtsprechung mehr war und somit mehr Freiheiten hinsichtlich des Konsums
von Pornographie ermglichte. Von konservativen Kreisen wurde die liberalisier-
dass Genosse Porno regiert (zit. n. Koch 1986, S. 180).
Es wurden die traditionellen Befrchtungen geuert, dass durch grere se-
xuelle Freiheiten und Mglichkeiten der Selbstbestimmung des und der Einzelnen
die gesellschaftlichen Fundamente wie Sitte, Anstand, Ordnung, Familie usw. in
Entscheidende Krfte in der SPD tragen die Hauptverantwortung fr die zuneh-
mende sittliche Anarchie, welche die Grundlagen unseres Staatswesens bedroht.
(Zit. n. Koch 1983, S. 180)
Doch befanden sich diese reaktionren Krfte gesellschaftlich auf dem Rckzug,
ihre Hoffnungen, zur Sexualmoral der 50er Jahre zurckzukehren, erwiesen sich
als aussichtslos angesichts gesellschaftlicher Verhltnisse, in denen die Menschen
ihr Recht auf eine selbstbestimmte Sexualitt immer selbstbewusster und selbst-
Die Kommerzialisierung der Sexualitt wurde im Laufe der 70er Jahre fortge-

agen, weitere Sex-

lme erzielten hohen
Absatz. Neben Filmen wie Beim Jodeln juckt die Lederhose, Die Praxis zum
geilen Doktor oder Drei Schwedinnen in Oberbayern, in denen es ganz unver-
hohlen um die Darstellung von Heterosexualitt ging, sind hier vor allem Filme zu
nennen, die unter dem Deckmantel von Aufklrung sexuelle Szenen prsentierten;
neben dem Verfhrerinnen-Report, der ber die List und Tcken weiblicher Ver-
lich aber wahr) in sechs Teilen ber das angebliche Sexualleben von Hausfrauen.
Noch erfolgreicher war der Schulmdchen-Report, der in 13 Folgen erschien.
Mit Untertiteln wie Was Eltern nicht fr mglich halten oder Was Eltern den
Schlaf raubt gaben sie sich aus als Aufklrungs

lme ber das Sexualleben von
jungen Mdchen, dienten aber dazu, angeblich besorgten Eltern, LehrerInnen
Mdchen vorzufhren. Die Sex- bzw. Porno

lme, die auf den Markt drngten und
dort ihr Publikum fanden, fhrten zu einer Verbreiterung und Verallgemeinerung
von dargestellter Sexualitt. Galt es vorher in Teilen der Avantgarde als schick,
133
4.3 Liberalisierung und Verschiebungen im Geschlechterverhltnis
sich diese Filme anzusehen, so wurden neue Kreise fr die entsprechenden Ki-
nos entdeckt und die Sex- und Pornoindustrie weiter professionalisiert, wobei vor
von Sex- und Porno

lmen in den 70er Jahren war in erster Linie ein Erfolg der
verfestigt: Die Krper der Mnner, vor allem aber die der Frauen entsprachen dem
gngigen Krperklischee von jung und schlank, die gezeigte Sexualitt entsprach
einem mnnlichen Blick und mnnlichen Bedrfnissen. Im Allgemeinen hat diese
Form der kommerzialisierten Sexualitt wenig bis nichts mit einer Befreiung von
sexuellen Stereotypen zu tun, zumal Homosexualitt allenfalls als lesbische Lie-
Krnung von Sexualitt angesehen wurde; ltere, behinderte oder von der Norm
abweichende Krper kamen so gut wie gar nicht vor. Insofern besaen diese Filme
eine af

rmative und stabilisierende Wirkung, was die Vorstellungen von richti-
ger und guter Sexualitt betrifft, die den Mainstream bestimmte.
In eine vllig andere, kritische Richtung gingen nicht nur beim Thema Sexua-
litt die Aktivitten der Neuen Frauenbewegungen, die sich in den 70ern entwi-
ckelten. Als Auftakt dieser Strmung gilt der Weiberrat im SDS, der sich gegen
zunehmend kritisch hinterfragt wurden: Angefangen bei der Lohnungleichheit
ber die Belastung vieler Frauen mit der Kindererziehung und im Haushalt, die
mnnlich geprgte Sexualitt bis hin zur mnnlichen Gewalt gegenber Frauen
in- und auerhalb von Partnerschaften griffen engagierte Frauen viele Themen auf
und wollten sich mit ihrer unterprivilegierten Stellung nicht mehr ab

nden.
Ab 1970 bildeten sich Kerne von Frauennetzwerken und -gruppen heraus. Sie hat-
ten eine gleichheitliche, horizontale Struktur und Vorgehensweise: Alle Mitglieder
waren verantwortlich und sie erkannten sich wechselseitig als wichtig und kompe-
tent an, als Expertinnen ihrer Lebenssituation. So gewannen sie auch individuel-
les Selbstbewusstsein und organisatorische und politische Kompetenz. Die Trger-
Frauen (auch aus dem Medien- oder Bildungssektor), Hausfrauen, Mtter und Stu-
dentinnen trafen sich in den neuen Zentren und tauschten sich aus. (Lenz 2009,
S. 12)
Bereits im Jahr 1971 verffentlichte die Illustrierte Stern eine Titelgeschichte, bei
der sich 374 prominente und nicht prominente Frauen des eigenen Schwanger-
schaftsabbruchs bezichtigten; diese Kampagne war von den in die ffentlichkeit
1344 Die siebziger Jahre
weitgehend nicht akzeptiert wurde. Gerade in der Frage des Schwangerschaftsab-
bruchs sahen die engagierten Frauen einen zentralen gemeinsamen Bezugspunkt
ihres Kampfes, weil dieses Thema eng mit der weiblichen Sexualitt und der
Selbstbestimmung ber den weiblichen Krper zusammenhngt:
Nicht zufllig hat der feministische Aufbruch aus diesem Anla eingesetzt. Denn
der am Beginn der 70er Jahre mit der Selbstbezichtigungskampagne Ich habe ab-
getrieben verffentlichte Protest grndete sich auf den immer deutlicheren Wider-
spruch zwischen der Zusicherung von mehr Gleichberechtigung und der Kontrolle
und der Bevormundung der Frauen an diesem, ihr Leben entscheidenden Punkt:
der Kontrolle weiblicher Sexualitt und ihrer Fhigkeit, Menschen zu gebren.
(Gerhard-Teuscher 1996, S. 104)
In der Folge gab es diverse Demonstrationen, auf denen Frauen die vollstndige
Streichung des Paragraphen 218, die Finanzierung der Abbrche durch Kranken-
kassen, eine Finanzierung empfngnisverhtender Mittel und eine umfassende Se-
xualaufklrung in den Schulen forderten. Die SPD-gefhrte Regierung entschied
sich 1971 fr die sogenannte Fristenregelung bei Schwangerschaftsabbrchen,
nach der die Abtreibung in den ersten drei Monaten ohne Begrndung straffrei
war. Gegen diese Regelung legten Mitglieder der CDU/CSU-Fraktion Klage beim
Bundesverfassungsgericht ein, das daraufhin die Fristenlsung fr verfassungs-
widrig erklrte. Ab 1976 galt dann die Indikationsregelung, der zufolge eine Frau
einen Schwangerschaftsabbruch nur dann durchfhren lassen darf, wenn sie eine
medizinische, eugenische, kriminologische Indikation vorweisen kann, was sie
von rztInnen abhngig macht, die allein das Recht haben, eine Indikation zu
bruch fhrte von konservativer Seite zu heftigen Attacken, bei denen nicht selten
eine Parallele zum Holocaust gezogen wurde. So uerte sich der CSU-Abgeord-
Die Nationalsozialisten haben die Juden gettet, und die internationalen Sozia-
listen tten ungeborenes Leben. Das, was in unserem Volk geschieht, ist der exakte
Weg zurck nach Auschwitz. (Zit. n. Koch 1983, S. 185)
Trotz dieser und anderer Hetze gegen ihre Selbstbestimmung haben engagierte
Frauen ein greres Stck Selbstbestimmung ber die eigene Fruchtbarkeit und
den eigenen Krper erkmpft und es wurden zahlreiche Frauen ermutigt, weiterhin
fr ihre Rechte einzutreten; eine feministisch orientierte Szene entstand:
135
4.3 Liberalisierung und Verschiebungen im Geschlechterverhltnis
Die berzeugung einer gemeinsamen Mission und die Erfahrungen mit dem
Kampf gegen Paragraf 218 fhrten zu zahlreichen anderen Frauenprojekten, von
Frauenbuchlden und Frauencafes bis zu Frauenhusern, Frauenzeitschriften und
Frauenverlagen. Im Laufe der siebziger Jahre entstand in groen wie in kleinen
Stdten eine weiblich geprgte Gegenffentlichkeit. (Herzog 2005, S. 276)
1972 gab es in Frankfurt am Main die erste Lesbengruppe, 1973 wurde in Berlin
dung von Frauenhusern, in denen vor Gewalt bedrohte und geschlagene Frauen
Zu

ucht

nden sollten; 1975 wurde mit Frauenoffensive der erste feministische
Fraueninitiative konstituierte sich, woraus 1982 die Zeitschrift Wir Frauen ent-
erschien ab 1977 die Zeitschrift Emma der Feministin Alice Schwarzer und im
Januar 1978 wurde in Mnchen der erste Notruf fr vergewaltigte Frauen ein-
gerichtet.
Auch wenn sich inhaltlich unterschiedliche Positionen innerhalb der Frauen-
bewegungen differenzieren lassen Lenz unterscheidet zwischen dem sozialisti-
schen Feminismus, dem radikalen Gleichheitsfeminismus, dem radikalen Diffe-
renzfeminismus und dem lesbischen separatistischen Feminismus (s. Lenz 2009,
S. 12), so lsst sich doch ein gemeinsames Ziel im Kampf fr ein selbstbestimmtes
und gleichberechtigtes Leben erkennen, wobei der Kampf fr die Selbstbestim-
mung ber den eigenen Krper und die eigene Sexualitt eine zentrale Rolle spiel-
te. Grundlage hierfr war die Erkenntnis, dass das Politische das Private bestimmt
und sich die mnnliche Dominanz auf gesamtgesellschaftlicher Ebene auch in den
vermeintlich privaten Beziehungen der Geschlechter zeigt.
Die Frauen, vor allem in der autonomen Frauenszene, entwickelten einen eige-
nen Stil, der sich von dem in den Mainstream-Frauenzeitungen deutlich unter-
schied. Sie wollten nicht sexy auftreten und somit nicht den von vielen Mnnern
gewnschten und der Mode propagierten Bildern entsprechen:
Als deutliches Zeichen fr die Zugehrigkeit zu dieser Szene entwickelte sich ein
spezi

scher Kleidungsstil mit weiten, die weiblichen Formen verhllenden Klei-
dungsstcken und der programmatischen Bevorzugung von Lila, der traditionellen
Farbe der Frauenbewegung. (Strobel 2004, S. 267)
Es ging den engagierten Frauen um Autonomie: Autonomie von mnnlicher Be-
wertung und Dominanz, von einer in der Regel mnnlich dominierten Sexualitt.
1364 Die siebziger Jahre
und den eigenen Krper, die eigenen auch erotischen und sexuellen Erfahrun-
gen ohne Mnner. Vor allem ging es um eine damit eng verbundene Anprangerung
mnnlicher (sexueller) Gewalt, in der mnnliche Dominanzansprche am unmit-
telbarsten und brutalsten zum Ausdruck kamen. Das Engagement fr Frauen, die
sich in autonomen Frauenhusern vor mnnlicher Gewalt in Sicherheit bringen
konnten, und der Einsatz fr vergewaltigte Frauen, die ermutigt werden sollten,
ihre Gewalterfahrungen zur Anzeige zu bringen und den Tter nicht ungestraft da-
vonkommen zu lassen, berief sich auf die Erkenntnis, dass Frauen insbesondere im
sozialen Nahbereich, in der eigenen Beziehung oder Ehe, Gefahr liefen, zu Opfern
von (sexualisierter) Gewalt zu werden. Dem of

ziellen Bild eines partnerschaftli-
chen Umgangs der Geschlechter miteinander wurde somit die erschreckende Rea-
litt von gewaltttigen Beziehungen, schlagenden und vergewaltigenden Freunden
und Ehemnnern entgegengehalten.
Aber auch weniger eindeutige Machtausbungen wie die subtile Verbreitung
eines sexistischen Frauenbildes in der Werbung wurden von feministisch orientier-
ten Frauen einer Kritik unterzogen: Frauen, reduziert auf ihren sexuell attraktiven
Krper, der im Sinne der Schnheitsnormen zugerichtet und mit den Konsum-
gtern fr Mnner attraktiv gemacht werden soll, Sexismus als heimlicher Lehr-
plan, Frauen als stndig fr Mnner sexuell verfgbare Geschpfe, als unselb-
stndig und von Mnnern abhngige Hausfrauen und Mtter, bestimmten einen
groen Teil der professionellen Werbung und bten eine Wirkung auf das Frauen-
bild von Frauen wie Mnnern aus.
Das Engagement zahlreicher Frauen fhrte zu einem greren Selbstbewusst-
sein von Frauen und zu einer gestiegenen Sensibilitt gegenber mnnlicher Do-
in der Lage zu sein, mit Frauen partnerschaftlich umzugehen, ein fr beide Ge-
schlechter befriedigendes Sexualleben (mit) zu gestalten und Frauen als gleich-
und reagierten oft hil

os und verunsichert. Im Gegensatz zur Frauenbewegung mit
ihrer gesellschaftlichen Wirkung gab es keine vergleichbare Bewegung von Mn-
nern. Allenfalls in kleinen Kreisen, vor allem in Universittsstdten mit einem
dementsprechenden Publikum, entstanden kleinere Zirkel organisierter Mnner,
die in Gruppen ihre Schwierigkeiten mit der mnnlichen Rolle thematisierten.
Gerade in diesen Milieus, in denen sich Mnner aufgrund des Engagements von
neuer Typ von Mnnlichkeit, den Cora Stephan ironisch beschreibt:
137
4.3 Liberalisierung und Verschiebungen im Geschlechterverhltnis
Seiner Mutter tat er mit dem berschulterlangen Haar und dem weniger mnnlich
denn natrlich sprieenden Vollbart manch Leid an, aber ansonsten war er der
Frauen bester Freund. Ein Kind der siebziger Jahre, in denen die Errungenschaften
von

68 bereits geerntet, eingefahren und verarbeitet waren: unaggressiv, androgyn,
selbstkritisch. Er zog handgestrickte Ringelpullover den Hemden und Manschetten
vor und bot das gute Gesprch an, bevor er sich im Bett, auf Schmusen, Streicheln
und Penetrationsverzicht eingestellt, als gelehriger Schler der Frauenbewegung
erwies. Er ging stets mit zum Frauenarzt, bewhrte sich beim Temperaturmessen,
kannte sich mit den Funktionen des weiblichen Krpers besser aus als mit den eige-
nen. (Stephan 1983, S. 350)
Diese ironisierende Sichtweise auf eine neue Form von Mnnlichkeit, wie sie vor
allem im alternativen Milieu an Bedeutung gewann, reproduziert wenn auch gut
und originell formuliert die Vorurteile, die auch gesamtgesellschaftlich gegen-
ber Mnnern in diesem Milieu herrschten; sie bezieht sich im Kern darauf, dass
diese Mnner nicht das traditionelle Bild von Mnnlichkeit reprsentieren und
unterstellt eine weibliche Dominanz bei mnnlicher Unterordnung. Was allerdings
bersehen wird, ist, dass durch die berechtigte Kritik von Frauen an mnnlicher
Dominanz in den verschiedenen Bereichen die Mnner gezwungen waren, sich mit
zen und damit die Vorstellungen von Mnnlichkeit erweiterten. Wie auch Frauen
distanzierten sich Mnner im alternativen Milieu tendenziell von traditionellen
Geschlechterbildern und konnten vor dem Hintergrund eines gelockerten Mnn-
lichkeitsbildes alternative Vorstellungen und Praktiken entwickeln. Diese Mnner
waren nicht mehr auf Macho-Posen oder eine stndige Demonstration ihrer ber-
legenheit angewiesen das wre in ihrem Milieu auch verpnt gewesen und
konnten dadurch eine re

ektierte und sensiblere Form von Mnnlichkeit erproben.
Gelste Bindungen fhrten zu Mglichkeiten, Mnnlichkeit neu zu de

nieren und
zu leben und die Belastungen der Imperative der Mnnlichkeit hinter sich zu
lassen. Weichheit und Offenheit statt Hrte und Panzerung, partnerschaftliche Be-
ziehungen statt berlegenheit waren die Folgen einer kritischen Sicht auf Mnn-
lichkeit.
Fr die Mnner im alternativ-linken Milieu ergab sich dadurch allerdings die
lichkeit zu setzen.
1384 Die siebziger Jahre
Im Laufe der siebziger Jahre wurde deutlich, dass viele Mnner der linksalter-
nativen Szene mit der De

nition ihrer Mnnlichkeit Probleme hatten. Die her-
kmmlichen Vorstellungen vom Mann als erfolgreichem Geschftsmann, souve-
rn-patriarchalem Familienernhrer oder elegantem Verfhrer kamen fr sie nicht
infrage. Die Suche nach neuen Rollenbildern gestaltete sich jedoch schwierig.
(Reichhardt 2014, S. 699)
4.4 Jugend zwischen Emanzipation, Konsum und Krise
Die gelsten Bindungen der siebziger Jahre machten sich auch in den Bedingungen
bemerkbar, unter denen Kinder und Jugendliche heranwuchsen. Durch die Herab-
res Eintreten ins Erwachsenenalter. Nun konnten bereits 18-jhrige junge Frauen
wie Mnner selber bestimmen, wie sie ihre Freizeit verbringen, wie, wo und mit
wem sie sexuelle Beziehungen eingingen, sie konnten Vertrge abschlieen, ber
ihre Schul- und Berufslaufbahn selber entscheiden, den Fhrerschein machen und
whlen. Damit verbunden war allerdings auch, dass sie dem allgemeinen Straf-
recht unterlagen und somit fr ihre Handlungen juristisch verantwortlich waren.
Junge Menschen mit 18 Jahren unterstanden nicht mehr der Kontrolle ihrer Eltern,
sondern hatten nun die vollen Rechte erwachsener Menschen.
Im Bereich der familiren Erziehung entwickelte sich eine Tendenz von einem
Befehlshaushalt mit elterlicher Autoritt die zumeist die vterliche war hin
zu einem Verhandlungshaushalt mit dem Trend eines abnehmenden Machtgefl-
les zwischen Mnnern und Frauen, Erwachsenen und Kindern. Das Aushandeln,
Diskutieren und Argumentieren gewann in Relation zum Anordnen, Befehlen und
Gehorchen an Bedeutung:
Insgesamt hat ein Wandel von autoritrer, auf Anpassung gerichteter Erziehung
zu einer Erziehung in Richtung partnerschaftlicher Umgangsformen stattgefunden.
Elterliche Strafpraktiken, vor allem die Prgelstrafe, haben zugunsten mndlicher
Ermahnungen und vernunftbetonter Kommunikationsformen an Bedeutung einge-
bt. (...) Es gengt heute nicht mehr, Forderungen an das Kind zu stellen und diese
durchzusetzen, sondern Erziehung verlangt ein differenziertes Austarieren von For-
derung und Gewhrenlassen, von Untersttzung und Ermunterung zu Eigenaktivi-
tt, von Schutz und Risiko (...). (Peuckert 1999, S. 139)
Die Heranwachsenden der 70er Jahre sahen sich einer anderen Generation Er-
wachsener gegenber; zwar gab es noch Eltern sowie ErzieherInnen und Leh-
rerInnen, die sich an einem autoritren Umgang mit Kindern und Jugendlichen
139
4.4 Jugend zwischen Emanzipation, Konsum und Krise
orientierten, doch wurde vor allem durch die Bewegung der Studierenden und die
verschiedenen gegenkulturellen Strmungen Autoritt nicht mehr unhinterfragt
Auch die Erwachsenen dieses Jahrzehnts waren nicht mehr vergleichbar mit
denen der 50er oder 60er Jahre in der Bundesrepublik; immer weniger hatten eige-
ne Kriegserfahrungen gemacht, stattdessen waren einige selbst aktiv in der Be-
wegung der Studierenden, hatten selber Kritik an autoritren Verhltnissen gebt,
sodass sie in der berwiegenden Zahl ein anderes, gleichberechtigteres Verstnd-
nis vom Umgang mit Heranwachsenden praktizierten. Auch in der Hochschulpd-
agogik war diese Tendenz deutlich zu erkennen:
Unter Leitbegriffen wie Mndigkeit und Emanzipation sollte Lehren einerseits
ein Lernen des Widerstandes, der Kritik an instrumenteller Vernunft, an Fortbeste-
hen von Klassengesellschaft, an bloer Anpassung an Lebensverhltnisse ermg-
lichen, und andererseits symmetrische, nicht asymmetrische Verstndigung von
Lehrern und Schlern sein. (Uhle 2004, S. 56)
In Kindergrten, Schulen und Universitten galt immer weniger das Prinzip von
Befehl und Gehorsam; Kindern und Jugendlichen wurden erweiterte Mglichkei-
ten der Kritik und der Mitgestaltung in pdagogischen Institutionen eingerumt,
an den Universitten hatten marxistische und gesellschaftskritische Theorien gro-
en Ein

uss, die nicht nur das Generationenverhltnis, sondern gesellschaftliche
Machtverhltnisse insgesamt kritisch hinterfragten und nach Alternativen suchten.
Emanzipation war das zentrale Schlagwort der herrschenden Pdagogik: Be-
freiung von nicht gerechtfertigten Machtansprchen und Unterdrckungsver-
hltnissen, Befreiung von einengenden Rollenerwartungen, von Ungleichheit,
Diskriminierung und Ungerechtigkeit. Prinzipiell alles galt als hinterfrag- und
Einige LehrerInnen lieen sich in der Schule von den Kindern und Jugendli-
chen duzen, um das Machtverhltnis zwischen Erwachsenen und Heranwachsen-
den aufzuweichen. Statt sturem Auswendiglernen sollten die SchlerInnen lernen,
Kritik zu ben, der Frontalunterricht wurde zum Teil durch Gruppen- und Pro-
und Jugendlichen am Beispiel der Sexualerziehung, in der die emanzipatorische
Richtung eine bedeutende Rolle spielte:
1404 Die siebziger Jahre
Sexualitt ist nicht nur Reproduktion, sondern Krpererfahrung, Kommunikation,
Krpersprache. Sexualitt ist mehr als Geschlechtsverkehr. Emanzipatorische Se-
xualerziehung kennt auch keine Rangfolge von der unreifen zur reifen Sexualitt.
Masturbation, Necking, Petting sind keine Ersatzbefriedigungen. Homosexualitt
wird als gleichrangige Sexualform neben der Heterosexualitt gesehen. (Koch
1996, S. 21)
Die Sexualerziehung, die bis in die 60er Jahre hinein noch in erster Linie Kinder
und Jugendliche durch Angst und Ablenkung von ihrer Sexualitt abhalten wollte
und in erster Linie eine Drohpdagogik war, die Krper- und Lustfeindlichkeit
propagierte, hatte sich berlebt.
Kindern wie Jugendlichen sollte nun ein positives Bild von Sexualitt vermittelt
werden, das Sexualitt in ihrer ganzen Bandbreite und Vielfltigkeit akzeptierte,
sie zu Neugier auf den eigenen Krper und den damit verbundenen Lustmglich-
keiten ermutigte. Die Krper von Kindern und Jugendlichen sollten nicht mehr zu
aufgefasst, die Lust emp

nden knnen und auch ein Recht dazu haben.
Nicht nur auf der akademischen Ebene waren emanzipatorische Konzepte do-
minierend, es gab auch zunehmend Aufklrungsbcher, die sich direkt an die Ju-
gend wendeten wie das zu dieser Zeit sehr populre Buch Sexfront von Gnter
Amendt, das 1970 in erster Au

eine sexualunterdrckende Pdagogik in Elternhaus und Schule und betont das
Recht von Kindern und Jugendlichen auf eine lustvolle und selbstbestimmte Se-
xualitt:
Jungen sind in diesem Alter besonderer Verfolgung ausgesetzt, weil ihre lustvolle
Bettigung sichtbarer und zielgerichteter ist als die der Mdchen. Immer deutlicher
wird den Kindern, da man ihnen hier etwas verbieten will, was ihnen groen Spa
macht und wovon sie auch nicht ablassen wollen, weil

s so schn ist. (Amendt
1989, S. 9)
Dieselbe emanzipatorische Intention, bezogen auf Mdchen,

risch im Buch Mdchen. Sexualaufklrung emanzipatorisch von Antje Kunst-
mann. Hier wird eine Pdagogik vertreten, die sich an den Forderungen und Posi-
tionen der Frauenbewegung orientiert:
141
4.4 Jugend zwischen Emanzipation, Konsum und Krise
Sexualitt bestimmt dein ganzes Leben. In der Schule, im Beruf, in der ffent-
lichkeit: berall wirkt sich die Tatsache, da du eine Frau bist, wertmindernd aus,
werden dir die fr Mnner und Jungens selbstverstndlichen Freiheiten verwehrt,
gilt eine andere, strengere Moral fr dich als fr den Mann. Das Buch ist deshalb
nicht nur Aufklrung ber sexuelle Vorgnge. Wort und Bild informieren dich viel-
mehr ber alles, was mit deiner Stellung als Frau zusammenhngt und geben dir
Wege an, wie du dich aus den Benachteiligungen lsen kannst. (Kunstmann 1976;
Text auf der Buchrckseite)
In diesen Bchern wird mit einer direkten Sprache, Zeichnungen und Fotos ber
spruch hier weitaus mehr als eine Wissensvermittlung ber Krper, Schwanger-
schaft und Verhtungsmittel. Im Sinne einer kritischen Sicht auf gesellschaftliche
Verhltnisse wurde Sexualitt im Kontext von einschrnkenden, ungleichen Le-
bensbedingungen, Vermgens- und Machtunterschieden, der Unterprivilegierung
von Mdchen und Frauen, der Kritik an herrschenden Schnheits- und Krper-
idealen und der Reproduktion von Geschlechterstereotypen in der Werbung the-
matisiert. Gleiche Intentionen verfolgte auch die parteiliche oder feministische
Mdchenarbeit, die sich seit Beginn der 70er Jahre entwickelte (s. Klees/Marbur-
ger/Schumacher 1989); hier wurden Konzepte entwickelt, die Mdchen dazu ver-
helfen sollte, sich vom traditionellen Bild der Frau und des Mdchens zu lsen, ihre
unterprivilegierte Situation zu erkennen und sich hin zu einem selbst bestimmten
Leben und einer selbst bestimmten Sexualitt ohne die Abhngigkeit von Jungen
und Mnnern zu entwickeln.
Die liberalere gesellschaftliche Sexualmoral und -erziehung wirkte sich auf das
Sexualverhalten Heranwachsender aus. Das Alter, in dem junge Menschen erste
sexuelle Erfahrungen mit anderen machten, sank weiter. Bei einer Untersuchung
ber das Sexualleben von Studierenden stellten die AutorInnen fest, dass vor allem
junge Frauen selbstbewusster und selbstbestimmter mit ihrer Sexualitt umgingen,
wodurch sich die Geschlechtsunterschiede umkehrten,
d. h. seit den 70er Jahren
fangen Mdchen frher mit dem Geschlechtsverkehr an, sind Studentinnen (ge-
messen am Koitusvorkommen) heterosexuell aktiver als Studenten und sie haben
auch mehr Sexualpartner als ihre Kommilitonen Sexualpartnerinnen.
(Schmidt/
Klusmann/Matthiesen/Dekker 1998, S. 122) Die traditionell geforderte sexuel-
le Zurckhaltung von Frauen spielte im studentischen Milieu keine groe Rolle
mehr, Studentinnen der 70er Jahre p

egten einen eher offensiven und selbstbe-
wussten Umgang mit ihren sexuellen Bedrfnissen.
Die kritische Bewegung Ende der 60er Jahre fhrte bei einem Teil der Jugend-
lichen auch zu einem kritischeren politischen Bewusstsein; in der Jugendzent-
rumsbewegung der 70er engagierten sich zahlreiche Heranwachsende fr selbst
1424 Die siebziger Jahre
verwaltete Jugendzentren; sie wollten sich Freirume erkmpfen, um ohne von Er-
wachsenen erdachte pdagogische Konzepte, ohne Konsumzwang und ohne Ma-
sollten Konzerte, Vortrge und Diskussionsveranstaltungen von Jugendlichen fr
Jugendliche selbstbestimmt organisiert werden.
Ende des Jahrzehnts die Mobilisierung gegen Franz Josef Strau, den konser-
vativen Kanzlerkandidaten der CDU/CSU, wurde zum groen Teil von kritischen
Heranwachsenden getragen. In Folge der 68er Bewegung hatte ein nicht geringer
Teil der Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein politisches Bewusstsein erlangt
und engagierte sich in verschiedenen politischen Zusammenhngen.
In diesen Kreisen herrschte ein eher gleichberechtigtes Verhltnis zwischen
den Geschlechtern. Auch in der Kleidung und dem Auftreten nivellierten sich die
Unterschiede: Lange Haare bei beiden Geschlechtern, Jeans und Parka oder Arbei-
terhemden und Latzhosen, dazu Palstinenser-Tcher und Sticker mit politischen
Slogans wie Atomkraft? Nein danke! waren angesagt, es wurde weitestgehend
auf eine uerlich eindeutige Geschlechtsdarstellung wie auch ein elegantes
In dieser Zeit verstrkte sich zugleich die Kommerzialisierung des Kindes- und
Jugendalters: Die Werbung und die Produkte fr Artikel, die speziell fr Heran-
wachsende hergestellt wurden, professionalisierte sich und die Angebote an Spiel-
zeug, Puppen, Figuren, Fernsehserien, Sigkeiten und diversen anderen Artikeln
nahm stndig zu, sodass Kinder und Jugendliche ein eigenes, von der Wirtschaft
senen zunehmend unterschied. Es entwickelte sich eine eigene Konsumkultur fr
Kinder, die durch kommerzielle Angebote eine sanfte Anpassung (Lenzen 1978)
von Kindern und Jugendlichen bewirken sollte.
Fr die Heranwachsenden insgesamt lassen sich rein kommerzielle Angebote
des Kinder- und Jugendtheaters:
Die Dualitt zwischen anspruchsvoller, authentischer, aber ffentlich wenig be-
achteter und genutzter Kinderkultur auf der einen Seite und dem sensationshei-
schenden, von einer Hype zur anderen hastenden, eng ver

ochtenen und zuneh-
mend auch international operierenden, kommerziellen Kindermedienmarkt bildete
sich hierzulande in den siebziger Jahren heraus und hat sich seitdem unaufhaltsam
gefestigt und mchtig entfaltet. (Kbler 2004, S. 78)
143
4.5 Protestsongs, Glam Rock und Disco
Verdeutlicht werden kann der Unterschied zwischen kommerziellen und enga-
gierten Angeboten fr Kinder und Jugendliche anhand des Umgangs mit Krper,
Geschlechterrollen und Sexualitt bei den Figuren Barbie und Ken und den St-
cken des Kinder- und Jugendtheaters Rote Grtze.
Barbie und Ken sind Figuren des Spielzeugherstellers Mattel, sie knnen mit
zahlreichen Accessoires ausgerstet werden, wodurch sich erweiterte Absatzmg-
lichkeiten ergeben. Beide entsprechen den herkmmlichen Geschlechterstereoty-
se oder die Geschfte, in denen sie einkauft. Ken hingegen ist grer und krftiger,
er geht hinaus in die Natur, er campt und angelt. Sexualitt, Krper und Geschlecht
werden hier nur indirekt, ber den Vorbildcharakter der Puppen, thematisiert, al-
lerdings nicht explizit, denn beide Puppen haben keine Geschlechtsteile.
Im Gegensatz dazu werden in den Stcken Darber spricht man nicht (1973)
und Was heit hier Liebe (1976) des Berliner Theaters Rote Grtze Fragen von
Kindern und Jugendlichen behandelt, angefangen von Informationen zur Krper-
aufklrung und Verhtungsmitteln bis hin zu Themen wie Liebeskummer, Bezie-
hungsprobleme und Homosexualitt.
Neben vergrerten Freirumen, unter denen Jugendliche in den 70ern auf-
wuchsen, und einer verstrkten Kommerzialisierung ihrer Lebenswelt bestimmte
das Gefhl der Krise das Leben von Heranwachsenden. Keine Generation in der
Bundesrepublik war vorher mit solch massiven Krisenphnomenen konfrontiert
wie diese. Die konomische Krise sorgte fr Unsicherheit hinsichtlich der eigenen
beru

ichen Zukunft, vor allem bei Jugendlichen mit unterprivilegierter sozialer
Herkunft: Keinen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu bekommen wurde zu einer
realen Bedrohung. Auch diejenigen, die sich einen Aufstieg durch Bildung ver-
sprachen, waren verunsichert. Fr viele Fcher galt ein Numerus Clausus, der die
Studienmglichkeiten beschrnkte, die Universitten waren berfllt und neben
der Angst vor einer drohenden Arbeitslosigkeit nach dem Studium gab es bei enga-
gierten Studierenden noch die Angst, durch ein Berufsverbot nicht fr den Staats-
dienst zugelassen zu werden. Schlielich wurden die Gefhle der Unsicherheit,
der Bedrohung und der Perspektivlosigkeit noch durch die ngste vor einer ko-
logischen Katastrophe weiter verfestigt.
4.5 Protestsongs, Glam Rock und Disco
Ende der 60er, Anfang der siebziger Jahre gab es im Bereich der Rock- und Pop-
musik einige einschneidende Ereignisse: 1969 gaben die Beatles ihre Au

sung
als Band bekannt; 1970 starb Janis Joplin an Heroin, im selben Jahr Jimi Hendrix,
1444 Die siebziger Jahre
of

rison, Snger und Frontmann der US-amerikanischen Band The Doors, eben-
falls an Heroin.
Insbesondere Joplin und Hendrix waren zentrale Figuren der Counterculture,
Frau in der damaligen Zeit: Ihre Shows waren wild und provozierend, ihre Stimme
rau, sie prostete bei ihren Auftritten dem Publikum mit Whiskey zu und p

egte
einen bei ihren mnnlichen Kollegen weit verbreiteten Lebensstil mit Alkohol,
Drogen und wechselnden Liebhabern. Mit Paul Butter

eld nahm sie den Song
One Night Stand auf, ein Loblied auf Promiskuitt und sexuelle Freiheit. Jimi
Hendrix trat in schrillen und bunten Out

ts auf, revolutionierte das Spiel mit der
E-Gitarre, die er auch mit den Zhnen und hinter dem Rcken spielte und am
Ende seiner Shows in Flammen aufgehen lie. In Woodstock spielte er eine vllig
verzerrte Version der US-Nationalhymne, wobei im Hintergrund Gerusche von
Bomben und Gewehren zu hren waren, eine eindeutige Kritik am Krieg der USA
in Vietnam.
Die populre Musik entwickelte sich im Laufe der siebziger Jahre weiter, dif-
ferenzierte sich aus, wurde kommerzieller und war zu einem riesigem Angebot
geworden, das sich in ester Linie an Jugendliche und junge Erwachsene richtete.
Auf der einen Seite stehen neue Crossover-Anstze, Ausdifferenzierung und stilis-
tische Vielfalt; ein enormer Reichtum an Kreativitt in den unterschiedlichsten For-
men; ein Nebeneinander hochkomplexer Concept Alben, ausgefeilter Kunstwerke
auch mit zehn oder fnfzehn Minuten Lnge und musikalisch roh-primitiver 2-Mi-
nuten-Singles; eine beeindruckende ideologische Bandbreite von kmpferischem
Protest und apokalyptischem Weltentwurf ber religise Predigt, bedingungslose
Anpassung und glamourse Theatralik bis zur analytisch-bissigen Gesellschafts-
satire. (Faulstich 2004b, S. 145)
Im Bereich der Rockmusik waren dabei vor allem zwei Stilrichtungen prgend:
die Weiterentwicklung zum Progressive Rock und Hard Rock. Der Progressive
Rock erweiterte die stilistischen Mittel der Rockmusik durch die bernahme von
Elementen aus Klassik und Jazz; hier wurden weniger kurze, hitverdchtige Songs
produziert als ausgedehnte Stcke mit komplexerer Struktur und hherem knstle-
rischen Anspruch. Prominenteste Bands dieser Richtung waren Genesis, Emerson,
Lake & Palmer und Yes, alles britische Gruppen mit ausschlielich mnnlichen
Musikern. Auch die prominentesten Vertreter des Hard Rock waren mnnlichen
Geschlechts und englischer Herkunft: Deep Purple, Led Zeppelin und Black Sab-
bath spielten eine hrtere Variante der Rockmusik, auch ihre Songs sprengten zum
145
4.5 Protestsongs, Glam Rock und Disco
Teil das Hitparaden-Schema, wobei vor allem ausgedehnte Gitarren-Soli fr die-
sen Stil markant waren. Im Hard Rock dominierte eine klassische Inszenierung
von Mnnlichkeit durch ernste Mimik und aggressive Posen, die durch den Musik-
stil noch unterstrichen wurde.
Zum Habitus einiger (mnnlicher) Rockstars der 1970er gehrte es, Hotelzim-
mer zu verwsten, bei Liveauftritten Instrumente zu zerstren, Sexabenteuer mit
zahlreichen Groupies zu haben und exzessiv Drogen zu konsumieren, was ihren
rebellischen, exotischen und mnnlichen Images frderlich war.
Die Zerstrungsmanie in der Popkultur, ob als Kollateralschaden des RocknRoll-
Lifestyles oder als bewusst gesetzte subversive Geste wider eine als oppressiv emp-
fundene gesellschaftliche Normalitt, wurde sptestens in den siebziger Jahren zum
Standardprogramm. Von Rock-Gttern wie Led Zeppelin, Aerosmith oder Black
Sabbath erwartete man geradezu, dass die sich nach den Mastben der brger-
lichen Etikette danebenbenahmen. (Miegang 2013, S. 127)
die US-Amerikanerin Suzie Quattro und die Runaways. Suzie Quattro hatte mit
Songs wie Can the can und 48 Crash Erfolg in den Hitparaden und bernahm
in Kleidung und Verhalten den Habitus mnnlicher Rockstars:
Eine ekstatische, die Gitarre wirbelnde, in schwarzen Ledersuit gekleidete und
schreiend ber die Bhne rockende Erscheinung, die den ZuschauerInnen den Atem
raubte. Mit ihrem tough chick sollte sie als Instrumentalistin Rolemodel fr viele
Rockmusikerinnen werden, (Kiessling 2007, S. 18)
Die Runaways waren eine Hardrock- und Punk-Frauenband, die offensiv und
selbstbewusst in Leder und Reizwsche auftrat und in ihren Songs Erfahrungen
mit Sex und Alkohol besang; die Sngerin und Gitarristin Joan Jet startete nach
Au

sung der Runaways im Jahr 1979 eine erfolgreiche Solokarriere.
Heck, feierten Titel wie Ein Lied zieht hinaus in die Welt von Jrgen Marcus,
Aber am Abend, da spielt der Zigeuner von dem Duo Cindy und Bert oder Jr-
In der nach wie vor beliebtesten und am meisten gelesenen Jugendzeitschrift
Bravo

dischen Stars und Bands. Als GewinnerInnen des Ottos in der Sparte Musik sind
neben den Beatles, Roy Black, Tina Charles und Bonnie Tyler auch die Bay City
1464 Die siebziger Jahre
Rollers, Smokie, Daliah Lavi und die Bay City Rollers zu

nden, wobei sich das
Gewicht gegen Ende des Jahrzehnts eindeutig auf die Stars aus England und den
USA verlagert; einen Hit nach dem anderen lieferte zudem die schwedische Pop-
band ABBA, die aus zwei Frauen und zwei Mnnern bestand.
Deutsche Gruppen wie Guru Guru, Kraan, Birth Control und Can spielten zwar
jeweils unterschiedliche Stilrichtungen, wurden aber unter dem Begriff Kraut-
In der ZDF-Musiksendung Disco, moderiert von Ilja Richter, traten sowohl
deutsche SchlagersngerInnen als auch internationale Stars auf, der Rockpalast
des WDR begann 1977 die Rocknacht mit international renommierten Bands
wie Little Feat, Mothers Finest und der Patti Smith Group.
Im Rahmen des erweiterten Spektrums der populren Musik gab es in den Sieb-
zigern auch engagierte, sich selbst als links und emanzipatorisch positionierende
geschlechtliche Formation, verffentlichten 1977 die Proletenpassion, eine Ge-
schichte des Leidens der unterdrckten Klassen; in Herbstreise schilderten sie
das bedrckende politische Klima des Deutschen Herbstes Ende der 70er Jahre.
Floh de Cologne, eine bereits in den 60er Jahren gegrndete Polit-Rockband aus
Kln, verstanden ihre Musik und ihre Auftritte als Agitations-Revuen, kritisier-
ten die ungerechten konomischen und sozialen Verhltnisse in der Bundesrepub-
lik, unter anderem mit ihrer Rockoper Pro

tgeier von 1971. Ton Steine Scherben
erreichten in der linken und autonomen Szene der 70er Jahre Kultstatus. Mit Songs
wie Macht kaputt, was euch kaputtmacht, Ich will nicht werden, was mein Alter
ist und Keine Macht fr Niemand wollten sie mit aggressiver Musik und Tex-
Kampf gegen die Verhltnisse bewegen. Der Snger von Ton Steine Scherben, Rio
Reiser, stand offen zu seiner Homosexualitt und trat aktiv fr die Rechte von
Lesben und Schwulen ein. Mit der schwulen Theatergruppe Brhwarm verf-
Irritierend auf die herrschenden Vorstellungen von Sexualitt und Geschlecht
wirkte der Glam Rock Anfang der siebziger Jahre. Glam stand hierbei fr
Glamour und bezog sich auf das extravagante Auftreten der Musiker. Waren
Plateauschuhe auch bei Vertretern anderer Bands zu dieser Zeit normal, traten sie
zudem noch geschminkt, mit Federboa, Glitzer- oder Fantasieanzgen und ondu-
lierten Frisuren auf.
147
4.5 Protestsongs, Glam Rock und Disco
Vor diesem Hintergrund lsst sich die Glam-Rock-Bewegung als eine frhe queere
Subkultur betrachten, in der Sexualitt im Hinblick auf die Rolle heterosexueller
Mnnlichkeit innerhalb der Tradition von Rock- und Popmusik einerseits und im
gesamtgesellschaftlichen Kontext andererseits verhandelt wurde. Das von Knst-
lern wie David Bowie, Roxy Music und Gary Glitter ganz offensichtlich zur Dis-
position gestellte neue Bild heterosexueller Mnnlichkeit spielte sowohl mit den
Reprsentationscodes von Weiblichkeit als auch der homosexuellen und transvesti-
schen Subkultur. (Schubarth 2007, S. 209)
Zur Glam-Rock-Szene knnen zudem noch Marc Bolan von T. Rex und die Band
The Sweet gezhlt werden. Glam Rock war eine Domne weier britischer Mn-
ner, es war ein spielerischer Versto gegen eine eindeutige mnnliche Selbstdar-
stellung, vor allem durch die bernahme von als weiblich geltenden Accessoires.
Ob kommerziell inszeniert oder als Subversion gedacht: Glam Rock spielte mit
den Klischees der Geschlechter und verweigerte durch ffentlich inszeniertes
Cross-Dressing eine eindeutige geschlechtliche und sexuelle Zuordnung. Andro-
gynitt und eine uneindeutige sexuelle Orientierung gab es zwar schon vorher in
der Rock- und Popmusik, doch ging die Selbstdarstellung der Glam-Rocker weit
ber das bisher Gekannte hinaus.
Auch wenn einige dieser Musiker, wie beispielsweise Mick Jagger, mit Androgynie
und Bisexualitt kokettierten, so war dies stets gepaart mit einem Macho-Setting,
welches Mnnlichkeit zu einer Idealwelt fr Sex stilisierte, die frei war von physi-
schen und emotionalen Schwierigkeiten und in der mnnliche Schwche nur in ihrer
Abwesenheit existierte. Stattdessen prgten Anfang der Siebzigerjahre Androgynie,
Camp und Cross-Dressing das Bild der Popkultur und heterosexuelle Mnnlichkeit
wurde, unter anderem auch vor dem Hintergrund der fortschreitenden Frauenbe-
wegung, zunehmend problematisiert. (Schubarth 2007, S. 209f)
Neben dem Effekt, dass Glam Rock durch das Spiel mit Geschlechterdarstellun-
gen und sexueller Orientierung die herrschenden Vorstellungen irritieren konnte,
Glam-Rocker verkrperten Kunst

guren ohne Anspruch auf Echtheit, was vor al-
lem fr die Hippies mit ihren Werten wie Authentizitt und Natrlichkeit eine Pro-
von der Musikindustrie inszenierte Figuren. Zwar gab es in der Hippiekultur auch
eine Annhrung der Geschlechter und eine relativ offene Haltung gegenber Se-
darstellung und Sexualitt standen in krassem Gegensatz zu ihren Vorstellungen
von Natrlichkeit und Schlichtheit. Glitzerfarben statt Blumenmuster, knstliche
Frisuren statt lediglich langer Haare und uneindeutige Identitten statt Authen-
1484 Die siebziger Jahre
tizitt waren dabei die zentralen Gegenstze, wobei trotz aller Subversion von
Geschlecht und Sexualitt Glam Rock eine eindeutig weie und mnnlich domi-
nierte Stilrichtung war.
Gegen Ende des Jahrzehnts wurde die kommerzielle Musik durch die neu auf-
kommende Disco-Welle bestimmt. Unmittelbarer Anlass war der US-ameri-
kanische Film Saturday Night Fever von 1977, der ein Jahr spter unter dem
Titel Nur Samstag Nacht in die deutschen Kinos kam. John Travolta spielt Tony
Manero, einen jungen Mann aus New York mit italienischer Herkunft. Manero
und frustrierenden Alltag zu ent

iehen, besucht er am Wochenende eine Disco in
der anderen BesucherInnen, wird von Frauen umschwrmt und von den Jungen
aus seiner Clique bewundert. Manero trainiert mit seiner Partnerin fr einen Tanz-
wettbewerb, den sie schlielich auch gewinnen. Der Film und das dazu produzierte
Album der Bee Gees wurden ein riesiger Verkaufsschlager.
Tony Manero, der Hauptakteur des Films, ist stndig pleite und zieht mit seiner

ieend und voller erotischer Anspielungen. Manero erreicht das, wovon zahl-
reiche Jugendliche trumen, nmlich einen den und unbefriedigenden Alltag zu-
mindest fr Stunden hinter sich zu lassen und wenigstens hier zu der Anerkennung
und Bewunderung zu kommen, die ihnen sonst verwehrt wird.
Die Disco-Welle, die mit dem Film und dem dazugehrigen Soundtrack aus-
gelst wurde, fhrte zu einigen Disco-Stars wie Donna Summer, Barry White,
Carl Douglas und Boney M., wobei die Karrieren zum Teil auf ein bis zwei Hits
beschrnkt blieben. Hier standen die singenden und tanzenden Stars im Mittel-
punkt, die InstrumentalistInnen blieben meist unbekannt oder hielten sich im Hin-
tergrund. Entscheidend fr diese Musik sind das Arrangement und der Rhythmus,
geordnete Rolle.
Die Disco-Welle wurde von vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen be-
heit und professionalisierte sich:
149
4.5 Protestsongs, Glam Rock und Disco
Als Reaktion auf die Tanzbegeisterung entstehen zahlreiche neue Discotheken,
die sich gegenseitig durch ihre leistungsstarken Musikanlagen und spektakulren
Lichtorgeln bertrumpfen. Auch die Tanzschulen haben sich schnell auf die Disco-
welle eingestellt und bieten speziellen Tanzunterricht im John-Travolta-Stil an.
Die Euphorie fr die Glam- und Glitter Welt der Disco hat auch in der Mode fr
Jugendliche Spuren hinterlassen. Grelle und schrille Farben, glnzende Stoffe, die
das Laserlicht re

ektieren und hautenge Schnitte sind besonders beliebt. (Jugend-
jahre 2001, S. 104)
Eine Ausnahme im Bereich der Disco-Welle spielten die Village People aus den
USA; benannt nach Greenwich Village, einem New Yorker Stadtteil mit einer bl-
henden homosexuellen (Sub-)Kultur, verkrperten sie bei ihren Auftritten durch
Verkleidungen so unterschiedliche mnnliche Typen wie einen Polizisten, einen
Bauarbeiter, einen Cowboy oder einen Rocker. Die Musiker der Gruppe bekannten
sich nicht zu ihrer Homosexualitt, doch weisen zahlreiche Anspielungen in ihren
Songs YMCA, In the navy darauf hin, wobei die Musik auch bewusst fr ein
schwules Publikum produziert wurde.
Discotheken waren bis zum Ausbruch der Disco-Welle eher exklusive Rume,
die entweder einem betuchten Publikum vorenthalten waren oder der afro-ame-
rikanischen und homosexuellen Subkultur in den USA. Die Disco-Welle sorgte
somit fr eine je nach Sichtweise Demokratisierung oder Vermassung der Di-
scotheken als Rume der Freizeitgestaltung, wobei allerdings ein Dress-Code ein-
zuhalten war, mit lchrigen Jeans und Turnschuhen wre ein Besuch kaum mg-
lich gewesen. Das Publikum in den Discotheken war gestylt, Glam und Glitter
waren angesagt, wobei in der Regel allerdings kein Spiel mit den Dresscodes der
Geschlechter stattfand wie beim Glam Rock. In der Discothek ging es eher darum,
sich individuell ber seine Kleidung, seinen Krper und seinen Tanzstil zu prsen-
tieren, Kontakte zu knpfen und eventuell sexuelle Abenteuer oder Beziehungen
anzubahnen. Die Musik wurde in aller Regel nicht live gespielt, die angesagten
Hits kamen von der Schallplatte.
Disco ist somit ein Beispiel fr eine vollkommen angepasste und von der Kul-
turindustrie knstlich geschaffene Jugendkultur: Die frustrierenden alltglichen
Erlebnisse in der Arbeit wurden nicht kritisiert oder gendert, sondern anderwei-
tig kompensiert. Auch Autoritten, gesellschaftliche Machtverhltnisse oder tra-
ditionelle Geschlechterrollen wurden keineswegs in Frage gestellt, das Leben am
Wochenende sollte fr ein unerflltes Leben unter der Woche entschdigen. Die
Discothek war ein Raum, um sich zu prsentieren, nicht ein Ort, an dem soziale
Verhltnisse problematisiert wurden. Konsum spielte dabei eine zentrale Rolle:
Die richtige Kleidung, die teuren Getrnke und der Eintritt mussten

nanziert
werden, und auch wenn Discos durch die weitere Verbreitung an Exklusivitt ein-
1504 Die siebziger Jahre
gebt hatten, blieben sie doch von Trstehern kontrolliert Orte, an denen
Gleichgesinnte sicher sein konnten, unter sich zu bleiben.
Vor allem von mnnlichen Rockfans wurde Disco als Musikrichtung schroff
abgelehnt. Unter der wohl nicht ganz so ernst zu nehmenden Formel Folter
einen eine Kritik an der vllig von der Kulturindustrie gesteuerten Modewelle und
zum anderen die weichen, geschmeidigen Bewegungen Travoltas, die vor allem
Seit den 70er Jahren knnen Pop und Rock immer weniger mit Protest und
den eher zur Ausnahme. Popmusik kreierte statt einer Systemkritik oder Alterna-
tiven zum Bestehenden immer neue Moden und Trends und wurde schlielich zu
einer Gewinn versprechenden Sparte der Unterhaltungsindustrie, die immer mehr
nur noch der kritiklosen Freizeitgestaltung und dem Vergngen diente.
4.6 Punk
Die bedeutendste und radikalste Jugendkultur der 70er Jahre war ohne Zweifel

t orientierten Angeboten der Kulturindustrie, mit
den politischen berzeugungen der Linken und schlielich auch einen Bruch mit
seiterstellung und grundstzlich oppositionelle Haltung zum Ausdruck zu bringen.
Als Ursprung des Punk gilt das New York zu Beginn der 70er Jahre mit den
New York Dolls, den Ramones, Iggy Pop und Patti Smith. In Europa waren die bri-
tischen Bands Sex Pistols, The Clash, The Damned und The Stranglers Vertreter
der ersten Generation, in Deutschland Malaria, Palais Schaumburg, die Tdliche
Doris, Slime und die ber Jahrzehnte erfolgreichen rzte und Toten Hosen, wobei
sich vor allem Hamburg, Berlin und Dsseldorf als kreative Zentren der Punk-
Mit der Grndung der britischen Band Sex Pistols 1976 wurde Punk einer
greren ffentlichkeit bekannt, wobei der Ursprung in intellektuellen und knst-
lerischen Kreisen lag:
151
4.6 Punk
Protagonisten der Punk-Idee waren zunchst Intellektuelle und Kunsthochschul-
dozenten wie Bernhard Rhodes oder Malcolm McLaren,( ...), die sich als Situa-
tionisten verstanden, denen es hnlich wie den Punks um eine Infragestellung etab-
lierter Spielregeln und eine sthetik der Langeweile ging (...). (Krger 2010, S. 21f)
sich das Tragen von Kleidung, die normalerweise nicht alltglich und nicht ffent-
lich getragen wurde, besonders gut: Fetischkleidung, die in Sex-Shops gehandelt
einen Laden mit dem Namen Sex, in dem Fetischkleidung verkauft wurde:
..., ich entschlo mich, an all diese kleinen Fabriken zu schreiben, die Sex-Klamot-
ten herstellten.( ...). Und ich dachte mir: Wie wr

das wohl, wenn ich all diese selt-
samen Fetischklamotten in die Mitte der Kings Road stelle und als Mode verkaufe.
Und ich verkaufte sie mit Musik dazu und einer Juke-Box. Und so grndete ich den
Laden Sex ... Und dann suchten sie nach einer Identitt in Form von Musik und
ein Forum und einen Ort, und einige von ihnen wollten in einer Gruppe spielen, und
ich nannte sie Sex Pistols. (Zit. n. Sonnenschein 1999, S. 159)
Insbesondere Malcom McLaren verstand es, Punk und die Sex Pistols als hss-
lichen und brutalen Brgerschreck medial zu inszenieren und ihnen Aufmerksam-
keit zu verschaffen.
Die britische ffentlichkeit reagierte panisch. Sptestens nach Ausstrahlung des
Sex Pistols-Fernsehinterviews des BBC-Moderators Billy Grundy im Dezember
1976, in dem die Band den Moderator vor laufender Kamera beschimpfte, wurde
die Punkbewegung zur Bedrohung der inneren Sicherheit Grobritanniens stilisiert.
(...) Die Boulevardzeitungen bertrafen sich gegenseitig mit Horrormeldungen ber
die entstehende Subkultur. Die Single God Save The Queen wurde von der BBC
und etlichen Ladenketten boykottiert, die Sex Pistols und andere Bands von fast
allen Veranstaltern mit Auftrittsverboten belegt. (Grimm 1998, S. 55)
Die mediale Inszenierung ist die eine Seite der Punkbewegung; neben den intel-
lektuellen und avantgardistischen Ansprchen, den kommerziellen Interessen und
den kalkulierten Tabubrchen, vor allem der Sex Pistols, artikulierte Punk als
Jugendkultur allerdings auch Bedrfnisse und Be

ndlichkeiten der Jugendlichen
in den 70ern, die mit massiven Problemen wie Arbeitslosigkeit und kologischen
Gefahren konfrontiert waren und in einem sozial angepassten Leben keinen Sinn
und keine Zukunft mehr sahen. Punk war vor allem fr die abgehngten und aus-
gegrenzten Jugendlichen mit schlechtem oder keinem Schulabschluss und ohne
Aussicht auf eine feste Anstellung Ausdruck ihrer verzweifelten sozialen und ko-
1524 Die siebziger Jahre
ment als auch soziales Aufbegehren, das sich in Deutschland in zwei unterschied-
lichen Varianten uerte:
Dabei kristallisierten sich auch in den westdeutschen Metropolen wie z.B. Berlin,
Hamburg oder Dsseldorf vor allem zwei Szenen heraus: zum einen eine engagierte
Kunst- und Musikszene, fr die Punk erst einmal ein neues und avantgardistisches
Ausdrucksmittel war, das sich auch in provozierenden Bandnamen wie Deutsch-
Amerikanische Freundschaft, Einstrzende Neubauten oder Blitzkrieg dokumen-
tierte; zum anderen eine alltagsorientierte Punkszene, zu der auch arbeitslose
Jugendliche mit negativen Bildungskarrieren gehrten und fr die Punk zu einem
zentralen Lebensstil wurde (...). (Krger 2010, S. 22f)
Ob durch die Verhltnisse erzwungen oder frei als neuer Stil gewhlt, Punk war
eine Absage an alle Bestrebungen, sich gesellschaftlich zu integrieren und an-
zupassen. Im Gegenteil, es war die Absicht, die Gesellschaft mit denen, die sie
produzierte, mit den Ausgeschlossenen und Ausgegrenzten zu konfrontieren und
deutete auch eine Absage an Utopien: Schwebte den Studierenden Ende der 60er
Jahre noch eine gerechte und sozialistische Gesellschaft vor, trumten die Hippies
noch von der Befreiung des Menschen durch einen Bewusstseinswandel, so gab es
bei Punk angesichts konomischer und drohender kologischer Katastrophen nur
noch Hoffnungslosigkeit, wie es die Hamburger Punkband Slime in ihrem Song
Albtraum beschreibt:
Wir leben in einem Albtraum/Das Erwachen wird der Selbstmord sein/Nur der Tod
reibt sich die Hnde/Denn nur er alleine wird der Sieger sein. (Slime, Albtraum)
Trotz dieser grundstzlich dsteren Weltsicht kann nicht behauptet werden, dass
Punk eine Jugendkultur ohne Lebensfreude und Spa gewesen wre; im Gegenteil
hatten Punks bei Konzerten und Parties viel Spa an Musik und Alkoholkonsum,
Rumhngen und Feiern. Punk war eine sehr lebendige und im Rahmen der Szene
es war keine intellektuelle Bewegung mit gesellschaftskritischer Analyse, sondern
der spontane Ausdruck eines Unbehagens an der Gesellschaft und eine Freude
an der Provokation, der Spa am Regelversto im Hier und Jetzt stand im Mittel-
punkt. In der Fugngerzone oder auf Bahnhofspltzen rumzulungern, zusammen
Bier zu trinken, zu feiern und dabei die BrgerInnen zu rgern waren feste Be-
standteile des gemeinsamen Vergngens.
153
4.6 Punk
Im krassen Gegensatz zur Disco-Kultur, die sich reibungslos in die kapitalisti-
sche Gesellschaft einfgte und den gesellschaftlichen Verhltnissen letztendlich
unkritisch und bejahend gegenber stand, war Punk kein Wochenendvergngen,
sondern ein alles umfassender Lebensstil, der mit zentralen gesellschaftlichen
Vorstellungen und Normen brach:
Punk zu sein ist eine Gesinnung und Haltung, die den Alltag erfasst und 24 Stun-
den andauert. Der Stil ist eine gelebte Gesellschaftskritik, vorgetragen mit der Un-
bedingtheit und Aggressivitt der Jugend und mit der Verzweifelung darber, dass
die Hoffnung auf eine groe Vernderung angesichts zirkulrer Strukturen von f-
fentlichkeit und Politik kaum eine Basis haben kann. So waren die Punks auch eine
gelebte Kritik der 68er Generation und der scheinbaren Heroen ihrer kulturellen
Avantgarde. (Breyvogel 2005a, S. 51f)
Die Punkbewegung richtete sich nicht nur gegen die Mehrheitsgesellschaft, son-
dern auch gegen alle bisherigen gegenkulturellen Bewegungen wie die 68er und
die Hippies. Diese Frontstellung von Punk ist dabei vllig neu. Gegen das Esta-
blishment zu sein, gegen die verlogene Welt der Erwachsenen und des Konsums
ist sptestens seit den Zeiten von Woodstock und Flower Power nicht neu fr eine
Jugendkultur; neu ist aber, dass auch die Alt-68er, die Hippies, zum Establishment
gezhlt wurden und die Punks ihnen gegenber Stellung bezogen. Gerade die, die
Jugendkultur. In dem Doku-Roman ber den deutschen Punk und New Wave Ver-
schwende Deine Jugend von Jrgen Teipel wird diese Haltung als gegen die, die
dagegen sind (s. Teipel 2001, S. 1324) beschrieben. Die langhaarigen, linken,
kapitalismuskritischen und alternativen 68er und Hippies, die sich selbst als der
Jugend gegenber als offen, wohlwollend und solidarisch whnten, wurden nun
von genau diesen Jugendlichen als linke Spieer kritisiert, wie es Slime in
ihrem gleichnamigen Stck beschreiben:
Ihr seid Lehrer und Beamte/Seid Gelehrte sogenannte/Ihr schreibt Bcher, seid im
Fernsehen/Und ihr glaubt, da wir euch gern sehen/Immer kritisch und politisch/
Marx und Lenin auf dem Nachttisch/Doch ihr habt was gegen Rabatz/Und macht
den Bullen gerne Platz.
Sozialarbeiter und Student/Ihr seid so frei und unverklemmt/Ihr seid sozial auch
sehr gut drauf/Doch habt ihr eure Seele dem System verkauft..... Ihr seid nichts als
linke Spieer.... (Slime, Linke Spieer)
1544 Die siebziger Jahre
Fr die linken VertreterInnen der Gesellschaftskritik und der emanzipatorischen
Pdagogik musste das ein Schlag ins Gesicht sein. Trotz der Frontstellung gegen-
ber den Hippies zu denen die Punks alle politischen linken und gegenkultu-
rellen Bewegungen seit Ende der 60er Jahre zhlten kann Punk nicht als kon-
Hierarchien, die demonstrative Ablehnung von Recht und Ordnung und die
verwalteten Jugendzentren auftraten, machen deutlich, dass es sich tendenziell um
eine emanzipatorische Jugendbewegung handelte; sie wollten sich allerdings nicht
von Alt-Linken bevormunden lassen.
Die AktivistInnen der Studierendenbewegung und die Hippies waren inzwi-
waren nun vor allem in pdagogischen Berufen, als SozialarbeiterInnen oder Leh-
rerInnen ttig. Genau das wird ihnen nun zum Vorwurf gemacht: Vom System ein-
gekauft zu sein und nun auf der Seite der Herrschenden zu stehen. Der Lebensstil
der Alt-Linken war fr die Punks vllig unattraktiv, Punk wollte der kopf- und
fundamentale Opposition, die sich auerhalb der Gesellschaft stellte, wie ein Ju-
gendlicher berichtet, der sich der Bewegung anschloss:
Punks waren gegen alles, und eigentlich war ich auch gegen alles. Ergo musste
ich Punk sein. Da ich grade Zoff mit meinem Hippielehrer hatte, griff ich eines
Nachmittgas zur Schere, schnitt ich mir eine punkige Frisur und stellte meine Haare
mittels Rasierschaum in alle Himmelsrichtungen. (Zit. n. Farin 2006, S. 105)
Neben dem Lebensstil waren Punks auch gegen die Musik der 68er und Hippies:
Sie war in ihren Augen nicht mehr authentisch, sondern zum Geschft verkom-
men. Detailliert geplante Konzerte ohne jede Spontaneitt, die gewinnbringend in
riesigen Hallen und Stadien professionell durchgefhrt wurden von Stars, die kei-
nerlei Bezug oder Kontakt zu ihrem Publikum hatten, sondern Groverdiener mit
einem Luxusleben waren, hatten nichts Authentisches oder Glaubwrdiges mehr,
sondern waren trotz ihres teilweise revolutionren Gehabes selber Teil des
Business und des Establishments geworden.
IhreHaltung der gelebten Gesellschaftskritik und Ablehnung herkmmlicher
Konventionen demonstrierten Punks schon durch ihr ueres Erscheinungsbild:
Schief geschnittene Haare, mglichst ungekmmt und grell gefrbt, Irokesen-
schnitte, Sicherheitsnadeln auf der Kleidung oder durch den Krper, ein Hunde-
halsband um den Hals, Springerstiefel, zerschlissene Hosen und bei den Mdchen
155
4.6 Punk
zerrissene Strumpfhosen, abgewetzte Lederjacken, als Schmuck Badewannen-
stpsel oder Sektkorken, zudem noch SS-Runen oder das Hitlerkreuz, das weniger
die eigene politische Einstellung bezeugen sollte, sondern in der Regel als Pro-
vokation, vor allem gegenber den Hippies, gedacht war. Typisch fr Punk ist
zudem eine Absage an Romantik und Naturschwrmerei, wie sie von den Hippies
praktiziert wurde. Dem romantischen Bild von Natur wurde ein Zurck zum Be-
Zurck zum Beton. Zurck zur U-Bahn, zurck zum Beton. Da ist der Mensch
noch Mensch. Ekel, Ekel, Natur, Natur, ich liebe Beton pur. (S.Y.P.H.: Zurck zum
Dementsprechend sind auch die bevorzugten Orte: Es ist nicht die schicke Disco
oder Felder und Wiesen, sondern neben der Innenstadt und den eigenen Sze-
nekneipen stillgelegte Industrieanlagen oder heruntergekommene Gebude, die
den Verfall und das Morbide symbolisieren.
und den Eindruck von rmlichkeit erweckt. Zugleich ist er auch eine Collage,
eine Zusammenstellung unterschiedlichster Gegenstnde, die aus ihrem ursprng-
Das gleiche Schema

zum glatt geschliffenen Disco-Sound der 70er und den immer perfekter werden-
und Unvollkommenheit:
Der Rhythmus im Punk war relativ monoton, die Melodien hart und dissonant
(...). Die Musik sollte leicht zu spielen sein, komplizierte technische Arrangements
waren verpnt, auch wenn einige Musiker sicher in der Lage gewesen wren, sie zu
spielen. (Grimm 1988, S. 89)
Verachtet wurde alles Arti

zielle und Virtuose, wie in den langatmigen Stcken
vor allem der Prog-Rocker; Punk-Songs waren in der Regel sehr kurz, das Instru-
mentarium auf Schlagzeug, Gitarre und Bass reduziert. Auch bezglich der Texte
brach Punk mit den bisherigen Gep

ogenheiten des Rock und Pop: Die zentralen
Themen des Genres, Liebe, Beziehungen und Sexualitt, kommen so gut wie gar
nicht vor, es geht vielmehr um die Beschreibung der eigenen Lebensumstnde,
Kritik an gesellschaftlichen Verhltnissen, Frust und Hass auf die Gesellschaft
und die Verherrlichung des Herumhngens und des Alkoholkonsums.
1564 Die siebziger Jahre
Der dazu passende Tanz, der Pogo, drckte ebenfalls Dilettantismus und Roh-
heit aus: ein wildes, aggressives und chaotisches Durcheinander- und Aufeinander-
kam.
Das Prinzip des Punk war das Do It Yourself (DIY), es war insofern eine
demokratische Jugendkultur, als dass man sich nicht auf Strategien von Medien-
konzernen mit ihren gemachten Trends und Stars bezog, sondern selber aktiv wer-
den wollte.
Punk-Rock sollte jeder machen knnen. Die Devise hie nun: small ist beautifull.
Man bevorzugte kleine Schallplatten-Labels, verzichtete auf Studioaufnahmen und
spielte in Gaststtten und Hinterhfen, wo Publikum und Band einander nher wa-
ren. Punk wurde zur ersten Bohemekultur, die ihre Ausdrucksmittel aus der Arbei-
terklasse nahm, ohne dass die Punker zu ihr gehren mssen. Kunststudenten, Hip-
pies, Aussteiger, heute auch Arbeitslose, Trebegnger: die Punk Szene provoziert die
brgerliche sthetik aus der Warte derer, die von Berufskarrieren und brgerlichen
Standards ausgeschlossen sind. (Baacke 1986, S. 83)
Die demokratische Praxis der Punkbewegung zeigte sich auch in einer unber-
schaubaren Anzahl von Fanzines. Statt sich die Hochglanzzeitschriften des Pop-
und Rockbusiness zu kaufen gaben Punks nach dem Motto Von der Szene fr
die Szene selber eigene kleinere Zeitschriften heraus, in denen ber Neuigkeiten
aus der Szene, Konzerte, Bands usw. selber berichtet wurde.
Das Prinzip der Verweigerung, an den kommerzialisierten Angeboten der
Konsumindustrie teilzunehmen, zeigte sich auch im Umgang der Punks mit ihren
Krpern. Ob weiblich oder mnnlich, ihre Krper waren nicht elegant, nicht
durchtrainiert oder sportlich, auch widersprachen sie oft den vorherrschenden
Vorstellungen von Krperp

ege und -hygiene. Vielmehr strahlten die Krper der
heitsnadeln, die durch diverse Krperteile gestoen wurden, und einer Art von
Autoaggressivitt, die gegen die gesellschaftlichen Imperative der Fitness und der
Krperp

ege verstie:
Die gespielten und gelebten anarchoaf

nen Punknormen provozierten, faszinier-
ten, karikierten und die Dampf ablassenden Fans suhlten sich zuweilen im sub-
kulturellen Schmuddel atmosphrisch, mit warmen Flaschenbier, mit viel Schund,
Mll- und Plastikaccessoires eines Wegwerf-Marktes. (Ferchhoff 2011, S. 157f)
deren Umgang mit dem weiblichen Krper, der sich ebenfalls nicht den gngigen
157
4.6 Punk
Forderungen nach Schnheit und Attraktivitt anpasste und auch nicht dem natr-
lichen Krperideal der Hippies entsprach. So sahen sich die Mdchen und jungen
Frauen der Punkszene tendenziell befreit von den Forderungen nach Anmut, Ele-
ganz und einem gestylten weiblichen Krper:
Die Inszenierung des Hlichen und Tabuisierten im Punk ermglichte es Frauen,
sich von einem einengenden Krperideal und konventionellen Vorstellungen von
Schnheit freizumachen. (...) Diese alternativen Reprsentationen von Weiblich-
keit zogen auch eine Neuverhandlung von Mnnlichkeit nach sich. (Grimm 1988,
S. 118)
den Anforderungen nach weiblicher sexueller Zurckhaltung entziehen und ihre
sexuellen Bedrfnisse offen artikulieren und ausleben konnten. Punk ermglichte
es ihnen, traditionelle weibliche Rollenanforderungen zu ignorieren, sich in der
Clique hemmungslos zu betrinken, wild zu pogen und Aggressivitt zu zeigen.
Hier wurde nicht auf intellektueller Ebene ber patriarchale Machtverhltnisse
diskutiert, sondern auch in sexueller Hinsicht ein relativ gleichberechtigtes
Verhltnis praktiziert:
Auch beanspruchten sie fr sich, ebenso geil zu sein wie die Mnner alle
sind sie geile Tiere, alle, alle. Sie spielten mit den sexuellen Bedrfnissen, schrien
sie heraus, grell und aufreizend, auf der Bhne und in unzhligen Liedtexten (...).
(Bruder-Bezzel 1986, S. 142)
Umgekehrt brachte die Zugehrigkeit zur Szene fr Jungen und junge Mnner eine
Entlastung von den Imperativen traditioneller Mnnlichkeit:
Punk erffnete insofern einen Ausweg aus konventionellen gender Konstruktio-
nen, als da er festgeschriebene Reprsentationsmuster von Geschlechtlichkeit und
Sexualitt in Frage stellte oder gar negierte. Fr die Konstruktion von Mnnlichkeit
bedeutet das konkret, da Schwche und Fragilitt thematisiert werden, Strke als
mnnliches Attribut dagegen kaum vorkam. (Grimm 1988, S. 121)
Punk als jugendkulturelle Provokation stellte sich demonstrativ gegen gesell-
schaftliche Normen, wobei ein Aufbegehren gegenber den Geschlechterrollen
nicht im Mittelpunkt stand, Punk wurde vielmehr
1584 Die siebziger Jahre

als asexueller Raum wahrgenommen (...). Diese Situation sorgte dafr, dass
Frauen die Rolle als One of the Boys oder als geschlechtslos zukam, was eine
konfrontative Erkundung widerstndiger Weiblichkeiten oder Sexualitten inner-
halb von Punk verhinderte
. (Downes 2011, S. 37)
Die Namen einiger Punkbands mit eindeutig sexuellen Anspielungen wie Pene-
tration, Raped, The Slits oder Buzzocks waren eher als Provokation fr
die ffentlichkeit gedacht; tendenziell war Punk eher eine Jugendkultur, in der
Sexismus sowie Homophobie unblich waren und gleichberechtigte Verhltnisse
herrschten. Zugleich war es allerdings eine mnnlich orientierte Jugendkultur, der
berwiegende Teil der Bands und des Publikums waren Jungen und junge Mnner.
Verhaltensweisen wie Provozieren, exzessiv Alkohol konsumieren, Regeln verlet-
zen und Aggressionen und Verachtung der Gesellschaft gegenber ausdrcken.
Auch das Auftreten in dicken Lederjacken und Stiefeln vermittelte eher einen mar-
tialischen Eindruck traditioneller Mnnlichkeit, zudem kam es auch zu Vanda-
lismus oder handgrei

Jugendlichen.
Die Hochzeit des Punk waren die spten 70er Jahre, wobei Punk als Jugend-
Bedeutung hatte.
Punk als Stil in abgeschwchter Form kommerzialisiert und ansatzweise in den
Mainstream integriert wurde. So warb der Kaufhof mit dem Slogan Der Kauf-
hof macht den Punk zum Prunk (s. Naumann/Pentth 1986, S. 127), Elemente der
Frisuren und des Out

ts waren zunehmend in durchschnittlichen Geschfte auer-
Punk in vlliger Umkehrung der ursprnglichen Intention als Modegag entdeckt,
wie der Spiegel 1978 zu berichten wusste:
Die sddeutsche Mode-Dame Maja Schultze-Lackner (...) hat 20 Punk-Modelle
importiert und selber neulich bei Heidi Brhls Personality-Show im Bayerischen
Hof in einer Punk-Robe irren Anklang gefunden. Baronin Renate von Holz-
schuher-Unruh, berchtigte Jet-Setterin, lie sich gleich ein Modell reservieren.
Von Majas teurer Klientel ist vor allem der Adel fr Punk aufgeschlossen. (Zit. n.
Farin 2006, S. 114)
Doch auch innerhalb der Szene machten sich relativ schnell Ernchterung und
Skepsis breit, ob Punk wirklich die Gesellschaft grundlegend verndern kann oder
159
4.6 Punk
ob er von der Kulturindustrie als Geschfte belebendes Modewelle vereinnahmt
wird, wie es der Manager der Stranglers bereits Ende der 70er Jahre ausdrckte:
Punk ist nur noch ein Witz, es hat nichts mehr mit dem zu tun, was es mal war.
Punk hat so gut wie nichts von dem erreicht, was er einmal wollte,.... Er hat sich in
einen kommerziellen Karneval verwandelt, und zwar so schnell, da die Leute, die
damit angefangen haben, die Kontrolle verloren haben...... brig blieb nur Geld.
Punk wurde eine Ware wie jede andere auch. (Zit. n. Sonnenschein 1999, S. 161)
5
Die achtziger Jahre
5.1 Die geistig-moralische Wende
Auf die seit 1969 regierenden sozialliberalen Regierungen folgte Anfang der 80er
Jahre eine CDU/CSU/FDP-Koalition. Die FDP, lange Jahre Partnerin der SPD
auf Bundesebene, kndigte das Regierungsbndnis und wurde durch einen Ko-
alitionswechsel und ein konstruktives Misstrauensvotum Koalitionspartnerin der
christdemokratischen Parteien. Am 1. Oktober 1982 wurde Helmut Kohl zum
Bundeskanzler gewhlt, bei den Bundestagswahlen im Mrz 1983 gingen CDU/
sprach bei seinem Machtantritt eine geistig-moralische Wende bzw. eine geis-
tig-moralische Erneuerung.
Der Machtwechsel in der Bundesrepublik fgt sich ein in eine konservative
Tendenz anderer westlicher Lnder: In Grobritannien wurde Margret Thatcher
1979 zur Premierministerin gewhlt, in den USA bernahm der Ex-Schauspieler
Ronald Reagan 1982 das Amt des Prsidenten. Die Gemeinsamkeit dieses konser-
vativen Umschwungs Ende der 70er, Anfang der 80er bestand vor allem in einem
rckwrts gewandten Gegenschlag, dem Versuch, die kulturellen, sozialen und
konomischen Entwicklungen in den westlichen Lndern seit dem Aufbruch um
1968 wieder rckgngig zu machen. Zudem betrieben sowohl Reagan als auch
tismus und christliche Glubigkeit. Margret Thatcher fhrte einen Krieg auf den
P. Rttgers,
Von RocknRoll bis Hip-Hop,
DOI 10.1007/978-3-658-10846-5_5,
Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
1625 Die achtziger Jahre
In ihrer Weltsicht gab es keine Gesellschaft mehr, keine Klassengegenstze und
unterschiedliche Interessen, nur noch Individuen, die selbst fr sich verantwortlich
sind und keine oder kaum Ansprche an die Gesellschaft zu stellen haben:
... so etwas wie Gesellschaft gibt es nicht. Es gibt einzelne Mnner und Frauen,
und es gibt Familien (...)Es ist unsere P

icht, fr uns selbst zu sorgen und danach
auch fr unseren Nachbarn zu sorgen. Die Menschen denken zu viel an ihre An-
sprche, ohne auch an ihre P

ichten zu denken. (M. Thatcher, zit. n. Brckling
2007, S. 53)
Helmut Kohl reihte sich in den konservativen Rckschlag ein, wobei er sich be-
mhte, Werte wie Vaterlandsliebe, Familiensinn und P

ichtbewusstsein wieder zu
beleben. Inhaltlich wurden dabei ein Zurck zu traditionellen statt alternativen Le-
bensformen, Unterordnung statt Kritik an Autoritten und Leistungsbereitschaft
Der Versuch, den liberaleren Umgang mit Sexualitt als ein Ergebnis der Be-
wegung der 68er wieder rckgngig zu machen, zeigte sich in der Bundesrepublik
anhand des Umgangs mit den noch unter der sozialliberalen Koalition entwickel-
Sexualaufklrung. Hier wurde von Regierungsseite aus versucht, eine konservati-
ve Trendwende in der Sexualerziehung herbeizufhren, indem diese Medien nicht
verffentlicht werden sollten.
Im Bereich der Sexualerziehung wirkte sich die Wende durch ein Auslieferungs-
verbot von Betrifft: Sexualitt aus. Der verantwortliche Minister Heiner Geiler
(CDU) verfgte das Einstampfen der Materialien und die Rckgabe der Filme aus
den Landesbildstellen zur Vernichtung. Die Proteste von fhrenden Erziehungs-
wissenschaftlern, Soziologen und Vertretern aus der praktischen Erziehungsarbeit
blieben ungehrt. (Koch 1986, S. 191)
Die Begrndung fr diese Manahme bezog sich auf konservative Vorstellungen
von Sexualitt, nmlich darauf, dass die Materialien angeblich sittliche Normen
tierung an Ehe und Familie in Frage gestellt wrde. Dieser Rckschlag hin zu
einem Umgang mit Sexualitt, der sich an den 50er Jahren in Deutschland orien-
tierte, erwies sich als immun gegenber Argumenten aus der Wissenschaft und der
Praxis, er hatte eine eindeutige ideologische Ausrichtung:
163
5.1 Die geistig-moralische Wende
Mit der pauschalen Abquali

zierung als sittenlos, unmoralisch, libertinistisch
und illegal wurden nicht nur die Verfasser getroffen oder die Gutachter aus den
verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen, sondern auch zahllose Pdagoginnen und
Pdagogen, die das Medium innerhalb und auerhalb der Schule eingesetzt hat-
ten. (Koch 1986, S. 192)
verschiebung zugunsten der Besitzenden. Die Rechte von Arbeitslosen und Sozial-
hilfeempfngerInnen wurden als Anspruchsmentalitt diffamiert, die angeblich
die Sozialkassen ber Gebhr strapazierten und zudem noch dazu fhrten, dass
der Staat die Faulheit der BrgerInnen alimentiere. Gem dieser Ideologie sollte
sich der Staat mglichst aus der Versorgung der Bevlkerung zurckziehen und sie
ihrem Schicksal selber berlassen. Hierin befand sich die Regierung Kohl in vl-
liger bereinstimmung mit Reagan in den USA und Thatcher in Grobritannien:
Die sozialstaatlichen Errungenschaften sollten zurckgedrngt, Mitbestimmungs-
und Kndigungsregelungen mglichst abgeschafft und ffentliches Eigentum pri-
vatisiert werden; die entsprechenden Manahmen wurden als Deregulierung
verkauft, die die Entwicklung der Wirtschaft belebe und damit der Schaffung von
Arbeitspltzen diene, in der Konsequenz allerdings eine strkere Spaltung der
Gesellschaft in Reich und Arm bewirkte. Die Krfte des Marktes sollten ohne
staatliche Einmischung regieren und wrden zum Nutzen aller wirken. Es ging im
Kern um einen Funktionswandel des Staates, der immer weniger die Verantwor-
tung fr die soziale Sicherung bernehmen sollte, was mit den Schlagworten der
Selbstverantwortung und Eigeninitiative ideologisch legitimiert wurde. Auf
die angeblich dazu fhrten, dass das Investitionsklima sich verbessere und neue
Arbeitspltze geschaffen wrden; hinter der Wende verbarg sich ein Programm,
das sich eindeutig an den Interessen der Besitzenden orientierte.
Gemessen an dem Anspruch einer geistigen und moralischen Wende die als
Begriff schon die Unmoral der vorherigen Regierung und Bevlkerung unterstellt
verliefen vor allem die ersten Jahre unter dem neuen Kanzler Helmut Kohl voller
Pannen und Skandale, die berechtigte Zweifel an der Moral der Regierenden auf-
kommen lieen.
Bereits 1984 wurden dem General Gnter Kieling vom CDU-Verteidigungs-
minister Manfred Wrner homosexuelle Neigungen unterstellt. Als angeblich
schwuler General galt Kieling als Sicherheitsrisiko:
1645 Die achtziger Jahre
Schneller als belwollende Kritiker vermuten konnten, geriet die Regierung Kohl/
Genscher mit ihren hohen moralischen Ansprchen ins Stolpern. Die Parole von
der geistig-moralischen Erneuerung war noch in aller Ohr, die Forderung nach
einer Neuorientierung an den wahren Werten noch nicht verstummt, als sich ein
Denunziationsskandal anbahnte, der in der Geschichte der Bundesrepublik ohne
Beispiel ist. (Koch 1986, S. 193)
Unabhngig von der wirklichen sexuellen Orientierung Kielings ist dies bereits
zu Beginn der Regierungszeit ein Beispiel fr die Diffamierung homosexueller
Mnner und eine uerst intolerante Haltung zur Sexualitt, mit der der Integritt
eines Menschen Schaden durch Rckgriff auf eine reaktionre Sexualmoral zu-
gefgt werden sollte.
Ein anderer Skandal der Anfangszeit der Kanzlerschaft Kohls war die soge-
nannte Flick-Affre: Der Flick-Konzern hatte in den 70er Jahren Aktien von
Daimler-Benz fr 1,9 Milliarden DM an die Deutsche Bank verkauft. Um die da-
fr flligen Steuern zu sparen, musste dieser Deal als volkswirtschaftliche frde-
rungswrdige Reinvestition eingestuft werden, was durch die beiden FDP-Wirt-
schaftsminister Fridrichs und Lambsdorff geschah. Im Laufe der Ermittlungen
zu den Vorgngen um die Steuerbefreiung des Flick-Konzerns stellte sich heraus,
dass der Konzern durch seine Manager jahrelang CDU/CSU/FDP und SPD mit
Parteispenden bedacht hatte, wobei insbesondere CDU, CSU und FDP von den
Zuwendungen pro

tierten. Diese Parteispenden galten der P

ege der politischen
Landschaft, wie sich der Flick-Manager von Brauchitsch ausdrckte, sie waren
nichts anderes als Ein

ussnahme eines Grokonzerns auf politische Entscheidun-
gen, Bestechung, die deutlich machte, ber welchen Ein

uss die wirtschaftlich
Mchtigen in Deutschland verfgten, weshalb in diesem Zusammenhang von einer
gekauften Republik die Rede war. 1987 wurden von Brauchitsch, Friderichs und
Lambsdorff wegen Steuerhinterziehung bzw. Beihilfe zur Steuerhinterziehung
verurteilt. Bundeskanzler Kohl, der im Untersuchungsausschuss aussagen muss-
te und sich dort eine Anklage wegen einer Falschaussage einhandelte, hatte dort
erstaunliche Gedchtnislcken, die spter mit einem Blackout des Kanzlers er-
klrt wurden.
Auch konomisch konnte die Kohl-Regierung trotz der durchgefhrten De-
samten achtziger Jahre waren von einer relativ hohen Arbeitslosenquote geprgt,
wobei ungelernte Arbeitskrfte und Menschen mit Migrationshintergrund beson-
ders stark von Erwerbslosigkeit betroffen waren. Ein kleiner wirtschaftlicher Auf-
schwung zu Beginn der 80er fhrte fr viele dieser Menschen nicht dazu, dass sie
sich in ihrer konomischen Lebenssituation verbessern konnten.
165
5.1 Die geistig-moralische Wende
Man sprach deshalb auch von der Zwei-Drittel-Gesellschaft, das heit der Auf-
schwung ging an den ungelernten, wenig quali

zierten Arbeitern, den Sozialhilfe-
Beziehern, den Arbeitslosen, den kinderreichen Familien, vielen Auslndern und
sonstigen Personen mit Einkommen unter dem Existenzminimum (Wohnungslose,
Drogenabhngige, Heiminsassen u.a.) vorbei. (Faulstich 2005a, S. 10)
In den 80ern nderte sich auch die bisherige Parteienlandschaft aus CDU/CSU,
verstndnis nach die verschiedenen auerparlamentarischen Bewegungen die
Anti-Atomkraft- und Umweltbewegung, die Frauenbewegung, die Neuen Sozialen
Bewegungen und die Neuen Linken in sich vereinte und deren Anliegen in die
Parlamente tragen wollte.
Trotz oder wegen der Intention einer moralischen Wende und dem Zurck
zu alten Tugenden waren die 80er ein Jahrzehnt heftiger innenpolitischer Ausein-
rung titelte der Spiegel Staatsgewalt Jugendgewalt (Der Spiegel 13/1981) und
von zumeist aus Spekulationsgrnden leer stehenden Husern und die Einrichtung
und CSU forderten ein Vorgehen mit aller Hrte gegen diese engagierten Jugend-
minalitt und der Pornographie und Brutsttten des politischen Extremismus
und des Terrorismus (Der Spiegel 13/1981).
Whrend sich die Proteste der Studierenden vor allem in den Metropolen ab-
spielten, erreichten diese Aktionen der Jugendlichen auch die Provinz. Zudem
unterschieden sie sich von den 68ern dadurch, dass sie keine konkreten Vorstel-
lungen von einer besseren Gesellschaft hatten, sondern teils auf lokale Missstnde
reagierten und teils eine eher diffuse Unzufriedenheit mit den gesellschaftlichen
Verhltnissen artikulierten:
Die Jugendrevolte der 80er Jahre, so militant und aktionistisch sie auch auf den
Straen tobt, ist im Grunde defensiv, abwehrend: Sie kennt keine Programme, keine
Anfhrer und will nichts mehr von der Gesellschaft wissen. (Der Spiegel 13/1981)
Neben diesen lokalen Unruhen gab es im Laufe des Jahrzehnts diverse Gro-
demonstrationen, an denen sich in erster Linie junge Menschen beteiligten und die
sich um die Themen Umwelt und Frieden drehten.
1981 demonstrierten ber 50.000 Menschen gegen das Kernkraftwerk Brok-
1665 Die achtziger Jahre
bei den Aktionen gegen die Startbahn West in Frankfurt. Die Protestierenden wen-
tausender Bume und der Vernichtung eines Waldes verbunden war; die Startbahn
West wurde trotz aller Proteste 1984 gebaut. Gegen die Wiederaufbereitungsan-
lage im oberpflzischen Wackersdorf wandten sich 1986 ber 30.000 Demons-
trierende, 1986 fand in der Nhe der geplanten Wiederaufbereitungsanlage das
Grnemeyer und BAP statt, die Veranstaltung hatte 100.000 BesucherInnen; das
Projekt der Wiederaufbereitungsanlage wurde 1989 of

Die zahlenmig grte Demonstration in der bundesdeutschen Geschichte mit
ber 400.000 Menschen fand 1984 im Bonner Hofgarten statt. Anlass war der
Protest der Friedensbewegung gegen die Stationierung von US-amerikanischen
Atomraketen, Pershing-2-Flugkrpern und Cruise Missiles in Westeuropa. Der
Beschluss, diese Raketen in Deutschland zu stationieren,

el noch unter Bundes-
Europa begrenzten Atomkrieg zu fhren.
Der Nachrstungs-Beschlu der NATO vom 12. Dezember 1979, der den USA
das Recht zugesteht, die ihrer neuen Atomkriegsstrategie entsprechenden Nuklear-
raketen in Mitteleuropa zu stationieren, beschwrt daher fr uns alle, ohne politi-
sche oder soziale Unterschiede zu machen, eine tdliche Gefahr herauf. Ohne jede
bertreibung ist festzustellen: Es geht ums berleben. (Bredthauer/Mannhardt
1981, S. 9)
Zudem fand die sogenannte Nachrstung in einer Situation statt, in der die NATO
und der Warschauer Pakt ber atomare Arsenale verfgten, die in der Lage gewe-
sen wren, die gesamte Welt mehrfach zu vernichten.
Der Krefelder Appell, der sich gegen die Aufrstung Deutschlands mit US-
amerikanischen Atomwaffen wandte, wurde von vier Millionen Menschen in
war eine Bewegung, die sich vornehmlich auf einen Punkt einigen konnte: die
Verhinderung der Stationierung der US-Raketen in Deutschland und Westeuropa,
um damit eine neue Spirale des Wettrstens zu verhindern und dem Wahnsinn des
rInnen, engagierte ChristInnen, Linke und zum Teil auch Konservative ein. Trotz
167
5.1 Die geistig-moralische Wende
dieses massenhaften Widerstandes beschloss der Bundestag die Stationierung der
Raketen, die schlielich auch durchgefhrt wurde.
1987 gab es von diversen Organisationen und Verbnden Proteste gegen die ge-

chen-
deckende Befragung der Bevlkerung der Staat Zugriff auf ihre Daten bekommen,
sich Einblick in ihre Privatsphre verschaffen und Daten missbrauchen knnte.
In Kombination mit der Computertechnik, die sich in den achtziger Jahren rasant
entwickelte, wurde Ende der 70er Jahre das Entstehen eines berwachungsstaates
Die achtziger Jahre waren auch ein Jahrzehnt des zunehmenden kologischen
Bewusstseins und einer wachsenden Besorgnis ber die Belastung der Natur
durch die technische und industrielle Entwicklung. Neben der Bedrohung durch
die Atomwaffen der Gromchte gab es Befrchtungen ber die Auswirkungen
des sauren Regens, das Waldsterben, die Belastung von Flssen und Luft durch
Giftstoffe und die Verunreinigung von Lebensmitteln. Verstrkt wurden diese Un-
sicherheiten durch reale Katastrophen, die sich im Verlaufe der 80er Jahre ereig-
1986 wurden bei einer Explosion in einem Chemiewerk im indischen Bhopal
Toten und eine vollkommen vergiftete Umwelt. Im ukrainischen Tschernobyl gab
es 1986 bei einer Reaktorkatastrophe in einem Atomkraftwerk zahlreiche Tote,
die Umwelt wurde zum Teil erheblich kontaminiert. Ebenfalls 1986

oss nach
einem Brand in einem Schweizer Chemiewerk hochgiftiges Lschwasser in den
verseuchte das Meer und die Umwelt mit fast 40.000 Tonnen l.
Insgesamt lsst sich sagen, dass von einem Optimismus hinsichtlich der Zu-
kunft aufgrund der konomischen und kologischen Entwicklungen bei groen
Teilen der Bevlkerung in den 80er Jahren nicht mehr viel zu spren war:
Aus all diesen politischen, konomischen, gesellschaftlichen, kologischen und
vor verschlechterten konomischen Bedingungen, steigender Arbeitslosigkeit, poli-
tischen Verdchtigungen, fortschreitender Verschmutzung der Natur, kriegerischen
tung der ganzen Welt, was die Zukunftserwartungen vieler Menschen erheblich
dmpfte. (Hermand 1988, S. 614)
1685 Die achtziger Jahre
Schlielich waren die 80er das letzte Jahrzehnt der alten Bundesrepublik; durch
den Fall der Berliner Mauer und die Wiedervereinigung von BRD und DDR wurde
die Teilung Deutschlands in West und Ost Geschichte.
5.2 Kommerzfernsehen in der Multioptionsgesellschaft
Trotz der Bemhungen einer Reaktivierung konservativer Tugenden und Moral,
sich im Laufe der 80er Jahre diejenigen gesellschaftlichen Trends durch, die be-
reits in den 60ern und in den 70ern begannen: Die Zahl der Ehescheidungen ging
nach oben, die der Single-Haushalte ebenfalls, die Tendenz zu individualisierten
Lebensformen war ungebrochen. Auch die Bindung an die christlichen Kirchen
lockerte sich, was daran zu erkennen ist, dass die Zahl derjenigen, die sich selbst
als religis einstuften, zwischen den Altersgruppen erheblich differierte: Nur noch
36 % bei den 18- bis 24-Jhrigen und 39 % bei den 25- bis 34-Jhrigen bezeich-
den 65- bis 74-Jhrigen sogar 74 % waren (s. Ringshausen 2005). Deutlich wird
die hier Tendenz jngerer Menschen, sich immer weniger auf einen vorgegebenen
Glauben, auf Hierarchien und Rituale einzulassen und stattdessen verstrkt indivi-
duell nach Antworten auf Lebensfragen zu suchen.
Auch die Arbeitsstrukturen nderten sich im Laufe der 80er in die gleiche
Richtung wie bereits in den Jahrzehnten davor, sodass immer weniger Beschftig-
Beschftigtenzahlen in den verschiedenen Sektoren des Dienstleistungsbereiches
stiegen, was zu einer strker differenzierten und vielfltigeren Gesellschaft fhrte:
In den achtziger Jahren wurde es jedoch zunehmend schwerer, die bedeutenden
Elemente des Zeitgeistes zu identi

zieren, da sich die sogenannte Multioptions-
gesellschaft durch eine Vielzahl von Lebensentwrfen und Orientierungsmustern
kennzeichnen lt, die eine Diversi

kation der Konsumbedrfnisse zur Folge hatte
(...). In dieser Dekade vollzog sich der vollstndige bergang in eine neue Dienst-
leistungsgesellschaft, was auch eine deutliche Vernderung der Konsumententypo-
logien nach sich zog (...). Jeder zweite Bundesbrger war inzwischen im Dienstleis-
tungssektor beschftigt (..). (Knop 2004, S. 209)
Der Begriff der Multioptionsgesellschaft wurde von dem Soziologen Peter
Gross eingefhrt, womit er die sich immer weiter erhhten Wahlmglichkeiten
von Lebensformen und Konsumprodukten zum Ausdruck bringt:
169
5.2 Kommerzfernsehen in der Multioptionsgesellschaft
Die Steigerung der Erlebens-, Handlungs- und Lebensmglichkeiten, die Optio-
nensteigerung, ist der augenscheinlichste Vorgang der Modernisierung. Darum der
Begriff der Multioptionsgesellschaft (....) Die Zahl der variablen Mglichkeiten ist
weitaus grer, als je in einem noch so dicken Buch unterzubringen ist. (Gross
1994, S. 14f)
Allerdings muss gesagt werden, dass die Mglichkeiten der Inanspruchnahme von
Optionen sowohl der individuellen Lebensfhrung als auch im Bereich des Kon-
sums abhngig sind von den Ressourcen, ber die ein Mensch verfgt. Vor allem
im Bereich des Erwerbs von Konsumgtern waren fr einen Teil der Bundesbrg-
erInnen die Mglichkeiten angesichts einer Zwei-Drittel-Gesellschaft, einer relativ
hohen Arbeitslosigkeit und der Angst, seinen Arbeitsplatz zu verlieren, sehr ein-
geschrnkt.
Das Fernsehen des Jahrzehnts war geprgt von Serien und Shows mit hohen
Einschaltquoten: US-Importe wie Dallas, Denver Clan und Miami Vice er-
freuten sich groer Beliebtheit, ebenso wie die deutschen Serien Schwarzwald
Zudem war die Zulassung und Einfhrung privater Fernsehsender fr die
Vernderung der Fernsehlandschaft in der Bundesrepublik von einschneidender
Wirkung. Neben die ffentlich-rechtlichen Programme trat nun die Konkurrenz
verschiedener kommerziell orientierter und ausschlielich durch Werbung

nan-
zierter Sender, angefangen mit RTL im Jahr 1984 und SAT.1 1985, denen in den
darauf folgenden Jahren zahlreiche weitere folgten. Unter der Regierung Kohl
wurde eine

chendeckende Breitbandverkabelung in der Bundesrepublik betrie-
Programme schuf. Dies fhrte nicht nur zu einer Ausweitung der bisherigen Pro-
gramme, sondern auch dazu, dass es keinen Sendeschluss mehr gab und ab Beginn
der 80er Jahre rund um die Uhr ferngesehen werden konnte. Zudem kam es zu
einer verschrften Konkurrenz um die Gunst der ZuschauerInnen, die letztlich
zu einem durch Kommerzialisierung bedingten Niveauverlust fhrte. Der Auftrag
des ffentlich-rechtlichen Fernsehens, auch zur politischen Bildung beizutragen,
kritischen Stimmen Gehr zu verschaffen, hinter die Kulissen der of

ziellen Poli-
tik zu schauen und zu recherchieren, gilt fr die privaten Sender nicht. Ihnen geht
es darum, mglichst viele Menschen vor den Fernseher zu locken, um sie mittels
der auch innerhalb der Sendungen und Filme ausgestrahlten Werbespots Tag und
Nacht zum Konsum zu animieren.
1705 Die achtziger Jahre
Der Blick auf den Bildschirm wird nun zunehmend vom wirtschaftlichen Kalkl ge-
lenkt auch bei den ffentlich-rechtlichen Sendern. Der teure Kampf um die bertra-
gung von Sportereignissen, der An- und Abkauf von TV-Stars und der Griff ins Zeitbud-
get der Zuschauer markieren Wendepunkte im Verstndnis vom Fernsehen: Bald wird
werden geschlossen, mit Fernbedienung und Videorecorder lotst sich der Zuschauer
in ein neues Verhltnis zum Medium: Videotext, Kabelfernsehen, Satellitenfernsehen.
EINS PLUS, 3sat, SAT.1, RTL plus, Pay TV. High De

nition, Television/HDTV. Der
Sponsor und die Schleichwerbung, Product Placement. (Kubitz 1997, S. 122)
In den ersten Jahren strahlten die kommerziellen Sender zahlreiche Sex

lme der
frhen 70er Jahre aus, was sich nur schwer mit der Familienideologie und Sexual-
moral der geistig-moralischen Wende in Einklang bringen lie.
Die Erweiterung des Fernsehangebotes durch die kommerziellen Sender kann
als Illustration dafr dienen, was Multioptionsgesellschaft auch meinen kann: eine
Ausweitung der Fernsehsender und die Mglichkeit, rund um die Uhr fernzusehen
wurde inhaltlich dadurch beschrnkt, dass die jeweiligen Programme unter dem
Diktat der wirtschaftlichen Berechnung stehen.
Neben der Einfhrung der kommerziellen Sender vernderte in den 80er Jahren
die massenhafte Verbreitung des Videorecorders die Sehgewohnheiten der Deutschen.
zu machen, Art des Films und die Zeit des Konsums selber zu bestimmen. Auer-
gewnscht: Langweilige Szenen knnen bei Bedarf berspult und interessante Se-
quenzen mehrmals angesehen werden. Als Genres hatten Western-, Abenteuer- und
Action

lme, Krieg, Horror und Thriller, Komdie, Liebe und Erotik groen Absatz
im Jahr 1987, gab es in Deutschland 7800 Videotheken, das heit, dass die meisten
Menschen in unmittelbarer Reichweite eine Videothek besuchen konnten.
Die rasante Entwicklung der Technik wurde an der enormen Verbreitung von
Computern deutlich:
Ab Mitte des Jahrzehnts fand der PC immer mehr Verbreitung in privaten Haus-
halten und avancierte damit, vor allem mit seinen Textverarbeitungsprogrammen,
zum Alltagsgert fr jedermann. Zugleich fhrte seine Multifunktionalitt zu einer
kontinuierlichen Durchdringung einer Vielzahl gesellschaftlicher Bereiche (Kin-
der- und Jugendkultur, Bro, industrielle Produktion, Wirtschaft und Verkehr,
Kommunikation und Alltag usw.). Damit vernderte der Computer insbesondere
die soziale Wirklichkeit in dem Sinne, da fr eine Vielzahl von Menschen ganz
neue Ausdrucks- Gestaltungs- und Kommunikationswege zur Verfgung gestellt
wurden. (Faulstich 2005c, S. 241)
171
5.2 Kommerzfernsehen in der Multioptionsgesellschaft
Die Verbreitung von Computern und deren Eindringen in die Alltagswelt ist durch-
aus zwiespltig zu beurteilen: Zum einen ergaben sich hierdurch Erleichterungen,
auch die Angst vor einem Verlust des Arbeitsplatzes durch Rationalisierung und
vor allem beim kritischen Teil der Bevlkerung Angst davor, dass der Staat diese
Der propagierte Rckzug des Staates aus seiner sozialen Verantwortung, die
Beschwrung der Krfte des Marktes, die Konsumorientierung und die Appelle
an Leistungsbereitschaft zielten letztlich auf einen Individualismus ab, der mehr
und mehr zum gesamtgesellschaftlichen Trend wurde:
Im Laufe der 80er und 90er Jahre wurde der Hedonismus ursprnglich ein Kon-
zept zur berwindung der Normen von Arbeit, P

icht und Leistung extrem kom-
merzialisiert. Und, was folgenreicher war, die Vorstellung der Selbstverwirklichung,
die bei der inneren Motivation ansetzte, wurde, angetrieben von neokonservativen
und neoliberalen Strmungen, zum weithin propagierten Ideal einer Gesellschaft,
die das sich selbst mobilisierende Individuum zur grundlegenden Sozial

gur eines
deregulierten Gemeinwesens mit vermindertem Staatsanteil machte. (Schildt/
Siegfried 2009, S. 337)
Die Slogans und Parolen der christlich-liberalen Parteien im Deutschland der sieb-
ziger und achtziger Jahre wie Freiheit statt Sozialismus und Leistung muss sich
wieder lohnen bringen diesen Mentalittswandel zum Ausdruck: Es ging immer
weniger um Solidaritt und Gemeinschaft, der Staat und (sozial-)rechtliche Rege-
lungen galten als Hindernisse fr eine freie Entfaltung der Wirtschaft.
Sinnbild dieses Mentalittswandels waren die sogenannten Yuppies, die fr
einen Teil der Gesellschaft in den 80ern als Leitbild galten. Yuppie steht fr Young
ten, karriereorientiert waren und auf gut dotierten Stellen wie in der Werbebranche
orientierten Lebensstil aus: Teure Kleidung, exklusive Wohnungseinrichtungen,
Luxusautos und ein demonstrativer Hedonismus gehrten in ihr Leben wie eine
selbstverstndliche Akzeptanz von gesellschaftlichen Hierarchien. Yuppies hatten
junge, sportliche und schlanke Krper, die Leistungsbereitschaft und Fitness sig-
Passend dazu auch die bevorzugte Droge, Kokain, die den Krper stndig unter
Anspannung und Leistungsbereitschaft hlt. Yuppies wollten nicht die Welt ver-
ndern, sondern innerhalb der Hierarchien weit aufsteigen, was ihnen noch mehr
Konsummglichkeiten und Prestige versprach.
1725 Die achtziger Jahre
Individualismus und Karriereorientierung waren zum Leitbild des Jahrzehnts
geworden, es ging darum, sein eigenes Leben konomisch erfolgreich zu gestalten
und diesen Erfolg demonstrativ zu prsentieren.
Weit weniger exklusiv als der Lebensstil der Yuppies war Aerobic, eine Mo-
dewelle der achtziger Jahre. Aerobic ist Gymnastik, die zu Popmusik betrieben
wird und mageblich durch die US-Schauspielerin Jane Fonda in breiten Schichten
populr wurde. Ganz im Sinne des Zeitgeistes sollte sie dazu beitragen, die Teil-
nehmerInnen

t zu halten und zu schlanken, sportlichen Krpern zu verhelfen,
was kommerziell ausgebeutet wurde: Neben Aerobic-Kursen wurde noch die dazu
marktet, zudem gab es Aerobic-Sendungen im Fernsehen. Diese Angebote wurden
in erster Linie von Frauen wahrgenommen, die mit der Teilnahme die Hoffnung
verbanden, dem propagierten weiblichen Schnheitsideal zu entsprechen.
Auch in der Welt des professionellen Sports machte sich in den 80ern ein enor-
mer Schub hin zu einer Kommerzialisierung bemerkbar. Die Konkurrenz der
ffentlich-rechtlichen und der Kommerzsender trieb die Gelder fr die bertra-
gungsrechte von Groereignissen in die Hhe:
Die Sportkultur der achtziger Jahre stand ganz im Zeichen der Kommerzialisie-
rung und Medialisierung. Die konomische Vermarktung und die publizistische
Verwertung des Spitzensports stie in ungeahnte Dimensionen vor. (Schaffrath
2005, S. 206)
Neben den Groereignissen wie Olympische Spiele und Fuball wurde im Zuge
der Erfolge der Stars Stef

Sportart mit hohen Einschaltquoten.
Vordergrndig im Gegensatz zu den Tendenzen der gesellschaftlichen Entwick-
lung dem Fortschritt der Technik, der zunehmenden Individualisierung und Kom-
merzialisierung steht der Boom der Volksmusik in diesem Jahrzehnt. Anfang der
80er startete der Musikantenstadl mit Karl Moik, der ab 1983 bundesweit ausgestrahlt
wurde und ab 1986 den besten Sendeplatz, samstags um 20.15 Uhr, erhielt. Ebenfalls
ab 1986 gab es den Grand Prix der Volksmusik, der in der Schweiz, sterreich und
im deutschen Fernsehen (s. Schormann 2005, S. 176). Obwohl sich der Boom der
Volksmusik unter vllig anderen gesellschaftlichen Bedingungen entfaltete, lsst er
sich in seiner sozialen und psychologischen Funktion durchaus mit den Heimat

l-
men der 50er Jahre vergleichen. Ging es in der Nachkriegszeit darum, die Kriegs-
erfahrungen mit ihren seelischen und materiellen Folgen durch die Darstellung einer
heilen Welt zu kompensieren, so waren es in den 80ern die rasante technische
173
5.2 Kommerzfernsehen in der Multioptionsgesellschaft
Entwicklung, die (drohende) Arbeitslosigkeit und das Bewusstsein einer durch die
vernichtenden Atomkrieg. In den Volksmusik-Sendungen wurde eine lndliche Um-
gebung vorgegaukelt, die Musik war nicht aggressiv und die Texte problematisierten
und provozierten nicht. Das Ganze wurde zudem inszeniert in einer konservativen
Umwelt, in der die Beziehungen der Menschen und der Geschlechter noch stimm-
ten, es wenige Kon

ikte gab und eine harmonische Atmosphre herrschte.
Stars des Genres und ihre Lieder waren unter anderem Marianne und Mi-
chael (Das alte Frsterhaus, Ich lieb die Heimat, meine Berge), die Zillertaler
Schrzenjger (Ein kleiner Blumenstrauߓ, Nimm Dir Zeit fr Frhlichkeit) und
Maria Hellwig (Der Kaiser von Tirol, Lieder, die von Herzen kommen).
Mit ihrer biederen und konservativen Grundhaltung konnten die verschiedenen
Volksmusik-Sendungen und SngerInnen bei Teilen der Bevlkerung an die geis-
tig-moralische Wende anknpfen und das Bedrfnis nach einer konservativen
und angeblich heilen Welt bedienen.
In eine vollkommen andere Richtung ging die New Age-Bewegung der 80er
Jahre, die vor allem in den Mittelschichten des linken und alternativen Spektrums
AnhngerInnen fand. Unter Bezugnahme auf eine Kritik an westlichem Rationa-
lismus vereinte diese Strmung unterschiedlichste Elemente verschiedener Kul-
turen, wobei sie mit dieser Ideologie sowohl an den Psychoboom als auch an die
Hippiekultur anknpfen konnte:
das Ende von Materialismus und analytischem Denken geprgten Zeitalters des
Fisches einluten sollte. Umweltverschmutzung oder der Rstungswettlauf wurden
als Zeichen eines durch Katastrophen ausgelsten Umbruchs gedeutet. Mit der Be-
tonung von Einheit von Krper, Geist und Seele sowie der Ablsung von Rationali-
tt, analytischem Denken und Argumentation durch Gefhl, synthetisches Denken
und Intuition sollte die ursprngliche kosmische Harmonie wiederhergestellt wer-
den. Mystische und magische Vorstellungen von Schwingungen, Energiefeldern,
Wellen, Strahlen oder Krften wrden eine ganzheitliche Verbindung des Indi-
viduums mit dem Universum konstruieren. (Reichhardt 2014, S. 810)
Themen wie ganzheitliche Gesundheit, paranormale Erscheinungen, esoterische
Lebenshilfen, Schamanismus, Astrologie, spirituelle Sitzungen und diverse The-
rapieformen standen im Mittelpunkt und wurden durch Bcher, Workshops und
sehr individualistisch, bezog sich nicht auf die gesellschaftlichen Verhltnisse,
sondern sah die Lsung der sozialen wie individuellen Probleme in einem spiri-
tuellen Wandel:
1745 Die achtziger Jahre
Die den Psychoboom vor allem seit den achtziger Jahren bedienenden und fr-
dernden Bewutseinserweiterungsprogramme greifen synkretisch alles auf, was
zwischen Erdstrahlen und Astralwelt, Krpersprache und Magnetismus, Telepathie
und Astrologie, Karma und Reinkarnation eine ganzheitliche Welt zu suggerieren
vermag. Die esoterischen Exerzitien, die sich zu antimodernen (bzw. postmodernen)
Kulturformen ausweiten, gipfeln in der Vision vom Aufbruch in ein neues Zeitalter
(New Age). (Glaser 1989, S. 132)
Obwohl es sich bei den Erfolgen der Volksmusik und der New-Age-Bewegung um
Trends der Achtziger handelt, die sich hinsichtlich ihrer sozialen Basis und ihres
Inhalt nach vollkommen unterscheiden, haben sie doch eines gemeinsam: Beide
Strmungen beziehen sich nicht auf ein kritisches Bild oder eine Analyse von Ge-
sellschaft, beide ent

iehen eher den Unsicherheiten der Zeit mit Hilfe kommerziell
organisierter Angebote, entweder durch ein Herbeisehnen und Verklren einer
vermeintlich guten alten Zeit oder die Hoffnung auf Erlsung oder zumindest
Weltverbesserung durch den Beginn eines neuen Zeitalters.
5.3 PorNo-Kampagne, sexueller Missbrauch und AIDS
Die geistig-moralische Wende war mit dem Versuch verbunden, zu alten Rollen-
bildern zurckzukehren. Nicht zuletzt wegen der hohen Arbeitslosigkeit in den
80er Jahren wurde von der sanften Macht der Familie gesprochen, es sollte das
alte Leitbild der Frau als Hausfrau und Mutter wiederbelebt werden. Doch waren
das Selbstbewusstsein vieler Frauen und die Selbstverstndlichkeit, als Frau be-
rufsttig zu sein, im Laufe der Jahre stark gestiegen, die Quote der erwerbsttigen
Frauen stieg und mehr Frauen als zuvor verfgten ber eine Berufsausbildung oder
einen Studienabschluss. Zudem bot die Orientierung an einer Beziehung oder Ehe
immer wenig Sicherheit in Zeiten, in denen die Scheidungszahlen wuchsen.
Die Frauenbewegung trat in den 80ern in eine Phase der Institutionalisierung:
Das Bundesministerium fr Jugend, Gesundheit und Familie wurde 1986 um das
Ressort Frauen erweitert. Auch auf anderen Ebenen wurden die Belange von Frau-
en zunehmend als of

zielle politische Frage anerkannt:
Frauen- oder Gleichstellungsbeauftragte wurden in den Stdten und Gemeinden, sowie
in staatlichen Ministerien und groen Behrden eingerichtet. Oft wurde ihre Stelle als
Querschnittsaufgabe mit Zugang zur Verwaltungsspitze und umfassenden Informations-
rechten eingerichtet. Ihre Leistungen hingen einerseits von dem politischen Rckhalt bei
der Fhrung und der Verwaltung insgesamt, aber auch von ihren Verbindungen zu lokal
engagierten Frauengruppen und von ihren Netzwerken ab. Sie haben sich in Bundes- und
Landesarbeitsgemeinschaften (BAG, LAG) zusammengeschlossen. (Lenz 2009, S. 233)
175
5.3 PorNo-Kampagne, sexueller Missbrauch und AIDS
Alltagsweltlich wurde eine Verschiebung des Geschlechterverhltnisses zu Guns-
ten der Frauen sichtbar an der Tatsache, dass ab Beginn der 80er Jahre in der Wer-
Zum Generalangriff auf deren Unterhosen blies schlielich Michael Schirmer
Anzeigenkampagne folgte massive TV-Werbung. Zunchst nur bis zum Nabel oder
im Pro

l abgebildet, trugen zwischen Macho und Softie angesiedelte Typen von
Jahr zu Jahr mehr ihre teure Haut zu Markte. Schlielich barfu bis zum Hals,
verschrnkten sie schlielich noch die Arme hinter dem Kopf und lieen ihre Mnn-
lichkeit aus der Feigenblatt-Zone lugen. (Kreutzer 1999, S. 12)
Mnner in offen erotischen Positionen als Blickfang und Kaufanreiz waren ein
neues Phnomen, was dazu fhrte, der Zwang von Mnnern, sich selbst als attrak-
tiv und erotisch darzustellen, stieg. Mnner wurden wie vorher schon Frauen
als Zielgruppe fr die Schnheitsindustrie entdeckt, die einen gep

egten und mo-
Die engelsgleichen Jungs aus der Parfumwerbung haben ein Schnheitsideal
geschaffen, das Mnnern allmhlich jenes wettbewerbsorientierte Krperdenken
lehrt, das Frauen von jeher kennen. (Kreutzer 1999, S. 11)
Allerdings hat die Ausbeutung der Erotik des mnnlichen Krpers als Kaufanreiz
zu keiner Zeit auch nur annhernd die Ausmae angenommen, wie es bei der Aus-
beutung des weiblichen Krpers schon lange der Fall war und ist.
Emanzipation deutliche Spuren hinterlassen. Die Sozialwissenschaftlerin Herrad
Beziehungen seit Ende der 60er Jahre:
Heute, nach zwei Jahrzehnten sexueller Befreiung haben sich die Zeichen mnn-
Mnnern herrscht der Typ des narzitischen, autistischen mnnlichen Helden vor,
der kaum oder nur zgernd Kontakt zu Frauen sucht und ihnen, von kurzen sexuel-
len Begegnungen einmal abgesehen, lieber aus dem Weg geht. Empirische Unter-
suchungen zeigen, da viele Mnner, weit davon entfernt, die sexuelle Freiheit zu
bejubeln, ihre Geschlechtsbeziehungen als anstrengend und unbefriedigend emp-

nden. (Schenk 1990, S. 231)
Das traditionelle Arrangement der Geschlechter beruhte darauf, dass sich Mnner
sexuell aktiv und offensiv prsentieren konnten; als Pendant dazu verhielten sich
1765 Die achtziger Jahre
Frauen zurckhaltend und scheu und demonstrierten somit ihrer traditionellen
Rolle entsprechend ein sexuell zurckhaltendes und unsicheres Verhalten. Die
anerzogene und sozial erwnschte weibliche Zurckhaltung sicherte den Mnnern
ihre sexuell fordernde Position, sie konnten sich als potente Eroberer und Drauf-
gnger inszenieren. Durch das gewachsene Selbstbewusstsein der Frauen, die ver-
strkt ihre eigenen Vorstellungen und Wnsche in der Sexualitt uerten und
einforderten, war dieses Arrangement ins Wanken geraten, worauf viele Mnner
mit Verunsicherung, Rckzug und sexuellen Problemen wie Erektionsschwierig-
keiten reagierten.
Steht nicht hinter dem starken Wunsch nach Kontrolle die Sorge um ein zartes
P

nzchen, das ganz besondere Bedingungen braucht, um sich zu entfalten? Haben
die Mnner nicht jahrelang als Strke vor sich hergetragen, was in Wirklichkeit
Angst vor der Schwche war? (Schenk 1990, S. 231)
Neben diesen Spannungen, Enttuschungen, Irritationen und Unzufriedenheiten in
ren durch zwei weitere Diskussionen bestimmt, in denen das Thema der Gewalt
die zentrale Rolle spielte: Die Debatte um Pornogra

e und den sexuellen Miss-
brauch an Kindern.
Durch die massenhafte Verbreitung des Videorecorders in den 80ern verzeich-

zer Besuch in der Videothek, um sich anschlieend zu Hause dementsprechende
Filme anzusehen. Was auf der einen Seite als Schub in Richtung einer sexuellen
Liberalisierung und Freiheit gesehen wurde, stie vor allem bei Frauen auf harsche
Kritik und Ablehnung: Der Mainstream der Pornogra

e zeige lediglich eine Form
von Sexualitt, die der traditionellen mnnlichen Vorstellung entsprche. Sexuali-
stndig willigen und bereiten Frauen wie Mnnern ohne jede andere zwischen-
menschliche Beziehung galt bestenfalls als langweilig, unerotisch, fantasielos und
stereotyp.
Noch weiter in der Kritik an und der Ablehnung von Pornogra

e gingen die-
jenigen Frauen, die unter dem Slogan Pornogra

e ist die Theorie, Vergewaltigung
ist die Praxis fr ein Verbot eintraten. Grundlegend fr die daraus folgende Por-
No-Kampagne war das Buch Pornographie Mnner beherrschen Frauen der
schlechterverhltnisses, das ausschlielich durch Macht und Gewalt gekennzeich-
Krper von Frauen analysiert und kritisiert:
177
5.3 PorNo-Kampagne, sexueller Missbrauch und AIDS
Er nennt das Weib nicht nur schwach, er verstmmelt den weiblichen Krper, fes-
selt ihn, so da er sich nicht frei bewegen kann, bentzt ihn als Spielzeug oder
Schmuckstck, sperrt ihn ein und stutzt ihn zurecht, weil er das Weib schwach ge-
nannt hat. Er sagt, dass das Weib vergewaltigt werden mchte, und er vergewaltigt.
Sie widersetzt sich der Vergewaltigung, und er mu sie schlagen, ihr mit Mord dro-
hen, sie mit Gewalt verschleppen, sie nachts berfallen, Messer oder Fuste bent-
zen (...) Feindseligkeit und Gewalt nennt er, in den verschiedensten Verbindungen:
Sex. Er schlgt sie und nennt das abwechselnd Liebesbeweis (wenn sie Ehefrau
ist) oder Erotik (wenn sie Geliebte ist). Wenn sie ihn sexuell begehrt, nennt er
sie Schlampe. Wenn sie nicht will, vergewaltigt er sie und sagt sie will. (Dworkin
1988, S. 27)
Alice Schwarzer gab als magebliche Aktivistin der PorNo-Kampagne das Buch
von Dworkin in ihrem Verlag heraus und schrieb das Vorwort. Darin diagnosti-
zierte sie einen durch das neue Medium Video hervorgerufenen allgemeinen Trend
zur Pornogra

sierung der Gesellschaft und des Alltags mit der Folge der brutalen
Abwertung von Frauen:
Wir haben es mit einer durchdringenden Pornographisierung der gesamten Se-
xualitt und des ganzen Alltags zu tun. Dazu gehrt zwangslu

g der Versuch einer
Verhurung aller Frauen. (Schwarzer 1988a, S. 11)
Als Ursache fr den steigenden Pornogra

ekonsum sieht sie die Unfhigkeit von
Mnnern, gleichberechtigte (sexuelle) Beziehungen zu Frauen einzugehen. Das
gestiegene Selbstbewusstsein von Frauen fhre bei Mnnern zu Unsicherheiten
und ngsten, die sie in der

ktiven Welt der Pornogra

e zu besiegen versuchen.
Es geht folglich weniger um die mnnliche sexuelle Lust als vielmehr darum, die
mnnliche Vorherrschaft, die Macht ber Frauen, durch kommerzielle Angebote
des Sexmarktes (wieder) herzustellen.
Die Frauen von heute machen, zumindest einige, Karriere. Die Frauen von heute
ziehen, zumindest einige, ins Parlament. Die Frauen von heute teilen sich, zumin-
dest einige, die Kinderarbeit mit den Vtern. Die Frauen von heute fordern, und
das sind viele!, Menschenrechte auch fr Frauen. Direkt widerspricht da niemand.
Indirekt aber antwortet die Pornographie. Der rapide qualitative und quantitative
Anstieg der Pornographie ist die Antwort: die Antwort des Patriarchats auf die
neue Frauenbewegung und alles, was sie ausgelst hat. Pornographie propagiert
Frauenha! (Schwarzer 1988a, S. 10)
Pornogra

ekonsum und -produktion wird von den GegnerInnen sowohl als Folge
1785 Die achtziger Jahre
rekte Anleitung zur Unterdrckung und Misshandlung von Frauen, als Medium,
den angeblich schdlichen Folgen von Pornogra

e beriefen sich die KritikerInnen
unter anderem auf den Meese-Report, der, benannt nach dem konservativen US-
amerikanischen Justizminister, die Schdlichkeit von Pornogra

e belegen wollte,
sodass es bei der Ablehnung von Pornogra

e zu einem Bndnis von konservativ-
klerikalen Krften und Feministinnen kam, zwei politischen Lagern, die sonst hin-
sichtlich ihrer Einstellungen zu Sexualitt und zum Geschlechterverhltnis keine
Berhrungspunkte hatten.
Das 1988 gegrndete Frauenbndnis gegen Pornogra

Verbot pornogra

scher Produkte im Bundestag ein, das allerdings nicht angenom-
men wurde; trotz dieses Scheiterns hat die Bewegung gegen Pornogra

e einen
Beitrag dazu geleistet, die Sensibilitt gegenber Frauen verachtenden und ernied-
rigenden Filmen und Zeitschriften zu erhhen und den meist heimlichen Konsum
von Pornogra

e und dessen Folgen ffentlich zu machen.
In den 80er Jahren begann ebenfalls die Diskussion um den sexuellen Miss-
brauch von Kindern. Auch hier waren es in erster Linie engagierte Frauen, die das
Verschweigen dieses Verbrechens brachen und an die ffentlichkeit traten.
Der sexuelle Mibrauch von Kindern durch Erwachsene ist eine Form von Ge-
walt, die erst jetzt zum Thema in der ffentlichkeit wird. Bisher wurde allenfalls
ab und zu durch Schlagzeilen ber Flle berichtet, doch das tatschliche Ausma
dieses Kindesmibrauchs war ebenso unbekannt wie das Erleben und Emp

nden
der Mdchen, fr die sexuelle Bedrngnis und Bedrohung zum Alltag gehren. An
den physischen und psychischen Folgen fr die betroffenen Kinder bestand kein In-
teresse, ja es wurde sogar behauptet, solche Folgen gbe es berhaupt nicht, hchs-
tens ganz ausnahmsweise. (Kavemann/Lohstter 2009, S. 220f)
Wie bereits bei der Diskussion um die Pornogra

e ging es auch hier in erster Linie
um Mnner, die sexuellen Missbrauch betrieben, und waren es vor allem Frauen,
die mnnliche Sexualpraktiken als brutal, gefhrlich und schdlich anprangerten,
wobei die Opfer Frauen und Mdchen sind:
Sexueller Mibrauch ist eine Straftat gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Von
diesem Verbrechen sind zu 90 % Mdchen und Frauen betroffen, wogegen die Tter
zu fast 100 % Mnner sind. (Kavemann/Lohstter 2009, S. 221)
Um dem sexuellen Missbrauch an Kindern vorzubeugen, wurden verschiedene pda-
179
5.3 PorNo-Kampagne, sexueller Missbrauch und AIDS
Durch die verschiedensten Medien wurde der sexuelle Missbrauch von Kindern
als Problem in die ffentlichkeit getragen, ab Mitte der 80er Jahre stiegen auch die
Publikationen zum Thema in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Bchern
Deutung von sexuellen Handlungen Erwachsener an Kindern vollzogen, ein Wan-
del vom Triebverbrechen zum Missbrauch. Die bis in die 60er Jahre vorherrschen-
de Deutung von sexuellen Handlungen Erwachsener an Kindern als Triebverbre-
chen ging davon aus, dass das Verbrechen von einem Tter begangen wurde, der
krank, abnorm und pervers war. Zudem galt der Tter als ein Fremder, der sonst
keinen Kontakt zu dem Kind hatte und seinen Opfern an Orten wie Spielpltzen
oder Schulhfen au

auerte.
Bei einer Deutung von sexuellen Handlungen an Kindern als Missbrauch hin-
gegen gilt der normale Mann in einer mnnlich dominierten Gesellschaft als Tter:
Vorstellungen vom psychisch abnormen Tter werden zurckgewiesen, weil die
Ursachen der Tat nicht im individuell erkennbaren Abweichen von der Norm, son-
dern im konsequenten und rcksichtslosen Ausleben der gesellschaftlich akzeptier-
ten Mnnerrolle liegen. Die sexuelle Gewalt gegen Mdchen ist als Ausdruck pat-
riarchaler Gewaltverhltnisse eine normale mnnliche Verhaltensweise, der Tter
infolgedessen gerade der normale Mann. (Schetsche 1994, S. 37)
Es geht also nicht darum, den Missbrauchern Pdophilie als sexuelle Vorliebe zu
unterstellen, sondern um die Behauptung, dass sich Mnner bewusst Kinder und
hier vor allem Mdchen aussuchen, weil sie an diesen aufgrund ihrer krperli-
chen und geistigen berlegenheit ihre Macht ausleben knnen.
In dieser Deutung ist es nicht der Fremde, der den Missbrauch begeht, son-
dern dieser

ter, Stiefvater, Nachbarn, Grovater oder Bruder begangen. Erschwerend kommt
hinzu, dass gerade die Familie, die als Schutz- und Schonraum fr Kinder und
Jugendliche gilt, die Sttte des Missbrauchs ist, was den betroffenen Kindern bzw.
Mdchen noch erschwert, den Verbrechen zu entgehen.
Bei beiden zentralen Diskussionen um die Sexualitt in den 80er Jahren, der
Debatte um Pornogra

e und dem Aufdecken des sexuellen Missbrauchs, lsst sich
die gleiche Struktur erkennen: Es sind auf der einen Seite berwiegend Mnner,
die als Konsumenten von Pornogra

e oder Missbraucher von Mdchen in ihren
Fantasien oder real sexualisierte Gewalt ausben; diesen gegenber stehen Frau-
en und Mdchen als Opfer. Es handelt sich in beiden Fllen nicht um Fragen der
Gefhrlichkeit von mnnlicher Sexualitt als solcher, sondern um die Tatsache,
1805 Die achtziger Jahre
dass Mnner die gesellschaftlich eingebte Vormachtstellung durch sexualisierte
Gewalt kompensieren wollen. Beide Diskussionen haben zu verschrften Span-
Skepsis aufkommen lassen, ob gleichberechtigte, auf Vertrauen und Gegenseitig-
keit beruhende Beziehungen mit Mnnern berhaupt mglich sind.
Die Utopie einer freien Gesellschaft durch eine befreite und natrliche Sexua-
litt zentrale ideologische Bestandteile bei Teilen der 68er und Hippies wich
tendenziell einem Bild von Sexualitt, das durch Gefahr und Gewalt bestimmt
wurde, und einer gesellschaftlichen Entwicklung, die mehr als je zuvor von kom-
merzieller Sexualitt geprgt war.
Weiter forciert wurde das Verstndnis von Sexualitt als Gefahr durch das Auf-
kommen der Immunschwchekrankheit AIDS in den 80er Jahren: Ende 1981 wur-
den die ersten Krankheitsflle in den USA bekannt, ohne die Krankheit allerdings
zuordnen zu knnen. 1982 wurde der Begriff AIDS (Acquired Immune De

ciency
Syndrome; erworbenes Immunschwchesyndrom) eingefhrt, weil deutlich wur-
deren Tod fhrte. 1983 wurde der Erreger HIV entdeckt, der die Krankheit auslst.
In der Bundesrepublik gab es zwei Jahre spter eine regelrechte AIDS-Hysterie:
Aber schon Mitte der achtziger Jahre berschattete AIDS die Sexualitt in einem
heute kaum mehr vorstellbaren Ausma. Doch AIDS war von Anfang an nicht nur
eine schwere Erkrankung, sondern zugleich ein Stigma. AIDS war von wuchernden
Bildern umstellt, die ausgrenzend wirkten. AIDS war eine Metapher fr die Folgen
einer nicht normgerecht gelebten Sexualitt. An AIDS erkrankten, abgesehen von
den Hmophilen, vor allem Auenseiter und Randstndige, oder solche, die sich mit
diesen zu eng eingelassen hatten. (Dannecker 2012, S. 17)
Weil die Krankheit vor allem ber Geschlechtsverkehr und den gemeinsamen Ge-
brauch von Nadeln bei Drogenabhngigen bertragen wird und damit gesellschaft-
lich tabuisierte Themen berhrt, war sie fr die Boulevardpresse und konservative
PolitikerInnen ein Anlass sowohl zur sensationsheischenden Berichterstattung als
auch zur Forderung nach restriktiven Manahmen. Schler, Hausfrauen, Sol-
daten, Priester berall AIDS (zit. n. Verlag die Schulpraxis 1988) titelte die
Bild-Zeitung. Insbesondere aus der CSU wurden Forderungen laut, Zwangstests
und Reihenuntersuchungen bei sogenannten Problemgruppen durchzufhren,
HIV-In

zierte und AIDS-Kranke in speziellen Einrichtungen zu isolieren und
zu berwachen. Unter Slogans wie AIDS sei ein Fingerzeig Gottes oder eine
Geiel Gottes wurde versucht, die Krankheit zu instrumentalisieren, um die re-
aktionre Sexualmoral der 50er Jahre wieder herzustellen.
181
5.4 Jugend in den 80er Jahren
Emanzipationsbewegung der homosexuellen Mnner seit den 70er Jahren zu trag-
fhigen Strukturen gefhrt, die dazu beitrugen, solidarisch mit der Krankheit um-
zugehen:
Ein dichtes Netz von AIDS-Hilfen und sonstigen Einrichtungen mit Tausenden von
Lebenslagen bereit.(...) Prventionskampagnen, die von Schwulen selbst entwickelt
wurden, haben dafr gesorgt, da die Neuinfektionsrate in Deutschland zu den
niedrigsten weltweit gehrt. Damit wurden die Horrorszenarien, da besinnungs-
und verantwortungslose Schwule die Krankheit in die Normalbevlkerung tragen,
Lgen gestraft. Und es waren Schwule, die eine staatliche AIDS-Politik der Aus-
grenzung und Repression verhindert haben. (Neumann 1997, S. 157)
delte: AIDS hatte Auswirkungen auf das Sexualverhalten in Deutschland. Die
Tatsache, dass die Erkrankung niemandem anzusehen ist und schon ein einzi-
ger sexueller Kontakt zu einer In

zierung mit einer Krankheit mit wahrschein-
lich tdlichem Ausgang fhren kann, schrte in der Bevlkerung Unsicherheiten.
Doch gelang es auch unter einer konservativen Regierung der Ministerin Sss-
klrten ber die bertragungswege auf, pldierten fr den Gebrauch von Kondo-
men, strkten dadurch die Eigenverantwortung der Menschen und trugen zu einem
rationalen Umgang bei.
5.4 Jugend in den 80er Jahren
Waren die 50er Jahre ein Jahrzehnt des konomischen Aufschwungs, die 60er eine
Dekade des erweiterten Konsums und der rebellischen Grundstimmung, so waren
die 70er bereits fr viele Heranwachsende von wirtschaftlichen Krisen geprgt,
In den 80er Jahren bestand fr einen Groteil von ihnen wenig Anlass, optimis-
tisch in die Zukunft zu schauen, wie Farin es beschreibt:
1825 Die achtziger Jahre
In den Achtzigern ist jeder fnfte Arbeitslose in der Bundesrepublik ein Jugendli-
cher. 6.000 Jugendliche tten sich im Jahre 1980 selbst, weitere 18.000 Selbstmord-
versuche werden registriert. Unter den Studierenden ist die Selbstmordrate doppelt
so hoch wie bei den nicht studierenden Jugendlichen. Mit 600 Drogentoten wird
eine neue Rekordmarke erreicht, 1970 waren es noch 29 Tote. (Farin 2006, S. 145)
sozial schwachen Familien, darunter berproportional viele mit Migrationshinter-
grund. Sie bekamen hautnah zu spren, dass sie fr die Gesellschaft keinen Nutzen
hatten, fanden keine Ausbildungspltze und sahen einer Zukunft entgegen, von der
sie nicht viel zu erwarten hatten.
Doch auch AkademikerInnen hatten nicht unbedingt bessere Aussichten, was
vor allem fr die Studierenden im Lehramt und dem sozialen Bereich galt. Mit
emanzipatorischem und gesellschaftskritischem Bewusstsein hatten sie ihr Stu-
dium mit dem Ziel begonnen, ihre Vorstellungen in der beru

ichen Praxis umzu-
In ihrem viel gelesenen Roman mit dem bezeichnenden Titel Von der Nutz-
losigkeit erwachsen zu werden von 1985 schildern Georg Heinzen und Uwe Koch
den Lebenslauf des

ktiven Protagonisten Matthias Grewe, der sich nach der Be-
endigung seines Studiums statt einer Anstellung als Lehrer mit Gelegenheitsjobs
durchschlagen muss und sich seiner Illusionen beraubt sieht.
Erst dachte ich, meine hoffnungsvolle Vorgeschichte sei dieser Irrtum, weil ich vor
lauter Erwartungen an das Leben, das ich mir ertrumte, untauglich wurde fr das
Leben, wie es wirklich ist. Aber ich halte daran fest, da die Vorgeschichte, die mich
dazu verleitet hat, etwas vom Leben zu verlangen, kein Irrtum ist. Die Umstnde,
die meine Vorgeschichte so schrecklich nutzlos werden lieen, sind der Irrtum.
(Heinzen/Koch 1985, S. 183)
Kindheit und Jugend wurden im Laufe des Jahrzehnts verstrkt durch die neuen
Technologien bestimmt. Computerspiele wie Pac-Man, Battlezone, Double Dra-
gon und Super Mario erfreuten sich groer Beliebtheit, wobei die Kombination
aus Technik, Abenteuer, Jump-and-run- und Kampfspielen vor allem von Jungen
konsumiert wurden. Zudem kam der Walkman auf, der es ermglichte, unabhn-
gig von der Stereoanlage zu Hause permanent Musik zu hren. Dies war auch mit
dem Radiorecorder mglich, den auf der Strae vor allem Jungen nutzten, um mit
Ein Teil der Jugend sehnte sich nach klaren Verhltnissen und orientierte sich in
den Jahren der geistig-moralischen Wende an konservativen Lebensentwrfen.
183
5.4 Jugend in den 80er Jahren
Nicht zuletzt hatten die Tanzschulen in Deutschland pltzlich wieder erhhten
Zulauf, auch Verlobungen und Hochzeiten nahmen rapide zu. Viele Jugendliche
richteten sich in den frhen Achtzigern nach den symbolischen Explosionen von
Punk und New Wave in den gesellschaftlichen Verhltnissen ein, suchten das kleine,
private Glck und machten ihren Frieden mit der Leistungsgesellschaft. (Kemper
1999a, S. 196)
Doch zeigte sich die Jugend in den 80ern insgesamt wesentlich differenzierter
und widersprchlicher, was vor allem fr die Jugendkulturen gilt; die Diagnose
einer Multioptionsgesellschaft traf auch auf das Spektrum der jugendkulturellen
Angebote zu. Jugendkulturen erfuhren innerhalb der Dekade eine enorme Aus-
weitung und Differenzierung, ein schwer zu berschauendes Spektrum an unter-
schiedlichen Gruppierungen, Stylings und Weltanschauungen:
Die Jugendkulturen haben sich seit den 80er Jahren sprunghaft entwickelt. In
einzelnen Jugendkulturen haben sich Unterabteilungen und Stmme (house, tri-
bes) (rck-)gebildet, deren Lebens-, Sprachen- und Artenvielfalt selbst Kenner oder
Trend-Scouts der Jugendszenen oder binnenperspektivisch ausgewiesene Journa-
listinnen und Jugendforscher, manchmal sogar Szenekenner selbst nicht mehr er-
schlieen und berblicken, geschweige denn wissenschaftlich analytisch rekonstru-
ieren und berblicksartig zuordnen knnen. (Ferchoff 2011, S. 200f)
Die Eindeutigkeit und Erkennbarkeit von Jugendkulturen ging mehr und mehr ver-
loren und sptestens ab den 80er Jahren kann nicht mehr selbstverstndlich davon
ausgegangen werden, dass Jugendkulturen an sich eine kritische Bewegung gegen
den Mainstream der Gesellschaft sind. War die Frontstellung der Halbstarken
gegen die spieige Erwachsenenwelt, die der Hippies gegen die Konsumgesell-
schaft und die des Punk gegen beide noch recht eindeutig, so ergaben sich im Lau-
fe der 80er Jahre jugendkulturelle Strmungen, die gesprochen im klassischen
Schema von rechts und links politisch das gesamte Spektrum reprsentier-
ten.
In den frhen Achtzigern entstand mit den Poppern eine Jugendkultur, die
Popper distanzierten sich von den kritischen Alt-68ern ebenso wie von der Punk-
kultur. Sie p

egten einen demonstrativ luxurisen und exquisiten Lebensstil, wie
die Jugendzeitschrift Bravo zu berichten wusste:
1845 Die achtziger Jahre
Popper lieben das Exklusive, schicke Mode, glitzernde Discos. Mdchen wie Jun-
gen tragen Trenchcoats, Wildlederjacken oder Daunenwesten. Ungeheuer angesagt
sind Cowboystiefel aus Wildleder und

ache blaue Collegeschuhe. Der Popper hat
das Haar kurz, hinten in Stufen geschnitten, damit die Fnwelle vorn gut zur Gel-
tung kommt. Sie haben gute Manieren und mchten es mal weit bringen. (Zit. n.
Kolwitz 2005, S. 144)
Ob Mdchen oder Junge: Popper zu sein bedeutete eine Absage an eine kritische
Haltung zur Gesellschaft, eine Absage an alternative Lebensformen und Konsum-
derer, die sich den teuren Lebensstil nicht leisten konnten oder wollten, als stillose
Prolos. Die Popper waren in der Regel GymnasiastInnen, hatten einen privi-
legierten familiren Hintergrund mit Eltern, die ber hohes konomisches und
kulturelles Kapital verfgten. Sie strebten eine Karriere und konomischen Auf-
stieg an, auf den sie sich bei ihrem sozialen Hintergrund auch berechtigte Hoff-
nung machen konnten, und passten insofern in eine Zeit, in der sich Leistung
wieder lohnen musste; Popper knnen als die Teenager-Ausgabe der Yuppies be-
groe Zustimmung, die endlich wieder eine Jugend heranwachsen sahen, die sich
nicht durch Protest, Kritik und Widerstand, sondern durch Leistungsbereitschaft,
Anpassung und positives Denken hervortat. Aufgrund ihrer arroganten Haltung
und ihres demonstrativ-luxurisen Lebensstils kam es hu

g zu handgrei

ichen
ren aufkommenden Autonomen. Wie der Name schon sagt, sahen sich die Autono-
men als unabhngig von gesellschaftlichen Organisationen, wie Parteien, Gewerk-
praktiziert werden sollte.
Die Szene wird so zur befreiten Zone inmitten einer feindlichen Umwelt und fr die
Angehrigen zum Mittelpunkt allen Seins. Politische Aktionseinheit und Lebensstil-
experiment in einem, man lebte, arbeitete und kmpfte gemeinsam. (Farin 2006,
S. 152)
Auerhalb ihrer selbst geschaffenen sozialen Strukturen traten Autonome vor al-
lem bei Demonstrationen gegen Rekrutenvereidigungen der Bundeswehr, gegen
scheinung. Hierbei

elen sie durch Vermummungen im sogenannten Schwarzen
185
5.4 Jugend in den 80er Jahren
Block und Militanz, vor allem gegenber der Polizei, auf. Obwohl es innerhalb
dieser Jugendkultur angesagt war, sich politisch korrekt zu verhalten, was die Dis-
kriminierung von Frauen oder Homosexuellen ausschliet, hat sich in Zusammen-
den unerschrockenen und mutigen Kmpfer gegen die Staatsgewalt zum Leitbild
hatte und eine kmpferische und militante Mnnlichkeit inszenierte. Demonstra-
tionen und politische Aktionen wurden so zum Anlass,
um sich krperlich-kmpferisch zu produzieren, Punkte zu machen, zum Mate-
rial von Kampf- und Heldenlegenden in der oral history des schwarzen Blocks ...
(Findeisen/Kersten 1999, S. 136)
Das demonstrativ kriegerische Auftreten mnnlicher Autonomer machte zum Teil
groen Eindruck auf Mdchen und Frauen, wie es eine Teilnehmerin an einer
Demonstration gegen die Nachrstung schildert:
Ganz gefhrliche Jungs, faszinierend in ihrem martialischen Auftreten. Lederkla-
motten und Sturmhauben, aus deren Schlitzen die Augen hervorblitzten. Die wrden
sich nichts gefallen lassen, die nicht, die wrden jede Pershing II hchstpersnlich
aufhalten. (Ellerbrake 2013, S. 11)
Die achtziger Jahre sind auch der Beginn einer neuen Fuball-Fankultur, der Hoo-
ligans. Der professionelle Fuball hatte sich in einem bis dahin nicht gekannten
Ausma kommerzialisiert, die Preise fr bertragungsrechte schnellten in die
Hhe, das Merchandising wurde zum bestimmenden Faktor. Aus einem Teil der
sogenannten Kuttentrger, die mit Trikot, Schals und Emblemen im Stadion hin-
ter ihrem Team standen, entwickelte sich eine mnnlich geprgte Fankultur, die
sich von den herkmmlichen Fans distanzieren wollte.
Anfang der Achtzigerjahre spaltete sich die Fangemeinde. Die Hooligans sepa-
rierten sich pltzlich von den Kutten, legten die sichtbaren Identi

kationssymbole
ab und bildeten eigene Gruppierungen derjenigen, die sich auf jeden Fall und un-
abhngig vom Spielverlauf in der dritten Halbzeit mit Gleichgesinnten des gegne-
rischen Vereins messen wrden. (Farin 2006, S. 136)
Das Motiv, sich mit den Hooligans anderer Mannschaften zum Prgeln zu tref-
fen, besteht im Kick und dem Adrenalinaussto, wobei die Schlgereien zu-
meist nach Regeln ablaufen und einem Ehrenkodex unterliegen, der festlegt, ob
und welche Waffen benutzt werden, wie viele Gegner aufeinandertreffen und dass
1865 Die achtziger Jahre
ein am Boden Liegender nicht mehr geschlagen wird. Der sozialen Herkunft nach
anhngers der Arbeiterschicht, auch kann nicht behauptet werden, dass die Szene
als solche politisch rechts orientiert ist. Im Gegensatz zu den Autonomen streben
sie keine alternativen Lebensformen oder eine gesellschaftliche Vernderung an;
es geht eher darum, fr eine Zeit dem sonst geregelten und normierten Alltag zu
ent

iehen. Die vollkommen mnnlich dominierte und geprgte Szene praktiziert
dabei eine Art archaischer Mnnlichkeit: Sie kmpfen unter dem Banner ihres
Vereins um Anerkennung, Ehre und Territorien.
Ebenfalls sehr mnnlich geprgt war die Jugendkultur der Skinheads, die ihren
Ursprung in England hatte:
Ende der 60er tauchten im East End Londons pltzlich vermehrt Jugendliche mit
ganz kurzen Haaren auf. Die meisten von ihnen kamen aus dem Arbeitermilieu und
trugen ihre Haare so kurz, dass die Kopfhaut durchschimmerte. Diesem Umstand
ist ihr Name geschuldet. (El Nawab 2007, S. 57)
Skinheads verstanden sich als Vertreter der (im Untergang begriffenen) Arbeiter-
klasse, woraus sich ein Bild von Mnnlichkeit ergab, das durch martialisches Auf-
grei

waren absolut in der Unterzahl. Skinheads liebten vor allem das Provozieren in
der ffentlichkeit: In einer Gruppe durch die Straen zu laufen, sich raumgreifend
und grenzverletzend zu verhalten, dabei Bier zu trinken, zu grlen und die Nor-
malbevlkerung zu provozieren, war fr diese Jugendkultur ein groer Spa. In
den 80ern fanden Skinheads in Deutschland Verbreitung, wobei gesagt werden
keineswegs, der rechten Szene anzugehren oder faschistisches Gedankengut zu
vertreten. Es gab zahlreiche Skinheads, die sich eindeutig gegen rassistische und
nazistische Haltungen positionierten, wobei die politische Orientierung innerhalb
der Szene ein breites Spektrum umfasste:
Skins denken und uern sich zu vielen Themen radikaler, zugespitzter, unter-
scheiden sich in ihren Einstellungen aber nicht grundstzlich von der sonstigen Be-
vlkerung. Nur eine Minderheit verknpft ihr Skinhead-Dasein mit einer bestimm-
ten politischen Haltung. (Farin 2001, S. 118)
187
5.4 Jugend in den 80er Jahren
Unabhngig davon, ob und wie Skinheads politisch orientiert waren, war die von
ihnen verkrperte harte Form von Mnnlichkeit eine deutliche Abgrenzung gegen-
ber den weicheren Formen, die seit den 70ern im alternativen Milieu entstanden.
Der Skin mit seinem kahlrasierten Schdel, der deutlich alle Konturen des Sch-
dels hervorbringt, ist die extremste und radikalste Erwiderung auf den in vielerlei
verbreiteten Softie. Der Skin ist der Hardie, und es ist gleichgltig, mit welchem
Inhalt er diese Gebrde anfllt. (Diederichsen/Hebdige/Marx 1983, S. 173)
die zu Beginn der 80er Jahre aufkommenden Neonazis sich in ihrem Auftreten
bei den Skinheads bedienten; sie traten ebenfalls mit Bomberjacken, Springer-
stiefeln und kurz geschorenen Haaren auf. Gruppierungen der Neonazis waren
vor allem fr Jugendliche attraktiv, die von der konomischen Krise betroffen wa-
ren, keine beru

iche Perspektive sahen und in ihrem Selbstbild vor allem gilt
das fr mnnliche Jugendliche angekratzt waren. Hier wurde ihnen eine Identi-
tt als echter Deutscher angeboten, sie konnten in einem faschistischen Welt-
bild und dem Wunsch nach nationaler Identitt ihren Selbstwert erhhen. Als
Sndenbock fr ihre soziale Misere und als Feinbild musste dann alles angeblich
Nicht-Deutsche wie Menschen mit Migrationshintergrund, Jdinnen und Juden,
Obdachlose und Linke herhalten, wobei es oft auch zu gewaltttigen bergriffen
bis hin zum Mord ging. Das reaktionre Weltbild dieser Gruppierungen ging ein-
her mit der Forderung nach weiblicher Unterordnung und einem aggressiven und
gewaltttigen Hass auf (mnnliche) Homosexuelle.
In einem gesellschaftlichen Umfeld, in dem Frauen immer selbstbewusster
wurden, eigene Forderungen stellten und ihr Leben auch unabhngig von Mnnern
gestalteten, waren nazistische Gruppen und deren Ideologie ein Angebot, mnn-
liche Vorherrschaft wieder zu erlangen, sich in einer Gruppe mit Gleichgesinnten
stark zu fhlen, wobei der klassische mnnliche Mechanismus, Unsicherheiten ag-
gressiv nach auen abzureagieren, eine bedeutende Rolle spielte.
Alles Unbekannte macht ihnen Angst, die sofort wahre Mnner haben keine
Angst! durch hyperaggressives Auftreten gebrochen wird. Souvernitt nicht nur
im Umgang mit dem Fremden, ein gelassenes Selbstbewusstsein auch ohne die Cli-
que, individuelle Ich-Strke sucht man bei der Mehrzahl der Angehrigen rechts-
extremer Cliquen und Kameradschaften vergebens. (Farin 2013, S. 17)
Allerdings muss gesagt werden, dass sich Rechtsextremismus als politisches
Orientierungsmuster bei Frauen wie Mnnern gleichermaen verteilt wieder

n-
1885 Die achtziger Jahre
ner mit 90 % bis 99 % eindeutig in der Mehrzahl (s. Kttig 2007, S. 164).
Die hier uerst knapp und ohne jeden Anspruch auf Vollstndigkeit dargestell-
ten Jugendkulturen, die sich im Laufe der 80er Jahre entwickelten, zeigen berwie-
gend eine mnnliche Dominanz und eine Orientierung an klassischen mnnlichen
Normen und Verhaltensweisen. Pornogra

e obwohl der Konsum of

ziell fr Ju-
gendliche verboten war erreichte durch die technischen Erneuerungen im Laufe
des Jahrzehnts immer mehr Jugendliche und fhrte zu einer vernderten sexuellen
Sozialisation. Von der pdagogischen Zunft wurde diese Entwicklung mit Besorg-
nis beobachtet, wie eine Sexualpdagogin berichtet:
In der sexualpdagogischen Arbeit konfrontieren uns Vierzehnjhrige mit den Bil-
dern an Badewannenarmaturen gefesselter, vergewaltigter Frauen, die sie im Video
gesehen haben. Fr Pdagogen, die in ihrer eigenen Kindheit Informationen ber
Sexualitt einem Flickwerk aus Lexika, Biologiebchern, Regenbogenpresse und
Bravo entnahmen, eine eigene Art von Generationsproblem. Whrend wir uns in
unserer Kindheit von G wie Genitalien zu S wie Sexualitt durch das Lexikon
vortasteten, werden Kinder und Jugendliche heute durch das direkte schonungs-
lose Medium, das gleichzeitig Seh- und Hrsinn anspricht, mit der Aktion selber
konfrontiert. (Zattler 1990, S. 185)
Trotz aller betont mnnlichen Inszenierungen innerhalb einiger Jugendkulturen
und der zunehmenden Verbreitung pornogra

scher Materialien konnte die em-
pirische Forschung zur Jugendsexualitt keine Tendenzen hinsichtlich einer ge-
stiegenen mnnlichen Vorherrschaft oder zunehmenden Brutalisierung feststellen.
Im Gegenteil: Der gesamtgesellschaftliche Trend eines verstrkten Selbstbewusst-
seins von Frauen schlug sich auch in der Jugendsexualitt nieder. In einer Studie
zum Wandel in Bereich der Jugendsexualitt zwischen 1970 und 1990 erkannten
WissenschaftlerInnen eine Annherung der Jungen an die Mdchen. Jungen orien-
tierten sich verstrkt an den traditionellen weiblichen Einstellungen wie der, dass
Sexualitt mit Liebe verbunden sein sollte, und erlebten ihre eigene Sexualitt als
weniger triebhaft. Mdchen hingegen erlebten Sexualitt mit Jungen als weniger
lustvoll und bernahmen hu

ger die Initiative und die Kontrolle in sexuellen Be-
ziehungen zu Jungen (s. Schmidt u. a. 1992).
In

zierung mit HIV gesehen. Vielmehr spielten die gesellschaftlichen Diskussio-
nen ber die Gefhrlichkeit von Pornogra

e, die zum Teil gewaltttige Sexualitt
von Mnnern und der sexuelle Missbrauch von Mnnern an Kindern, vor allem
189
5.5 Video killed the Radiostar
Mdchen, die entscheidende Rolle. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass die
Jugend in den 80ern nicht mehr vom Geist der sexuellen Befreiung bestimmt war,
sondern viel eher von einer Konfrontation der Geschlechter, wobei es sich um
Trends handelte, die unabhngig von der Schulbildung ermittelt wurden:
Jungen verarbeiten diese Konfrontation mit der Geschlechterfrage offenbar hu-

g reaktiv oder defensiv, indem sie sich sexuell als weniger triebhaft und gefhrlich
erleben oder darstellen und ihre Sexualitt durch Liebe und Partnerorientierung
bndigen (....) Mdchen verarbeiten die Konfrontation mit der Geschlechterfrage
zum einen offensiv, indem sie mehr Kontrolle und Autonomie in Sexualitt und Be-
ziehungen anstreben, und zum anderen kontraeuphorisch mit geminderter sexueller
Lust und Befriedigung, mit einem gehrigen Anteil an Skepsis gegenber dem, was
von Sexualitt, vor allem von der Sexualitt mit Mnnern zu erwarten ist, mit einem
geschrften Blick fr die Risiken sexueller Beziehungen mit Mnnern. (Schmidt
u. a. 1996, S. 215f)
5.5 Video killed the Radiostar
Zu Beginn der Achtziger hatten diverse deutschsprachige SngerInnen und Bands
Nena 99 Luftballons, Hubert Kah Sternenhimmel, Frulein Menke Hohe
Berge und Markus Ich will Spaߓ, Geier Sturz

ug Bruttosozialprodukt, Trio
DaDaDA, Ideal Blaue Augen, Extrabreit Hurrah hurrah, die Schule brennt
und die Spider Murphy Gang Skandal im Sperrbezirk sorgten mit zum Teil
witzigen und originellen Texten und Musik fr frischen Wind in der deutschen
Musiklandschaft. Ob Frulein Menke die Volksmusik ironisierte (Wo ist Hei-
di?, Denk ich an Trencker, werde ich aktiv ...), Trio sich mit DaDaDa bei den
Dadaisten und ihren Nonsense-Texten bediente, die Spider Murphy Gang sich ber
Stadt stehen die Nutten sich die Fe platt, Skandal im Sperrbezirk!) oder Geier
Sturz

ug Arbeitswut und sinnlosen Konsum (... und am Ende kommt die Mll-
abfuhr und holt den ganzen Plunder) auf originelle Art und Weise behandelten:
Die Neue Deutsche Welle
verstrmte die Unbekmmertheit und Frhlichkeit von Comic

guren. Computer-
beats, ein wenig elektronisches Casio-Geklicker, Punktempo und zickige Arrange-
ments reichten schon, um einen neuen Schlagertypus zu positionieren. Dabei ging
es und das faszinierte Radioredakteure wie Musikritiker frech und ironisch zu.
(Rumpf 1996, S. 150)
1905 Die achtziger Jahre
Der spielerische Umgang mit Text, Musik und Auftreten war relativ neu im Main-
stream der deutschen Musik, Vergleichbares gab es bis dahin weder im traditionel-
len deutschen Schlager noch bei den eher ernsthaften LiedermacherInnen.
Einige der MusikerInnen verschwanden nach ein bis zwei Hits wieder, andere
hatten Erfolg ber die Bltezeit der Neuen Deutschen Welle hinaus. Der Begriff
der Neuen Deutschen Welle war eher eine Er

ndung der Plattenindustrie, mit dem
auch Bands wie Fehlfarben, Der Plan und Deutsch-Amerikanische Freundschaft
dem Image der brigen VertreterInnen entsprach. Schlielich whrte die Neue
Deutsche Welle auch nur bis ca. 1984, das Konzept hatte sich am Ende selbst ber-
lebt, es wurde zu einer eher verkrampften Suche nach Originalitt, wie sich Kai
Hawaii von der Gruppe Extrabreit erinnert:
Es war ja nur noch albern hinterher, es war ja nur noch Klamauk. Die Industrie,
jeder hatte Angst, was zu verpassen, jeder wollte mitmachen. Das is

NDW, wird
schon laufen, sagten die Leute. Das kann man natrlich nicht lange machen. Vor al-
lem, wenn die Qualitt nachlsst, wenn die Substanz fehlt. Ja gut, eines Tages wach-
te die Nation auf mit nem riesigen NDW-Kater. (Zit. n. Kemper 1999a, S. 188f)
verstrkten Auftreten der Neonazis der deutsche Rechtsrock auf. Vorbild dieser
rechten Formationen war die britische Band Skrewdriver mit ihrem Snger und
tierte sich die Gruppe immer strker an nationalistischen und fremdenfeindlichen
Positionen, Donaldson engagierte sich bei der rechtsradikalen National Front, bei
Rock against Communism und ab Mitte der 80er bei dem rechtsradikalen Netz-
werk Blood and honour.
Nachahmer und Vorreiter einer politisch rechts orientierten Rockmusik in der
BRD waren in dieser Dekade die Bhsen Onkelz (Trken raus, 1981), Endstufe
(Gru an Deutschland, 1984), Kraft durch Froide (Hundert Mann und ein Befehl,
1986) und Strkraft (Dreckig, kahl und hundsgemein, 1989). Einige der Bands
kamen aus dem Punk und hatten einen radikalen Schwenk in die neofaschistische
Richtung gemacht. Inhalt ihrer Songs waren zumeist eine Verherrlichung des deut-
schen Faschismus, eine Orientierung an einem angeblich homogenen deutschen
Volk und dessen unterstellte berlegenheit ber andere Vlker, die Glori

zierung
der deutschen Armee im Zweiten Weltkrieg, der Hass auf AuslnderInnen, Linke,
Menschen mit alternativen Lebensformen, Homosexuelle und Menschen jdischen
Glaubens. Die Mitglieder der genannten Gruppen waren ausschlielich mnnli-
chen Geschlechts, bei ihren Konzerten spielten sie harte, schnelle Rockmusik, die
191
5.5 Video killed the Radiostar
auf das Publikum aufpeitschend wirkte, wobei sie sich als Tabubrecher und Re-
bellen inszenierten:
Offen formulierte Vernichtungsfantasien, eindeutige Bekenntnisse zum National-
sozialismus und die bewusste Miachtung gesetzlicher Bestimmungen sind zudem
frderlich fr den Status und das Ansehen der einzelnen Bands in der RechtsRock-
Szene. (Dornbusch/Raabe 2005, S. 108)
Auf internationaler Bhne erregte 1985 das grte Rockkonzert aller Zeiten gro-
es Aufsehen: Live Aid. Um den Opfern einer Hungerkatastrophe in thiopien
zu helfen, initiierte Bob Geldof von den Boomtown Rats zu gleicher Zeit zwei
riesige Konzerte, parallel in London und Philadelphia. Dabei traten die interna-
tionalen Stars der Pop- und Rockmusik auf, unter anderem Dire Straits, Santana,
The Who und U2 sowie Elton John, Tina Turner, Madonna, David Bowie und Bob
Dylan. Mit den Einnahmen aus diesem bis dahin einmaligen Ereignis sollten den
vom Hungertod bedrohten thiopierInnen geholfen werden. Das Massenspektakel
folgt.
Groen kommerziellen Erfolg hatte der 1983 in den USA gedrehte Film Flash-
dance. Hier wurde das selbe Muster wie schon bei Saturdy Night Fever prak-
tiziert, passend zu dem Film erschien ein Soundtrack, wobei sowohl der Film als
auch die Platte viel Geld einspielten. Jennifer Beals spielte in dem Tanz

lm die
Hauptrolle, lie sich in diversen Tanzszenen allerdings doubeln, die Kritik zeigte
sich weitaus weniger angetan:
Ein eineinhalbstndiger Werbe

lm, der fr sich selbst Reklame macht und fr
sonst nichts, allenfalls fr die LP mit dem Rockmusik-Soundtrack auch die Platte
ist das absolute Nichts und wre ohne den Film unverku

ich. Da fr den Film
und die Schallplatte fast in der ganzen Welt von Teenagern heftig gelhnt wird, ist
ein Triumph der Werbebranche ber das Kino. (Der Spiegel, 36/1983)
Wie bereits in den 1970er Jahren, so hielt auch im Laufe der 1980er der Trend zu
einer Ausweitung und Differenzierung innerhalb der Pop- und Rockmusik an; auf
der einen Seite gab es einen Schub zu einer weiteren Kommerzialisierung, auf der
anderen Seite entstanden zahlreiche neue Genres und Bands, die sich nicht oder
kaum vermarkten lieen und dies zum Teil auch nicht wollten.
1925 Die achtziger Jahre
Die achtziger Jahre waren das Jahrzehnt der Kontraste. Im Gegensatz zu den aus-
gehenden Siebzigern, wo Punker, Popper, Discognger und kos in ideologische
Scharmtzel verwickelt waren, verliefen die Achtziger eher im Sinne einer Ausdif-
ferenzierung. Whrend MTV Superstars wie Madonna oder Michael Jackson gro
herausbrachte, blhte jenseits des Mainstreams eine Independent Szene auf, die
allerdings in der ffentlichkeit kaum Beachtung fand. Eine so breite Kluft zwischen
Top-Ten-Radio und dem sogenannten Underground war neu. (Bsser 2004, S. 161)
Bands, die fr die 80er dem Independent-Bereich zuzuordnen sind, sind die Sonic
Youth, Arcade Fire, The Stones Roses, Siouxsie and the Banshees oder auch die
Pixies. Independent meinte nicht einen speziellen Musikstil, sondern eher die Inten-
tion, sich von groen Platten

rmen unabhngig zu machen, und damit die Verwei-
gerung, sich dem Massengeschmack und den Strategien der Indutrie anzupassen.
Im gleichen Jahrzehnt erlebte der sogenannte Heavy Metal den Aufstieg zu
einem erfolgreichen Genre der Rockmusik, in dessen Folge sich eine Jugendkultur
um Musik, Motorrder und Leder entwickelte:
Dress Codes wie die Biker-Kluft in Leder oder Denim und die spikes- und nieten-
besetzten Armbnder, Bewegungs-Codes wie Headbanging, das heftige Schtteln
des Kopfes im Rhythmus der Musik, oder das Air-Guitar-Playing, der imitierende
Mitvollzug der Bewegungen der Gitarristen, die Ikonogra

e einer berdimensio-
nierten Maskulinitt, Freizeitbeschftigungen wie der Motorradkult oder die ex-
zessiven Trinkrituale und eine im Heroenkult dunkel-mystischer Fantasiewelt ver-
ankerte Ideologie der Selbsterhebung vernetzen sich zu einer fr Auenstehende
kaum dechiffrierbaren kulturellen Matrix. (Wicke 2011, S. 53)
intensiven Gebrauch elektrischer Gitarren aus. Bands wie Anthrax, Megadeath,
Exodus, Metallica, Motrhead, Iron Maiden, Manowar und Aerosmith alle mit
die britischen Girlschool waren im Genre des Heavy Metal eine Ausnahme.
insgesamt orientierte sich an einer archaischen Form von Mnnlichkeit: Die Musi-
mit klobigem Metallschmuck verziert und agierten mit aggressiver Mimik, Kr-
perhaltung und Gesten. Auf den Covern dieser Gruppen wurden Symbole aus dem
Satanismus, Bilder von Horror

guren und Ungeheuern, Totenkpfe, Kriegs- und
dischen Ursprungs, Bezug genommen.
193
5.5 Video killed the Radiostar
Im Gegensatz zur Hippiekultur, die sich auch auf Symboliken vergangener Kul-
turen bezog, hierbei allerdings das Spirituelle und Friedfertige in den Mittelpunkt
stellte, war fr die Heavy-Metal-Szene vor allem das Kriegerische, Aggressive
und Archaisch-Mnnliche von Interesse. Es ging darum, mnnliche Mythen
der Kraft (Brinkmann 1999, S. 164) zu inszenieren, die mit den utopischen und
emanzipatorischen Ambitionen der Hippies nichts gemeinsam hatten. Insgesamt
lsst sich Heavy Metal, nicht zuletzt in Bezug auf das Geschlechterverhltnis, als
reaktionr bezeichnen:
Es scheint vor allem so zu sein, da Jugendkulturen hauptschlich das utopisch-
visionre und kulturrevolutionre Potential verloren haben. Demgegenber stehen
allerdings durchaus aufstrende und Tabus verletzende Haltungen anderer Jugend-
kulturen, die mit schweren Zeichen operieren: nationalsozialistische Embleme,
Symbole der Allmacht, der Strke und des Todes, des Grauens und des Bsen. Diese
Jugendkulturen gewinnen ihr aufstrendes und provokatives Potential allerdings
Formen, die sie zum Tanzen bringen, sondern gerade aus der gegen kulturelle
etwa gegen die Wandlungen und Vermischungen der Geschlechterbilder die Insze-
nierung martialischer Mnnlichkeit. (Helsper 1997, S. 117)
Die Vielgestaltigkeit der Rock- und Popmusik der 1980er wird deutlich bei einem
Blick auf die Kategorien und Schubladen des Jahrzehnts: Post-Punk, Indie-Rock,
New Wave, Dark Wave, Alternative Rock und Crossover, Synthie-Pop, Italo-Pop,
Disco und als aufstrebende Stilrichtung Hip Hop, zu dieser Zeit noch Rap genannt,
sind nur einige dieser Begriffe, wobei die genaue jeweilige Zuordnung zum Teil
uerst schwierig und die Grenzen zwischen einigen Genres

ieend sind.
Trotz aller Unberschaubarkeit kristallisierte sich ein Mainstream heraus, wenn
die Verkaufszahlen, die Platzierungen in den Hitparaden und die verkauften Kon-
Welle, die Anfang des Jahrzehnts fr Absatzahlen sorgten, waren dabei eine deut-
sche Spezialitt. Die Achtziger wurden ansonsten in den USA, in England wie
in Deutschland von den unterschiedlichsten InterpretInnen und Bands geprgt.
Gruppen wie Queen, Depeche Mode, Talking Heads, Modern Talking, die Frau-
enband Bananarama, Blondie, a-ha, U2 und Police waren in den Charts ebenso
erfolgreich wie Lionel Richie, Billy Idol und Kim Wilde oder die Stars des Produ-
zententrios Stock/Aitken/Waterman, die unter anderem Rick Astley, Kylie Mino-
gue und Samantha Fox erfolgreich herausbrachten.
1945 Die achtziger Jahre
Ein bemerkenswerter Trend der 80er bestand darin, dass es einige MusikerIn-
traditionellen Geschlechterdarstellung abgrenzten:
Etwas unterschied das Auftreten dieser Knstler auffllig von dem der Rockmu-
siker in den Siebzigern: Herkmmliches, geschlechtsspezi

sches Rollenverhalten
wurde aufgebrochen Annie Lennox spielte den mnnlichen Part bei den Euryth-
mics, trug ihre Haare krzer als ihr mnnlicher Kollege, Anzge oder lange, dunkle
Mntel, whrend Bands wie Soft Cell, Bronski Beat und Culture Club eine offen
schwule sthetik auf die Bhne brachten. Das Spektrum reichte vom weichen, ge-
schminkten Mann, der Do You Really Want To Hurt Me sang, bis zum harten S/M-
Look. (Bsser 2004, S. 139)
Bronski Beat, eine britische Synthie-Pop-Band, deren Mitglieder offen zu ihrem
Schwulsein standen, verffentlichte mit Small Town Boy einen Song und das
dazu passende Video, das die Schwierigkeiten eines homosexuellen jungen Man-
nes in der Provinz beschreibt. Auch Boy George von der englischen Formation
Culture Club war offen homosexuell, spielte in Videos und bei Auftritten mit der
herkmmlichen Geschlechterdarstellung und verkrperte eher einen sanften und
sensiblen Typ. Die Musiker der britischen Pet Shop Boys lebten offen schwul,
ebenso wie die Liverpooler Band Frankie Goes To Hollywood, deren Hit Relax
wegen sexueller Andeutungen unter ein Sendeverbot bei allen BBC-Sendern

el,
was das Interesse und die Verkaufszahlen stark erhhte. Dieser ffentliche Um-
gang mit Homosexualitt im Bereich der populren Musik war ein deutliches Zei-
chen fr die grere Liberalitt der westlichen Gesellschaften in den 80er Jahren,
vor allem deshalb, weil alle genannten Knstler nicht nur in der homosexuellen
Subkultur, sondern im Mainstream der Popkultur angekommen waren.
Die sogenannten Superstars der 80er Jahre kamen allerdings aus den USA:
Madonna startete ihre Weltkarriere und wurde zur erfolgreichsten Popsngerin
des Jahrzehnts. Sie verstand es, sich ein erotisches, selbstbewusstes und sexuell of-
fensives Image zu geben, trat mit bauchfreien Tops auf, verffentlichte Nacktauf-
nahmen, spielte mit ihrem Image und Geschlechterstereotypen und zeigte sich in
ihrem Video zu Express yourself im Mnneranzug, in Strapsen oder nackt mit
die sowohl die SittenwchterInnen auf den Plan riefen als auch die Verkaufszahlen
frderten.
Michael Jackson, der King of Pop, verffentlichte mit Thriller das bis heute
am meisten verkaufte Album und gilt als erfolgreichster Entertainer aller Zeiten.
Jacksons Erfolg hatte seinen Grund sowohl in der Musik des Knstlers als auch in
seinem Tanzstil. Sein Krper war nicht muskelbepackt, Aggressionen ausstrahlend
195
5.5 Video killed the Radiostar
oder gesthlt, sondern eher weich und zart, seine Bewegungen

ieend, knstle-
risch, weich und elegant.
Im Gegensatz dazu prsentierte sich der Rockmusiker Bruce Springsteen als
Vertreter einer traditionellen Mnnlichkeit. In Jeans, Lederjacke und Stiefeln,
treibende Liveauftritte, die selten unter drei Stunden dauerten. Springsteen war bis
in die 80er Jahre eher ein Geheimtipp unter Rockfans. Durch das 1984 erschienene
Album Born in the USA erlangte er weltweite Berhmtheit. Der Song wurde
von Ronald Reagan in seinem Wahlkampf als patriotische Hymne benutzt, war
aber alles andere als ein Loblied auf die Vereinigten Staaten. Springsteen bezog
Folgen. Seine Songs thematisieren vor allem die Nte und Probleme der einfachen
Menschen, zentral dabei war deren Scheitern am amerikanischen Traum.
Die entscheidende Vernderung im Bereich der populren Musik in den 80er
rikanische Kanal MTV (Music Television) rund um die Uhr Videoclips; ab 1983
wurden Musikvideos in Deutschland in der Sendung Formel 1 ausgestrahlt, zu-
nchst nur in den dritten Programmen, anschlieend auch in der ARD; 1987 ging
MTV Europe auf Sendung und 1993 kam mit VIVA ein deutscher Musiksender
hinzu. Durch die massenhafte Verbreitung der Videos ergaben sich neue Mglich-
keiten der Musikvermarktung:
Der Videoclip war nicht blo die Visualisierung der Schallplatte, sondern eine
neue Formel erfolgreicher Massenkommunikation: Integration von populrer Ly-
rik, Musik, Medium, Lifestyle und Werbung, Kommunikation und Vermarktung im
globalen und supramedialen Produktverbund (...). Was ursprnglich Ersatz und
Statthalter des Live-Auftritts gewesen war, hatte sich ber seine Funktion als kom-
merzielles Werbeinstrument zum gesamtkulturellen Phnomen entwickelt. Der Vi-
deoclip indiziert fr die achtziger Jahre nichts anderes als eine strukturelle Trans-
formation der westlichen Kultur. (Faulstich 2005b, S. 181)
Der Song Video killed the radio star von den Buggles brachte die Vernderun-
gen in der kommerziellen Musik auf den Punkt: Durch das neue Medium waren
neue Wege gefunden, die Musik an die (junge) Kundschaft zu bringen.
Die Videos dienten der Popularisierung der KnstlerInnen, es war nun nicht
mehr mglich, hohe Schallplattenverkufe ohne die Produktion eines Videos zu
erzielen. Da aber eine solche Produktion fr die meisten Bands und MusikerInnen
nicht bezahlbar war, stieg durch das Erscheinen der Videoclips der Ein

uss der
marktbeherrschenden Konzerne. Zugleich wurde entweder indirekt in den Clips
oder direkt in den Werbespots zwischendurch eine ganze Kultur, ein jugendli-
1965 Die achtziger Jahre
Kaufanreiz an den jungen Mann und die junge Frau gebracht.
In den 80er Jahren waren ber 80 % der KuferInnen von Tontrgern in der
Bundesrepublik Heranwachsende von 12 bis 24 Jahren, zugleich hatten die zehn
grten Firmen des Musikgeschftes einen Marktanteil von ber 90 % (s. Faul-
stich 2005b, S. 187). Diese monopolartige Marktbeherrschung macht deutlich,
dass es jenseits der musikalischen Vielfalt einige Konzerne waren, die die popu-
lre Musik im Wesentlichen bestimmten. Stndig auf der Jagd nach neuen Trends
und den damit verbundenen Absatzmglichkeiten war fr sie nur von Interesse,
was auch Pro

t versprach, knstlerische oder textliche Qualitt spielten allenfalls
umfassende Mglichkeit der Vermarktung und des Pro

ts gefunden.
5.6 Gothic
Im Zuge der Ausdifferenzierung jugendkultureller Stile in den achtziger Jahren
des letzten Jahrhunderts entwickelte sich mit den Gothics eine neue Variante.
Ursprnglich stammt Gothic aus Grobritannien, wobei der Begriff zwar
der Goten noch gotisch als Kunstepoche meint. Die Namensgebung bezieht sich
vielmehr auf die Gothic Novels, eine Literaturgattung des ausgehenden 19. Jahr-
ist Gothic als dster oder schaurig zu verstehen, womit zentrale Eigenschaf-
ten der Szene beschrieben sind; synonym fr Gothic knnen auch die Begriffe
Gruftie (mit Anspielung auf die Gruft als Ort der Toten) oder die Schwarze
Szene verwendet werden, wobei sich intern unterschiedliche Richtungen wie
Der groe gemeinsame Nenner ist die Farbe schwarz. Auch wenn sich wei, rot
und dunkles blau, violett oder grn dazwischenmogeln und Akzente setzen, so ist
der Eindruck, den man an einem schwarzen Clubabend hat, nur einer: Alles ist
schwarz. (El-Nawab 2007, S. 200)
Neben New Wave mit Bands wie den Talking Heads und Duran Duran war Gothic
eine Post-Punk-Stilrichtung, die sich zum Teil auf Punk bezog, sich in zentralen
Punkten wie Kleidung, Weltanschauung und Musik jedoch deutlich von Punk als
jugendkulturellem Stil unterschied:
197
5.6 Gothic
Die Gothic-Szene entstand in den spten 70er Jahren des 20. Jahrhunderts im
Zuge der Punk-, New Wave und New Romantic-Bewegung. Die radikalen Punks wa-
ren den Gothics viel zu aggressiv und in ihren Ausdrucks- und Lebensformen schie-
nen sie ihnen zu ungep

egt und hsslich. Koma-Saufen und das auf der Strae mit
den schwarzen Hunden rumlungern schien nicht ihrem nach innen gerichteten und
Weltschmerz verkrpernden Lebensgefhl zu entsprechen. (Ferchhoff 2011, S. 261)
Im Gegensatz zu Punk war Gothic eine Jugendkultur, die das Nachdenkliche und
Melancholische betonte:
Gothic-Sein heit, sich auf Sinnsuche zu begeben, ber
die

schwarzen Seiten des Lebens nachzudenken, ber Themen wie Tod und Ver-
gnglichkeit,

Trauer und Melancholie ...

(Krger 2010,

S. 27),
wobei es sich bei
dieser grundstzlichen Haltung eher um eine kontinentale bzw. deutsche Speziali-
tt handelte:
War Gothic in England (...) in erster Linie eine Party und ein kurzlebiger Aus-
druck eines momentanen Lebensgefhls, so gingen die Gothic-Jnger auf dem
Kontinent, speziell in Deutschland natrlich, wesentlich grndlicher vor (...). Recht
schnell entwickelte sich Gothic von einem Lebensgefhl zu einem Lebensstil, der
sich mit den vorformulierten Thematiken weitaus intensiver und ernsthafter befass-
te, als dies selbst von den frheren Protagonisten beabsichtigt war. (Stieg 2000,
S. 17)
Musikalisch stilbildend war die englische Band The Cure und deren Snger und
Frontmann Robert Smith.
Die Gruppe The Cure schuf die klangliche Folie, auf welche die Grufties ihre
pessimistischen Aussagen von Welt und ihr melancholisches Lebensgefhl projizie-
ren konnten. Schwermtige dstere Melodien, oftmals akzentuiert durch sehr hohe
Frauen- oder tiefe Mnnerstimmen alternieren mit aggressiv klingenden Synthesi-
zer- oder Gitarrenmotiven. (Schmidt/Janalik 2000, S. 39)
Melancholie und Schwermut statt Frhlichkeit oder aggressiver Machoposen, die
sonst in der Musikbranche dominierten, waren kennzeichnend fr den Stil von The
Cure. In ihrem Hit Boys don

herrschenden Mnnlichkeitsbild auseinander, beschrieben einen Jungen, der die
Schmerzen des Liebeskummers nicht nach auen trgt, sondern ganz Mann sie
hinter einer lchelnden Fassade verbirgt:
I try to laugh about it/Hiding the tears in my eyes/So I try to laugh about it/Cover
it all up with lies/Because boys don

t cry
1985 Die achtziger Jahre
Neben The Cure waren Siouxsie and the Banshees und Joy Division prgende
Formationen in der Anfangszeit des Gothic. Siouxsie and the Banshees mit der
Sngerin Siouxsie Sioux, bei denen zwischenzeitlich Robert Smith die Gitarre
spielte, brachten 1981 mit Ju Ju ein fr Gothic wegweisendes Album heraus.
Joy Division lassen sich eher der Dark-Wave-Richtung zuordnen, die Songs hatten
in der Regel eine sehr melancholische und traurige Atmosphre. Ihr Snger, Ian
Curtis, verbte 1980 Selbstmord, die Band formierte sich als New Order neu.
Grundstzlich lsst sich bei den musikalischen Vorlieben innerhalb der Schwar-
zen Szene zwischen den Richtungen Gothic, Dark Wave, EBM (Electronic Body
Music), Gothic Metal und mittelalterlicher Musik unterscheiden, bedeutende Bands
waren Dead Can Dance, Bauhaus, Christian Death und The Sisters of Mercy.
Wie bereits an der Namensgebung einiger Gruppen zu erkennen ist, spielte die
was fr eine Jugendkultur uerst untypisch ist, gelten Jugendliche doch als die-
jenigen, die ihr Leben noch vor sich haben und es unbeschwert genieen knnen.
Gerade diese Orientierung, die Faszination fr das Vergngliche und den Tod, zog
sich wie ein roter Faden durch die Gothic-Kultur und -Weltanschauung. Im Gegen-
satz zum gesellschaftlichen Umgang, der den Tod tabuisiert, ihn in Institutionen
und hinter Mauern von Krankenhusern und Altenheimen verbannt, gingen Got-
hics offen mit dem Thema um. Kennzeichnend fr ihre Haltung war dabei wie
Farin schreibt weniger eine Todessehnsucht, sondern eher eine Todesakzeptanz
(s. Farin 2001, S. 162), die die Unausweichlichkeit des Lebensendes hinnahm; es
ging also weniger darum, dem Leben den Sinn zu nehmen oder sich selbst das Le-
ben zu nehmen, als vielmehr darum, sich einem weitestgehend aus dem normalen
Leben verdrngten Thema zu stellen. Anders als beispielsweise im Heavy Metal,
wo es in martialischen Darstellungen auch um den Tod ging, dieser allerdings sehr
brutal dargestellt wurde, hatte die Beschftigung mit dem Tod bei den Gothics
nichts Brutales oder Kriegerisches, er wurde nicht sensationell und dramatisch
dargestellt, sondern fhrte eher zu einer melancholischen und friedlichen Grund-
haltung.
In dieser Hinsicht war die Gothic-Kultur gesellschaftskritisch, weil sie sich mit
einem der letzten Tabus der Gesellschaft befasste und es in den Mittelpunkt rckte
statt zu verdrngen. Im Gegensatz zum gesellschaftlichen Umgang mit Sexualitt,
der im Laufe der Jahre stark liberalisiert wurde, ist der Tod nach wie vor ein Tabu-
thema in modernen Gesellschaften. Die Beschftigung mit dem Ende des Lebens
stand hierbei nicht wie bei weiten Teilen der Gesellschaft in den 80ern in
Zusammenhang mit der Angst vor konkret drohenden Katastrophen wie einem
atomaren Krieg oder der fortschreitenden Umweltzerstrung, sondern als unver-
meidliches Lebensende, das alle Menschen betrifft.
199
5.6 Gothic
In diesem Kontext erschien das soziale Leben als falsch, verlogen und unfhig,
sich den wahren Fragen des Lebens und des Todes zuzuwenden. Die Gruppe
Relatives Menschsein, die der Neuen Deutschen Todeskunst, einer Musikstrmung
aus dem Gothic- und Dark-Wave-Umfeld zu Beginn der 90er Jahre zuzurechnen ist,
beschrieb in ihrem Stck Masken dieses Gefhl der Isolation und Hil

osigkeit:
Das Grauen des Morgens/Hinaus in die Welt/Nur ein Teil dieser Masse/Dein
Selbst das nicht zhlt ... Um dich nur Trug/Freundlich lchelnd geschminkt/Be-
trug ist gleich Tugend/Wahrheit kommt um! (Masken, Relatives Menschsein)
Melancholie, Desillusionierung, Trauer und Einsamkeit in einer Gesellschaft, von
gelten das elementare Be

nden dieser Jugendkultur wider. Gothics stammten vor
der Literatur eine groe Rolle spielte. Bevorzugt wurden Grusel- und Horrorli-
Hermann Hesse, Edgar Allan Poe, Bram Stoker, H. P. Lovecraft und Baudelaire.
Typisch fr Gothics war auch, dass sie selber Literatur produzierten und bemht
waren, sich sprachlich anspruchsvoll auszudrcken.
Eine merwrdig geschwollene, pathetische und romantische Art zu schreiben,
manchmal sogar zu sprechen, ist z.T. typisch fr die schwarze Szene. Ob Konzertbe-
richt, Liedtext oder Gedicht, neben zeitgenssischem Jargon steht hier oft ein etwas
geknstelter Duktus, der kontrr zu dem eher schnoddrigen, betont vulgren Jargon
in Punk- oder Skin-Fanzines ist. (El Nawab 2007, S. 217)
Gem ihrer eher von der Gesellschaft abgewandten Haltung und ihrer melan-
cholischen Grundstimmung waren die bevorzugten Orte der Gothic-Kultur nicht
die Konsumtempel der Warenwelt oder die Innenstadt. Wenn sich Gruppen von
Gothics in Innenstdten, Fugngerzonen oder an Bahnhfen trafen, dann waren
sie in der Regel wesentlich weniger aggressiv und provokativ als die Halbstarken
oder die Punks. Gothics bevorzugten Orte, an denen die Einsamkeit erlebt werden
konnte, an denen es eher gruselig und schaurig zuging wie mittelalterliche Schls-
ser und Ruinen, Kirchen und Friedhfe.
Spezielle Discos fr Gothics waren relativ selten, es gab aber in manchen Dis-
cos und Clubs Angebote fr sogenannte schwarze Abende, in denen ein der Sze-
ne entsprechendes Ambiente inszeniert wurde, beliebt waren auch Rumlichkei-
ten, die den Verfall und das Morbide sichtbar machten wie alte Fabrikhallen und
Kellergewlbe:
2005 Die achtziger Jahre
Die Atmosphre ist dann dem Schwarzen Stil entsprechend mystisch-roman-
tisch aufgeladen, die Buntheit der Farben verbannt. Mit Hilfe von Kerzenlicht und
knstlich erzeugten Nebelschwaden wird die gewnschte gruftige Stimmung er-
zeugt. (Schmidt/Janalik 2000, S. 22)
dem Stil der Gothics, die schwarze Szene steht unter dem Charisma des Grabes
(Rutkowski 2004), was ihr zu einer besonderen Stellung verhalf. Das geht so weit,
dass sich Gothics selber als lebende Tote inszenierten: Die Art, sich zu schmin-
ken in Insiderkreisen bezeichnenderweise sich tot malen genannt widersprach
dem gngigen Schnheitsideal der braunen Haut, die Vitalitt signalisieren soll,
vollkommen. Grufties schminkten sich blass und um die Augen herum mit schwar-
auf dem Gesicht oder aufgemalte Fledermuse um die Augenbrauen unterstrichen:
Die Grufties sind eine der hervorstechendsten Subkulturen, weil sie mit ihren lei-
chenblassen Gesichtern in einer Zeit, in der Sonnenstudiobrune den Inbegriff von
Gesundheit darstellt, gegen die Verdrngung von Alter und Tod arbeiten. Sie wer-
den zum Schrecken einer trostlosen Produkt- und Konsumkultur, die Sterben und
krperlichen Verfall ghettoisiert, um das Leitbild der ewigen Jugend proklamieren
zu knnen. Den Tod in den Mittelpunkt ihres Stils zu stellen, wird zur Provokation,
die eine Gesellschaft einer subkulturellen Gruppe von Jugendlichen nicht verzeihen
kann. Die Jugend hat frisch und knackig auszusehen und nicht tot herumzulau-
fen. (Richard 1997, S. 139)
Zumindest fr den harten Kern der Szene war Gothic keine Jugendkultur, die
sich lediglich an Wochenenden oder auf Parties abspielte; es war vielmehr ein
zusammenhngender Stil, der von der Weltanschauung ber die individuelle Pr-
sentation, die Musik, die Wohnungseinrichtung und die Art zu tanzen reichte. Ins-
Rckzug ins innere Exil (Richard 1997, S. 97) die Grundhaltung von Gothic.
Der gesamte Stil war geprgt von Symbolen des Todes: Totenkpfe als Ac-
cessoires, die Begeisterung fr Vampire als Halb- bzw. Untote, Friedhofs- und
fr den Tod. Auch die bevorzugt dargestellten Tiere symbolisieren nicht eine klas-
sische mnnliche Strke wie Adler, Stiere oder Lwen, auch nicht Niedlichkeit
wie Kaninchen, Hasen oder Muse. Es wurden stattdessen Tiere bevorzugt, die
gesellschaftlich als gruselig, unheimlich, Unglck bringend oder ekelig gelten:
Fledermuse, Spinnen, Raben und Krhen.
201
5.6 Gothic
Diese exklusive Auendarstellung der Szene sorgte fr Verunsicherung und
Neugier und liefert Munition fr Gruselgeschichten, die ber die Gothics verbrei-
tet wurden:
Grufties. Sie schlafen in Srgen, treiben es auf Grbern, huten lebende Katzen
und Hunde, schlitzen Puppen auf, trinken (als Ekel-Training) Blut, verzehren ihren
eigenen Kot ... Schon 12jhrige huldigen dem Satan, ... (Zit. n. Rutkowski 2004,
S. 141)
Auch reierische Schlagzeilen ber die Gothic-Szene wie Sterben ist schn,
Tod im Namen des Satans oder Satanismus ist Pop (zit. n. Rutkowski 2004,
S. 120/131) verbreiteten in der ffentlichkeit ein Bild, das dem Leben in dieser
Jugendkultur nicht gerecht wird. Sie waren eher dem Bedrfnis nach Gruselge-
schichten, Sensationen und einer Besorgnis ber den Verfall der Jugend geschul-
der schwarzen Szene um friedliche Jugendliche, zudem herrschte innerhalb der
Szene keine einheitliche religise Orientierung, sondern vielmehr um einen Mix
von Symbolen aus verschiedenen religisen und nichtreligisen Zusammenhngen
wie Runen, symbolhafte Zahlen und umgedrehte Kreuze. Gleiches galt fr die
Unterstellung, es handele sich um eine Jugendkultur, die aufgrund ihres Bezugs
auf vergangene Epochen, Rituale und Symbole rechtsradikal orientiert sei; weder
Satanismus noch eine Orientierung an faschistischem Gedankengut waren bei der
berwiegenden Mehrzahl der Gothics festzustellen:
Quantitativ haben diese Ideologien in der Gothic-Szene bisher keine relevante
Grenordnung erreicht, und es ist auch fr die Zukunft nicht zu erwarten: die
sthetik und Szene-Historie, der soziale (bildungsbrgerliche) und kulturelle Back-
round der Schwarzen sichert ihnen offenbar eine grere Immunitt gegen autori-
tre und anti-individualistische Ideologien als den Angehrigen der meisten ande-
ren weien Kulturen. (Farin 2001, S. 228, Fn 87)
Trotz oder vielleicht auch wegen ihrer Exotik und der relativen Auenseiter-
position hat sich Gothic seit Beginn der 80er Jahre zu einer Szene mit zahlrei-
chen AnhngerInnen entwickelt. Sich als Gruftie zu de

nieren und zu prsentieren
eigenen Szene in der Regel eine gewisse Aufmerksamkeit. Die Verbreitung der
Szene zeigt sich heute an regelmigen Festivals wie den World-Gothic-Treffen
in Leipzig oder dem Mera Luna Festival in Hildesheim mit jeweils Tausenden
von BesucherInnen. Auch die Zeitschriften der Szene wie Zillo, Orkus und Sonic
2025 Die achtziger Jahre
Seducer sind keine kleinen Fanzines, sondern werden professionell hergestellt und
zielle Angebote an Accessoires und Kleidung leicht zugnglich, mit XtraX, Dark
Fashion Shop, Hot Topic und anderen gibt es diverse spezielle Modelabels.
Nicht nur hinsichtlich ihrer ueren Erscheinung und ihrer Weltanschauung
hatten Gothics im Vergleich zu anderen Jugendkulturen eine Ausnahmestellung,
sondern auch in Bezug auf das Geschlechterverhltnis:
Die schwarze Szene ist eine der wenigen jugendlichen Subkulturen, die nicht von
Mnnern dominiert wird. Whrend sonst die Mdchen und Frauen in der Unterzahl
sind und zudem ein mehr oder weniger ausgeprgter Mnnlichkeitskult zelebriert
wird,

nden sich in der schwarzen Szene sehr viele Frauen und Mdchen, vielleicht
sogar mehr Frauen als Mnner. (El-Nawab 2007, S. 223)
Nicht nur rein quantitativ konnte von einem zumindest gleichberechtigten Verhlt-
nis der Geschlechter gesprochen werden. Auch die grundstzliche Haltung und
Weltanschauung entsprach Eigenschaften, die eher als weiblich gelten: Introver-
tiertheit, Melancholie, Traurigkeit lassen sich kaum mit dem Bild des aggressiven,
aktiven, berlegenen und starken Jungen oder Mannes vereinbaren. Neben der Ex-
travaganz der Gothics konnte dies auch ein Motiv fr Jungen wie fr Mdchen
sein, sich fr diese Jugendkultur zu entscheiden. Tendenziell waren Mdchen hier
entlastet von aufdringlichem Macho-Gehabe und Jungen von der Anstrengung,
sich als stark darstellen zu mssen, hier war es gerade fr Jungen und junge Mn-
ner eher mglich, sich auch unsicher und schwach zu zeigen.
Das Sprechen ber Gefhle, Probleme usw. ist nicht nur fr viele Frauen, son-
dern auch fr viele Mnner ein ausschlaggebender Grund, weshalb sie sich in der
schwarzen Szene wohlfhlen. (El-Nawab 2007, S. 223)
Auch war ein offener und liberaler Umgang mit weiblicher wie mnnlicher Homo-
sexualitt weit verbreitet, wie die Diskussionsbeitrge in den verschiedenen Foren
wie Welt

nsternis, World of Gothic oder Dunkles Leben zeigten; hier gab es
auch Inserate fr sexuell gleichgeschlechtlich Orientierte.
Das Gleiche galt auch fr die Kleidung; Jungen und Mnner in der Szene konn-
ten gegen kulturelle Forderungen an Mnnlichkeit verstoen, ohne mit Ablehnung
rechnen zu mssen:
203
5.6 Gothic
Hier drfen Mnner Rcke tragen, sich schminken, die Lippen schwarz und rot
malen, und werden dafr nicht verachtet oder verspottet, sondern entsprechen
einem internen Schnheitsideal. (El-Nawab 2007, S. 229)
Das Tragen von Rcken und Auftragen von Schminke bei den mnnlichen Gothics
kann dabei auch als Beweis fr den Mut des Trgers interpretiert werden, wie es
ein Mitglied der Szene formuliert:
als weibliche Gothic-Mode, meiner bescheidenen Meinung nach. Wahrscheinlich
wegen ihrer Sexualitts-berschreitenden Androgynitt. (Zit. n. Brill 2007, S. 61)
Die Ergebnisse der Sexualforschung, die bei Mdchen mehr Selbstbewusstsein
und bei Jungen eine strkere Zurckhaltung im Verlauf der 80er feststellten, schie-
nen sich in der schwarzen Szene zu realisieren. Auch im Umgang mit Krper-
lichkeit erlaubte die Gothic-Kultur eine gewisse Entlastung von gesellschaftlichen
Normen. Innerhalb der Szene

... ist der Krper nicht das entscheidende Fundament in der schwarzen Kultur.
Daher ist die Szene dafr bekannt, dass auch Krper, welche nicht den Idealma-
en entsprechen, ohne Diskriminierung partizipieren knnen. Hier zhlt nicht der
individuelle Krper, sondern seine virtuose, manchmal allerdings auch hyper-arro-
gant prsentierte Verpackung und Inszenierung. Der Krper ist das Trgermaterial
fr die Individualisierung der schwarzen Ober

che. (Richard/Grnwald 2010,
S. 131)
Es kam weniger darauf an, seinen weiblichen oder mnnlichen Krper als den
gngigen Schnheitsnormen entsprechend zu prsentieren, sondern sich gekleidet,
geschmckt und geschminkt darzustellen, wozu Gothics viel Zeit, Mhe und Fan-
bernommen wurde, ber den Mozart-Zopf, vor allem bei mnnlichen Gothics,
hochtoupierte Haare oder bei Frauen strubbelige Haare, wobei schwarz gefrb-
te Haare eindeutig dominierten.
Waren zu Beginn der Gothic-Kultur in den 80er Jahren noch lange Mntel, Kut-
ten und Talare weit verbreitet, Kleidungsstcke, die den Krper verhllen, so hat
sich im Laufe der 90er Jahre mehr und mehr vor allem bei den weiblichen Gothics
SM-Szene erinnern, kamen in der Szene mehr und mehr in Mode:
2045 Die achtziger Jahre
So stellen viele Mdchen und Frauen in der Szene eine Mischung aus wandelnder
Mnnerphantasie und extremem krperlichen Selbstbewusstsein dar. (El-Nawab
2007, S. 224)
Dieser offene und selbstbewusste Umgang mit Krperlichkeit gerade der Frauen
und Mdchen fhrte allerdings auch dazu, dass Events der Szene von Mnnern
besucht wurden, die mit der Gothic-Kultur nichts zu tun hatten, wie Gunar Eysel
von der Gothic-Band Love Like Blood betont:
Lauter geile, wichsende Schwanztrger, die Musik einen Scheidreck interessiert,
aber wenn nackte Titten und Auspeitschen auf der Bhne sind, dann ist es allemal
interessant. (Zit. n. Farin 2001, S. 169)
inszenierte Sexualitt, die letztlich dazu fhren knnte, dass sich Gothic-Veran-
staltungen nicht mehr von kommerziell orientierten Events der Sexindustrie unter-
scheiden.
Durch ihr extravagantes Auftreten trafen Gothics nicht selten auf Ablehnung,
Beleidigungen, Drohungen und auch manifeste Gewalt. Rutkowski hat festgestellt
(s. Rutkowski 2004), dass immerhin 9 % der von ihm befragten Szenemitglieder
darunter zu leiden hatten. Beleidigungen wie Leichen

cker, Satanistenschwein
oder Gruftieschlampe gehrten dabei zum Repertoire der Abwertungen. Ins-
besondere Jungen und Mnner der schwarzen Szene liefen Gefahr, von anderen
jungen Mnnern ttlich angegriffen zu werden. Vor allem Jungen aus traditionell
stark mnnlich geprgten Milieus und Jugendkulturen fhlen sich durch deren an-
drogynes oder unmnnliches Auftreten provoziert; sie werden mit eigenen, nicht
zugelassenen weiblichen Anteilen konfrontiert, was zu Verunsicherung fhrt, die
klassisch mnnlich nach auen, aggressiv und gewaltttig ausagiert werden.
6
Die neunziger Jahre
6.1 Die deutsche Wiedervereinigung
Das Ende der 1980er und der Beginn der 1990er Jahre markieren einen Wandel
Blockkonfrontation und des kalten Krieges, die die Geschichte seit dem Ende des
Zweiten Weltkrieges bestimmt hatten. Die Systemkonkurrenz zwischen Ost und
West war von nun an Geschichte mit der Folge, dass der Kapitalismus sich welt-
weit ausbreiten und als alternativlos darstellen konnte.
Fr Deutschland, das seit 1949 in BRD und DDR geteilt war, erwies sich diese
politische Entwicklung als besonders gravierend, weil die deutsche Teilung durch
den Zusammenschluss der beiden Lnder berwunden wurde.
Vorausgegangen waren dem Zusammenschluss beider deutscher Staaten Pro-
testaktionen von BrgerInnen der DDR. Diese waren unzufrieden mit ihrer Le-
benssituation, der Bevormundung durch Partei und Staat, der Unterdrckung der
Meinungsfreiheit, der Bespitzelung durch den Staatssicherheitsdienst und der
Einschrnkung der Reisefreiheit. Bereits im Sommer 1989

sende BrgerInnen in die Stndigen Vertretungen der BRD in Ost-Berlin, Buda-
pest, Warschau und Prag. Innerhalb der DDR waren es vor allem die Montags-
demonstrationen in Leipzig, die diese Unzufriedenheit zum Ausdruck brachten.
Teilgenommen hatten an den ersten Veranstaltungen einige Tausend Menschen,
bis schlielich im Oktober 1989 300.000 DemonstrantInnen auf die Strae gingen
und mit Parolen wie Wir wollen raus und Wir sind das Volk ein Ende der SED-
P. Rttgers,
Von RocknRoll bis Hip-Hop,
DOI 10.1007/978-3-658-10846-5_6,
Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
2066 Die neunziger Jahre
Herrschaft forderten. Bei dieser Grenordnung war es der Fhrung von Partei
und Staat nicht mehr mglich, diese Menschen, wie zuvor noch, als asoziale Ele-
mente zu diffamieren und ausschlielich repressiv zu reagieren, zumal sich auch
zahlreiche unzufriedene SED-Mitglieder an den Protesten beteiligten, sodass die
Furcht vor Repressalien immer mehr abnahm.
Die Kulturrevolution in der DDR wurde mglich, als von den Menschen die Angst
wich. Zensur und Unterdrckung freier Meinungsuerung durch die SED waren
nicht mehr der Ausdruck missionarischer berzeugung, sondern von Unsicherheit
und Ratlosigkeit. Die alte Fhrungselite war zunehmend vergreist unfhig, die
sich wandelnde Welt und damit auch die Vernderung im eigenen Land zu ver-
stehen, zumal das politische Hofgesinde rckgratlos die Staatsspitze mit genehmen
Informationen versorgte. (Glaser 1997, S. 426)
Die SED-Fhrung hatte zu ihrem Volk jeden Kontakt verloren und war durch
das Ausma der Protestkundgebungen berrascht und hil

os. Erich Honecker, der
zuvor noch behauptet hatte: Den Sozialismus in seinem Lauf hlt weder Ochs
noch Esel auf, trat als Staats- und Regierungschef zurck. Am 9. November 1989
heit. Doch auch diese Manahme reichte nicht aus, um den Protest verstummen zu
lassen, er hatte seine eigene Dynamik entwickelt:
Von Beginn an bestimmten die Menschen das Tempo der Entwicklung. Sie drng-
ten immer strmerischer auf Vernderungen. Gleichzeitig verlieen seit dem Tau-
sende von Menschen die DDR. (Teltschik 2002, S. 23)
Es war nicht unbedingt das Ziel aller DemonstrantInnen, die DDR abzuschaf-
fen und sich der BRD anzuschlieen; es gab auch zahlreiche Stimmen, die fr
einen sozialistischen deutschen Staat eintraten, einen menschlichen Sozialismus
und damit einen dritten Weg jenseits des DDR-Systems und der kapitalistischen
BRD. Diese Positionen wurden im Verlaufe der Proteste allerdings zu einer Min-
derheit, aus der Parole Wir sind das Volk, die das Recht auf Selbstbestimmung
betonte, wurde Wir sind ein Volk, womit der Wunsch nach einem gemeinsamen
Deutschland gemeint war. Die Vereinigung von DDR und BRD vollzog sich in
einem atemberaubenden Tempo: Im Juli 1990 wurde die D-Mark als gemeinsame
Whrung eingefhrt, am 3. Oktober 1990 die Einheit beider Staaten besiegelt und
im Dezember gab es die ersten gesamtdeutschen Wahlen, aus denen die CDU mit
Helmut Kohl als Sieger hervorging. Kohl, der sich als Kanzler der Einheit feiern
lie, versprach den BrgerInnen der DDR wachsenden Wohlstand, eine Anglei-
207
6.1 Die deutsche Wiedervereinigung
chung des Lebensstandards an den der Bundesrepublik und stellte die Einheit als
alternativlos dar:
Nur die Whrungs-, Wirtschafts- und Sozialunion bietet die Chance und die Ge-
whr dafr, dass sich die Lebensbedingungen rasch und durchgreifend bessern.
Durch eine gemeinsame Anstrengung wird es uns gelingen, Mecklenburg-Vor-
pommern und Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thringen schon bald
wieder in blhende Landschaften zu verwandeln, in denen es sich zu leben und zu
arbeiten lohnt. ( Bulletin der Bundesregierung 1990, S. 1)
Die DDR-BrgerInnen, die nun die Reisefreiheit genieen konnten, wurden kurz
nach der ffnung der Mauer bei Besuchen in der BRD mit 100 DM Begrungs-
Zum Bersten gefllte Zge, Trabi-Staus in einer Gesamtlnge von ber ein-
tausend Kilometern: Nach dem 9. November 1989 waren die Brger der DDR un-
versehens in den Stand versetzt, das andere Deutschland zu besuchen und dessen
Waren und Produkte ku

ich zu erwerben. Millionen Ostdeutsche machten an den
folgenden Wochenenden ihre ersten Erfahrungen als Besucher und als Kufer im
Westen. (Gries/Ilgen/Schindelbeck 1995, S. 195)
Die konomische Dimension der deutschen Einheit versprach den westdeutschen
Unternehmern wirtschaftliche Gewinne: Nun gab es 16 Millionen potenzielle Ab-
nehmerInnen mehr fr ihre Produkte, zudem versprachen die Privatisierungen der
unter Wert verkauft wurden und die nicht pro

tablen ihrem Schicksal, oft der
Arbeitslosigkeit der Angestellten und ArbeiterInnen, berlassen wurden.
Vor allem die ersten Jahre nach der deutschen Einheit waren von nationalis-
werda griffen Neonazis ein Heim von Vertragsarbeitern und eine Unterkunft fr
Flchtlinge an; die wehrlosen Menschen wurden zum Teil ttlich angegriffen und
mit Steinen und Molotow-Cocktails beworfen. Im Rostocker Stadtteil Lichtenha-
und einem Aufnahmeheim fr Flchtlinge. Auch hier wurden die BewohnerInnen
mit Steinen und Molotow-Cocktails beworfen und mussten um ihr Leben frchten.
Tter waren vor allem junge Mnner, die und das war das Erschreckende bei
der Bevlkerung, die diese Taten mit ansah, auf Untersttzung stieen. Mit Paro-
len wie Deutschland den Deutschen Auslnder raus und zum Teil mit Hitler-
2086 Die neunziger Jahre
Gru, zustzlich noch in ihrem Nationalismus be

gelt durch den Gewinn der
Fuballweltmeisterschaft der deutschen Nationalmannschaft, sahen sie nicht nur
zu, sondern heizten die Stimmung noch an und stachelten zu weiteren bergriffen
auf. Obwohl sich auch westdeutsche Nazis unter die pbelnden und aggressiven
Massen mischten, um die Stimmung eskalieren zu lassen und Propaganda fr ihre
Ideen und Organisationen zu betreiben, waren es in der berzahl Brgerinnen und
Brger der ehemaligen DDR, die sich an den brutalen Ausschreitungen beteiligten.
Dabei hatte gerade die DDR ein ausgeprgtes Selbstverstndnis als antifaschisti-
scher Staat, dies auch mit einer gewissen Berechtigung, hatten doch zahlreiche
Mitglieder des Polit-Bros und der politischen Elite aktiv gegen das Nazi-Regime
gekmpft und dafr unter dem deutschen Faschismus in Haft gesessen. Die deut-
sche Wiedervereinigung fhrte bei einem Teil der ehemaligen DDR-Bevlkerung
zu einem ideologischen Vakuum, das durch nationalistische und rassistische Ideo-
logien gefllt wurde und sich in erschreckender Weise in brutalen bergriffen auf
Menschen anderer Herkunft entlud.
Doch nicht nur in den neuen Bundeslndern gab es rassistische Ausschreitun-
gen, auch im westdeutschen Teil waren bereits seit Mitte der 80er Jahre gehuft ge-
waltttige Ausschreitungen und bergriffe gegenber Menschen nicht-deutscher
Herkunft zu beobachten. Diese erreichten zu Beginn der 90er Jahre einen Hhe-
punkt: In Mlln, Solingen und Hnxe verbten Nazis Brandanschlge auf Huser,
in denen Menschen vor allem trkischer Herkunft lebten, wobei es zahlreiche Tote
Die Feindlichkeit gegenber Menschen auslndischer Herkunft, insbesondere
gegenber Flchtlingen, konnte sich dabei auf eine Grundstimmung beziehen, die
durch die of

zielle Politik und die Presse geschrt wurde. Zwar wurde nicht di-
rekt zu Gewalt aufgerufen, doch trugen Berichterstattung und politischer Umgang
mit dem Thema zu einem angespannten Verhltnis und Ressentiments gegenber
Flchtlingen bei und heizten dadurch die ngste in der Bevlkerung weiter an:
Ansturm der Armen. Flchtlinge, Aussiedler, Asylanten titelte der Spiegel 1991
(Der Spiegel 37/1991), wobei das Titelbild ein Boot zeigte, das aus allen Nhten zu
platzen drohte. Die Metapher des vollen Bootes benutzte auch die of

zielle Poli-
tik, hier wurden teilweise Asylsuchende, die aus Not, Krieg und Unterdrckung
in ihrer Heimat ge

ohen waren, als Wirtschafts

Scheinasylanten diffamiert.
In dieser aufgeheizten politischen Stimmung wurde im gerade wieder vereinten
Deutschland das Recht auf Asyl faktisch abgeschafft. Mit der als Asylkompro-
FDP und der SPD, die sich in der Opposition befand festgelegt, dass nur noch
Menschen, die nicht aus sogenannten sicheren Drittstaaten und als solche gal-
209
6.1 Die deutsche Wiedervereinigung
ten alle Anrainerstaaten in die BRD einreisten, Asyl erhalten knnen, was be-
einem Schiff geltend gemacht werden kann.
Gegen die zunehmende Fremdenfeindlichkeit gab es allerdings auch Proteste,
Arsch huh, Zng ussenander 1992 in Kln mit ber 100.000 BesucherInnen.
Nicht nur hinsichtlich der verstrkten nationalistischen und rassistischen Ten-
denzen zu Beginn der 90er Jahre erwiesen sich viele Hoffnungen, die mit dem
vereinten Deutschland verbunden waren, als illusionr. Auch die wirtschaftliche
Entwicklung verlief nicht so, wie sich das viele ehemalige DDR-BrgerInnen vor-
gestellt hatten. Neben den Zielen der Reise- und Meinungsfreiheit war die Ver-
einigung von BRD und DDR fr viele mit dem Bedrfnis verbunden, am kapita-
listischen Konsum teilhaben zu knnen, was nicht zuletzt von den kommerziellen
Fernsehsendern befrdert wurde.
Auch war es kein Zufall, dass in den neuen Bundeslndern die Fernsehzuschau-
er deutlich mehr Kommerzfernsehen sahen als ffentlich-rechtliche Programme,
schien sich doch in ihm das Versprechen auf eine neue paradiesische Welt am mar-
kantesten zu manifestieren, waren hier die angebotenen Waren in ihren oft markt-
schreierischen Darstellungen doch deutlich illusionrer als die der ffentlich-recht-
lichen Sender. Es war auch die Durchsetzung nicht nur der Demokratie, sondern
des Kapitalismus als Weltanschauung, der Marktwirtschaft und des Konsumismus,
die sich nun ganz ungebrochen in den kommerziellen TV-Angeboten manifestierte.
(Hickethier 2010, S. 256)
Doch die Euphorie und die Hoffnungen auf einen hheren Lebensstandard wichen
relativ schnell den realen Erfahrungen, die viele mit dem westdeutschen System
machten. Auch wenn die Ausstattung mit Konsumgtern in der DDR weit unter
rungsmittel subventioniert, zudem gab es keine Angst vor Arbeitslosigkeit, sodass
zumindest ein gewisser Lebensstandard gesichert war. Nach 1990 machten viele
ehemalige DDR-BrgerInnen bittere Erfahrungen mit der kapitalistischen Reali-
tt: Statt der von Kohl versprochenen blhenden Landschaften breitete sich die
Arbeitslosigkeit in den neuen Bundeslndern aus, ganze Regionen erlebten einen
konomischen Niedergang und sahen sich konfrontiert mit fehlenden Perspekti-
ven, was sich unter anderem in einem drastischen Rckgang der Geburten be-
merkbar machte. Es wurde immer deutlicher, dass hinter der glitzernden Fassade
des Konsums auch die Gefahr lauerte, ein Leben ohne Perspektiven zu haben, das
Menschen von diesem Konsum zum grten Teil ausschliet. Die Skepsis gegen-
ber den Errungenschaften der Wiedervereinigung wuchs stark an:
2106 Die neunziger Jahre
Im Osten jedoch brach die sogenannte freie Marktwirtschaft ziemlich rcksichts-
los auf die Bevlkerung herein: diese hatten zwar noch 1990 zu 77 Prozent das
Wirtschaftssystem der Bundesrepublik positiv eingeschtzt; nach Jahren persn-
licher Erfahrungen mit dem neuen Staats- und Gesellschaftssystem waren es 1995
nur noch 34 Prozent. (Glaser 1997, S. 436)
Der Begriff der Wiedervereinigung ist im Sinne einer Vereinigung zweier gleich
starker und gleichberechtigter Staaten nicht zutreffend. Was sich in den Jahren
nach 1989 in Deutschland vollzog, war in politischer, sozialer und vor allem ko-
nomischer Hinsicht vielmehr ein Anschluss der DDR an die BRD, der von der
Mehrzahl der BrgerInnen gewnscht war.
Die 90er Jahre waren ein Jahrzehnt der verschrften sozialen Widersprche
und Gegenstze, in denen die Schere zwischen Arm und Reich in der neuen Bun-
desrepublik weiter auseinander ging. Zwar war die Wahrscheinlichkeit, von Armut
betroffen zu sein, in den neuen Bundeslndern grer, doch auch in der alten BRD
erhhte sich der Anteil der Menschen, die ber wenig Geld und Einkommen ver-
fgten.
Im gesamten Deutschland ist die Anzahl der Sozialhilfeempfnger bis 1996 auf
2,4 Millionen Menschen gestiegen, davon waren ein Drittel Kinder. Groe Teile der
Bevlkerung lebten unterhalb der Armutsschwelle (50 % des Durchschnittseinkom-
mens). Stellt man in Rechnung, dass mehr als die Hlfte der Sozialhilfeberechtigten
gar keine Ansprche gelten machten (verdeckte Armut), kommt man auf mehr als
6 Millionen bzw. rund 7 % der Bevlkerung. (Faulstich 2010a, S. 14)
Neben den blhenden Landschaften stellte Kanzler Kohl fr das Gesamt-
Deutschland in Aussicht, dass es niemandem schlechter, aber vielen besser gehen
werde, was angesichts der realen Zahlen und Entwicklungen wie Hohn klang.
einer rot-grnen Koalition mit Kanzler Schrder und Vizekanzler Fischer. ber-
CDU-Parteispendenskandal. Es kam heraus, dass die Partei insgeheim schwarze
Konten fhrte, auf denen Parteispenden aus der Industrie illegal verbucht wurden.
Neben Helmut Kohl waren weitere Gren der CDU wie Roland Koch, Wolfgang
Schuble und Walther Leisler Kiep in diverse Finanzskandale verwickelt. Kohl
behauptete zwar, dass diese

nanziellen Zuwendungen keinen Ein

uss auf seine
Politik gehabt htten, doch zeigt sich beispielsweise im sogenannten Leuna-Skan-
dal, in dem die CDU fr den Verkauf der Leuna-Werke an Elf Aquitane Spenden
erhielt, dass das Geld an die CDU mit konkreten Interessen von Seiten der Wirt-
211
6.1 Die deutsche Wiedervereinigung
schaft verbunden war. Nachdem es offensichtlich wurde, dass nicht deklarierte
Spenden ge

ossen waren, weigerte sich Helmut Kohl, die Namen der Spender zu
nennen, mit der Begrndung, er habe ihnen sein Ehrenwort gegeben. Kohl ver-
System Kohl zu installieren und auszubauen, das ihm innerhalb der Partei seine
Macht sicherte.
Hier 100000 Mark fr einen treuen Kreisverband, da neue Computer fr eine Ge-
schftsstelle, einmal sogar 700000 Mark fr eine Briefaktion an alle Parteimitglie-
der (...) Bedingungslose Loyalitt zum Parteichef belohnte dieser mit Protektion,
Karriere und Nhe zur Macht. (Ramge 2003, S. 250)
Als Folge dieser Enthllungen trat Helmut Kohl schlielich als Ehrenvorsitzender
der CDU zurck.
Neben den konomischen und politischen Folgen hatte der Zusammenbruch der
staatssozialistischen Lnder auch ideologische Folgen; nun galten staatliche Insti-
ideologische Rechtfertigung fr die Privatisierung zahlreicher staatlicher Unter-
nehmen (Post, Bahn, Energie- und Wasserversorger) der alten Bundesrepublik lie-
ferte. Sowohl diese bernahmen als auch die Privatisierung zahlreicher vormals

ttrchtigen Geschften. Weltanschaulich
waren die Evangelisten des Marktes (Dixon 2000) Ton angebend, deren Credo
darin bestand, dass die Krfte des Marktes ohne staatlichen Eingriff reibungs-
loser und effektiver funktionierten.
Vor diesem ideologischen und politischen Hintergrund und in Kombination mit
der rasanten Entwicklung der Computertechnologie entstand gegen Ende der 90er
Jahre die sogenannte New Economy. Gemeint war damit eine konomie, die sich
statt auf den Handel mit Waren auf eine Informationskonomie bezog, wobei
vor allem mit innovativen Ideen und digitalen Gtern wie Software, Musik und
Videos gehandelt wurde. Die Folge war eine Art Goldgrberstimmung mit einem
Boom von Unternehmensgrndungen in diesen sogenannten Zukunftsbranchen.
In Erwartung hoher Gewinne wurde in groem Umfang am sogenannten Neuen
Markt investiert. Doch erwiesen sich dieser Hoffnungen zum grten Teil als
leere Versprechungen, denn schon bald nach der Grndung strzten die Kurse
zahlreicher dieser Unternehmen ab, die zuvor aufgeblhte Dotcom-Blase

el in
sich zusammen.
2126 Die neunziger Jahre
Im Frhjahr 2000 war die Party zu Ende und die zuvor gefeierten Papiere strzten
ins Nichts. Der Nasdaq-Index verlor in den zwei Jahren 78 Prozent, der Neue Markt
fast alles. Nachdem im September 2002 von den 233 Milliarden Euro, fr welche die
Aktien der deutschen New Economy auf dem Gipfel des Booms gehandelt worden
waren, noch ganze 22 Milliarden Euro brig waren, wurde der Neue Markt schlie-
lich im Juni 2003 geschlossen. (Wagenknecht 2008, S. 75)
6.2 Soziale Unsicherheit in der Erlebnisgesellschaft
Fr die ehemaligen BrgerInnen der DDR fhrte die Wiedervereinigung zu tief grei-
fenden Umstellungen in konomie, Politik und Kultur. Nicht nur die groe Politik,
auch der Alltag nach 1990 war fr sie bestimmt von einem umfassenden Wandel,
wie ihn Jana Hensel, Jahrgang 1972, in ihrem Buch Wir Zonenkinder beschreibt:
Die Kaufhalle hie jetzt Supermarkt, Jugendherbergen wurden zu Schulland-
heimen, Nickis zu T-Shirts und Lehrlinge Azubis. In der Straenbahn musste man
nicht mehr den Schnipsel entlochen, sondern den Fahrschein entwerten. Aus Pop-
Gymnastik wurde Aerobic, und auf der frisch gestrichenen Poliklinik stand eines
Morgens pltzlich rztehaus. Die Speckitonne verschwand und wurde durch den
grnen Punkt ersetzt. Mondos hieen jetzt Kondome, aber das ging uns noch nichts
an. (Hensel 2002, S. 21)
In der Umstellung im Alltag wird die Dominanz Westdeutschlands deutlich, die
Hegemonie einer kapitalistischen Gesellschaft, die auf Seiten der ehemaligen
DDR-Brgerinnen und -Brger neben der Euphorie auch zu Ernchterung und
berforderung fhrte. Von Seiten des Westens gab es Vorbehalte und Unmut we-
gen der Solidarittsabgaben fr den Aufbau Ost sowie Unsicherheiten und Ver-
dchtigungen darber, wer of

ziell oder inof

ziell beim Staatssicherheitsdienst
aktiv war. Von Seiten der neuen Bundeslnder wurden zum Teil schlechte Er-
fahrungen mit dem kapitalistischen System gemacht; hinzu kam das Gefhl, von
der DDR wurden von der rasanten Entwicklung berrollt, waren durch die schnel-
le Umstellung ihrer Gesellschaft berfordert, fhlten sich mit ihrer Erfahrung und
ihrem Wissen entwertet und in ihrer Identitt bedroht.
Nicht nur wegen der Vereinigung hielt die Tendenz zu einer differenzierteren
Gesellschaft auch in den 90er Jahren an; noch auf die alte Bundesrepublik be-
Multioptionsgesellschaft beschrieben wurde:
213
6.2 Soziale Unsicherheit in der Erlebnisgesellschaft
Angebotsexplosion, Ausweitung der Konsumpotentiale, Wegfall von Zugangsbar-
rieren, Umwandlung von vorgegebener in gestaltbare Wirklichkeit: die Erweiterung
der Mglichkeiten fhrt zu einem Wandel der Lebensauffassungen. Man be

ndet
sich in einer Situation, die besser als
Entscheidungssog denn als Entscheidungs-
druck zu bezeichnen ist. (Schulze 2000, S. 58)
Vor diesem Hintergrund kommt er zu einer differenzierten Darstellung verschie-
dener Milieus (Niveau-, Harmonie-, Integrations-, Selbstverwirklichungs- und
Unterhaltungsmilieu), die in sich jeweils einer bestimmten und relativ einheitli-
chen Logik folgen, was die kulturellen Vorlieben, Konsumgewohnheiten, Welt-
deutungen und Freizeitgestaltung betrifft.
Die vielfltigen neuen kulturellen Ausdrucksformen stellten Sozial- und Kul-
turwissenschaftlerInnen vor das Problem, einen einheitlichen Trend fr die 90er
Jahre zu bestimmen.
In den 1990er Jahren wurde es nmlich zunehmend schwerer, die bedeutenden
Elemente des Zeitgeistes zu identi

zieren, da sich die sogenannte Multioptions-
gesellschaft durch eine Vielzahl von Lebensentwrfen und Orientierungsmustern
kennzeichnen lie, die eine Diversi

kation der Konsumbedrfnisse bewirkte (...).
(Knop 2010, S. 215)
Die deutsche Gesellschaft der 90er Jahre ist oft als Spagesellschaft tituliert worden;
demonstrativer Konsum und Hedonismus entsprachen dem Zeitgeist, was zudem durch
eine Flut von Comedy-Sendungen befrdert wurde. Von konservativer Seite wurden
diese Trends als Ver

achung und Infantilisierung kritisiert, von links als Sieg einer
vereinheitlichenden Kulturindustrie ohne jeden inhaltlichen oder kritischen Anspruch.
Deutschland wurde in den 90ern zunehmend zu einem Land, das strker in
Arm und Reich gespalten war, wobei sich das Reichtumsgeflle nicht (nur) auf
den Unterschied zwischen den alten und den neuen Bundeslndern bezog. Diese
Entwicklung war kein deutscher Sonderweg, sie war vielmehr das Ergebnis eines
Kapitalismus, der sich nach dem Untergang der staatssozialistischen Staaten hem-
Sehr unterschiedliche und keineswegs nur in Deutschland wirksame Phnomene
der Steuersenkung fr Unternehmer, Deregulierung und Privatisierung ffentlicher
Infrastruktur (...) um beinahe jeden Preis auf der einen sowie eine international
rigide berwachte Einhaltung von Schuldengrenzen in staatlichen Haushalten und
dem Abbau sozialer Ausgaben auf der anderen Seite schienen in den 90er Jahren
eine neue soziale Welt zu schaffen. (Schildt/Siegfried 2009, S. 511)
2146 Die neunziger Jahre
Diese neue soziale Welt schlug sich in den Sozialstatistiken in der Form nie-
der, dass die Lebensverhltnisse von krassen Gegenstzen bei den Gehalts- und
Vermgensverhltnissen geprgt waren. Auf der einen Seite stieg die Anzahl der
Millionre auf ber eine Million, konzentrierten sich 75 % des gesamten Geldver-
mgens auf das obere Drittel der BesitzerInnen, wobei 5 % der reichsten Haushalte
einen Anteil des Geldvermgens von 31 % besaen (s. Faulstich 2010a, S. 13).
Auf der anderen Seite gab es, bedingt durch hohe Arbeitslosigkeit und Krzungen
bei den sozialen Sicherungsleistungen, eine immer grere Anzahl von Menschen,
die knapp an oder unterhalb der Armutsgrenze lebten und die kaum oder gar nicht
in der Lage waren, an dem wachsenden Angebot an Konsumgtern teilzunehmen.
Die gestiegene Armut in Deutschland hatte auch Auswirkungen auf die herr-
schende Mentalitt der Bevlkerung, die Angst vor Arbeitslosigkeit, sozialem Ab-
stieg und Armut wurde fr groe Teile der Bevlkerung zu einem bestimmenden
lige soziale Situation machte.
Gesellschaftlich erwnscht und sozial gefragt wurde der

exible Mensch
Kennzeichnend fr diesen Prozess, der den Wettbewerb betonte und das Kon-
kurrenzdenken in den Mittelpunkt rckte, sind die sogenannten Rankings, die
im Laufe der 90er Jahre immer populrer wurden. Sie beurteilten die jeweiligen
Gegenstnde oder Personen von Unternehmensstandorten, SportlerInnen bis
hin zu Hochschulen, ProfessorInnen oder Stdten nach Kriterien der Ef

zienz,
Leistungsfhigkeit und Wirtschaftlichkeit und verglichen sie in Hitparaden mit-
einander. Es machte sich verstrkt ein Bewusstsein breit, das sich an konomie
und Ntzlichkeit orientierte, sodass auch Menschen danach beurteilt wurden, was
sie leisteten oder nicht. Gefragt waren Individualismus und Egoismus, eine Markt-
orientierung, ein unternehmerisches Selbst (Brckling 2007).
Auch die Kommerzsender trieben den gesellschaftlichen Trend zur konomi-
sierung und die damit einhergehende Tendenz, die Gesellschaft in GewinnerInnen
und VerliererInnen einzuteilen, voran.
So gab es ab Mitte der 90er Jahre H.O.T., den ersten Teleshopping-Sender, der
ohne Unterbrechung Tag und Nacht Werbesendungen ausstrahlte. In den soge-
nannten Daily Talkshows wurden Menschen vor Studio- wie Fernsehpublikum
zunehmend lcherlich gemacht.
Hier wurden angeheizt durch die Moderatoren und Moderatorinnen und einem
Saalpublikum die Gste oft gedemtigt und letztlich auch denunziert. (Hicket-
hier 2010, S. 258)
215
6.2 Soziale Unsicherheit in der Erlebnisgesellschaft
Die wachsende gesellschaftliche konomisierung zeigte sich in solchen Sendun-
gen daran, dass die VerliererInnen vorgefhrt wurden, diejenigen, die es nicht
geschafft hatten, sich in der strker deregulierten Gesellschaft zurechtzu

nden.
Deren reale oder lediglich erfundenen problematischen Lebenssituationen
wurden dabei als individuelles Versagen dargestellt, was beim Publikum tenden-
ziell das Gefhl zurcklie, es trotz einer eventuell eigenen unbefriedigenden Le-
benslage doch noch recht gut geschafft zu haben. Es ging weniger um Empathie
oder Mitleid, um Lsungen oder Solidaritt als vielmehr darum, den Menschen
ihre missliche Situation vorzuwerfen und sie zu verhhnen; es ging um Vorurteile,
Vorwrfe und Appelle an die Einzelnen, sich den gesellschaftlichen Gegebenhei-
ten anzupassen, um nicht auf die Verliererseite zu geraten.
Diese Grundhaltung spiegelte sich auch in psychologischen Veranstaltungen
wider: Begriffe und Ziele wie Selbsterkenntnis und Kreativitt zentrale Werte
der Hippiekultur und des alternativen Milieus wurden in eine marktkonforme
Logik eingepasst, die nicht das Wohl des oder der Einzelnen, sondern deren Ver-
wertbarkeit zum Ziel hatten. In seiner Untersuchung kommt Ulrich Brckling zu
dem Schluss, dass die unterschiedlichsten Bildungsmanamen sei es fr Lang-
zeitarbeitslose, Jugendliche ohne Ausbildungsplatz, Fortbildungen fr Fhrungs-
unterschieden. Sie alle hatten zum Ziel, ihre jeweilige Klientel an den Markt anzu-
passen und sie allein fr ihre Situation verantwortlich zu machen, aus der sie sich
wieder herausarbeiten sollten:
Hier wie dort

ndet man die gleiche Beschwrung von Selbstverantwortung, Krea-
tivitt, Eigeninitiative, Durchsetzungsvermgen und Teamfhigkeit, die gleiche Ak-
tivierungsrhetorik, das gleiche Gebot kontinuierlicher Verbesserung und den glei-
chen nahezu unbeschrnkten Glauben an die Macht des Glaubens an sich selbst.
Hier wie dort schlielich fungiert der Markt als oberster Richter. (Brckling 2007,
S. 75)
Die Tendenz hin zu einer Individualisierung von Lebenslagen und lufen be-
gann in der Bundesrepublik der 60er Jahre und hat seitdem stndig zugenommen.
bestimmen zu knnen, sondern auch den Zwang, sich angesichts unsicherer ko-
nomischer Aussichten und reduzierter sozialstaatlicher Leistungen auf dem Markt
zu behaupten zu mssen.
Wesentlich krasser traf diese Situation die frheren DDR-BrgerInnen; sie wa-
ren in einem Land sozialisiert worden, in dem der Staat das Leben stark reglemen-
tierte, in dem Individualismus tendenziell als Abweichlertum und Subversion galt
2166 Die neunziger Jahre
und sanktioniert wurde. Der Zwang fr die Menschen in der DDR bestand darin,
sich den Vorgaben der SED und der verschiedenen Massenorganisationen unter-
zuordnen. Eine individualistische Selbstdarstellung in einer vor allem an Pro

t
orientierten Gesellschaft war ihnen vllig neu.
Die 90er Jahre waren auch das Jahrzehnt eines intensiven Kultes um den Kr-
per: Auffllig war die steigende Zahl von Ttowierungen bei beiden Geschlechtern
vor allem bei jngeren Menschen. Ttowierungen hatten zuvor den Ruf, bei sozia-
len Gruppen wie Strafgefangenen, Rockern oder bei schwer arbeitenden Mnnern
Piercings an den Lippen, der Nase, der Zunge, dem Bauchnabel oder im Intimbe-
reich bei beiden Geschlechtern. In Mode kamen ebenfalls chirurgische Eingriffe
am Krper: Brustvergrerungen und -straffungen bei Frauen, Fettabsaugen am
Bauch und an den Oberschenkeln, Nasenkorrekturen, Aufspritzen der Lippen und
Lifting gegen Falten im Gesicht und Straffung der Augenlider waren Manah-
men, denen sich in erster Linie Frauen unterzogen. Zugleich kamen immer mehr
Nahrungsergnzungsprparate auf den Markt, die entweder zum Muskelauf-
bau und zur krperlichen wie psychischen Strkung verhelfen sollten wie Super
Power Drinks oder zur Gewichtsreduzierung durch Fatburner. Ganz im Sinne
des Zeitgeistes bemhten sich viele Menschen, die Imperative der Flexibilitt, der
Leistungsbereitschaft und der Individualitt mit ihrer krperlichen Erscheinung
auszudrcken, wobei die Models aus dem Modezeitschriften, die Stars und Stern-
chen aus der Glitzerwelt und Prominente aus dem Sport und dem Showbusiness
verachtet oder zur Zielscheibe von Spott; sie galten als undiszipliniert.
Dicke Menschen waren hsslich, man sagte ihnen einen Mangel an Selbstkont-
rolle nach, sie lieen sich gehen, und noch immer werden sie von ihrer Umwelt
Bezeichnend fr einen Umgang mit dem Krper ist die seit 1994 erscheinende
Zeitschrift Fit for fun, in der Ernhrungstipps, Anregungen fr sportliche Be-
ttigungen und fr die Krperp

ege in hoher Au

Traditionell standen eher Frauen unter dem Druck, ihren Krper den Idealen
gefallen und sich als attraktiv darzustellen.
Seit Beginn der 80er Jahre galt dieses Gebot zunehmend auch fr Mnner und
verstrkte sich im Laufe der 90er Jahre. In einer Gesellschaft, die sich durch Er-
folg, Besitz und attraktive Krper de

nierte und die durch Konkurrenz bestimmt
217
6.2 Soziale Unsicherheit in der Erlebnisgesellschaft
war, wuchs bei Mnnern die Unsicherheit hinsichtlich ihrer (krperlichen) Attrak-
tivitt.
Sie waren nicht nur mit ihrem Krper unzufrieden, sondern auch mit ihrer Seele
und ihrer Persnlichkeit. Im Fitnessstudio behandelten sie nicht nur ihren Krper,
sondern auch ihre Angst vor Schwchlichkeit, Unmnnlichkeit, fehlender sexuel-
ler Attraktivitt, fehlender Persnlichkeitsbesttigung, fehlendem Erfolg, fehlen-
dem Selbstwertgefhl. (Faulstich 2010b, S. 243)
Eindeutiges Anzeichen dafr, dass dieser Druck auch fr Mnner stieg, ist das Er-
scheinen der US-Zeitschrift Men

s Health in Deutschland im Jahr 1996. Diese
Zeitschrift erschien bereits seit 1987 in den Vereinigten Staaten und propagiert ein
Mnnerbild, das den Imperativen des Marktes entspricht. Men

s Health gibt Tipps,
den Krper schlank und krftig zu formen, Sextipps und Hinweise, wie Mann mit
Frauen zu

irten hat; es wird ein Lebensstil propagiert, der sich durch teure An-
zgen, stilvolle Wohnungseinrichtungen und Luxusautos auszeichnet. Leitbild
ist der Manager: selbstbewusst, entscheidungsfreudig, psychisch und physisch
Trendsportarten wie Bergsteigen, Drachen

iegen oder Snowboardfahren gr-
erer Beliebtheit, mit denen Individualitt, Sportlichkeit und Mut unter Beweis
nennen: Als Prototyp dieser Spezies galt der britische Fuballspieler David Beck-
ham. Der Metrosexuelle lebt in den teuren Gegenden der Metropolen der Welt
sorgsam p

egt, teure Anzge trgt und sich auch schminkt. Dieses neue Leitbild
von Mnnlichkeit ist aber vermutlich in erster Linie ein Produkt der Schnheits-
industrie, die ihre Produkte verstrkt an den Mann bringen wollte.
Die Tendenz zu einem gesunden und gestylten Lebenswandel, der im Laufe der
90er Jahre zum Ideal avancierte, zeigt sich ebenfalls in der greren Verbreitung
und Vermarktung von sogenannten Light-Produkten, die eine geringere Kalo-
rienzufuhr bei der gleichen Konsummenge versprachen.
Schlielich fgt sich in den Umgang mit dem Krper und dem Zwang zu Fit-
ness, Schlankheit und Gesundheit noch das Rauchen ein, das in den 90er Jahren
verstrkt stigmatisiert wurde.
2186 Die neunziger Jahre
Es waren die 90er Jahre, in denen auch das Rauchen in der ffentlichkeit, speziell
am Arbeitsplatz und in Kneipen und Restaurants, seine generelle Akzeptanz verlor,
bis Raucher heute wie selbstverstndlich nur noch verschmt in kleinen Pausen vor
die Tr treten, sich separieren von der Gemeinschaft und zunehmend einsam ihrer
ungesunden Sucht frnen. (Faulstich 2010c, S. 245)
6.3 Sexuelle Selbstbestimmung und Verhandlungsmoral
Die deutsche Vereinigung hatte gravierende Auswirkungen auf das Geschlechter-
verhltnis, vor allem die Frauen der ehemaligen DDR waren negativ betroffen. Zu
DDR-Zeiten war die Versorgung von Kindern durch Krippen fast lckenlos ge-
whrleistet gewesen, was den Frauen eine beru

iche Ttigkeit ermglichte. Zwar
und die Aufgaben der Haushaltsfhrung und der Kindererziehung wurden in ers-
ter Linie von ihnen erledigt (s. Bussiek 2010, S. 49), doch war die Vereinbarkeit
von Berufsarbeit und Familie die Regel. Nun sahen sie sich mit dem Problem der
Arbeitslosigkeit konfrontiert:
Schon bald nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten im Jahre 1990
wies ein Blick in die Statistik die Frauen im Osten als Hauptverlierer der deutschen
Einheit aus. In der Konkurrenz um knapp gewordene Ausbildungs- und Arbeits-
pltze waren sie ins Hintertreffen geraten. 1992 waren 22 Prozent der Frauen,
aber nur 11,5 Prozent der Mnner in den so genannten neuen Bundeslndern von
lag bei 65 Prozent, an den Langzeitarbeitslosen sogar bei 75 Prozent. (Bussiek
2010, S. 50)
Eindeutiges Indiz fr die mangelhafte konomische Situation vieler Frauen in den
neuen Bundeslndern und die damit verbundene unsichere Zukunftsperspektive
ist die dort seit 1990 stark abnehmende Geburtenrate.
Weit entfernt von der sozialen Realitt vieler Frauen in Ost wie West war
als Vorbild verkauft, doch war dieses Vorbild fr viele Frauen aufgrund ihrer so-
zialen und konomischen Situation unerreichbar.
219
6.3 Sexuelle Selbstbestimmung und Verhandlungsmoral
Zum Klischee der perfekten Frau der 90er Jahre gehrten neben Kindern und
Karriere auch ein erflltes Sexualleben, ein gep

egtes ueres und kontinuierlich
gute Laune. Im Zeitalter von Krperkult, Slow-Food-Bewegung, After-Work-Parties
und ausuferndem Individualismus schien sich die angespannte, mitunter auch ver-
krampfte Debatte um Frauenfragen in befreiendem Gelchter zu lsen. Feministi-
sche Kritikerinnen haben jedoch darauf hingewiesen, dass durch das unrealistische
Bild der Superweiber die Messlatten fr weibliche Lebensentwrfe absurd hoch
gehngt wrden. (Bussiek 2010, S. 60)
Dieses Bild der erfolgreichen, attraktiven und wohlhabenden Frau hat viel gemein-
sam mit dem mnnlichen Pendant des Metrosexuellen; beide Klischees waren fr
einen Groteil der Frauen wie Mnner aufgrund ihrer konomischen Situation
nicht erreichbar.
Im Zuge der gesellschaftlichen Individualisierung differenzierte sich ein breites
Spektrum von Mnnlichkeit heraus, hier hinterlie die weibliche Emanzipation
deutliche Spuren. Walter Hollstein skizziert die unterschiedlichen Umgangswei-
sen von Mnnern mit den selbstbewussteren Frauen und kommt zu verschiedenen
Typisierungen (s. Holstein 1999, S. 102104): Diese Mnnlichkeitstypen reichen
vom Depressiven, der sich von den Vernderungen im Verhltnis der Geschlech-
ter berfordert fhlt, ber den Macho, der sich auf das alte mnnliche Rollen-
bild zurckzieht, den Opportunisten, der sich lediglich ober

chlich zur Frauen-
emanzipation bekennt, den Softie, der sich defensiv den Forderungen von Frauen
hltnisses mitwirken will.
schlechtern ein bedeutendes Thema. Bereits 1991 verffentlichte die US-Ame-
rikanerin Susan Faludi ihr Buch Backlash mit dem Untertitel Die Mnner
schlagen zurck, das 1993 auf Deutsch erschien. Zentrales Thema des Buches ist
die Beobachtung, dass die durch die Frauenbewegung erreichten Fortschritte hin-
sichtlich einer Gleichberechtigung der Geschlechter durch einen Rckschlag der
Mnner gefhrdet seien. Insbesondere die konservative Vorherrschaft in den 80er
Jahren habe zu einer Reaktivierung althergebrachter Rollenverstndnisse gefhrt
und zahlreiche Mnner ermutigt, die Fortschritte und das gewachsene weibliche
Selbstverstndnis zurckzudrngen, um eine (drohende) Geschlechtergerechtig-
keit zu verhindern.
Der antifeministische Gegenschlag wurde nicht durch den Kampf der Frauen um
volle Gleichberechtigung ausgelst, sondern durch die Tatsache, da ihre Chancen
gestiegen waren, diesen Kampf zu gewinnen. Es handelt sich um einen Prventiv-
schlag, der die Frauen weit vor der Ziellinie stoppt. (Faludi 1993, S.23)
2206 Die neunziger Jahre
Faludi sieht Anzeichen fr den mnnlichen Gegenschlag sowohl in den propagier-
ten Frauenbildern diverser Hollywood-Filme, im Fernsehen, in der Mode und vor
allem in den ideologischen Standpunkten der Neokonservativen und der Neuen
Rechten.
In die gleiche Richtung argumentiert Mller (1999), wenn er von einem antife-
ministischen Diskurs in den Medien schreibt. Er bezieht sich hierbei vor allem auf
die medialen Behauptungen, dass der Feminismus zu einer herrschenden Ideologie
geworden sei. In Zeiten der konomischen Krise und des sozialstaatlichen Abbaus
wurde er von mnnlicher Seite als Gefahr dargestellt, die es zu bekmpfen gelte.
Dabei werden in der neuen BRD der 1990er Jahre insbesondere auch institu-
tionelle und institutionalisierte Machtzuwchse von Frauen (als sozialer Gruppe)
wieder strker bekmpft und Frauen u. a. aus Grnden vermeintlicher konomi-
scher Opportunitt in traditionelle Rollenschemata zurckgedrngt. (Mller
1999, S. 17)
Der Widerstand engagierter Frauen gegen sexualisierte bergriffe von beleidi-
genden Kommentaren ber sexuelle Belstigung bis zu Vergewaltigung wurde
als bertrieben, hysterisch und lustfeindlich dargestellt. In diesen Klischeebildern
galt der Feminismus als verstaubt, unattraktiv, langweilig und letztendlich ber-

ssig, weil Frauen ja alles geschafft htten. Doch zeigt ein Blick auf die realen
Lebenssituationen, dass Frauen in beiden Teilen des vereinten Deutschlands in
Relation zu Mnnern eindeutig unterprivilegiert waren.
Die seit Mitte der 60er Jahre stark gelockerte Sexualmoral und das gewachsene
Selbstbewusstsein von Frauen fhrten dazu, dass sich in den 90er Jahren tenden-
ziell eine Verhandlungsmoral durchsetzte.
lungen als solche Gegenstand moralischer Urteile waren; dieser Auffassung nach

nden und der Zeugung
von Nachwuchs dienen. Vorherrschend war eine Moral von oben, die den Men-
schen richtiges, anstndiges oder normales Verhalten im sexuellen Bereich
vorschrieb, wobei insbesondere die christlichen Kirchen und konservative Akteu-
rInnen eine bedeutende Rolle spielten.
Abgelst wurde diese traditionelle Moral von einer Moral von unten (Schmidt
2004, S. 9), in der die Menschen ihr Sexualleben selbst gestalten und aushandeln
konnten. Diese Verhandlungsmoral beurteilte sexuelle Handlungen nicht danach,
welche Art von Sexualitt praktiziert wurde, sondern danach, wie der sexuelle
Kontakt zustande gekommen war: Als akzeptabel galten sexuelle Handlungen
zwischen Personen, wenn sie nicht auf Zwang, Druck oder Gewalt basierten, son-
221
6.3 Sexuelle Selbstbestimmung und Verhandlungsmoral
dern ausgehandelt wurden und auf Freiwilligkeit beruhten. Folge dieses Wandels
in der Sexualmoral war eine gestiegene Sensibilitt gegenber jeder Form ge-
waltfrmiger Sexualitt wie sexueller Belstigung, sexuellem Kindesmissbrauch
und Vergewaltigung, weil sie nicht zwischen gleichberechtigten PartnerInnen
und deren ausgehandelten Interessen und Bedrfnissen stattfanden. Die Durch-
setzung der Verhandlungsmoral zeigte sich juristisch darin, dass 1997 im Bundes-
tag beschlossen wurde, Vergewaltigung in der Ehe als Straftatbestand zu werten.
Dadurch traten auch innerhalb der Ehe individuelle VerhandlungpartnerInnen in
sexuellen Kontakt und Grenzverletzungen sowie sexuelle Gewalttaten konnten ge-
ahndet werden.
Die Verhandlungsmoral fhrte dazu, dass die Mglichkeiten, Sexualitt jen-
den, enorm stiegen. Einziges Kriterium zur Beurteilung war die Freiwilligkeit der
beteiligten Menschen:
Die Konsequenz ist ebenso radikal wie bemerkenswert: Freuds polymorph perver-
se Welt wird polymorph unpervers. Normale Sexualitt, Heterosexualitt, wird
zu einem von vielen Lebensstilen, zu einer von vielen Arten, sexuell zu sein. Die
stile, medial schonungslos prsentiert und bekannt gemacht, allseits stolz geoutet.
(Schmidt 1996, S. 12)
Eindeutiges Anzeichen war das gestiegene Selbstbewusstsein und die grere
Sichtbarkeit von Menschen mit homosexueller Orientierung in der ffentlichkeit.
Erst im Jahr 1992 strich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Einstufung
der Homosexualitt als Krankheit, was Homosexualitt von einem of

ziellen Stig-
ma und der Gefahr der Verfolgung befreite.
sich im Laufe der 90er von Aktionen, die wenn berhaupt am Rande wahr-
genommen wurden, zu Massenveranstaltungen, die von Zehntausenden Menschen
gestaltet und besucht wurden. Obwohl und gerade weil Menschen mit homosexu-
eller Orientierung nach wie vor unter Diskriminierung und auch Gewalt zu leiden
hatten und haben, war dies ein Schritt, sich offen und selbstbewusst in der ffent-
lichkeit zu zeigen und zur jeweiligen sexuellen Orientierung zu stehen. Zumindest
an diesen Tagen fand die homosexuelle Kultur nicht mehr abgeschieden, sondern
Mnner verstrkt als Konsumentengruppe erreicht, wobei homosexuelle Mnner
eine Vorreiterrolle spielten:
2226 Die neunziger Jahre
Viele heterosexuelle Mnner haben ein neues Krpergefhl. Endlich ist heute
nicht nur von schwulen, sondern auch von heterosexuellen Mnnern die Rede. De-
ren Avantgarde sind sogenannte Metrosexuelle wie zum Beispiel der Fuballstar
David Beckham. Diese Neo-Mnner kmmern sich wie einst nur Schwule darum,
wie sie riechen, wie sie frisiert sind, was sie anhaben, wie viel sie wiegen, berhaupt
wie es bei ihnen um Beauty, Styling, Fitness bestellt ist. (Sigusch 2011, S. 106)
Der Fall der Mauer beseitigte auch eine Barriere fr die Pornoindustrie, die nach
konnte. Auch jenseits der Porno- und Sexindustrie wurden sexuelle Themen in
den 90ern verstrkt dargestellt und verhandelt. In verschiedenen Sendungen, vor
allem den Talkshows der kommerziellen Sender, wurde am Nachmittag ber The-
men wie Mein Busen ist mein Kapital, Mein kleiner Freund wie gro muss er
sein?, Wie werde ich ein Porno-Star, Heimliche Voyeure am Strand und Sex
mit 70 diskutiert. Das Kalkl der Sender, mit sexuellen Themen ZuschauerInnen
zu locken, ging dabei in der Regel auf, Sexualitt wurde in Talkshows und anderen
Sendeformaten medial vermarket:
Talkshows und Features im Fernsehen liefern uns tglich sexuelle und geschlecht-
liche Exoten und Besonderheiten ins Haus mal einen Zwitter, mal einen Trans-
vestiten, mal einen Stricher; mal eine postpartal Frigide, mal einen Freier und ge-
legentlich sogar einen Sexualforscher und enthllen, da man von Sexualitt nur
im Plural sprechen kann: von Sexualitten. (Schmidt 1996, S. 12)
Hinzu kamen sogenannte TV-Movies mit Titeln wie Natalie Endstation Baby-
strich, Gnadenlos zur Prostitution gezwungen und Sendungen, die sich aus-
schlielich mit dem Thema Sexualitt befassten wie Wa(h)re Liebe, Liebe Sn-
de oder Eine Chance fr die Liebe, in der die Moderatorin Erika Berger Hilfe
bei Problemen im Liebes- und Sexualleben versprach.
Unter gesellschaftlichen Bedingungen einer Verhandlungsmoral und einer
weitgehenden Enttabuisierung von Sexualitt, einer sexuellen Multioptionsgesell-
lustvoll auszuleben. Doch belegen empirische Studien der Sexualwissenschaft fr
die 90er Jahre das genaue Gegenteil, zumindest im Bereich der Heterosexualitt:
Die vielen, methodisch zum Teil anspruchsvollen Studien ber das Sexualverhalten
von Mnnern und Frauen in den westlichen Industriegesellschaften zeigen verblffend
einheitlich ein eher karges Sexualleben zwischen Mnnern und Frauen und zwar
von Helsinki bis San Francisco, von Marseille bis Inverness. (Schmidt 1996a, S. 17)
223
6.3 Sexuelle Selbstbestimmung und Verhandlungsmoral
sein: Der Reiz des Verbotenen ist durch den Abbau von Tabus entfallen; die stn-
dige Prsenz von Sexualitt in Werbung und Medien fhrt eher zu einer Abstump-
fung und schlielich werden durch die Prsentation von Krpern und Sexual-
praktiken, die dem gesellschaftlichen Schnheitsideal und Standard entsprechen,
Bedeutenden Ein

uss auf die praktizierte Sexualitt seit den spten 90er Jahren
hatte die Entwicklung von Viagra. Ursprnglich wurde an einem Medikament fr
Herzbeschwerden geforscht, wobei es auffllig war, dass zahlreiche Probanden
Erektionen aufwiesen; Auslser dafr war der Stoff Sildena

l, der die Erektion
beim Mann verlngert. 1998 wurde aufgrund dieser Forschungsergebnisse Viagra
in den USA und kurz darauf in Europa als Medikament zugelassen. Das enor-
me Echo in den Medien und die Tatsache, dass Viagra zu einem steilen Kurs-
anstieg des Herstellers P

zer fhrte, machten deutlich, dass Erektionsprobleme
ein weit verbreitetes Phnomen waren; andere Pharmaunternehmen entwickelten
ebenso Prparate gegen Erektionsprobleme, weil hier ein enormer Markt und Pro-

tchancen bestanden. Die Er

ndung und Entwicklung von Viagra und weiteren
Potenzmitteln kann widersprchlich beurteilt werden: Sie helfen Mnnern mit
Erektionsproblemen dabei, Schamgefhle oder Versagensngste zu berwinden
und zu einem befriedigenderen Sexualleben zu gelangen. Andererseits kann kriti-
siert werden, dass hier Hilfe geleistet wird, eine Art Sexualitt zu praktizieren, die
Leistung in den Mittelpunkt stellt und so abkoppelt von anderen zwischenmensch-
lichen Beziehungen, wie es Volkmar Sigusch aus sexualwissenschaftlicher Sicht
betrachtet:
Aber welche prosexuellen Substanzen auch immer in den nchsten Jahrzehnten
auf den Markt kommen sollten, eine wesentliche Tatsache ist ohne Zweifel: Keine
Pille kann fehlende Anziehung oder Nhe, kann unbewusste und tiefer reichende
Kon

ikte aus der Welt schaffen. Es wre ja zu schn, um wahr zu sein, wenn wir
ber Pharmaka oder Rauschdrogen verfgten, die gestrte Sexualbeziehungen re-
parieren und fehlende Liebesbeziehungen ersetzen knnten. (Sigusch 2011, S. 159)
Die in den 90er Jahren entstandene Queer-Theorie brachte eine neue Sichtwei-
se auf Sexualitt und das Geschlechterverhltnis. Der englische Begriff Queer
homosexuell grundlegend in Frage:
2246 Die neunziger Jahre
Queer Theorie und ihre Anwendung in den Queer Studies zielen, (), auf die De-
naturalisierung normativer Konzepte von Mnnlichkeit und Weiblichkeit, die Ent-
koppelung der Kategorien des Geschlechts und der Sexualitt, die Destabilisierung
des Binarismus von Hetero- und Homosexualitt sowie der Anerkennung eines se-
xuellen Pluralismus, der neben schwuler und lesbischer Sexualitt auch Bisexuali-
tt, Transsexualitt und Sadomasochismus einbezieht. (Kra 2003, S. 18)
Queer als Theorie wie Praxis, indem sie den Ansatz des Konstruktivismus radi-
kalisierte. Die Frauenbewegung hatte unter dem Motto Man wird nicht als Frau
geboren, sondern dazu gemacht geschlechtsbezogene Benachteiligungen von
Mdchen wie Frauen als sozial erzeugt analysiert. Diese waren folglich weder von
Gott gewollt oder gemacht und auch nicht natrlich bedingt, sondern Ausdruck
wurde allerdings immer noch, dass es natrliche (anatomische) Unterschiede zwi-
schen den Geschlechtern gibt. Diese Annahme, dass Geschlechtsunterschiede
weitestgehend sozial konstruiert sind, war die Grundlage feministischer Theorien.
Butler entwickelte den konstruktivistischen Ansatz dahingehend weiter, dass
auch der (angeblich) biologische Unterschied der Geschlechter nicht natrlich ist,
sondern Produkt sozialer Konstruktionen:
Dementsprechend lautet die Frage knftig nicht mehr, wie das soziale Geschlecht
als eine und durch eine bestimmte Interpretation des biologischen Geschlechts
konstruiert wird (...), sondern vielmehr: Durch welche regulierenden Normen wird
das biologische Geschlecht selbst materialisiert? Und wie erklrt sich, da die Be-
handlung der Materialitt des biologischen Geschlechts als eines Gegebenen die
normativen Bedingungen fr dessen Auftreten voraussetzt und konsolidiert? (But-
ler 1997, S. 32)
Durch die Radikalisierung eines konstruktivistischen Ansatzes erbrigt sich die
Kontroverse um das biologische Geschlecht (Sex) und das soziale Geschlecht
(Gender), weil diesem Standpunkt zufolge allem Natrlichen immer schon eine
sozial strukturierte Kategorisierung und Wahrnehmung vorausgeht. Zentraler Kri-
tikpunt von Queer ist die Heteronormativitt, also die Annahme, dass Liebe
und Sexualitt zwischen zwei Geschlechtern stattzu

nden hat und als normal
angesehen wird:
225
6.4 Jugend im vereinten Deutschland
Mit dem Begriff der Heteronormativitt sucht Queer Theorie nun genau diese
bereinkunft zu brechen und Heterosexualitt als Norm, Institution und Matrix
sichtbar zu machen. In den Blick gerckt werden die Reproduktionsmechanismen,
Vernetzungen und institutionellen Zwnge, die dafr sorgen, dass die Institution
2005, S. 294)
Geschlechtliche Identitt und Heterosexualitt werden als gesellschaftliche
titten angenommen werden und wie die Liebe zwischen diesen beiden Geschlech-
tern zur sexuellen Norm wird, was wiederum andere Formen von Identitt und
Sexualitt ausschliet. Der Bezug auf Queer fhrt zu einem Engagement fr
die Au

sung traditioneller Normen, letztlich zu einem Engagement fr Eman-
zipation, fr erweiterte Freirume und Selbstbestimmung im Bereich Geschlecht
und Sexualitt. Als praktisches Projekt kann Queer dazu beitragen, durch Regel-
verste z. B. bei Kleidung, Mimik, Handlungen gegen die sozialen Selbstver-
stndlichkeiten der Heteronormativitt zu agieren, dadurch Irritationen hervorzu-
rufen und Normalitt in Frage zu stellen. Wegen des radikalen Ansatzes und
der Machtkritik erfreute und erfreut sich Queer in erster Linie im linken aka-
demischen Milieu groer Beliebtheit. Der Bezug zur Queer-Theorie ist auch die
Grundlage fr diverse LGBT-(Lesbian-, Gay-, Bisexual-, Transgender-)Initiativen,
die neben der Gleichberechtigung homosexueller Menschen auch die Akzeptanz
unterschiedlicher sexueller Identitten fordern.
6.4 Jugend im vereinten Deutschland
Fr Heranwachsende, die in der DDR sozialisiert wurden, war die Wiederver-
einigung mit groen Vernderungen verbunden. Sie waren in einem Land auf-
gewachsen, in dem der Staat groen Ein

uss auf sie hatte: In der Schule und in
den verschiedenen Massenorganisationen wie den Jungen Pionieren und der Freien
Deutschen Jugend (FDJ) sollten sie zu Loyalitt gegenber dem sozialistischen
Staat, der Partei und der Gesellschaft erzogen werden. Kindheit und Jugend unter-
lagen in weiten Teilen der staatlichen Kontrolle, Kritik und Abweichungen wurden
Trotz oder gerade wegen dieser Bevormundung hatten Produkte aus dem Wes-
ten bei Jugendlichen eine enorme Anziehungskraft: Jeans, Coca Cola und Schall-
2266 Die neunziger Jahre
platten westlicher Rockstars und -bands wurden oft illegal eingefhrt und waren
uerst begehrt.
Trotz starker Reglementierungen und Kontrollen kamen Informationen ber
den Stil der unterschiedlichen westlichen Jugendkulturen bei den Jugendlichen
in der DDR an. Dies wurde von der Obrigkeit mit Argwohn gesehen, denn sie be-
Schon Elvis Presley sorgte in den 50ern fr eine diffamierende Berichterstat-
tung in der DDR-Presse, wie es sie auch im Westen gab. So schrieb die Junge
Welt 1957 ber Presley:
Sein Gesang glich seinem Gesicht: dmmlich, stumpfsinnig und brutal. Der Bur-
sche war vllig unmusikalisch, krchzte wie eine an Keuchhusten leidende Krhe
und suchte solch stimmliche Nachteile durch wildes Hftschwingen la Marilyn
Monroe wettzumachen (...). Er sprang herum wie ein hochgradig Irrer, schttelte
seinen Unterleib, als habe man ihm unverdnnte Salzsure zu trinken gegeben, und
rhrte dabei wie ein angeschossender Hirsch, nur nicht so melodisch (Zit. n. Rau-
hut 2002, S. 7)
Hier zeigen sich die gleichen Vorbehalte, wie in der Bundesrepublik gegenber
dem aufkommenden Rock

n Roll. Der individuelle und Sexualitt ausstrahlende
Krper eines Mannes passte nicht in das Bild von Jugend, das sich die Machtha-
ber in der DDR wnschten. Die Krper der Jugendlichen der Mdchen wie der
Jungen sollten sich bei ffentlichen Auftritten nicht individuell und extatisch
darstellen, sondern sich kontrolliert in Massen und im Gleichschritt bewegen, wo-
bei sie staatstragende Parolen und Portrts demonstrativ zu zeigen hatten, um ihre
Loyalitt mit der DDR zum Ausdruck zu bringen. Die Unsicherheit, die der Rock

n

Roll bei den Herrschenden in der DDR auslste, zeigte sich in der Er

ndung
gendlichen durch einen eigenen Tanzstil wieder auf Linie zu bringen. Um diesen
zu propagieren, sang Helga Bauer den Song Heute tanzen alle jungen Leute. Die
Begeisterung der jungen Leute in der DDR hielt sich allerdings in Grenzen.
Auftritte fr aus dem Westen stammende Rock- und Popstars waren schwierig
in der DDR. Wenn sie stattfanden, dann im Rahmen von of

ziellen Veranstal-
tungen wie Rock fr den Frieden. Das Beispiel der Klner Rockband BAP, die
ihre Tournee durch die DDR absagte, weil ihr trotz der Zusage verboten wurde,
ihre Songs fr die Konzerte selber auszusuchen, zeigt den groen Ein

uss und die
Kontrolle, die von of

zieller Seite ausgebt wurden.
Grundstzlich galten westliche Musik und die damit verbundenen Jugendkultu-
ren als tendenziell suspekt, subversiv und gefhrlich fr Staat und Partei. Demzu-
folge sahen sich die AnhngerInnen verschiedener Jugendkulturen Beobachtung,
227
6.4 Jugend im vereinten Deutschland
die typischen Merkmle der verschiedenen Jugendkulturen erstaunlich klar charak-
terisiert, wurden MitarbeiterInnen der Staatssicherheit ber Aussehen, Geschlech-
terverhltnis, politische Einstellung und soziale Herkunft der verschiedenen Ju-
gendkulturen informiert (s. Rauhut 2002, S. 116): Punks wurde ein verdrecktes,
von weiblichen und mnnlichen Jugendlichen, ein anarchistisches Gedankengut
sowie ein gewaltttiges Auftreten und eine kriminelle und asoziale Lebensweise;
rigem Bildungsniveau, neofaschistischen Tendenzen und einer Macho-Kult-Ideo-
logie, zudem rowdyhafte Aktivitten im Zusammenhang mit Fuballspielen; die
graue Kleidung, eine gemischt-geschlechtliche Population, pazi

stische Tenden-
zen, die Ablehnung von Gewalt und die Tatsache charakterisiert, dass sich unter
ihnen auch Homosexuelle befanden; Popper schlielich galten als extrem modern
Szene gemeint war, involviert.
Diese unterschiedlichen Orientierungen von Jugendlichen in der DDR jenseits
des staatlich Erwnschten und die Zugehrigkeit zu verschiedenen Jugendkul-
turen drckten sich schon unmittelbar nach dem Mauerfall in teils gewaltsamen
Die Massendemonstrationen der Wendezeit waren gerade abgeebbt, das Ende der
DDR und die deutsche Vereinigung nur noch eine Frage der Zeit, als im Frhjahr
und Sommer 1990 eine Welle von Jugendprotesten, Hausbesetzungen und gewalt-
samkeit der ffentlichkeit auf sich zog. Jugendliche in Ostdeutschland, die jahr-
zehntelang als angepasst und autorittshrig beschrieben wurden, begehrten gegen
die staatliche Macht auf; sie stritten in der nachrevolutionren bergangssituation
in der Noch-DDR bzw. dem frischvereinten Deutschland fr eigene Freirume.
(Rink 2000, S. 119)
Das erschreckende Ausma der fremdenfeindlichen Gewalt zu Beginn der 90er
Jahre war der Auftakt fr eine jugendkulturelle Szene, die sich am Nazismus
orientierte. Faschistisches und rassistisches Gedankengut, in der DDR of

ziell
verpnt, hatte fr viele Jugendliche der neuen Bundeslnder eine groe Faszina-
tion. Die Verbreitung des Neonazismus, vor allem kurz nach der Wiedervereini-
gung, ging soweit, dass ganze Landstriche als national befreite Zone deklariert
wurden mit der Folge, dass sowohl anders orientierte Jugendliche wie Erwachsene
2286 Die neunziger Jahre
als auch Menschen auslndischer Herkunft mit Gewalt bedroht wurden oder sogar
Die Attraktivitt neonazistischer Szenen fr zahlreiche Jugendliche der ehema-
ligen DDR erklrt sich zum Teil aus Problemen, sich in der neuen Gesellschaft zu
orientieren; das Leben in der DDR bot zum einen eine gewisse soziale Sicherheit,
die auf der anderen Seite aber mit einem hohen Grad an Reglementierung und
Kontrolle verbunden war. Eine klare Weltanschauung und soziale Zugehrigkeit
zu einer Gruppe Gleichgesinnter versprach, durch ein einheitliches Weltbild eine
weltanschauliche und soziale Ordnung zu stiften und zugleich eine Erklrung fr
die unbefriedigenden Lebensumstnde zu liefern.
In dieses Vakuum sozialer Einbindung knnen nun rechte Gemeinschaftsideolo-
gien einbrechen. Denn wenn Selbstverstndlichkeiten der sozialen Zugehrigkeit
und Einbindungsgefhle wegbrechen, knnen Kategorien an Bedeutung gewinnen,
die Zugehrigkeit auf der Basis quasi natrlicher Merkmale verteilen und genau
deshalb auch eine soziale Heimat und entsprechende Identitt anbieten knnen.
Dies sind Zugehrigkeit, die ber Begriffe wie Natur, Kultur, Geschlecht, Hautfar-
be, Rasse u. . aufgebaut werden. (Mller 1993, S. 43)
Neben der rassistischen berzeugung, dass Menschen mit weier Hautfarbe
anderen berlegen seien, und dem Glauben an eine angeblich einheitliche und
berlegene deutsche Kultur spielte hierbei der Bezug auf traditionelle Bilder der
Geschlechter eine zentrale Rolle. Hier konnten sich mnnliche Jugendliche auf
eine Geschlechterhierarchie beziehen, die ihnen im Rahmen ihrer Ideologie eine
Vormachtstellung gegenber Mdchen und Frauen verhalf: Der mnnliche Nazi
hat die Aufgabe zu kmpfen, das Deutsche gegen angebliche Gefahren zu ver-
teidigen, whrend tendenziell fr die weiblichen Mitglieder der Szene nach innen
gerichtete Aufgaben wie Haushaltsfhrung und Kindererziehung verbindlich sind.
Der Glaube an die berlegenheit der eigenen Rasse, Kultur und Nation, die Ab-
wertung alles Fremden wie Menschen anderer Herkunftslnder oder (mnnlicher)
Homosexueller trug und trgt dazu bei, das angeschlagene Selbstwertgefhl zu
kompensieren und individuelle wie soziale Sicherheit zu erhalten. Ein starker, nach
auen aggressiver und kampfbereiter Krper soll gegen Verunsicherung und man-
gelndes Selbstwertgefhl schtzen.
Im Zusammenhang mit dem Aufkommen rechtsorientierter Ideologien nicht
nur in den neuen Bundeslndern erweiterte und radikalisierte sich auch die
Rechtsrock-Szene. Sie rief offen zu Gewalt gegen Menschen aus anderen Lndern
kannten Gruppen kamen Formationen mit Namen wie Nordmacht, Freikorps,
Macht und Ehre oder Stahlgewitter hinzu. Die Namen der Bands sprechen fr
229
6.4 Jugend im vereinten Deutschland
sich, es handelte sich dabei um Gruppen mit ausschlielich mnnlicher Besetzung.
In einem Stck der Gruppe Stahlgewitter von 1998 wird die deutsche Mutter als
Opfer des Zweiten Weltkrieges besungen:
Die wilden Horden aus den Steppen wteten in deutschen Stdten/Die Bestie, die
aus dem Osten kam, und uns unsere Mutter nahm/Ja, sie ist nun endlich frei, und sie
starb am 8. Mai/Hier ruht eine deutsche Mutter, an ihren Taten ist sie unvergessen.
(Stahlgewitter, Deutsche Mutter)
In vollkommener Verkehrung der historischen Tatsachen werden die Deutschen
als Opfer des Weltkrieges dargestellt.
Rechtsrock war keineswegs ein deutsches Phnomen: Die englische Blood and
Honour-Bewegung und die US-amerikanischen Hammerskins orientierten sich
in ihrem Auftreten ebenfalls an faschistischem Gedankengut, ein internationales
Netzwerk der Szene entstand.
Begnstigt wurde die rechtsradikale Orientierung zahlreicher Heranwachsen-
der in den neuen Bundeslndern durch eine konomische Unsicherheit, die sie bis
dahin nicht kannten. Wie viele andere BrgerInnen der ehemaligen DDR waren sie
Statt des erhofften Lebens in Wohlstand und Sicherheit gab es fr viele die bittere
Realitt von Arbeitslosigkeit und Armut.
Allerdings waren auch in anderen, westlichen, Gesellschaften Heranwachsende
von diesen Problemen zunehmend betroffen. In seinem Episodenroman Genera-
tion X von 1991 schildert der Kanadier Douglas Coupland die Lebenssituation
von Heranwachsenden, die sich trotz guter Ausbildung und Quali

kation mit
schlecht bezahlten und unsicheren Ttigkeiten in Mc Jobs durchschlagen ms-
sen und keinerlei Aussicht auf Besserung haben.
Diese Jugendgeneration der 90er hatte erheblich schlechtere Bedingungen als
schaftswachstum aufgewachsen waren.
Die Shell-Studie von 1997 sah die Fragen nach Zukunft und Arbeit als die-
jenigen, die das Leben von Heranwachsenden am deutlichsten bestimmten. Unter
der berschrift Die gesellschaftliche Krise hat die Jugend erreicht fassten die
Autoren zusammen:
2306 Die neunziger Jahre
Die Krisen im Erwerbssektor, Arbeitslosigkeit, Globalisierung, Rationalisierung
und Abbau oder Verlagerung von Beschftigung sind nicht mehr bloߑ eine Rand-
bedingung des Aufwachsens. Sie sind nicht mehr bloߑ Belastungen des Erwach-
senenlebens, von denen Jugendliche in einem Schonraum entlastet ihr Jugendleben
fhren knnen. Sie haben vielmehr das Zentrum der Jugendphase erreicht, indem
sie ihren Sinn in Frage stellen. (Fischer/Mnchmeier 1997, S. 13)
Waren einerseits die Angebote an Ausbildung und befriedigenden Arbeitsmglich-
keiten fr viele Heranwachsende knapp, so vervielfltigten sich andererseits die
Angebote an jugendkulturellen Ausdrucksmglichkeiten. Jugendliche hatten hier
die Qual der Wahl und es kam immer mehr in Mode, mit den Zeichen der verschie-
denen Jugendkulturen zu spielen, sie zu kombinieren oder von einer in die nchste
Szene zu wechseln. Gegenkulturelle und ganzheitliche Anstze, eine umfassende
politische Alternative im Sinne einer Counter Culture waren kaum zu

nden.
Jugendkulturelle Stile verlieren zunehmend ihre Bedeutung als subkulturelle Vi-
sionen und Formen einer besseren und jugendgemeren Gesellschaft. Sie sind
nicht mehr ganzheitlich im Sinne einer konkreten Form jugendlichen Lebens (...)
Die Inhalte dieser Jugendkulturen sind ebenso eklektizistisch, schnelllebig und dif-
fus wie die modernen Gesellschaften selbst. Nichtsdestoweniger bleiben es Abgren-
zungsversuche gegenber den bestehenden Mglichkeiten der vorhandenen Mehr-
heitskultur, die fr die jungen Menschen berwiegend die Kultur der Erwachsenen
bedeutet. (Fischer/Mnchmeier 1997, S. 20)
Bei mnnlichen Jugendlichen kamen in den 90ern verschiedene Formen des Stra-
ensports in Mode. Hier ging es nicht darum, wie bei den Jungen vorheriger Ge-
nerationen, Fuball auf Hinterhfen zu spielen, sondern auf belebten Straen und
in Fugngerzonen Basketball zu spielen oder Skateboard zu fahren. Unabhngig
von der Mitgliedschaft in einem Verein, festen Trainings- und Spielterminen bot
dies Jungen die Mglichkeit, ffentlich ihre sportlichen Fhigkeiten, Akrobatik
und Krperbeherrschung zu demonstrieren. Sie konnten ohne ein geregeltes Ver-
einsleben ihre sportlichen Aktivitten selber organisieren und durch auerge-
whnliche Leistungen die Anerkennung innerhalb ihrer Gruppe erlangen.
Bei besonders spektakulren Korblegern, Finten oder sogar Dunks (das kraftvolle
Stopfen des Balles in den Korb) ist einem der respect der Mitspieler, aber auch der
Gegner sicher. In der Skating-Szene funktioniert dies hnlich, indem man Figuren
mit dem Board neu kreiert oder Teile der stdtischen Infrastruktur (Treppen, Ge-
lnder, Mlleimer oder auch Verkehrsinseln etc.) geschickt befhrt und dabei der
eigenen Kreativitt freien Lauf lt. (Wenzel 1997, S. 184)
231
6.4 Jugend im vereinten Deutschland
Groe Sportkleidungshersteller frderten diesen Trend, indem sie einen neu-
unterschied sich deutlich von der herkmmlichen Sportkleidung wie Trikots oder
Turnanzgen. Durch sogenannte Baggy-Pants, bergroe Jeans, dazu Snowbo-
de eine kommerzielle Mode fr Jungen kreiert, die vor allem lssig wirken und
nicht an den traditionellen Vereinssport erinnern sollte.
Weniger als selbst betriebene Sportart, dafr aber als Medienereignis wurde in den
Mnner Schaukmpfe lieferten; diese Sportart fand in erster Linie bei Jungen Anhnger.
In den 90er Jahren begann sich auch die Pdagogik mehr fr Jungen und ihre
Probleme zu interessieren. Ein wesentlicher Auslser war das Buch Kleine Hel-
in dem darauf hingewiesen wurde, dass Jungen nicht nur die Nutznieer einer
mnnlich geprgten Gesellschaft sind, sondern auch unter den starren Vorstellun-
gen von Mnnlichkeit leiden, wie sich an der Hufung verschiedener physischer
wie psychischer Krankheiten bei Jungen zeigt.
In der Popmusik griff die Kulturindustrie mit den sogenannten Girlies die
wussten Typ von Mdchen oder jungen Frauen, die offensiv mit ihrem Krper und
ihren sexuellen Bedrfnissen umgehen. Als Vorreiterinnen galten Madonna, die
sich erotisch und sexuell offensiv prsentierte, ebenso wie die US-amerikanische
Frauengruppe Bangles und die englische Band Bananarama, die bereits in den
80ern Erfolge zu verbuchen hatten. In den 90ern wurden vor allem die britischen
Spice Girls in diesem Genre bekannt. Die Inszenierung dieser jungen weiblichen
zipation. Es handelte sich vielmehr um einen propagierten Mdchentyp, der die
gesellschaftlichen Imperative der 90er Durchsetzungsvermgen, Erfolgsstreben
und Egoismus verinnerlicht hatte und praktizierte; so hat das Spice Girl Geri
Halliwell in einem Interview Margret Thatcher, die in England eine Politik im
(Margret) Thatcher war das erste Spice Girl, eine Vorreiterin unserer Haltung
Girl Power. (Zit. n. Crampton/Rees 2003, S. 517)
Als Deutsche Varianten wurden in den 90ern Lucylectric und Tic Tac Toe be-
kannt. Lucylectric hatte vor allem mit ihrem Song Weil ich ein Mdchen bin
groen Erfolg. Der Text des Liedes beschreibt, wie die Protagonistin einen jungen
Mann kennenlernt:
2326 Die neunziger Jahre
Was

n das fr

n wundervoller Hintern, der daneben an

nem Tresen steht/Und der
Typ der da am Hintern noch mit dran ist hat sich gerade zu mir umgedreht/Und ich
lach ihm zu oh prima den nehm ich nach Hause mit/Und dann lehn ich mich zurck
und lass dem Mann den ersten Schritt/Ich bin so froh, dass ich ein Mdchen bin .
Keine Widerrede Mann, weil ich ja sowieso gewinn, weil ich ein Mdchen bin
Die klassische Rollenverteilung wird hier auf den Kopf gestellt: Die junge Frau be-
urteilt den Mann nach seinen krperlichen Reizen, ergreift die Initiative und emp

n-
Sexismus der Fall ist , sondern als Vorteil, den sie in ihrem Sinne zu nutzen wei.
In die gleiche Richtung gehen die Songs des Dortmunder Frauentrios Tic Tac
Toe. In Titeln wie Verpiss Dich, Ich

nd Dich Scheie, Leck mich am A, B,
Zeh verkrpern sie einen Typ Mdchen und junge Frau, der sehr selbstbewusst
mnnlichen Machismo anprangert und sich, wie im Lied Mr. Wichtig, nicht zum
Geschlechtsverkehr ohne Kondom bereit erklrt:
Ich zieh nen Gummi aus der Tasche, weil ich ohne nicht mehr nasche/Ich hr nur
was soll

n das? Pack das Ding weg, weil ich

s hass/Hey Baby ist doch uncool, ohne
machts doch viel mehr Spaߓ/Jetzt hr mal zu, ich bin nicht so bld wie Du/Denn
zieht sich jetzt dein Pillermann nicht sofort einen Gummi an/Sag ich dir klipp und
klar, dann bin ich nicht mehr da.
Girlies waren vor allem ein Produkt der Popindustrie, neben den Tontrgern und
Konzertkarten lieen sich als modische Accessoires Kopftcher, T-Shirts und an-
dere Kleidungsstcke, vor allem in den Farben Rosa und Hellblau, verkaufen. Hier
wurde medial ein neues Mdchenbild kreiert, das gesellschaftliche Trends im Ge-
schlechterverhltnis widerspiegelte:
Es schien sich fr die Mdchen, sprich von den Medien und geschwtzigen
Trendforschern so konstruiert Girlies oder Babes wieder zu lohnen, ohne ver-
bissenen Mnnerhass () geschlechtsspezi

sche Differenzen im Sinne einer
Aufwertung des postpubertren Weiblichen zu betonen. (Ferchhoff 2011, S. 267)
Mit den Girlies betrat ein Typ von jungen Frauen als Leitbild fr viele Mdchen
die Popbhne, der einerseits selbstbewusst war, eine lustvolle Sexualitt bejahte
und sich andererseits von der weiblichen Emanzipation der Elterngeneration dis-
tanzierte, die ihnen altmodisch und verstaubt erschien; mit ihren schlanken Kr-
pern und ihrer Kleidung entsprachen sie vollkommen dem herrschenden Schn-
heitsideal.
233
6.5 Grunge, Brit Pop und Riot Grrrls
Dieses weibliche Leitbild verkrperte einen Trend, der schon seit den 70ern bei
Jugendlichen zu beobachten war: ein zunehmendes Selbstbewusstsein von Md-
hhte Sensibilitt gegenber mnnlicher Vorherrschaft.
6.5 Grunge, Brit Pop und Riot Grrrls
In den 90ern begann fr die Musikbranche das Zeitalter der CD, die sich gegen-
und viele Musikfans kauften die Platten, die sie bereits hatten, zustzlich auf CD,
was der Branche groe Umstze bescherte.
In Deutschland verkaufte sich volkstmliche Musik gut, zustzlich erlebte der
deutsche Schlager eine Renaissance, die auf sogenannten Schlager-Moves Zehn-
tausende von Menschen begeisterte. Ikone dieser Welle war Gildo Horn, der mit
seiner Band Die orthopdischen Strmpfe Deutschland mit dem Titel Gildo hat
Euch lieb, eine offensichtliche Parodie auf herkmmliche Schlager, beim Euro-
pean Song Contest vertrat.
Mit deutschsprachiger Musik im Genre Rock und Pop konnten in den 90ern
Marius Mller Westernhagen und Herbert Grnemeyer enorme Plattenerfolge er-
zielen. Westernhagen mit Affentheater von 1994 und Radio Maria von 1998
sowie Grnemeyer mit Chaos (1996) und Bleibt alles anders aus dem Jahr
1998 waren wochenlang auf Platz 1 der meistverkauften CDs.
Im internationalen Musikgeschft waren es in erster Linie die bereits bekannten
Stars wie die Rolling Stones, Madonna und Michael Jackson, die mit aufwndi-
gen Tourneen kommerziell erfolgreich waren; hinzu kamen US-Stars wie Maria
Carey, Whitney Houston und Britney Spears mit groen internationalen Erfolgen.
Als Erfolg erwiesen sich in den 90ern sogenannte Unplugged-Konzerte, bei
denen die MusikerInnen und Bands ohne elektrische Verstrkung in kleineren Hal-
len mit intimer Atmosphre auftraten. Den Anfang machte 1991 Paul McCartney,
es folgten andere Gren wie Eric Clapton, The Cure, R.E.M., Neil Young und
Bruce Springsteen. Auerdem kam mit Crossover ein Trend auf, verschiedene
Musikrichtungen miteinander zu kombinieren und so die Grenzen des jeweiligen
Genres zu berschreiten.
Vor allem in Deutschland, und hierbei in erster Linie bei jungen Mdchen, war
die Kelly Family uerst populr, ein aus den USA stammender Familienclan,
der ab Mitte der 90er Jahre den kommerziellen Durchbruch hatte. Sie traten mit
langen Haaren und in hippiehnlichen Gewndern auf, spielten eine Mischung aus
Folk und Pop und dominierten 1996 mit Almost heaven und 1997 mit Growing
2346 Die neunziger Jahre
up wochenlang die Hitparaden der bestverkauften CDs. Angelo und Paddy wa-
ren die Lieblinge der jungen weiblichen Fans. Als die Kelly Family 1998 Schloss
Gymnich kaufte, harrten zahlreiche junge Mdchen Tag und Nacht vor dem An-
wesen aus. Als eine groe Familie, die zumindest nach auen eine heile Welt dar-
stellte, hing ihr Erfolg mit der Sehnsucht der (weiblichen) Teenager nach intakten
Familienverhltnissen und Harmonie zusammen.
Eine ebenfalls berwiegend weibliche Anhngerschaft hatten die sogenann-
ten Boygroups, eine Kreation der Kulturindustrie. Es handelte sich hierbei um
professionell zusammengestellte Gruppen von Jungen bzw. jungen Mnnern. Die
Zusammenstellung erfolgte so, dass jedes der Gruppenmitglieder einen Charakter
darstellte, wie den Draufgnger, den Schchternen, den Lustigen oder den Ver-
recht seichte Popsongs, bei ihren Auftritten wurde die Musik von einer Begleit-
band gespielt oder kam aus der Konserve, die Bandmitglieder sangen und tanzten
dazu nach ausgefeilten Arrangements. Aggression und sexuelle Anspielungen wa-
ren bei diesen Gruppen nicht zu

nden, die Texte handelten von Liebe, Liebeskum-
mer und romantischen Gefhlen. Als Boygroups bekannt wurden unter anderem
Schema immer das gleiche war. Zielgruppe waren Mdchen zwischen 11 und 15
Jahren, die zu den Konzerten strmten, die CDs und die Devotionalien ihrer Hel-
den kauften und bei deren Auftritten wie Jahrzehnte zuvor bei den Beatles in
hysterische Zustnde ver

elen.
Die meisten Fans sind junge Mdchen zwischen zehn und sechzehn Jahren, die
mit unglaublicher Geduld und Ausdauer lange vor Konzertbeginn vor der Halle
ausharren, um spter dann einen Platz ganz vorn bei der Bhne zu ergattern. ()
Die Fans der Boygroups sind Teenies, aber keine Girlies. Im Gegenteil, es sind eher
unscheinbare Mdchen, die vor Aufregung entweder ganz blass oder ziemlich rot
im Gesicht sind... (Messner 1997, S. 237)
Die Mitglieder der verschiedenen Boygroups vertraten zumindest of

ziell
keineswegs den Lebenswandel von Sex, Drugs und Rock

n Roll; ihr jeweiliges
verkaufen.
Ob sogenannte Girlie-Bands oder Boygroups: Bei beiden war die Anhnger-
schaft berwiegend weiblich, wobei bei den einen das betont selbstbewusste Auf-
Tanzbewegungen der jungen Mnner der Verkaufserfolg waren. Auch verfgten
die weiblichen wie mnnlichen Stars ber junge, schlanke Krper und modisch
235
6.5 Grunge, Brit Pop und Riot Grrrls
und Modemarkt. Der Musik- und Unterhaltungsindustrie gelang es, die spezi

-
schen Bedrfnisse von Jungen und Mdchen nach Rollenvorbildern und Idolen
zum Schwrmen systematisch zu inszenieren.
Doch nie zuvor wurden die Bedrfnisse von Jugendlichen so planvoll und um-
fassend ihrer gezielten Verwertung zugefhrt. Auf die erotischen Schwrmereien
von Teenager-Mdchen reagiert die Industrie mit Boy-Bands aus der Retorte. Und
dann auch zur Lancierung von Girl Groups. Unter dem Label Spice Girls verkau-
fen sich heute Fotoapparate ebenso wie Fertigsuppen, ihr sexy Image wird totge-
schrft. (Walder 1998, S. 105)
Wesentlich authentischer vor allem in der Anfangszeit war zu Beginn der
90er Jahre Grunge. Geburtsort dieses Genres war Seattle im US-Bundesstaat
Washington, der bis dahin keine besondere Rolle in der Rockmusik spielte. Grunge
das Auenseiter- und Rebellenimage betonte. Parallelen

nden sich 20 Jahre
nach dem Beginn von Punk in dem Do-it-yourself-Prinzip von Grunge. Bands
wie Soundgarden, Alice in Chains, Mudhoney oder Nirvana spielten den fr diese
Richtung typischen Seattle-Sound, einen harten, stark gitarrenbetonten Rock,
kreiert, er sprach zugleich zahlreiche Jugendliche und junge Erwachsene in ihrer
mentalen Verfassung an, Grunge wurde zu einem Stil und einer Bewegung, die
der Musik der rastlosen Generation X in der ersten Hlfte des Jahrzehnts neues
Leben einhauchte (Crampton/Reese 2003, S. 441). In seiner Musik und der sthe-
Welt des Showbusiness ab und schuf eine wesentlich authentischere Musik und
MusikerInnen als der Mainstream.
Grunge gab uns Kids eine geistige und gefhlsmige Ehrlichkeit, die vorher noch
keine Musik ihren Fans gab ... zugleich zeigte Grunge, wie hohl der amerikanische
Traum fr viele von uns war ... (Durst, zit. n. Crampton/Rees 2003, S. 438)
Der recht raue und ehrliche Sound der Bands, dazu die Tatsache, dass die Songs
selbst geschrieben wurden, die Kleidung der Musiker in zerrissenen Jeans und
karierten Hemden all dies vermittelte eher den Eindruck von Garagen- und Ju-
gendheimgruppen als von Superstars. Grunge artikulierte Wut und Hass auf die
Gesellschaft, ohne ber eine Utopie oder Vorstellungen einer besseren Gesell-
2366 Die neunziger Jahre
schaft zu verfgen. Es war der Ausdruck einer Unzufriedenheit, eines Unbehagens
an gesellschaftlichen wie individuellen Lebensumstnden. Grunge als Genre war
eine rein mnnlich bestimmte Stilrichtung. Die Stars traten nicht mit dem Habitus
des coolen und selbstbewussten Rockstars auf, vielmehr standen Selbstzweifel,
Unsicherheit, Pessimismus und Larmoyanz im Mittelpunkt, die Wut und die Ver-
zwei

ung ber eine Gesellschaft, die von Kommerz, Konsum und Pro

t bestimmt
wurde. Diese Haltung wurde von der Plattenindustrie aufgegriffen, um gerade die
Anti-Stars pro

ttrchtig zu vermarkten, genauso wie das Out

t von Grunge: Jeans
mit Rissen sowie die karierten Holzfllerhemden wurden in Kaufhusern zu ber-
hhten Preisen angeboten.
Es war vor allem die Band Nirvana mit ihrem Album Nevermind von 1991,
und hierbei der Snger und Frontmann Kurt Cobain, die innerhalb des Grunge
Kultstatus erreichten. Cobain und die Band wussten um die Mechanismen des
Rockgeschftes und versuchten, sich den Vermarktungsstrategien der Industrie zu
entziehen, wobei bewusst mit traditionellen Geschlechterrollen gebrochen wurde.
Nirvana versuchten alles, sich vor falschen Vereinnahmungen zu schtzen. Wenn
auch ein Versuch, das falsche Publikum vor den Kopf zu stoen. Doch einmal mit
dem Image des Anti-Stars versehen, konnten Nirvana machen, was sie wollten: ihre
Gesten wurden nicht mehr als Ausdruck einer subkulturellen Haltung erkannt, die
sich gegen Leistungsdenken und Mackertum richteten, sondern verkamen immitten
der bunten MTV-Wste zu einem Style unter vielen. (Bsser 2004, S. 183)
Die Hochzeit des Grunge whrte nicht allzu lange. Nicht nur wegen des Selbst-
sondern auch wegen interner Streitigkeiten und musikalischer Differenzen in ver-
schiedenen Bands war die Bltezeit des Genres gegen Mitte der 90er Jahre vor-
ber.
Kurz nach dem Aufkommen von Grunge, ebenfalls zu Beginn der 90er Jahre,
entwickelte sich auf der anderen Seite des Atlantiks, in England, der sogenannte
Brit Pop. Brit Pop lsst sich als Antwort auf die Erfolge der US-amerikanischen
Grunge-Bands verstehen, es handelte sich hierbei um einen Musikstil ohne ge-
sellschaftlich kritische Haltung und ohne die Aggressivitt des Grunge. Das spezi-

sch Britische dabei war die Orientierung an den englischen Bands der 60er Jahre
wie den Beatles, den Rolling Stones und die Kinks. Zudem gab der Bezug auf
spezi

sch englische Note. Paul Weller, der vorher schon bei The Jam und Style
Council spielte, gilt mit seinen Soloalben Paul Weller (1991) und Wild Wood
(1993) als der Begrnder des Brit Pop, namhafte und erfolgreiche Bands waren
237
6.5 Grunge, Brit Pop und Riot Grrrls
zudem Travis, Radiohead, Kean und vor allem Blur und Oasis. Wie bei Grunge
bestanden auch im Brit Pop die Gruppen ausschlielich aus mnnlichen Musikern.
Insbesondere Blur und Oasis lieferten sich von der Presse angeheizt Wett-
kmpfe um die besseren Verkaufszahlen und die Vorherrschaft im Brit Pop, wobei
Blur mit The Great Escape (1995) und Be Here Now (1997), Oasis mit De

ni-
tively Maybe (1994) und (Whats the story) Morning Glory die britischen Charts
dominierten. Insbesondere die Brder Noel und Liam Gallagher von Oasis liebten
es, sich als Machos zu inszenieren, die rpelhaften Stars zu spielen, sich als die
beste Band aller Zeiten zu stilisieren und Alkoholexzesse zu veranstalten. Gegen
Ende der 90er Jahre verebbte die Welle des Brit Pop wieder.
Ende der 80er Jahre entstand in Olympia, einer kleinen Stadt an der Westkste
der USA, die Riot-Grrrl-Bewegung. Riot Grrls Aufruhr-Mdchen wird be-
wusst mit drei r geschrieben, das rollende r soll ein Gefhl zum Ausdruck zu
bringen, das Mdchen und Frauen traditionell nicht zugestanden wird: Wut.
Wtend auf eine patriarchale Gesellschaft und wtend darauf, dass auch in sub-
kulturellen Szenen wie Punk und Hardrock Machoverhalten und mnnlich do-
Strukturen, eigene Musik, Magazine und Kunst, mit denen sie ihre Unzufrieden-
heit ausdrcken konnten. Sie waren allerdings nicht in dem Sinne feministisch, wie
es ihre Elterngeneration war, die die kulturellen Umbrche der 60er Jahre erlebten,
sondern wollten einen neuen feministischen Weg gehen.
Riot Grrl war der Startschuss der sogenannten Dritten Welle, eines neuen Femi-
nismus, der die Zweite Welle einer notwendigen Verjngungskur unterzog und die
feministischen Debatten der Mtter auf einmal wieder fr die Tchter interessanter
machte. (Peglow/Engelmann 2011a, S. 12)
In diesem Zusammenhang entstanden zahlreiche originelle Kunst- und Aktions-
formen, wobei deutlich wurde, dass Riot Grrrl keine bestimmte Stilrichtung war,
sondern eine Haltung ausdrckte, die sich konsequent am Prinzip des Do it your-
self orientierte:
Musikerinnen produzierten Fanzines, Faninnen organisierten Festivals, Musike-
rinnen betrieben eigene Plattenlabel, oder der Vertrieb von Platten und Musikkas-
setten wurde in Ablehnung der groen Major-Labels ber alternative Kanle
wie Fanzines, eigene Radiosender und Festivals selber organisiert. Die sich formie-
rende Riot Grrrl-Bewegung speiste ihre Kraft und Wirkung vor allem aus ihrer Ver-
wurzelung in einer groen Community, und Mdchen und junge Frauen inspirierten
und motivierten sich gegenseitig produktiv zu werden. (Kiessling 2007, S. 26)
2386 Die neunziger Jahre
Ausgangspunkt fr das Entstehen dieser feministisch orientierten Szene waren
die individuellen Erfahrungen der Diskriminierungen und Benachteiligungen auf-
grund des Geschlechts. Wie bereits in den Frauengruppen zu Beginn der 70er
Jahre wurden diese gemeinsam besprochen und diskutiert:
Wir setzten uns individuell mit unseren Erfahrungen der Unterdrckung aufgrund
unseres Geschlechts auseinander, tauschten uns aus. Wir kritisierten sowohl die
Populrkultur, aber auch die Undergroundkultur, in der wir uns bewegten... Die
Mdchen begannen, Zusammenhnge zwischen unterschiedlichen Erfahrungen zu
erkennen: Scham darber, zu dick zu sein; Verbitterung, sich so sehr um das Aus-
sehen zu sorgen; heimliches Konkurrenzdenken unter Mdchen gepaart mit Selbst-
hass darber, eiferschtig zu sein (....) Queere Mdchen und solche, die auf der
Suche nach ihrer sexuellen Identitt waren, sprachen ber soziale Isolation und
darber, wie ihre Mtter in Trnen ausbrachen, wenn sie hrten, dass ihre Tchter
homosexuell sind. Mdchen, die Musik spielen wollten, sprachen darber, dass
sie keine Gitarre spielen konnten, weil sie im Gegensatz zu den Jungen nie eine zu
Weihnachten geschenkt bekommen hatten. (Zit. n. Downes 2011, S. 29f)
Die Riot Grrrls wagten einen kompletten Bruch mit der Geschlechterhierarchie
in Gesellschaft, Musikgeschft und der damaligen Gegenkultur; es entstand eine
uerst lebendige und vielfltige Szene mit zahlreichen Fanzines, Projekten und
Bands wie Bikini Kill, Babes in Toyland, Tribe 8, Le Tigre und Bratmobile.
Die gesellschaftlich re

ektierte Haltung und das (geschlechter)politische Pro-
gramm der Riot Grrls wurden 1991 im Riot-Grrrl-Manifest formuliert. Dort heit
es unter anderem:
Weil wir Mdchen uns nach Platten, Bchern und Fanzines sehnen, die UNS an-
sprechen, in denen WIR uns mit eingeschlossen und verstanden fhlen.
Weil wir Wege

nden wollen, wie wir antihierarchisch sein und Musik machen,
Freundschaften und Szenen entwickeln knnen, die auf Kommunikation und Ver-
stndnis basieren und nicht auf Konkurrenz und Kategorisierungen von gut und
bse.
Weil wir Kapitalismus in all seinen Formen hassen und weil es unser zentrales
Ziel ist, Informationen zu teilen und wir nicht den herrschenden Standards ent-
sprechend nur Geld machen oder cool sein wollen.
Weil wir wtend sind auf eine Gesellschaft, die uns sagt, Mdchen = bld, Md-
chen = bse, Mdchen = schwach. (Zit. n. Peglow / Engelmann 2011, S. 14f)
In der Praxis kam diese Grundhaltung unter anderem darin zum Ausdruck, dass
die Frauen in den Bands die selben harten Gitarrenriffs benutzten wie ihre mnn-
239
6.5 Grunge, Brit Pop und Riot Grrrls
lichen Kollegen oder dass die Themen Sexualitt und Unterdrckung bei Konzer-
ten in direkter Weise aufgegriffen wurden: Tribe 8 betraten die Bhne mit nack-
tem Oberkrper (bei mnnlichen Rockstars nicht unblich), zersgten bei einem
Stck ber Vergewaltigung einen Gummipenis; die Sngerin Breedlove trug bei
Auftritten einen Dildo und forderte das Publikum auf, ihn zu benutzen. Babes in
Toyland trugen bei Auftritten ironischerweise Puppenkleider, Bikini Kill riefen
bei Liveperformances dazu auf, ber Frauenunterdrckung zu diskutieren, und die
Sngerin von L7 entfernte sich genervt vom Publikum ihren Tampon und warf
ihn ins Publikum.
Nur uerst ober

chlich nmlich darin, dass es sich um Frauen handelt, die
Musik machen lsst sich die Bewegung der Riot Grrrls mit den Girlie-Bands wie
den Spice Girls vergleichen. Die Bewegung aus Olympia stellte das Do It Your-
self konsequent in den Mittelpunkt ihres Schaffens und wurden selbst aktiv; sie
kritisierte die strukturelle Unterordnung von Frauen und Mdchen, den damit ver-
bundenen Schnheitsterror und die sexuelle Ausbeutung von Mdchen wie Frau-
en; sie stand Hierarchien und dem kapitalistischen System kritisch und ablehnend
gegenber und war bemht, solidarische Gemeinschaften auszubauen; Riot Grrrls
waren keine Material Girls, sondern ein
Angriff

auf die heterosexuelle Matrix
(Gro 2007).
Die Girlie-Bands hingegen wurden von

ndigen Leuten der Musikbranche ge-
marktkonform auszubeuten. Sie reprsentierten weibliche Krper, die vollkom-
men den Schnheitsidealen entsprechen und sind, wie es die professionelle Ver-
marktung und das Merchandising zeigen, alles andere als antikapitalistisch. Sie
sind ein Produkt der Kulturindustrie, das keine grundlegende Kritik uert. Es
sind junge, modische Frauen, an der eigenen Karriere interessiert, dabei ein wenig
frech aufgepeppt. Bezogen auf ihre Krper und ihr Styling sind sie, was weibliche
Emanzipation betrifft eher ein Teil des Problems als ein Teil der Lsung, wie
zwei Anhngerinnen der Riot-Grrrl-Bewegung enttuscht feststellen mussten:
Keine Rede mehr von Magersucht und mnnlicher De

nitionsmacht, von sexuel-
lem Missbrauch und kreativer Selbstbestimmung. Stattdessen folgte dem Trend eine
Mode, in die ein Mdchen nur hineinpasste, wenn sie sich auf Kleidergre 30 oder
Riot Grrl war eine US-amerikanische Bewegung, deutsche Bands in dieser Rich-
tung waren die Lassie Singers, die vor allem ironische Texte zum Thema Ge-
schlechterbeziehungen (Mein Freund hat mit mir Schluss gemacht, Liebe wird
2406 Die neunziger Jahre
mit den herrschenden Mnner-, Frauenbildern und Machtverhltnissen auseinan-
dersetzte:
Ich gehe durch die Strae, weil ich die neue Ausgabe von einem Magazin fr die
Frauen von heute haben will. Denn da gibt`s dieser Tage wieder wirklich sagen-
hafte Tipps zur Anpassung bei Anwendung: Fr immer stumm! Ich stehe auf der
Strae lieber als in der neuen Ausgabe eines dieser Musikmagazine mit Wissen-
schaft und Mnnerspleene. Denn da geht es dieser Tage unbeherzt nur um die Fra-
ge, wie sich privilegierte Typen weiter ihre Pltzchen sichern! (Parole Trixi, Seid
gegrt!)
Auch wenn sie in den USA nur eine marginale Rolle spielten und in Deutschland
nur in InsiderInnenkreisen zur Kenntnis genommen wurden, hatte die Riot-Grrrl-
Bewegung doch eine weiterreichende Wirkung. So sind die seit der Jahrtausend-
wende in verschiedenen Stdten statt

ndenden Lady-Feste eine konsequente Um-
Die meist mehrtgigen Ladyfeste, die in alternativen und autonomen (Jugend-)
Kulturzentren statt

nden, widmen sich ebenfalls Themen wie Geschlechternormie-
rungen, Sexismus und Gewalt, Sexualittsnormen, alternative und antikapitalisti-
sche Kultur, Ausbeutungsverhltnissen oder Weisein und Rassismus-Themen, die
vom brgerlich-konservativen Spektrum kaum oder nicht wahrgenommen werden.
(Gro 2007, S. 72)
Mit ihrem konsequenten Einsatz gegen Sexismus und Mnnerherrschaft waren die
Riot Grrrls Vorbild fr die Pussy-Riot-Bewegung in Russland, die sich in spekta-
die sogenannten Slut Walks, Aktionen, bei denen sich Frauen wie Prostituierte
kleiden, damit offensiv mit dem Begriff Hure umgehen und das Recht einklagen,
sexuell nicht belstigt zu werden, haben ihre Vorlufer in der Riot-Grrrl-Bewe-
gung: Provokation, ein offensiver und selbstbewusster Umgang mit dem eigenen
Krper und den eigenen sexuellen Bedrfnissen werden dem alltglichen Sexis-
6.6 Techno
Bei aller Vielfalt jugendkultureller Szenen hat sich Techno (manchmal auch
Tekkno geschrieben), bezogen auf die Anhngerschaft, die Sichtbarkeit und die
Gre der Veranstaltungen, zur eindeutig dominierenden Jugendkultur der 90er
241
6.6 Techno
sikstil:
Als weitgehend atonale, auf repetitiven Rhythmen basierende Tanzmusik wird
Techno vollstndig mit Computern hergestellt und verabschiedet sich damit von
konventionellen Liedstrukturen. In der Technomusik heien die einzelnen Stcke
Tracks und nicht lnger Songs: Melodien, Harmonien und (Sprech-)Gesang sind in
ihnen bis zur Unkenntlichkeit reduziert oder vollstndig abgeschafft. Stattdessen
sind Rhythmus und Sound die zentralen Elemente von Techno, die meist im periodi-
S. 243)
Schon der Rock

nung des Rhythmus im Verhltnis zur Melodie die Halbstarken begeistern, die
Erwachsenen schockieren und beunruhigen; es war das Treibende, die Sinne Auf-
peitschende und damit auf Sexualitt Anspielende und zu wildem Tanzen Ani-
mierende, was insbesondere die ltere Generation als bedrohlich und unsittsam
empfand. Im Techno wird dieses Prinzip noch weitergetrieben, indem der Ryh-
thmus zum vorherrschenden Merkmal des Musikstils wird, der als zentrales Kri-
terium zudem noch in BPM (Beats per Minute) angegeben wird.
Aufgrund der damit verbundenen Unterordnung des Gesangs und der Texte
ren, die Texte waren eher immer wiederkehrende und aneinandergereihte Slogans.
Anders als bei der herkmmlichen populren Musik standen folglich bei Techno
nicht die Band oder die MusikerInnen im Mittelpunkt des Interesses, sondern die
Djane oder der DJ, deren Aufgabe es war, die passende Musik fr das jeweilige
Event zusammenzustellen, Spannungsbgen aufzubauen und fr die passende At-
mosphre zu sorgen.
hier vollzog sich der Bruch mit der bisherigen Geschichte der Popmusik, indem
der traditionelle Verbund von Musikproduzenten, Konsumenten und Kritikern auf-
gelst und die Musik vor Ort, im Club selbst, produziert wurde. Auch hier gab es
wieder Aktionen und Darbietungen, multimediale Performances aus Klang, Spra-
che und Bild, die nun Live-Acts hieen. (Klein 2004, S. 140)
Bei diesen Live Acts wurde die Wirkung der rhythmischen Musik noch untersttzt
durch Lichteffekte und knstlichen Nebel; Techno fhrte zudem im Zeitalter der
CD zu einer Renaissance der Schallplatte, da die DJs die verschiedenen Songs auf
Schallplatte mit der Hand manipulieren und den jeweils gewnschten Effekt her-
stellen konnten.
2426 Die neunziger Jahre
Techno als Oberbegriff fr elektronische Musik stammt von dem Frankfur-
ter Musikliebhaber und Genre-Pionier Andres Tomalla mit dem Knstlernamen
Talla 2XCL, der in seinem Plattenladen im Frankfurter Hauptbahnhof Schall-
no nannte. Intern ist das Genre heute weiter differenziert in Richtungen wie EBM
(Electronic Body Music; repetitive Soundsequenzen), House (nach der Chicagoer
Discothek Warehouse; ausgedehnte aneinander gereihte Rhythmus-Passagen), In-
dustrial (maschinenlrmhnliche Kompositionen) und Acid House (eine harte und
minimalistische Variante des House); Acid ist neben einer Stilrichtung auch das
umgangssprachliche Synonym fr die Droge LSD.
Als Vorlufer fr Techno als Musikstil gelten Karlheinz Stockhausen, Can,
Tangerine Dream, Jean Michel Jarre und Depeche Mode, vor allem aber die deut-
sche Gruppe Kraftwerk mit ihren Alben Autobahn (1974), Mensch-Maschine
(1978) und Computerwelt (1981).
Die Af

nitt zum Knstlichen und Technischen war zentrales Merkmal der
Musik. Der Ursprung liegt in den 80er Jahren in den USA, wo in verschiedenen
Clubs Techno zuerst als Tanzmusik in unterschiedlichen sozialen Kontexten ge-
spielt wurde:
In Manhattans Nachtclubszene, wo die subkulturellen Milieus von Homosexuel-
len, Afroamerikanern und Puertoricanern, die Nobel-Arenen der Schickeria zum
Sehen und Gesehenwerden und die zahllosen Amsiertempel fr jedermann in
einem permanenten Austausch stehen, fusi
onierten die Krperkulte in den Schwu-
lendiskos und der Glamour des Euro-Disco zu einer Massenbewegung, die nur ein
einziges Credo kannte: Dance, Dance, Dance! (Wicke 2011, S. 101)
Vor allem aber spielte Detroit bei der Entstehung von Techno eine bedeutende
Rolle, wobei es nicht nur um einen neuen Sound, sondern um die soziale und poli-
tische Situation in der Stadt ging, die durch Werkschlieungen von hoher Arbeits-
losigkeit und gravierenden sozialen Problemen betroffen war. Hier verstand sich
der neue Musikstil durchaus als politisch und rebellisch:
Die message war kmpferisch. Es ging um Detroit, unsere Stadt, die mit Mas-
senarbeitslosigkeit, mit der Crack-Epidemie, den schlieenden Autofabriken, den
Sorgen der alleinerziehenden Eltern, zu kmpfen hatte. Es ging aber auch um die
Hoffnung, sich all dem zu widersetzen und sich zu behaupten. Aber auch gegen die
Musikindustrie, gegen die Corporate-Welt, die einem die Seele rauben will. (Zit. n.
Freitag/Mahlich 2014, S. 247)
243
6.6 Techno
Ende der 80er Jahre kam Techno weniger als Ausdruck von Widerstand, sondern
als Musik- und Partystil in Europa an: In England gab es 1988 den ersten Summer
of Love, der bewusst auf die Hippiekultur anspielte und als ein erster Hhepunkt
der Techno-Kultur in Europa gilt und in der ffentlichkeit fr Aufregung sorgte.
Aber nicht die Kids, die Smiley T-Shirts mit der Frage Where

s the Acid Party
trugen und die gelben Smiley-Kpfe mit dem breiten Grinsen durch die Stadt spazie-
renfhrten,

ippten aus, sondern die Medien und Politiker. Der strahlende Smiley,
das Hippie-Symbol fr Liebe und Glck, wurde auf T-Shirts zum Verkaufsrenner.
Trotzdem stoppten einige englische Kaufhuser ihren Verkauf, als die Verbindung
des Smileys zu Acid-Hose-Parties und Drogenkonsum bekannt wurde. Die Polizei
appellierte an die anstndigen Brger, die Polizei sofort zu informieren, sobald
sie was von einer Party in einer leerstehenden Lagerhalle hrten. (Bpple/Kn

er
1996, S. 27)
Diese Aufgeregtheit erinnert an verschiedene Paniken, die diverse Jugendkulturen
bei ihrem Auftreten auslsten; im Mittelpunkt der Aufregung stand Ecstasy, eine
thie, der Kontaktaufnahme und der Wahrnehmung der eigenen Gefhlswelt aus-
wirkt.
Der Beginn von Techno vollzog sich in England wie in Deutschland in einer
abgeschotteten Szene, die sich vor allem ber Flyer ber die Mglichkeiten infor-
mierte, wo und wann die nchsten Parties, die Raves (von to rave: rasen, toben) be-
sucht werden konnten. Angesagt waren nicht die normalen Diskotheken, sondern
stillgelegte Lagerhallen, Bunker, Kasernen und Fabrikgebude, in denen die selbst
organisierten Events fr InsiderInnen stattfanden, das Prinzip des Do It Yourself
war weit verbreitet.
Es gab weder Stars noch VIPs, weder Unter- noch berordnung. Die Namen der
DJ

s waren auf den schlecht kopierten Schwarz-wei-Flyern nicht vermerkt, viele
Platten waren Weimuster ohne jeglichen Hinweis auf ihre Herkunft, weil es nicht
um credibility oder um Geld ging, sondern nur um eine groe Menge Spa und
Freude an innovativer Musik und den dazugehrigen Parties (...) Die Szene war
klein und berschaubar und genau aus diesem Grund fhlte man sich verbunden.
Man hielt zusammen gegenber der groen bsen Popwelt. (Zit. n. Farin 1998,
S. 27)
Als groe Clubs, die in Deutschland Raves durchfhrten, wurden das Berghain,
der Bunker und der Tresor in Berlin sowie das Dorian Gray und das Omen in
Frankfurt am Main bekannt.
2446 Die neunziger Jahre
Der Aufstieg von einer relativ exklusiven und selbst organisierten Partysze-
ne zu einer Jugendkultur, die Millionen junger Menschen erreichte, vollzog sich
in den 90er Jahren und zeigt sich an der Geschichte der Love-Parade: Die erste
Love-Parade wurde von Doktor Motte (brgerlich Matthias Roeingh)1989 in Ber-
1999, waren es bereits 1,5 Millionen Menschen (nach Angaben der VeranstalterIn-
nen), die an der Love-Parade teilnahmen, womit die Zeiten, in denen Techno noch
eine Jugendkultur fr InsiderInnen war, endgltig der Vergangenheit angehrten.
Im neuen Jahrtausend fand die Love-Parade mit Unterbrechungen bis 2006
wurde, laut Angaben der Veranstaltungsleitungen mit jeweils ber einer Million
BesucherInnen. Die Love-Parade in Duisburg, bei der es aufgrund mangelnder
Sicherheitsvorkehrungen in einem Tunnel, der auf das Festivalgelnde fhrte, zu
Verbunden mit dieser enormen Ausweitung ist auch eine Kommerzialisierung
der Veranstaltung: Die Gebhren fr die Soundmobile, die sogenannten Floates,
stiegen in die Hhe, professionelle Agenturen bernahmen die Gestaltung des Er-

chen fr ihre Produkte, auf den
einzelnen Floates waren mehr professionelle Go-go-Girls als RaverInnen zu se-
hen. Die Love-Parade wurde zu einem Massenspektakel, das an einen Karnevals-
umzug erinnerte, zumal auch die Zahl der Schaulustigen in die Hhe schnellte
und verschiedene Love-Parades im Fernsehen bertragen wurden, was mit einer
Szene, die ursprnglich ihre Events halb legal selbst organisierte, nichts mehr zu
tun hatte:
Im Technobeat tanzen, schreien und kreischen exhibitionistische Jugendliche (vie-
lerlei Alters), ekstatische Raver, enthusiasmierte Neo-Hippies, extrovertierte Party-
People und exzentrische Mit-Lufer umstanden und (nicht selten kopfschttelnd)
bestaunt von Eltern mit Kinderwgen, senioralen Schaulustigen und hippeligen
Kids. Eingefangen und zu einem Gesamt-Image der `Nackten, Schtigen und Be-
scheuerten verdichtet wird das Spektakel noch von den Kameras journalistisch
fragwrdiger Sparten-Sender. (Hitzler 2010, S. 143)
Der Ausverkauf von Techno, und insbesondere der Love-Parade, blieb bei der poli-
tisch re

ektierten Szene nicht ohne Widerspruch. So

gegen die Kommerzialisierung und den unpolitischen Charakter der Veranstaltung
die Fuck Parade statt, die allerdings bei Weitem nicht so viele TeilnehmerInnen
hat.
Die Love-Parade in Deutschland war das deutlichste Zeichen der Verbreitung
von Techno- und Rave-Veranstaltungen, doch auch zahlreiche andere Clubs und
245
6.6 Techno
Discos, die bis dahin nichts mit der Techno-Kultur zu tun hatten, witterten gute
Geschfte, wodurch Techno in den 90er Jahren insgesamt zu einem pro

tablen
Massengeschft wurde. Techno war von einer exklusiven Szene zu einer Veran-
staltung fr Millionen junger Menschen geworden und hatte seinen Distinktions-
wert eingebt, wie ein Techno-Anhnger aus der Anfangszeit resigniert feststel-
len musste:
Nie zuvor gab es dermaen viel Raves, die an Niveaulosigkeit schwerlich zu unter-
bieten sein werden () Man nehme ein Bierzelt auf der Wiesn, stelle einen der Berli-
ner Superkasper in die Mitte, brlle dreimal krftig Love, Peace, Unity und schon
ziehen tausende Techno ist cool grlene Raveschlmpfe durch den Saal. (Zit. n.
Farin 1998, S. 30)
Techno wurde der bedeutendste und Gewinn versprechende Zweig der populren
Musik in den 90er Jahren; Werbeclips wurden mit Techno-Rhythmus untermalt,
viele bekannte Songs inklusive dem Lied der Schlmpfe wurden in einer Tech-
no-Version produziert und verkauft, kaum eine Discothek kam mehr ohne Techno
aus, es wurden Snow-, Air- und Beach-Raves angeboten, die Veranstaltun-
gen und die Musik wurden zur Massenware.
Als jugendkulturelles Phnomen griff auch die Zeitschrift Bravo Techno auf:
In Berlin, London und Frankfurt/M. geht das volle Brett ab( ...) In undurch-
dringlichem Kunstnebel und sinnenverwirrendem Strobolicht. Ferner fahren Tech-
no-Fans auf die totale Tanz-Orgie ab ... (Bravo 2/1992)
Zudem gab es eine Rubrik Tekkno von az, in der wichtige Begriffe von Acid
ber House-Sound bis Zoff erlutert wurden. Die Stars der Szene in Bravo
und damit auch im Mainstream waren Scooter, Westbam, Sven Vth, Marusha
und Blmchen, die 1996 und 1997 die Wahl zum Otto als beste Sngerin ge-
wann.
Der sogenannte Eurodance der 90er Jahre machte mit seinem Sound Anlei-
hen bei Techno und brachte unter anderem Stars wie DJ Bobo, Culture Beat und
Dr. Alban hervor.
Als jugendkulturelle Bewegung war Techno sowohl innerhalb der Szene als
auch der Auendarstellung nach betont friedfertig; schon die diversen Mottos,
unter denen die Love-Parade stattfand, wie Peace on earth (1995), We are one
family (1996) oder Love is everywhere (2007) signalisierten einen Zusammen-
halt und einen friedlichen Umgang miteinander. Diese friedliche Intention der
RaverInnen war auch bei verschiedenen ffentlichen Veranstaltungen sprbar. Im
2466 Die neunziger Jahre
Gegensatz zum aggressiven, provokanten und teilweise auch gewaltttigen ffent-
tanzenden Menschen auf Techno-Massenveranstaltungen viel eher Spa, Frhlich-
keit und Lebensfreude, als dass sie bedrohlich wirkten. Dr. Motte formulierte die
Grundhaltung von Techno als Hauptredner bei der Love-Parade 1997:
Fhlt die Sonne in euren Herzen. Wir sind eine groe Familie. Unser Wunsch ist,
da Friede auf der Erde ist. Also schaffen wir die Grundlage fr eine friedliche,
sonnige und glckliche Zukunft. Fr unsere Freunde, unsere Familien und alle, die
wir lieb haben, und die wir nicht liebhaben. Denn die wir nicht lieb haben, haben
wir einfach lieb. (Zit. n. Klein 2004, S. 36f)
Auffllig ist, dass Techno keine soziale Gegnerschaft oder Feinde formulierte
den Mittelpunkt der Botschaft stellte.
In Zeiten zunehmender Vereinzelung boten solche Botschaften Jugendlichen zu-
mindest fr die Dauer der jeweiligen Veranstaltung die Illusion, sich in einer Ge-
meinschaft Gleichgesinnter aufgehoben, geliebt und geborgen zu fhlen. Mit dem
Bezug auf Liebe und friedlichen Umgang miteinander erinnert die Techno-Kultur
auf den ersten Blick an die Hippie-Bewegung der 60er Jahre mit ihren Slogans
wie Make love not war, wie es auch Jrgen Laarmann, erfolgreicher Techno-Ver-
anstalter, propagierte, der durch Techno eine neue Gesellschaft heraufziehen sah:
Wir sehen in der Zukunft die ravende Gesellschaft, die Gesellschaft, die begreift,
was wir heute sagen. Die gesellschaftlichen Folgen sind unabsehbar und werden
mindestens so gro sein wie der gesellschaftliche Impact der Hippies auf die spten
sechziger und siebziger Jahre () Die ravende Gesellschaft mit lauter glcklichen
Leuten, die mir ihrer Identitt und Funktion zufrieden sind, gengend Spa, gute
unser Ideal, dem wir nherkommen. (Zit. n. Wicke 2011, S. 112f)
dem Ende der Auslandseinstze der Bundeswehr oder das Verbot von Rstungsex-
porten; es sind Aussagen, die in dieser beliebigen Form von jeder und jedem unter-
schrieben werden knnen und von daher politisch nicht anecken. Im Unterschied
zur Hippie-Bewegung ist Techno keine Gegenkultur, die sich kritisch mit dem
Konsum in kapitalistischen Gesellschaften auseinandersetzt und eine grundstz-
lich andere Gesellschaft anstrebt; am Wochenende auf Techno-Parties zu feiern,
247
6.6 Techno
Raves zu besuchen und zu konsumieren steht nicht im Widerspruch zu einem sonst
oder Sachbearbeiter.
Es war keine problematisierende oder kritisierende Jugendkultur, die in Oppo-
sition zur Gesellschaft stand, sondern in erster Linie eine Kultur des unmittelbaren
krperlichen Erlebens, wobei der friedliche Anspruch auf den Raves auch umge-
in aller Regel wegen Drogengebrauch behandelt werden mussten und die ber-
wiegende Anzahl der Festnahmen wegen illegalem Drogenverkauf und Produkt-
flschungen durchgefhrt wurden.
Doch trotz der Friedfertigkeit und der harmlosen Botschaften waren die Re-
aktionen auf Techno als Massenbewegung zum Teil panisch und voller Unver-
stndnis, im Mittelpunkt standen hier die Art des Tanzens und die Prsentation der
Krper, die selbst in den sexualisierten 90ern noch fr Aufsehen sorgen konnten.
So berichtete die Zeit 1996 ber die Love-Parade:
Die Wahrheit mu auf den Tisch: Wir sehen hunderdtausend Halbnackte, die la-
chend ihre Krper zu epileptisch anmutenden Bewegungen ntigen (tanzen). Ha-
ben wir es mit einem Haufen Kranker zu tun, die sich in der Hauptstadt zu einer
Demonstration glcklichen Irrsinns treffen? Die Antwort lautet kurz und schmerz-
los: ja. (Zit. n. Klein 2006, S. 14)

n Roll: Jugendliche, die sich dem Rhythmus hingeben, ihre erotischen Reize zur
sind, ihre Krper zu kontrollieren und sich anstndig zu benehmen.
Als unmittelbar auf das krperliche Erleben orientierte Jugendkultur steht bei
Techno-Veranstaltungen das Tanzen, das direkte Emp

nden und Bewegen des
Krpers im Mittelpunkt. Unter dem Ein

uss von Ecstasy oder anderer, sogenann-
ter Party-, Designer- und Erlebnisdrogen, mit dem aufpeitschenden Rhythmus,
diversen Lichteffekten und knstlichem Nebel konnte das Tanzen auf den Massen-
veranstaltungen schon mal 48 Stunden dauern, was den Krpern alles abverlangte.
RaverInnen tanzten zum einen individuell und auf sich selbst bezogen, anderer-
seits wurde das Tanzen auf den Raves auch als Gemeinschaftserlebnis empfunden,
bei dem gelegentlich auch der DJ oder die DJane zu gemeinsamen Bewegungen
(Move, move! Clap your hands!) aufriefen.
Neben der Unmittelbarkeit, mit der der eigene Krper bei Raves gesprt wird,
spielte auch die Prsentation des Krpers eine zentrale Rolle: Sichtbar waren hier
2486 Die neunziger Jahre
in allererster Linie weibliche wie mnnliche Krper, die dem herrschenden Ideal
von Schlankheit entsprachen, Vitalitt und Sportlichkeit nach auen demonstrier-

ts, die dem Wandel
unterlagen: Clubwear, die sich an Sportkleidung orientierte, Militr- und Tarn-
kleidung, Arbeitsanzge von der Mllabfuhr, eng sitzende Leder- und Lackhosen,
schwere und hohe Schuhe, als Accessoires Trillerpfeifen oder Schnuller, Feder-
boas, Gasmasken und Teesiebe als Sonnenbrillen, waren vor allem in der Anfangs-
zeit angesagt. Im Laufe der Zeit hat sich die Kleidung der Frauen wie der Mnner
in der Szene zunehmend sexualisiert, die
Dekolletes der Raverinnen wurden tiefer, die Minircke krzer und enger, die Stof-
fe durchsichtiger, das Out

t bis auf Dessous reduziert. Ihre mnnlichen Gegenber
favorisierten Radlerhosen und enge Bodies, Netzhemden oder freie Oberkrper und
lieen auf diese Weise ebenfalls relativ wenig Geheimnis brig. Darber hinaus

nden Lack und Leder la Madonna und S/M-Accessoires Eingang in die Club-
Szene. (Klein 2006, S. 160)
Das stark sexualisierte Auftreten spricht fr eine relative Gleichberechtigung der
Geschlechter innerhalb einer Szene, in der sich neben den Frauen auch Mnner be-
mhen, ihre erotischen Reize zur Geltung zu bringen. Doch ist dieses Spiel mit der
Geschlechtsverkehr verstanden wird. Im Gegenteil: Patrick Walder, der das Ver-
halten von Raverinnen und Ravern untersucht hat, kommt zu dem Schluss, dass es
sich eher um ein Spiel mit sexuellen und erotischen Reizen handelt:
Sexualitt auf Raves war die Partie aller mit allen: Sex wurde gefeiert und in-
szeniert die Versprechungen aber wurden selten eingelst. Lust und Triebe lsten
Drogen. Anschlieend erholten sich erschpfte Raverinnen und Raver im Chillout,
schwatzten, lagen beieinander und kuschelten wie kleine Katzen in einem Korb.
(Walder 1998, S. 109)
Die erotische Prsentation weiblicher wie mnnlicher Krper in aller Regel den
standardisierten und von der Schlankheits- und Modeindustrie propagierten Nor-
men entsprechend durchbricht das klassische Rollenverhalten, nach dem Frauen
mit ihrer krperlichen Attraktivitt Mnner auf sich aufmerksam machen wollen;
in diesem Sinne kann fr die Techno-Szene durchaus von weiblichen Verhaltens-
mustern gesprochen werden, denen sich die Mnner angleichen.
249
6.6 Techno
Raves () sind sinnliche Erlebniswelten der Geschlechterverwirrung. Raves
knnen als soziales Experimentierfeld fr neue Formen sexueller Identitt und so-
zialen Umgangs gelten (...) (Walder 1998, S. 107f)
Verbunden damit war ein erweiterter Freiraum fr Jungen und junge Mnner, sich in
ihrer Prsentation an als typisch weiblich geltendem Auftreten orientieren zu knnen:
In den Hochzeiten von Techno gab es mithin interessante Mglichkeiten fr Jun-
gen, durch eine damals noch innovative androgyne Krperinszenierung, durch Ver-
kleidung jenseits der Heteronormativitt, generell durch das Schminken, Stylen,
In-Szene-Setzen des mnnlichen Krpers die Gender-Grenzen neu zu markieren.
(Stauber 2012, S. 65)
Kennzeichnend fr einen eher gleichberechtigten und trotz aller aufreizenden
Kleidung nicht sexistischen Umgang der Geschlechter miteinander und typisch
fr die Techno-Szene war auch die Tatsache, dass das in vielen anderen Jugend-
kulturen bliche sexistische Verhalten der Mnner kaum vorkam:
Die meisten Frauen betonen, da sie die nichtsexuelle Atmosphre genieen, da
das Anbaggern wegfllt. Die Mnner auf der Technoszene werden nicht als so ma-
chomig empfunden wie in der Rockszene, wo Frauen weit mehr als Sexobjekt
betrachtet werden. (Bpple/Knfer 1998, S. 163f)
Weitgehende Abwesenheit von sexueller Anmache und praktizierter Sexualitt bei
gleichzeitig stark erotischer Selbstdarstellung beider Geschlechter waren typisch fr
die Techno-Kultur. Auch hier kam die friedliche Grundhaltung der Szene zum Aus-
druck: Angesagt war eine Form von Mnnlichkeit, die nichts mehr mit der klassi-
schen aggressiven Inszenierung zu tun hatte, nicht zuletzt auch deshalb, weil statt Al-
kohol vornehmlich Ecstasy konsumiert wurde, das eine besnftigende Wirkung hat.
Wir beobachten gegenwrtig, wie Jungs aus der Arbeiterklasse ihre Aggressivitt
ablegen und sich in neue Mnner verwandeln. Die Ironie besteht darin, dass die
Entwicklung dem Gebrauch von Ecstasy mehr zu verdanken hat als der feministi-
schen Kritik. Sie verlassen ihr Dasein als Einzelgnger und gehen zum Weichen,
Geschmeidigen und Geselligen ber. (Mc Robbie 1997, S. 199)
Die Aufweichung der Geschlechterstereotype, die vor allem aus einer verstrkten
Orientierung von Mnnern an klassisch weiblichen Verhaltensweisen bestand, fhr-
te auch zu einer Akzeptanz homosexueller Orientierungen beider Geschlechter:
2506 Die neunziger Jahre
In dem Mae, wie Schwulsein partyffentlich als selbstverstndlich akzeptiert
wird, knnen sich Frauen freier bewegen, da sie nicht jeden Mann als potentiel-
len Aufreier frchten mssen; die Diskriminierung lesbischer Frauen und von Bi-
sexuellen entfllt, whrend heterosexuelle Mnner sich von den Frauen weiterhin
angezogen fhlen, gleichzeitig aber fr schwule Mnner attraktiv sind. (Meueler
1997, S. 248)
Doch trotz aller Tendenzen einer Angleichung der Geschlechter und Liberalisie-
rung war auch Techno eine Jugendkultur, die eindeutig im Bereich der professio-
nellen Durchfhrung und der Organisation unter mnnlicher Hegemonie stand:
DJs, Produzent_innen und Partyveranstalter_innen sind berwiegend mnnlich.
Szenen werden somit von Mnnern inhaltlich geprgt und die in die Ober

che ein-
geschriebenen, sozialisierten Geschlechteridentitten reproduziert. Solche mnn-
lich dominierten (homosozialen) Gemeinschaften grenzen sich nicht selten gegen-
ber Frauen wie gegenber anderen Mnnern und phasenweise gegenber allem,
was weiblich konnotiert ist, ab. (Freitag/Mahlich 2014, S. 246)
Den Frauen blieben bei nicht wenigen Techno- und Clubveranstaltungen nur die
(klassische) Rolle der Bewunderin von Mnnern und der Dienst an der Kleider-
abgabe oder der Theke.
Als dominierende Jugendkultur der 90er war Techno keine Gegen- oder Alter-
nativkultur, die der Gesellschaft ablehnend oder feindlich gegenber stand oder
zentralen Punkten kommen in Techno gesamtgesellschaftliche Entwicklungen des
Jahrzehnts zum Ausdruck: Das demonstrative Feiern und gute Laune nach auen
kehren waren angesagt in der sogenannten Spagesellschaft der 90er Jahre; die
Krper der Raver und Raverinnen orientierten sich an den Leitwerten Schlank-
attraktiv zu prsentieren; der Anblick (halb) nackter Krper war seit der Einfh-
rung des Kommerzfernsehens nichts Ungewhnliches mehr, sie konnten kaum noch
schockieren und lockten Schaulustige an; der offene Umgang mit homosexuellen
Menschen in der Techno-Szene entsprach einem gesamtgesellschaftlichen Trend;
und schlielich die Kommerzialisierung, die in den 90ern in immer mehr gesell-
schaftliche Bereiche vordrang. Sie war in der Techno-Kultur nicht eine nachtrg-
liche Ausbeutung ihrer Zeichen, Musik und Mode, sondern bei den Massenevents
fester Bestandteil.
7
Die zweitausender Jahre
7.1 Hartz IV und Bankenkrise
sich am 11. September 2001 in den USA: Radikale islamische Terroristen ent-
fhrten Verkehrs

ugzeuge und steuerten sie in das World Trade Center und das
Pentagon, ein weiteres Flugzeug erreichte das geplante Ziel nicht, nachdem die
Entfhrer von Passagieren berwltigt wurden. Bei diesen terroristischen An-
schlgen fanden ber 3.000 Menschen den Tod, als Folge der Attentate verschrfte
sich die Konfrontation des Westens mit der muslimischen Welt, die an die Stelle
der Konfrontation mit den ehemals sozialistischen Staaten trat. Ideologisch wurde
diese Konfrontation noch durch den US-amerikanischen Politologen Samuel Hun-
tington untermauert, der einen Kampf der Kulturen, einen Clash of civilisations
(Huntington 2002) prognostizierte mit der Unterstellung, dass die Lebensweise
und Mentalitt der Menschen in islamischen Lndern nicht mit der des Westens
vereinbar sei.
Der Glaube daran, dass nach der Beendigung der Blockkonfrontation die Welt
friedlicher werden wrde, erwies sich als Illusion. Bereits 1991, im sogenannten
ersten Golfkrieg, griff ein Militrbndnis unter Fhrung der Vereinigten Staaten
Bundeswehr. 2003 folgte der Krieg gegen den Irak, den die USA auf die Liste der
der Willigen unter Fhrung der USA bombardierte Bagdad und andere Stdte,
P. Rttgers,
Von RocknRoll bis Hip-Hop,
DOI 10.1007/978-3-658-10846-5_7,
Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
2527 Die zweitausender Jahre
fge oder im Begriff sei, diese herzustellen, was sich spter als Propagandabe-
hauptung herausstellte.
Bundestagswahl 1998 regierte auf Bundesebene eine rot-grne Koalition mit Bun-
deskanzler Gerhard Schrder und Vizekanzler Joschka Fischer. Ab 2005 folgte
dieser eine groe Koalition aus CDU und SPD unter der ersten Kanzlerin der BRD,
Angela Merkel; diese wiederum wurde 2009 unter der Kanzlerschaft Merkels von
einer CDU-FDP-Regierung abgelst; ab 2001 wurde in der Bundesrepublik der
Euro als Zahlungsmittel eingefhrt, wodurch Deutschland noch enger in die EU
und deren gemeinsamen Wirtschaftsraum eingebunden wurde.
Bereits ein Jahr nach ihrer Wahl, im Jahr 1999, gab es unter der rot-grnen
Bundesregierung den ersten Kampfeinsatz der Bundeswehr in der Nachkriegsge-
schichte. Im Kosovo-Krieg beteiligte sich die Bundeswehr an Luftangriffen gegen
die Bundesrepublik Jugoslawien, wobei dieser militrische Einsatz ohne vlker-
nitren Zielen, es ginge darum, die Vertreibung von Albanern und Albanerinnen
zu stoppen und eine menschliche Katastrophe zu verhindern.
Im linken und alternativen Spektrum waren mit einer rot-grnen Regierung
nach 16 Jahren konservativer Regierung groe Hoffnungen verbunden, die sich,
vor allem im Bereich der Sozialpolitik, allerdings bald als illusionr herausstell-
ten. Erklrtes Ziel der rot-grnen Regierung war eine Modernisierung der Ge-
sellschaft, die durch Reformen herbeigefhrt werden sollte, doch hatten diese
Reformabsichten nicht viel mit dem gemein, was unter Willy Brandt darunter
verstanden wurde, nmlich eine Demokratisierung der Gesellschaft mit gre-
ren Mitsprache- und Gestaltungsmglichkeiten der Brgerinnen und Brger.
Die Reformbestrebungen von Rot-Grn sttzten sich dagegen auf das Credo des
Marktes und als Analyse der gesellschaftlichen De

zite wurden die altbekannten
Statements wiederholt: Die Deutschen lebten angeblich ber ihre Verhltnisse,
der Sozialstaat sei in seiner aktuellen Form nicht mehr

nanzierbar, die Brokra-
tie ersticke die individuelle Initiative, die Lhne seien zu hoch, die Lebens- und
Wochenarbeitszeit zu niedrig, die Arbeitszeit msse

exibler geregelt werden,
die Unternehmen mssten hhere Gewinne machen, um zu investieren, und der
Es ist offensichtlich, dass diejenigen, die den Grtel enger schnallen und
Verzicht ben sollten, diejenigen waren, die einer lohnabhngigen Beschftigung
nachgingen, arbeitslos oder RentnerInnen waren. Die Diagnose und die Ziele von
Rot-Grn in der Sozial- und Wirtschaftspolitik lassen sich daher auch als Bestand-
teil einer Revolution von oben, als Parteinahme fr die Besitzenden bezeichnen:
253
7.1 Hartz IV und Bankenkrise
Zum Teil bekennen die Eliten offen, dass sie gegen die Mehrheit agieren ( ...) Die-
se Revolution von oben ist begleitet von massiven

nanziellen Interessen. Sie wird
zum einen mglich, weil groe Teile unserer Meinungsfhrer in Fragen der kono-
mie Denkfehlern und Vorurteilen erliegen (...) Sie wird zum anderen auch deshalb
mglich, weil eine kritische ffentlichkeit, die diesen Namen verdient, kaum noch
existiert und einer in Teilen systematischen Meinungsbeein

ussung unterliegt. Be-
sonders dramatisch ist diese Revolution, da sie das Wichtigste, was sie verspricht,
nicht hlt: nmlich fr wirtschaftliche Gesundung zu sorgen. (Mller 2005, S. 26)
Im Zentrum der Sozialpolitik stand das dem Angloamerikanischen entlehnte
de. Grundlage dafr ist die Annahme oder Unterstellung, dass diejenigen, die ohne
Arbeit sind, es im Sozialstaat zu einfach haben; die Untersttzungsleistungen seien
zu hoch, sodass kein Interesse an der Annahme eines Arbeitsplatzes bestehe und
es sich die Menschen in der sozialen Hngematte

nanziell bestens abgesichert
gemtlich machen wrden.
ger Peter Hartz, dem Vorsitzenden der Kommission fr moderne Dienstleistun-
gen am Arbeitsmarkt, kommen die Grundstze des Forderns und Frderns deut-
lich zum Ausdruck, wobei die Begriffsschpfung Ich-AG die marktorientierte
Politik von Rot-Grn sprachlich auf den Punkt bringt: Der und die Einzelne sollte
sich als Arbeitskraftunternehmer verstehen und die jeweiligen Fhigkeiten auf
Menschen gefrdert werden, was allerdings in den allermeisten Fllen zum Schei-
tern verurteilt war:
Mit der Ich-AG erhob man die (Schein-)Selbstndigkeit von Hilfebedrftigen zum
Programm, war jedoch darauf bedacht, diese mglichst bald wieder aus dem Leis-
tungsbezug zu entlassen. Abgesehen davon, dass sich viele Arbeitslose, die den Weg
in die Selbstndigkeit beschritten, mit dem nach der Hhe ihres frheren Verdiens-

g nur unter-
nehmerische Kmmerexistenzen, die mit Auslaufen der Frderung berwiegend im
Bankrott endeten. (Butterwegge 2005, S. 191)
zung des Arbeitslosengeldes und den Zwang, fr eine Minimalaufwandsentsch-
digung von ein oder zwei Euro pro Stunde im ffentlichen Interesse liegende
Ttigkeiten auszuben. Bei Weigerung, diese Arbeiten auszufhren, drohte eine
Krzung von 30 % der ohnehin geringen Untersttzungsleistungen.
Zusammengefasst in der Agenda 2010, betrieb die Bundesregierung unter
sozialdemokratischer und grner Fhrung eine Politik, die sich nicht an den In-
2547 Die zweitausender Jahre
teressen der Mehrheit der Bevlkerung orientierte, sondern dazu beitrug, soziale
Unsicherheit und Ungleichheit zu verstrken, Hartz IV wurde zum Synonym fr
die Lage von Menschen mit uerst geringen

nanziellen Mitteln am Rande der
len Bestandteilen nicht zurckgenommen wurden. Von Seiten der katholischen
Soziallehre kritisierte Friedrich Hengsbach die grundlegende Orientierung in der
Sozialpolitik unter Rot-Grn:
Die Agenda beruht auf der Fehldiagnose, den Sozialstaat ausschlielich als Kos-
tenfaktor und Wachstumsbremse, nicht jedoch als wichtigen Produktivittsfaktor
zu erkennen, der die Wettbewerbsfhigkeit der Unternehmen gewhrleistet sowie
zur wirtschaftlichen Stabilitt und zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beitrgt.
(Hengsbach 2004, S. 19)
Begleitet und legitimiert wurden die sozialpolitischen Manahmen von einem
Sound des Sachzwangs (Bltter f. deutsche und int. Politik 2006), der suggerier-
te, zu den politischen Entscheidungen gbe es keine Alternative und sie entspr-
chen dem konomischen Sachverstand. Damit einher ging eine Diffamierung von
Menschen, die ohne Erwerbsarbeit waren; die ffentlichen Diskussionen drehten
sich immer mehr um Begriffe und Vorwrfe wie Anspruchsmentalitt, Besitz-
standswahrer; Menschen wurden zunehmend unter dem Aspekt ihrer konomi-
schen Leistungen beurteilt:
Es begann damit, da aus dem sozialen Netz die soziale Hngematte wurde und
statt von Massenarbeitslosigkeit vom kollektiven Freizeitpark die Rede war; mittler-
weile wird die Krzung von Arbeitgeberbeitrgen zur Rentenversicherung als Bei-
trag zur Generationengerechtigkeit verkauft und eine allgemeine Lohnsenkung als
Rezept zur Gesundung des Landes ausgegeben. (Prantl 2005, S. 91)
Die Politik zugunsten der Besitzenden, die sich auch in der steuerlichen Entlastung
von gut Verdienenden und Wohlhabenden zeigt, wurde von der sozialdemokra-
tisch-grnen Bundesregierung keineswegs aufgehoben, sondern noch verschrft,
woran sich auch unter den folgenden Regierungen nichts Wesentliches nderte. As
grundlegendes Argumentationsmuster galt dabei die Behauptung, es sei kein Geld
vorhanden, um weitere soziale Wohltaten

nanzieren zu knnen. Doch ist eher
das Gegenteil der Fall: Deutschland war auch in den Jahren nach der Jahrtausend-
wende ein sehr reiches Land, in dem jedoch die Vermgen immer mehr in weni-
gen Hnden konzentriert waren, whrend groe Teile der Bevlkerung zunehmend
255
7.1 Hartz IV und Bankenkrise
verarmten oder Angst vor Verarmung haben musste; die Spaltung der Gesellschaft
in Arm und Reich nahm im Laufe der Jahre immer extremere Formen an:
Whrend auf der einen Seite die Zahl der Millionre und Multimillionre zu-
nimmt, wchst auf der anderen Seite die Zahl der Menschen, die nicht genug haben,
um am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu knnen. Etwa jeder sechste Haushalt
in Deutschland lebt in Armut. berdurchschnittlich oft sind Alleinerziehende und
kinderreiche Familien davon betroffen; so leben in Deutschland etwa 2,5 Millionen
Kinder in Haushalten, denen weniger als 60 Prozent des Durchschnitteinkommens
zur Verfgung steht. (Wagenknecht 2007, S. 7)
Gegen Ende des Jahrzehnts bestimmte die sogenannte Finanzkrise die Politik.
Begonnen hatte diese 2007 in den USA, wo zu Spekulationszwecken immer un-
durchsichtigere innovative Finanzprodukte auf den Markt geworfen wurden. Als
offensichtlich wurde, dass diese oft im Grunde wertlos waren, war es kaum noch
mglich, sie zu veruern, ihre Kurse sanken ins Bodenlose. Als Folge dieser Spe-
kulationskrise machten diverse US-amerikanische Grobanken wie die Lehman
Brothers pleite. Anfangs wurde in Deutschland noch behauptet, dass sich die Kri-
se nicht auf Europa und Deutschland auswirken wrde, doch aufgrund der inter-
nationalen Ver

echtungen waren auch die europischen Lnder davon betroffen.
Die Folge waren in Deutschland zahlreiche Firmenpleiten und die Angst vor einer
zinsgnstigen Darlehen versuchte, die privatwirtschaftlich verursachte Krise ab-
Die zustzlichen Schulden wurden in einer Art Nebenhaushalt versteckt, der Son-
dervermgen genannt wird. Die Fonds bedeuten, dass der Staat einer Kapitalfrak-
der Staat Steuern und Abgaben dazu verwendet, die Verluste zu decken, verteilt er
die Gelder innerhalb seines Haushaltes im groen Stil um zuungunsten sozialer,
gesundheitlicher, kologischer und kultureller Leistungen und mit der Folge, dass
die Einkommen der Lohnabhngigen weiter schrumpfen. (Ditfurth 2009, S. 29f)
Die ffentliche Hand wurde herangezogen, um die von BankerInnen verursachte
Krise auszugleichen.
Der Glaube an die Krfte des Marktes, Deregulierungen und freier Kapitalver-
kehr waren die politischen und konomischen Schlagwrter seit den 80er Jahren,
mit deren Hilfe wirtschaftliche Gesundung und Wohlstand erreicht werden sollte.
Als genau diese Politik dazu beitrug, eine Wirtschafts- und Finanzkrise herauf-
zubeschwren, wurden die VerursacherInnen, die sogenannten Eliten, mit staatli-
chen Mitteln untersttzt. Whrend auf der einen Seite jeder Euro fr Hartz-IV-Be-
2567 Die zweitausender Jahre
zieherInnen als unzumutbare Belastung fr den Staatshaushalt dargestellt wurde,
konnten ber Nacht gigantische Summen fr die Rettung von Banken staatlich
bereitgestellt werden. Die Banken galten als systemrelevant und mussten mit
leidenschaft gezogen wrde.
Grundlage fr die Bankenkrise schufen die weitgehend abgeschafften Kont-
rollen im Bereich des Finanzwesens, die als notwendige Flexibilisierungen und
Die Dirigenten des internationalen Geldmarktes haben viel dafr getan, da es so
kommt. Sie haben erfolgreich versucht, die Politik demokratisch gewhlter Regie-
rungen ihrer Disziplin zu unterwerfen. Sie haben Regierungen gentigt, sie haben
den Abbau von Kontrollen erzwungen und sind gleichwohl mit eigens gegrndeten
Zweckgesellschaften in die Nischen der Welt ge

ohen, in denen sie ihre riskanten
Geschfte noch besser verstecken konnten. (Prantl 2010, S. 298)
Die konomische Sichtweise, ein Denken in Begriffen von Konkurrenz und Wett-
bewerb, Gewinnen und Verlieren, wurde zur zentralen Kategorie und bestimmte
zunehmend auch die Mentalitt der Menschen: Ratingagenturen, die Hitparaden
der Unternehmen erstellen, AnalystInnen, die die jeweiligen Brsenkurse ermit-
teln, der Shareholder Value, der Brsenwert der Unternehmen, sind die zentralen
Begriffe einer Gesellschaft, die sich immer mehr an konomischem Nutzen und
Pro

t orientierte und Menschen in Leistungstrger und ber

ssige einteilt.
Deutlich wird die soziale Unsicherheit in einer Gesellschaft, die von kurz-
fristigen Verwertungsinteressen bestimmt wird, an dem Vorgehen sogenannter
Finanzheuschrecken, die Unternehmen kaufen, sie ohne jede Rcksicht auf die
Belegschaft in Einzelteile zerlegen, diese kurzfristig gewinntrchtig an die Brse
bringen und nach Einstreichen des Pro

ts weiterziehen, ohne irgendeine soziale
Verantwortung zu bernehmen.
Im Gegensatz zu den sich verschrfenden realen konomischen Ungleichheiten
kam es auf der juristischen Ebene zu einer strkeren Gleichstellung: Das Allge-
ihrer sexuellen Orientierung oder Identitt, ihrer Weltanschauung oder Religion,
das Recht auf Klage gegen ArbeitgeberInnen oder Privatpersonen ein.
257
7.1 Hartz IV und Bankenkrise
raus und die Vielfalt der Lebensformen nahm zu. Zum anderen war Deutschland
jenseits der politischen Diskussionen de facto zu einem Einwanderungsland
geworden. Bereits in den 60er Jahren wurden Arbeitskrfte, vor allem aus Italien,
Spanien, Griechenland und dem damaligen Jugoslawien, angeworben, seit den
70er Jahren kamen verstrkt Menschen aus der Trkei dazu. Im Jahr 2010 lebten
in der Bundesrepublik insgesamt 81,7 Millionen Menschen, davon 65,5 Millionen
ohne und 15,7 Millionen mit einem Migrationshintergrund (s. Statistisches Bun-
einen Migrationshintergrund hatte. Als Mensch mit Migrationshintergrund zhl-
ten statistisch diejenigen Personen, die eine auslndische Staatsangehrigkeit ha-
ben oder seit 1950 ber die Bundesgrenzen zugewandert sind oder in Deutschland
als Deutsche geboren sind und ein Elternteil haben, das zugewandert ist oder eine
auslndische Staatszugehrigkeit hat. (Seifert 2010, S. 113) Folglich knnen sich
hinter dem Begriff Migrationshintergrund vllig unterschiedliche Lebenslufe
verbergen. Jenseits dieser Vielfltigkeit sind Menschen nicht deutscher Herkunft
insgesamt statistisch in ihrer konomischen Situation in Relation zur deutschen
Bevlkerung benachteiligt: Menschen mit Migrationshintergrund sind fter von
Arbeitslosigkeit betroffen und verfgen im Durchschnitt ber ein geringeres Ein-
kommen im Verhltnis zu Deutschen (s. Seifert 2011, S. 115117).
benseinstellung und Konsumgewohnheiten einheitlich sind. Zum einen deshalb,
weil sie aus unterschiedlichen Herkunftslndern (Russland, Trkei, Italien) stam-
mung groe Unterschiede zeigen, sodass es die Auslnderin oder den Ausln-
der nicht gibt.
Eine sozialwissenschaftliche Untersuchung zu subjektiven Einstellungen, In-
teressen, Lebenszielen und Geschmacksprferenzen kommt, bezogen auf die in
Deutschland lebenden MigrantInnen, zu dem Ergebnis, dass diese in sich sehr
te kristallisieren sich vllig unterschiedliche soziale Milieus hinaus (s. BZgA
2010a): Ein religis verwurzeltes Milieu, das sich stark an Traditionen und der
Religion des Herkunftslandes orientiert; ein traditionelles Arbeitermilieu mit
ein entwurzeltes Milieu, das zwischen den Traditionen der Herkunftskultur und
der westlichen Gesellschaft steht; ein adaptives Milieu mit einer starken Orien-
tierung an der Kernfamilie; ein statusorientiertes Milieu, das sich stark an west-
lichem Lebensstil und Bildung orientiert; ein multikulturelles Performermilieu,
gekennzeichnet durch Orientierung an Leistungsbereitschaft; ein hedonistisch-
subkulturelles Milieu im Spannungsfeld von Tradition und Moderne und schlie-
2587 Die zweitausender Jahre
und Weltoffenheit.
Deutschland ist im Zuge der Einwanderung von Menschen unterschiedlicher
schen mit Zuwanderungsgeschichte ebenso wie die Deutschen keine homogene
Gruppe bilden, sondern innerhalb groe Unterschiede festzustellen sind:
Menschen des gleichen Milieus verbindet mehr miteinander als mit dem Rest ihrer
Landsleute aus anderen Milieus. Somit kann man weder von der Herkunftskultur
auf das Milieu schlieen noch kann man vom Milieu auf die Herkunftskultur schlie-
en. (Merkle 2011, S. 88f)
7.2 Deutsche Zustnde
technischen Wandel, der sowohl in der Berufswelt als auch im Alltag tiefe Spuren
hinterlie. Mobiltelefone, anfangs noch ein eher seltenes Statussymbol, wurden im
schlsse fr groe Teile der Bevlkerung sorgten fr eine enorme Beschleunigung
schaft war Frau und Mann stndig erreichbar, hinzu kamen sogenannte soziale
Netzwerke wie Facebook, Myspace oder Twitter, die vor allem von jungen Men-
schen genutzt wurden und zu neuen Formen der Kommunikation und des sozialen
Austauschs fhrten. Als Bcher wie im Kino erfreuten sich Fantasy-Produkte wie
Harry Potter, Herr der Ringe, die Chroniken von Narnia und Twilight
sowie Hulk, Superman und Spiderman groer Beliebtheit.
Im Fernsehen hatten neben Quiz-Sendungen, Doku-Soaps und Kochshows Sen-
dungen wie Big Brother und diverse Casting-Shows hohe Einschaltquoten zu
verzeichnen. Bei Big Brother wurden die voyeuristischen Bedrfnisse des Pu-
blikums befriedigt: Verschiedene KandidatInnen wurden in einen Container ge-
sperrt, in dem sie versuchen mussten, miteinander auszukommen, wobei die Zahl
der BewohnerInnen durch die Wahl des Publikums immer geringer wurde, bis
zum Schluss ein Sieger oder eine Siegerin brig blieb.
Bei Casting-Shows wie Deutschland sucht den Superstar ging es darum, dass
zum Teil durch beleidigende und grobe Bemerkungen kommentiert wurde.
259
7.2 Deutsche Zustnde
Bei Germany

s next Topmodel versuchten junge Frauen, sich den Diktaten
des weiblichen Schnheitsideals zu unterwerfen und auf diesem Weg zu Bekannt-
heit und Geld zu gelangen; in den Werbepausen wurden Spots der Schnheits-
normierende Wirkung auf den weiblichen Krper. Ziel war es, sich mglichst at-
traktiv zu prsentieren, die teilnehmenden jungen Frauen wurden auf ihre krper-
lichen Attribute reduziert und traten in Konkurrenz zueinander an.
Vor allem diese Formate der Fernsehunterhaltung spiegelten zentrale gesell-
schaftliche Trends wider: Die Konkurrenz untereinander, die individuelle Prsen-
tation, das Performen, die Bewertungen von auen und die Einteilung in Gewin-
nerInnen, die medial gefeiert wurden, und VerliererInnen, denen mit Arroganz
Individualismus, Karriere- und Geldorientierung zentrale gesellschaftliche Werte
waren.
Im Dschungelcamp traten verschiedene Prominente, deren Bekanntheitsgrad
nicht mehr allzu hoch war, gegeneinander an und mussten diverse, oft ber die
Geschmacksgrenzen hinausgehende Aufgaben erfllen. Alle diese Shows wurden
in einem Zusammenspiel von Kommerzfernsehen und Boulevardpresse als bedeu-
tende Ereignisse aufgeblasen und gefeiert, es wurden neue Stars kreiert, die aller-
dings oft genauso schnell wieder verschwanden. Ziel waren in erster Linie hohe
Einschaltquoten fr die Werbewirtschaft, was durch die Eitelkeit der KandidatIn-
nen, deren Bedrfnis nach medialer Anerkennung und Popularitt und schlielich
die voyeuristischen Bedrfnisse des Publikums ermglicht wurde.
Hohe Einschaltquoten und groe Resonanz beim Publikum fanden ebenfalls di-
verse Comedians wie Mario Barth, der in Programmen wie Mnner sind Schwei-
ne Frauen aber auch oder Mnner sind primitiv aber glcklich simpelste Kli-
schees ber die angeblichen Eigenschaften der Geschlechter zum Besten gab.
Ein herausragendes Ereignis im Deutschland der 2000er Jahre war die Ausrich-
tung der Fuball-Weltmeisterschaft der Mnner 2006, in der es gelang, Deutsch-
land als weltoffenes und frhliches Land zu prsentieren. Im Zuge der Fuball-
begeisterung fanden sich fast berall im Land schwarz-rot-goldene Fhnchen und
Accessoires, wobei die Begeisterung fr das deutsche Team in aller Regel nichts
mit aggressivem Nationalbewusstsein oder Nazismus zu tun hatte.
In einer Langzeitstudie ber zehn Jahre mit dem Titel Deutsche Zustnde
hat der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer mit einem Forschungsteam die
sozialen Einstellungen der Deutschen in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts
untersucht. Im Mittelpunkt dieser gro angelegten Untersuchung steht das Kon-
zept der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, die Frage danach, wie die
Einstellung in verschiedenen Teilen der Bevlkerung zu Menschen unterschied-
2607 Die zweitausender Jahre
derung, Obdachlosen und Arbeitslosen ist. Damit sind nicht individuelle Ableh-
nungen oder Feindschaften zwischen konkreten Menschen gemeint, sondern die
Zustimmung oder Ablehnung von Menschen gegenber Menschen mit anderen
Merkmalen. Bezogen auf Mitmenschlichkeit, Solidaritt und den gesellschaft-
lichen Zusammenhalt fallen die Resultate uerst ernchternd aus. Die Studie
kommt zu dem Ergebnis,
da das zurckliegende Jahrzehnt von Entsicherung und Richtungslosigkeit im
Sinne einer fehlenden sozialen Vision markiert ist, in dem auch die schwachen so-
zialen Gruppen sowie solche mit spezi

schen Lebensstilen eine Ideologie der Un-
gleichheit sowie psychische und physische Verletzungen erfahren haben. In diesen
Bereichen sind also keine durchgreifenden Verbesserungen eingetreten. (Heitmey-
er 2012, S. 19)
Der Hintergrund fr die zunehmende Ablehnung oder sogar Feindschaft gegen-
ber Menschen anderer Herkunft oder mit Behinderung und Arbeitslosen ist die
konomische Unsicherheit, die weite Teile der Bevlkerung, vor allem seit der
waren Millionen von Menschen und deren Familienangehrige EmpfngerInnen
Arbeitslosigkeit waren auch Menschen aus Bevlkerungsgruppen von Armut be-
troffen oder hatten berechtigte Angst vor Verarmung, die sich zuvor in relativ ge-
sicherten beru

ichen und

nanziellen Verhltnissen bewegt hatten; viele schtz-
te auch eine Berufsausbildung oder ein Studium nicht vor dem Absturz in die
Arbeitslosigkeit. Hinzu kamen die sogenannten working poor, Menschen, die
trotz Arbeit kaum genug Geld hatten um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, zwar
Anspruch auf Untersttzungsleistungen hatten, diese jedoch entweder aus Un-
kenntnis oder aus Scham oft nicht wahrnahmen.
Die Angst vor sozialem Abstieg uerte sich zum einen in dem Bedrfnis, sich
durch die Feindschaft gegenber anderen Gruppen von Menschen aufzuwerten,
und zum anderen darin, Schuldzuweisungen an diese Gruppen zu erteilen, um die
eigene Unsicherheit erklren und verarbeiten zu knnen. Durchzogen war diese
ablehnende Haltung von einer auf konomie reduzierten Denk- und Handlungs-
weise, die Menschen vor allem nach ihrer Ntzlichkeit und konomischen Leis-
tungen beurteilte. Die konomisierung, die als zentrale Sichtweise sptestens seit
den 90ern die Gesellschaft ergriffen hatte, zeigte sich hier in der Beurteilung von
Menschen nach wirtschaftlichen Kriterien:
261
7.2 Deutsche Zustnde
Insgesamt ist eine konomistische Durchdringung sozialer Verhltnisse empirisch
belegbar. Es wird deutlich, da der autoritre Kapitalismus, dessen Zhmung in
den ersten Jahrzehnten der alten Bundesrepublik noch zu gelingen schien, inzwi-
schen auer Kontrolle geraten ist. Die spezi

sche Form der Gewalt, die mit diesem
in den hheren Stockwerken der Wirtschaft und Politik verbreiteten Desinteresse
an sozialer Integration, das lngst tief in die Poren einer sich aufspaltenden Ge-
sellschaft eingedrungen ist, einhergeht, wird zum Motor einer fortgesetzten sozialen
Polarisierung. (Heitmeyer 2012, S. 27)
Die Autoritt dieses Kapitalismus besteht darin, dass die Menschen sich den Zwn-
gen der konomie unterordnen mssen: Immer mehr schlecht bezahlte und befristete
Arbeitsverhltnisse ohne soziale Sicherheit, der Druck, der durch die hohen Arbeits-
losenzahlen auf die (noch) regulr Beschftigten wirkt, sodass sie weniger Mut haben,
die Arbeitslose bei einer neuen Beschftigung akzeptieren mssen, weil ihnen sonst
die Untersttzung gestrichen wird, und die Angst, das eigene Ersparte erst aufbrau-
Bedingungen, unter denen die Menschen in diesem Jahrzehnt lebten.
In den ersten 10 Jahren des 21. Jahrhunderts uerten sich durchgngig ber
10 % der Menschen mit Arbeit zustimmend zu der Frage, ob sie groe Angst vor
Arbeitslosigkeit haben; um die 20 % war die Zustimmung derjenigen Erwerbstti-
gen, die mal mehr, mal weniger Angst hatten, ohne Arbeit zu sein; fast ein Drittel
der erwerbsttigen Bevlkerung lebte somit trotz eines Arbeitsplatzes in Furcht,
diesen zu verlieren (s. Mansel/ Heitmeyer/Christ/Heitmeyer 2012, S. 114).
Die individuellen wie sozialen Verunsicherungen verstrkten die Ablehnung
stieg im Laufe der Dekade beispielsweise die Zustimmung zu uerungen wie
Die Obdachlosen in den Stdten sind unangenehm und Die meisten Obdach-
losen sind arbeitsscheu (s. Heitmeyer 2012, S. 39). Auch Statements wie Die
meisten Arbeitslosen sind nicht wirklich interessiert, einen Job zu

nden oder
Ich

nde es emprend, wenn sich die Langzeitarbeitslosen auf Kosten der Ge-
sellschaft ein bequemes Leben machen fanden im Laufe des Jahrzehnts hhere
Zustimmung (s. Heitmeyer 2012, S. 39).
Diese allgemeine Diffamierung von Menschen ohne Erwerbsarbeit, denen ein
bequemes Leben auf Kosten der Allgemeinheit unterstellt wurde in Zeiten von
Hartz IV eine absurde Aussage fhrte dazu, dass diejenigen, die von Erwerbslo-
sigkeit betroffen und dadurch ohnehin vom sozialen Leben ausgeschlossen waren,
Scham- und Schuldgefhle aufgrund ihrer sozialen Stellung entwickelten. Neben
Folgen:
2627 Die zweitausender Jahre
Ist es nun die bermchtige Arbeitslosenverwaltung, der Frust aufgrund vieler
erfolgloser Bewerbungen, das Gefhl von der Gesellschaft ungerecht behandelt zu
werden, die ffentliche Diffamierung, die Erfahrung von Armut und Stigmatisie-
rung, die Hil

osigkeit oder das Schuldgefhl, nicht mehr fr sich sorgen zu knnen?
Es gibt vielerlei Grnde, warum sich erwerbslose Menschen als Brger zweiter und
dritter Klasse herabgesetzt fhlen. Viele reagieren darauf mit Rckzug ins Private
und anderen Formen von Vereinzelung und Resignation, andere wiederum versu-
chen ihre Arbeitslosigkeit gegenber ihrer Umwelt zu verheimlichen. (Jger 2011,
S. 162)
Neben Rckzug und Isolation ist die Suche nach Schuldigen und Sndenbcken
eine weitere Form der Verarbeitung. In diesem Kontext ergab sich eine verstrkte
gehend eine strkere Ablehnung von Menschen mit Migrationshintergrund, die
sich in der Zustimmung zu Aussagen zeigten wie der, dass man Deutsche bei der
Vergabe von Arbeitspltzen bevorzugen sollte oder dass zu viele AuslnderInnen
in Deutschland leben (s. Heitmeyer 2012, S. 38). Die wachsende Abneigung gegen-
Brgerbewegung pro Deutschland im Jahr 2005. Diese Bewegung trat fr eine
restriktive Politik gegenber MigrantInnen ein, es gab personale berschneidung
zu rechtsradikalen Kreisen. Obwohl sie bei Wahlen nicht allzu erfolgreich war,
sorgte sie doch fr eine Verschiebung des politischen Spektrums nach rechts.
Die Verchtlichmachung von Hartz-IV-BezieherInnen geschah auch medial,
richtete. Hier schwang immer latent der Vorwurf mit, die Erwerbslosen wrden
sich mit ihren Transfereinkommen ein schnes Leben ohne Arbeit machen und
es sich in der sozialen Hngematte bequem einrichten. In den Schilderungen
ber das Leben von Menschen, die Hartz IV bezogen, vor allem in diversen
Doku-Soaps im Kommerzfernsehen, wurde ein Bild von Langzeitarbeitslosen

egt, sich ungesund ernhrend, ihre Krper ver-
nachlssigend, Nikotin und Alkohol missbrauchend und dick darstellte. Vor allem
der unterstellte nachlssige Umgang mit dem Krper wurde zum Aufhnger fr
herablassende Kommentare, die Schuld an ihrer Lage wurde den Erwerbslosen
selbst gegeben.
Nicht nur in den Massenmedien wurde ein uerst verzerrtes Bild von Men-
unterstellte Langzeitarbeitslosen, dass sie ein Leben in sptrmischer Dekadenz
fhrten; der Karlsruher Philosoph Sloterdijk sprach von einer Staatskleptokra-
263
7.2 Deutsche Zustnde
tie, in der der Staat den gut Verdienenden ber Steuern das Geld wegnimmt, um
es den Arbeitslosen zu geben:
Lebten im konomischen Altertum die Reichen unmissverstndlich und unmittel-
bar auf Kosten der Armen, so kann es in der konomischen Moderne dahin kom-
men, dass die Unproduktiven mittelbar auf Kosen der Produktiven leben und dies
zudem auf missverstndliche Weise, nmlich so, dass sie gesagt bekommen und
glauben, man tue ihnen Unrecht und man schulde ihnen mehr. (Sloterdijk, FAZ
v.13.6. 2009)
Groes Aufsehen erregte im Jahr 2010 das Buch Deutschland schafft sich ab
von Thilo Sarrazin. Dieses Buch mit dem Untertitel Wie wir unser Land aufs

age von 1,5 Millionen Exemplaren.
Sarrazin, zur damaligen Zeit Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank, griff
hier neben EmpfngerInnen von Transfereinkommen insbesondere Menschen mit
Migrationshintergrund und hier vor allem MuslimInnen an, denen er unterstellte,
sich nicht produktiv am Wirtschaftsleben zu beteiligen und stattdessen ihren Le-
bensunterhalt auf Kosten der Allgemeinheit zu bestreiten:
Wirtschaftlich brauchen wir die muslimische Migration in Europa nicht. In jedem
Land kosten die muslimischen Migranten aufgrund ihrer niedrigen Erwerbsbeteili-
gung und hohen Inanspruchnahme von Sozialleistungen die Staatskasse mehr, als
sie an wirtschaftlichem Mehrwert einbringen. (Sarrazin 2010, S. 267)
Auch hier wird die Storichtung deutlich: Angeblich an Arbeit uninteressierte und
zur Integration unwillige Menschen mit Migrationshintergrund werden diffamiert
Daraus resultiert bei Sarrazin die Furcht vor einem wachsenden islamischen
Ein

uss:
Ich mchte, dass auch meine Urenkel in 100 Jahren noch in Deutschland leben
knnen, wenn sie dies wollen. Ich mchte nicht, dass das Land meiner Enkel und
Urenkel zu groen Teilen muslimisch ist, dass dort ber weite Strecken trkisch und
arabisch gesprochen wird, die Frauen ein Kopftuch tragen und der Tagesrhythmus
vom Ruf der Muezzine bestimmt wird. (Sarrazin 2010, S. 308)
Ob Westerwelle, Sloterdijk oder Sarrazin: Es handelt sich jeweils um einen An-
griff der Leistungstrger (Rehmann/Wagner 2010), um Diffamierungen aus den
Reihen der

nanziell gut gesicherten und wohlhabenden Eliten, die diejenigen,
2647 Die zweitausender Jahre
die unter den wirtschaftlichen Umstnden am meisten zu leiden haben, nmlich
Hartz-IV-EmpfngerInnen und MigrantInnen, als unproduktive Sozialschmarot-
zer darstellen. Insbesondere die Thesen Sarrazins trugen dazu bei, Vorurteile
die Vorbehalte von Deutschen gegenber MigrantInnen (und umgekehrt) zu ver-
tiefen.
Mangelnde wirtschaftliche Perspektive und die Angst vor Armut und sozialer
Ausgrenzung fhrten auf der anderen Seite zu verstrkten Prozessen der Selbst-
Erfahrungen mit Diskriminierung und dem alltglichen Rassismus bei einigen
Jugendlichen trkischer Herkunft dazu, den Begriff Trke nicht mehr als eine
Beleidigung, sondern im Gegenteil die Trkei und damit Trkinnen und Tr-
rung dient dazu, Krnkungen und Abwertungen der eigenen Herkunft zu kompen-
sieren. Der Sozialwissenschaftler Kemal Bozay hat beobachtet,
dass unter den
nisch-nationalistische Identi

kations- und Organisationsmuster immer strker
in den Mittelpunkt rcken.
gegenber anderen aufwerten, erweisen sich fr mnnliche Jugendliche als ver-
fhrerisch, wie Bozay bei seinen Forschungen herausgefunden hat:

en, die von trkischen (rechts) nationa-
listischen Vereinigungen mobilisiert werden, von Ausgrenzungserfahrungen, Pers-
pektivlosigkeit, Bildungsde

ziten und Chancenungleichheit auf dem Arbeitsmarkt
und Ausbildungsmarkt. Erfahrungen zeigen, dass Chancenungleichheit und Diskri-
minierungserfahrungen bei Migrationsjugendlichen hu

ger dazu fhren, dass sie
sich mehr denn je aus der Mehrheitsgesellschaft und von ihren Werten abgrenzen,
zurckziehen und ihre eigene Welt suchen.(Bozay 2010, S. 179)
Im Zeichen der wirtschaftlichen Krise und der fr groe Teile der Bevlkerung
unsicheren und prekren Lebensverhltnisse ist Deutschland im ersten Jahrzehnt
des neuen Jahrtausends ein Land, das durch tiefe soziale und konomische Gegen-
von Eliten, der auf der anderen Seite immer mehr Menschen in Armut gegen-
ber stehen, wodurch der soziale Zusammenhalt und die soziale Stabilitt immer
Menschen deutscher Herkunft gegen Menschen anderer Nationalitten sind letzt-
lich Ausdruck konomischer Unsicherheit und von Versuchen, das eigene Ich und
die eigene Gruppe in einer unsicheren und immer unbersichtlicheren Welt zu ret-
ten. In dieser Gesellschaft, in der sich die Menschen immer strker ber Reichtum
265
7.3 Sexualitt in Zeiten des Internets
und Besitz de

nieren, in der die Prominenten und die, die es geschafft haben
medial gefeiert werden und in der zugleich denjenigen, die in oder am Rande der
Klima verschrft.
Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit als gesellschaftliche Tendenz bedeu-
tet, dass sich statt eines solidarischen Vorgehens Menschen gegeneinander posi-
tionieren und an die Stelle von Solidaritt und Respekt zunehmend Konkurrenz,
Zu den sozialen (Abstiegs-)ngsten kam in den 2000er Jahren noch eine ver-
strkte Angst vor der wachsenden Umweltzerstrung hinzu: Neben den ngsten
wegen der fortschreitenden Umweltvergiftung, der Besorgnis um die Abholzung
der Wlder oder die Gefahren der Chemie- und Atomindustrie gab es vor allem
seit der zweiten Hlfte des Jahrzehnts beunruhigende Unwetter- und ber

u-
tungskatastrophen. Berichte ber den Klimawandel, das Schmelzen der Pole und
das Ansteigen des Meeresspiegels sorgten fr eine zustzliche kologische Ver-
unsicherung.
gravierende Auswirkungen auf die Sexualitt. Gab es im Verlauf der 80er Jahre
durch den Videorecorder schon einen Schub hin zur Verbreitung professioneller
Sex

lme, so war dazu doch noch der Gang in eine Videothek erforderlich, der
schluss ermglicht dagegen, stndig und ohne Barrieren an Material mit sexuellem
Inhalt zu gelangen. Als das grte Warenhaus der Sexualitt, das je auf der Welt
ungeheure Menge von Webseiten mit erotischen, sexuellen und pornogra

schen
Inhalten. Ende des Jahrzehnts ergibt der Suchbegriff Sex bei Google ca. 45 Mil-

nden:
Von Amateur Babes, Anal Sex, Anspritzen und Asiatin ber BDSM,
Bisex, Groe Schwnze und Blowjobs bis hin zu Fickmaschinen, Gang
Bang, Hardcore, Homo und Nylons. Eine vollstndige Aufzhlung der
unterschiedlichen Kategorien wrde ganze Seiten fllen, selbst eine gut ausgestat-
tete Videothek knnte lediglich einen Bruchteil dieses Angebotes in den Regalen
lagern. Dies sind nur die legalen Seiten fr Erwachsene, darber hinaus existiert
ein Markt mit unerlaubter Pornogra

e wie beispielsweise Sexualitt mit Kindern,
Tieren oder Gewalthandlungen.
2667 Die zweitausender Jahre
Verfgbarkeit von Materialien mit sexuellem Inhalt bei und zugleich zu einer Ver-
vielfltigung der zu betrachtenden sexuellen Praktiken und Vorlieben. Vollkom-
men zu Recht wird von feministischer Seite kritisiert, dass der Mainstream der im
Internet dargestellten Praktiken eine Sexualitt darstellt, die in erster Linie hetero-
sexuelle Stereotypen wiederholt und auf die Spitze treibt:
Die vom Sptkapitalismus geprgten formalen Regeln der Pornogra

e sind der
Dreh- und Angelpunkt der modernen sexuellen Gefhllosigkeit: eine endlose Para-
de von rump

osen Schwnzen, die in irgendwelche Lcher eindringen, eine freudlo-
se, industrialisierte Sexualitt mit

iebandmig pumpenden Kolben, die stndig
darum bemht ist, neu gesteckte Grenzen des Hardcore in Geld zu verwandeln,
mehr Wichse zu melken, Analmuskeln weiter zu dehnen und Krperffnungen zur
doppelten, dreifachen, vierfachen Menge an gesichtslosem Genital

eisch zu ff-
nen. (Penny 2012, S. 28)
der Filme oder Bilder, der die Neugierde und das Interesse wecken soll, der ber-
wiegende Teil muss per Kreditkarte bezahlt werden: Der Umsatz, der mit porno-
gra

schen Seiten im Netz erzielt wird, betrgt nach Schtzungen ca. 30 Milliarden
Euro im Jahr (s. Mller 2008, S. 467).
nung in ProduzentInnen und KonsumentInnen, dann nmlich, wenn in Home-
Studios unabhngig von den kommerziellen Studios Pornos produziert und auf
verschiedenen Portalen ins Netz gestellt werden, sodass prinzipiell jede und jeder
zur Darstellerin oder zum Darsteller in pornogra

schen Produkten werden kann.
In diesem Sinne kann davon gesprochen werden, dass die stndig verfgbare
trgt und dadurch eine Abstumpfung und auch eine Absenkung der Schamgrenzen
zur Folge hat.
Verglichen mit der Sexualitt in der realen Welt ist die Sexualitt im Internet
schamlos, was schon an den ins Netz gestellten Fotos abzulesen ist, die deshalb als
pornogra

sch zu bezeichnen sind, weil ihr Zweck nur darin liegt, den Betrachter
zu sexualisieren. Noch prgnanter wird die im Netz vorhandene Schamlosigkeit in
den Webcam-Portalen, denn dort zeigen sich reale Personen, hu

g auch mit ihren
Gesichtern, bei den unterschiedlichsten sexuellen Praktiken, wobei allerdings zu-
meist nur masturbiert wird. Aber es gibt durchaus auch hetero- und homosexuelle
Paare, die einen Geschlechtsverkehr auffhren, um sich bei diesem beobachten zu
lassen. (Dannecker 2009, S. 41)
267
7.3 Sexualitt in Zeiten des Internets
Der Konsum von Pornogra

verteilt, es sind vor allem Mnner, die diese Angebote in Anspruch nehmen.
Ein erheblicher Teil der Bevlkerung nutzt die sexuellen Angebote im Internet in-
zwischen so regelmig, dass die internetgesttzte Sexualitt zum festen Bestandteil
ihres sexuellen Repertoires, oder, mit anderen Worten, zu einem habitualisierten se-
xuellen Verhalten geworden ist. Im Hinblick auf die erwachsene Bevlkerung lsst
sich wohl sagen, dass fr Mnner die Internetsexualitt im Begriff ist, zu einer
neuen Sexualform im Sinne eines habitualisierten sexuellen Verhaltens geworden
ist. (Dannecker 2009, S. 33)
ten von Bildern und Filmen mit sexuellem Inhalt als auch auf das Wahrnehmen
Spannungen fhren.
Wenn er virtuell fremd geht
(Brandenburg 2009), kann dies
bei Entdecken durch die Partnerin oder den Partner zu Problemen fhren, weil er
oder sie unsicher werden knnte ber die eigene erotische Attraktivitt oder die
sexuelle Zufriedenheit des Partners innerhalb der Beziehung.
Auch die Chatrooms, Portale, in denen sich ber Sexualitt ausgetauscht wer-
ss Menschen mit speziellen erotischen
und sexuellen Vorlieben sich austauschen und Treffen vereinbaren knnen, sodass
besondere sexuelle Praktiken von Gleichgesinnten gemeinsam ausgelebt werden
knnen.
Im Chatroom agieren die UserInnen mit einem Nickname, der die jeweils wirk-
liche Identitt nicht zu erkennen gibt. Daher ist es auch mglich, sich als vllig an-
derer Mensch zu prsentieren und zu phantasieren, hier knnen sich Menschen als
attraktiv und begehrenswert darstellen, eventuelle eigene Unsicherheiten berspie-
len und einem sexuell unbefriedigenden Leben ent

iehen, da das Risiko einer
realen zwischenmenschlichen Begegnung nicht eingegangen werden muss. Eigene
Unsicherheiten und ngste knnen in Chat Rooms berspielt und bei unerwnsch-
ten vorgeschlagenen Handlungen oder Personen knnen diese einfach weggeklickt
werden. Es besteht die Gefahr einer Vermischung von Fantasie und Realitt, wie
ein Sexualtherapeut berichtet, so
verschwimmen bei einer Reihe von UserInnen, zumal bei jenen, die als KlientInnen
kommen, sehr hu

g die Grenzen zwischen virtuell und real. Denn die Gefhle, die
sexuelle Erregung, die Neugierde, das Gefhl von Vertrautheit im anonymen Chat
sind im subjektiven Erleben sehr real. (Munding 2009, S. 28)
2687 Die zweitausender Jahre
sonen zumeist mit hnlichen oder vergleichbaren Neigungen gegenseitig vor
ihren jeweiligen Computern stimulieren, ohne krperlichen Kontakt aufzunehmen.
Schlielich existieren auch Mglichkeiten, mittels Teledildonik, also mit Sen-
anderen Menschen ohne deren direkte Anwesenheit zu machen.
nerbrsen, Verabredungen zum Sex in Chatrooms und Cybersex hat die Sexualitt
im beginnenden neuen Jahrtausend verndert; gezeigte Sexualitt in allen ver-
botenen wie erlaubten Varianten ist durch die Verbreitung des weltweiten Netzes
fast berall konsumierbar. Hinzu kommt eine vernderte Sexualmoral, was den
Spielraum fr gesellschaftlich anerkannte Sexualpraktiken erweitert.
Hierzu passt auch die Tatsache, dass homosexuelle Orientierungen in den 00er
Jahren ffentlich sichtbarer waren als je zuvor: Vor allem schwule Mnner wie
Guido Westerwelle, Klaus Wowereit, Hape Kerkeling oder Dirk Bach standen of-
fen zu ihrer Homosexualitt.
Bestandteil des offeneren Umgangs mit Sexualitt in ihren verschiedensten Va-
rianten ist die Tatsache, dass Sexualitt immer weniger verborgen oder verschmt
besprochen und praktiziert wurde, sondern im Gegenteil zum Bestandteil eines
Lifestyles aufstieg: Zu seiner Sexualitt zu stehen, sich mglichst offen und un-
verkrampft zu prsentieren und dabei nach Mglichkeit den Anschein von Prde-
rie oder Spieigkeit zu vermeiden, wurde zu Merkmalen einer modernen Le-
bensfhrung, wie es die Darstellerinnen der US-Serie Sex and the city vorleben,
ein bisschen bi, ein bisschen SM, ein bisschen voyeuristisch, exhibitionistisch, ein
paar Fetischparties, mal in den Swingerclub. Es geht um Mglichkeiten der Er-
regung und des Vergngens, die zu nutzen wir medial geradezu angehalten wer-
den. Man probiert alles Mgliche aus, legt sich nicht fest, besetzt nichts wirklich,
sondern schreitet relativ mhelos zum Nchsten, sobald etwas an Reiz verliert.
(Dring 2009, S. 60)
In ihrer Untersuchung mit dem Titel Oversexed and underfucked beschftigt
sich Iris Osswald-Rinner mit dem kulturellen Wandel der Sexualitt seit den 50er
Jahren. Als Grundlage dient ihr die Ratgeberliteratur der jeweiligen Zeit, die die
zentralen Vorstellungen ber richtige und gelungene Sexualitt widerspiegeln.
Auf dieser Grundlage analysiert sie verschiedene sexuelle Skripts,
269
7.3 Sexualitt in Zeiten des Internets
eine Ansammlung bestimmter Handlungsoptionen, deren Einhaltung in einer auf-
einander abgestimmten Reihenfolge bedeutsam ist. Vordergrndig ist hierbei, dass
den Beteiligten das Thema der Situation klar ist. Nur dann gibt es einen reibungs-
losen Ablauf. Der Skriptbegriff macht es somit mglich, nach Regieanweisungen fr
sexuelles Verhalten zu suchen und Bilder unserer Kultur und implizite Normen aus-

ndig zu machen. Gleichzeitig knnen Stabilitten und Wandlungen ausgemacht
werden. (Osswald-Rinner 2011, S. 37)
Die 50er Jahre wurden beherrscht vom Dornrschen-Skript; Sexualitt sollte

nden, wobei der Mann die Aufgabe
das Barbie & Ken-Skript durch: Die Ehe war nicht mehr der alleinige Ort fr
Sexualitt, Gleichberechtigung und gegenseitige Befriedigung wurden bedeutsam,
es wurde dazu geraten, Produkte der Sexindustrie zu konsumieren. Ab Mitte der
80er, in den Zeiten von AIDS, gewann das Adam & Eva-Skript an Bedeutung:
Als erste drastische Manahme wird ihnen die Methode schnell wechselnder Part-
nerschaften zur Vermeidung von Eintnigkeit und Langeweile mit Hinweis auf zahl-
reiche Risiken und Nebenwirkungen von der inneren Leere bis hin zur In

zierung
mit dem todbringenden Virus untersagt. (Osswald-Rinner 2011, S. 175
)
sondern der ganze Krper soll in eine kommunizierte, ausgehandelte und auf
gegenseitiger Befriedigung beruhende Sexualitt einbezogen werden.
Ab dem neuen Jahrtausend schlielich ist das Ich & Ich-Skript dominierend
in der Ratgeberliteratur, das auf den einfachen Nenner gebracht werden kann:
Ein Paar ist, wer gerade Sex miteinander hat. (Osswald-Rinner 2011, S. 215)
Im Ich & Ich-Skript kommen die sozialen Bedingungen, unter denen Sexualitt
seit dieser Zeit gelebt wird, zum Ausdruck: die zunehmende Individualisierung
von Lebenslufen, das Verschwinden der Sexualmoral von oben und die durch
bei das individuelle Glck und die individuelle sexuelle Zufriedenheit im Mittel-
punkt stehen:
2707 Die zweitausender Jahre
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass ICH und ICH der Selbstliebe ver-
p

ichtet sind und dass jede Form der sexuellen Bettigung auf das eigene Glck
zielt. Zwei ICHs haben Sex miteinander, weil sie Sex lieben und weil sie ein sexuell
aufregendes und mglichst einmaliges Erlebnis haben wollen. Wiederholungen sind
nicht gewnscht. (Osswald-Rinner 2011, S. 223)
den 80er Jahren als dritte oder neosexuelle Revolution. Whrend der ersten se-
xuellen Revolution am Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts standen der
Kampf gegen die Rechtlosigkeit der Frau und fr eine Sexual- und Lebensreform
im Mittelpunkt. Die zweite Revolution um 1968 kmpfte fr eine Befreiung
der Sexualitt und das Recht auf Sexualaufklrung. In den 80er Jahren beginnt
schlielich die dritte, neosexuelle Revolution:
In diese Zeit fllt die Debatte um Sex und Gender, der Einbruch der Krankheit
AIDS, ein neuer Missbrauchsdiskurs sowie die digitale Revolution samt Aufkom-
men emergenter Internet-Sexualitten. (Sigusch 2013, S. 227)
In diesem Kontext wird der Sexualitt nicht mehr das revolutionre Potenzial
unterstellt, wie es bei einigen TheoretikerInnen der Studierendenbewegung noch
der Fall war.
Das, was die Generation der zweiten sexuellen Revolution als Rausch, Ekstase,
und Transgression ersehnten, wurde am Beginn der dritten sexuellen Revolution
unter dem Aspekt der Geschlechterdifferenz, der sexuellen bergrif

gkeit, der
Missbrauchserfahrung, der Gewaltanwendung und der Infektionsgefahr problema-
tisiert (....) Seither wird Sexualitt ganz offensichtlich nicht mehr als die groe Me-
tapher des Rausches, der Lust, des Hhepunktes, der Revolution, des Fortschritts
und des Glcks berschtzt und positiv mysti

ziert. Je unablssiger und aufdring-
licher Erotisches und Sexuelles in den letzten Jahrzehnten ffentlich inseriert und
kommerzialisiert wurde, desto mehr verlor es an Sprengkraft, desto banaler wurde
es. Heute ist die Sexualitt eher eine banal-allgemeine Selbstverstndlichkeit...
(Sigusch 2013, S. 229)
Doch trotz der Tendenzen hin zu einer Sexualitt der Vielfalt und des Egoismus
jenseits von festen Zweierbeziehungen ist Sexualitt, die sich innerhalb einer
dauerhaften Partnerschaft abspielt, ein weit verbreitetes Ideal. Sexualitt steht
im Spannungsfeld einer stndig und in (fast) allen Formen vorgelebten Praxis im

ichtung
auf der einen und dem Bedrfnis nach Dauerhaftigkeit, Harmonie, Bestndigkeit
271
7.3 Sexualitt in Zeiten des Internets
und Vertrauen auf der anderen Seite, wie der Sexualwissenschaftler Kurt Starke
fr die Jahre nach dem Jahrtausendwechsel feststellt:
Die subjektive Bedeutung der Sexualitt ist freilich hoch. Untersuchungen der
letzten Jahre zeigen allerdings eine starke Relativierung der Sexualitt: wichtig,
aber nicht sehr wichtig. Das kann als Bedeutungsverlust von Sexualitt im moder-
nen Heute interpretiert werden, doch mehr noch kommt in den hu

gen Relativie-
rungen eine Distanz zur Prsentation des Sexuellen in der ffentlichkeit zum Aus-
druck, ein Sich-Wehren gegen die Hypertrophierung des Sexuellen und gegen den
sexuellen Leistungsdruck, eine Grenzziehung zum Allerweltssex, zur Beliebigkeit,
Drftigkeit, Ober

chlichkeit. (Starke 2008, S. 400)
So stellt Starke fest, dass Frauen wie Mnner als Wichtigstes in der Sexualitt
nennen, der geliebten Person nahe sein, die zwischenmenschlichen Beziehungen
sind von groer Bedeutung fr die jeweilige sexuelle Zufriedenheit:
Nicht allein die Existenz einer Beziehung (und deren Dauer), sondern vor allem
die emotionale Qualitt der Beziehung pro

lieren die sexuelle Aktivitt im Erwach-
senenalter. (...) Wenn die gegenseitige Liebe gleichermaen stark ist und auch das
Verlangen noch bereinstimmt, dann ist der Effekt am grten. Reziprozitt der
Gefhle ist noch immer die gnstigste Voraussetzung fr eine sexuelle Interaktion.
(Starke 2008, S. 405)
Eine feste Beziehung hat nach wie vor einen hohen Stellenwert bei Frauen wie
Mnnern in den 2000er Jahren, das Bedrfnis nach Zweisamkeit spielt eine groe
Rolle, der Wunsch nach Halt in einer auf Dauer angelegten Verbindung in Zeiten,
die konomisch und sozial unsicher sind.
Sexualitt im neuen Jahrtausend ist ein gewandeltes Geschlechterverhltnis: Frau-
tischen Protest sensibilisiert gegenber (sexuellen) mnnlichen bergriffen und
schlielich ist auch das gesellschaftliche Leitbild nicht mehr das Bild der Frau in
der Kche und mit Kindern; an deren Stelle ist das Bild einer beru

ich erfolgrei-
Gegenber dieser strkeren Stellung von Frauen formierte sich eine Mnner-
bewegung mit dem Ziel, die Erfolge des Feminismus zurckzudrngen. Diesen
Mnnern meist mit einem akademischen Hintergrund wurde der Feminis-
Deutschland, MANNdat oder AGENS/Befreiungsbewegung fr Mnner
sollte suggeriert werden, dass der Mann ein Opfer des Feminismus geworden sei,
2727 Die zweitausender Jahre
Frauen ber mehr Rechte verfgten und letztlich ein traditionelles Familienbild
wieder hergestellt werden sollte, zu dem auch die teils aggressive Ablehnung von
Homosexualitt gehrt.
Ein Biologismus, der eine Natur der Geschlechter und der Sexualitt behaup-
tet, der Mythos, dass Mnner Opfer von Frauen seien, die Ablehnung von staat-
licher Geschlechterpolitik wie Frauenquoten oder Gender Mainstreaming bilden
das theoretische Fundament dieser Gruppen.
Doch zeigt schon ein Blick auf die empirischen Daten, dass die konomische
und politische Macht in Deutschland trotz einer Kanzlerin Merkel auch im
neuen Jahrtausend klar zu Gunsten der Mnner verteilt war, woran auch die Ende
des Jahrzehnts aufkommende Diskussion um die sogenannten Alpha-Mdchen
(s. Haaf/Klinger/Streidl 2008) nichts nderte: Im Jahr 2012 waren 98 % der Chef-
redakteurInnen mnnlich, 81 % der ProfessorInnen, 96 % der Vorstnde der br-
sennotierten AGs, 92 % der ChefrztInnen, 67 % der RichterInnen und 85 % der
AufsichtsrtInnen; demgegenber betrug die Quote der alleinerziehenden Mnner
10 % (s. TAZ 17./18.11.2012).
7.4 Jugend in der interkulturellen Gesellschaft
Die 16. Shell Jugendstudie kam 2010 zu dem Ergebnis, dass eine pragmatische
Grundhaltung kennzeichnend fr die Haltung der meisten Jugendlichen im neuen
oder gegenkulturelle Entwrfe, es ist die Grundhaltung, sich innerhalb gegebener
sozialer Strukturen zu bewhren und nicht aus der Gesellschaft auszusteigen.
Kennzeichnend ist auch weiterhin die auffllig pragmatische Umgangsweise mit
den Herausforderungen in Alltag, Beruf und Gesellschaft. Leistungsorientierung
und das Suchen nach individuellen Aufstiegsmglichkeiten im Verbund mit einem
ausgeprgten Sinn fr persnliche Beziehungen im persnlichen Nahbereich pr-
gen diese Generation. Eine pragmatische Generation behauptet sich. (16. Shell
Jugendstudie 2010, S. 15)
Eine relativ hohe Zufriedenheit gab es bei der Mehrheit der Heranwachsenden
gegenber dem Erziehungsverhalten der eigenen Eltern; fast drei Viertel der Ju-
gendlichen hatten die Absicht, die eigenen Kinder spter genauso oder ungefhr so
zu erziehen, wie sie selbst erzogen wurden (s. 16. Shell Jugendstudie 2010, S. 15).
Fr die berwiegende Zahl der Jugendlichen zu Beginn des neuen Jahrtausends
273
7.4 Jugend in der interkulturellen Gesellschaft
kommene Zwangsgemeinschaft mit autoritren Strukturen, Unterordnung und
Strafen, sondern im Gegenteil eine notwendige Untersttzung fr die jeweilige
Lebensgestaltung in Zeiten wirtschaftlicher und sozialer Unsicherheit. Innerhalb
der Familie


ndet eine groe Mehrheit der Jugendlichen den notwendigen Rckhalt und die
positive emotionale Untersttzung auf dem Weg ins Erwachsenenleben. So haben
mehr als 90 % der Jugendlichen ein gutes Verhltnis zu ihren eigenen Eltern, 35 %
kommen bestens miteinander aus, und weitere 56 % kommen klar, auch wenn es
gelegentlich Meinungsverschiedenheiten gibt. (16. Shell Jugendstudie 2010, S. 17f)
dings bei einer relativ hohen Zufriedenheit mit den sozialen Verhltnissen.
Bei diesen empirischen Befunden ber die Jugend in Deutschland, die durch-
schnittliche Werte ermittelt, darf aber keineswegs bersehen werden, dass es nach
wie vor eine nicht unbetrchtliche rechte Szene mit auslnderfeindlichen, antise-
mitischen und stark autoritren Ideologien gab, die nicht davor zurckschreckte,
allem in linken Milieus an Hochschulen eine Generation ATTAC (Stay 2006),
den Wohlhabenden diente und zu einer gravierenden Spaltung der Gesellschaft in
Reich und Arm gefhrt hat.
Die Diskussion ber die Jugend in Deutschland zu Beginn der Dekade wurde
stark von den Ergebnissen der PISA-Studie bestimmt. PISA, die Abkrzung fr
Programme for International Student Assesment (Programm zur internationalen
SchlerInnenbewertung) war eine internationale Schulleistungsuntersuchung, die
zum Ziel hatte, alltags- und berufsrelevante Kenntnisse von 15-Jhrigen zu unter-
suchen, wobei die deutschen Schlerinnen und Schler in Relation zu den Gleich-
altrigen anderer Lnder relativ schlecht abschnitten, was den Spiegel zu dem Titel
PISA sind deutsche Schler doof? (Spiegel 50/01) veranlasste. Die Reaktionen
auf die Studienergebnisse waren durchaus vergleichbar mit denen, die auf die von
Picht diagnostizierte Bildungskatastrophe in den 60er Jahren erfolgten: Es war
in erster Linie die Befrchtung, Deutschland knne, was die Leistungen und F-
higkeiten der Heranwachsenden betrifft, den Anschluss an die Wettbewerbsfhig-
keit verlieren und wrde konomisch abgehngt, sodass dem Wirtschaftsstand-
ort Deutschland Nachteile im internationalen Wettbewerb entstehen (s. Baumert
2003).
2747 Die zweitausender Jahre
Vor allem aber zeigten die Ergebnisse der PISA-Studie, dass der Zusammen-
hang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg in keinem vergleichba-
ren Land so stark ist wie in Deutschland: Bildung und Bildungstitel werden in
Deutschland vererbt, sodass die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mdchen oder
und ein Studium beginnt, deutlich hher ist als bei einem Kind oder Jugendlichen
aus einer nicht-akademische Herkunftsfamilie. Bei Kindern, die in Familien auf-
wachsen, deren Eltern ber keinen Schul- oder Berufsabschluss verfgen, ist die
Wahrscheinlichkeit einer akademischen Laufbahn uerst gering, wobei dieser
Zusammenhang auch noch am Ende des Jahrzehnts besteht, wie die 16. Shell Ju-
gendstudie feststellte:
Eine bildungsferne Herkunft fhrt immer noch mit einer scheinbar unausweich-
gen fr eine sichere Perspektive aneignen zu knnen. (16. Shell Jugendstudie 2010,
S. 15)
Ein weiteres Ergebnis der PISA-Studie war, dass Mdchen in Relation zu Jungen
bedeutend bessere schulische Leistungen aufweisen, was wiederum den Spiegel zu
dem Titel Schlaue Mdchen Dumme Jungen veranlasste (Der Spiegel 21/2004).
hnlich panisch wie die Reaktionen auf die Ergebnisse der PISA-Studie waren
gegen Ende des Jahrzehnts die Diskussionen um eine angebliche sexuelle Verwahr-
losung der Jugend, wie sie die Niederlnderin Myrthe Hilkens in dem Buch McSex.
Die Porno

zierung unserer Gesellschaft (Hilkens 2010), vor allem aber Bernd Sig-
gelkoff und Wolfgang Bscher mit Deutschlands sexuelle Tragdie. Wenn Kinder
nicht mehr lernen, was Liebe ist (Bscher/Siggelkoff 2010) heraufbeschworen.
Dieses Buch brachte den Autoren den Besuch in zahlreichen Talkshows ein und
wurde zum SPIEGEL-Bestseller. Auf der Rckseite des Buches heit es:
Deutschlands Kinder und Jugendliche haben immer frher Sex, wissen aber oft
nicht, was Liebe ist (...) Nicht nur haben sie immer frher Sex, sondern auch immer
hu

ger, mit stndig wechselnden Partnern, mit vllig Fremden und ohne Scham
auch ffentlich. Sex als Ware, als Droge, als Ersatz fr fehlende Liebe, Geborgen-
heit und Wrme. (Bscher/Siggelkoff 2010. Text auf der Umschlagseite).
Das Buch ist mit zahlreichen Fallbeispielen versehen, in denen einzelne Mdchen
wie Jungen Opfer einer Pornowelle werden, Sex nur noch als Leistung ohne innere
Bindung betrachten und der Gefahr der unontrollierten sexuellen Enthemmung
unterliegen.
275
7.4 Jugend in der interkulturellen Gesellschaft
Unstrittig ist, dass Jugendliche seit der massenhaften Verbreitung des Inter-
Allerdings sind die Thesen der Autoren nicht empirisch fundiert, es handelt sich
lediglich um einzelne Beschreibungen Jugendlicher, wobei Skandalberichterstat-
tungen und Horrormeldungen zum Thema Jugend und Sexualitt in der Regel auf
ein groes ffentliches Interesse stoen.
Die sexualwissenschaftliche Forschung kommt zu vollkommen anderen Ergeb-
nissen. Angesichts der Verbreitung von Pornogra

e und der Befrchtung, diese
werde als real genommen und von den Jugendlichen als Anleitung fr ihre eigene
Kinder und Jugendliche haben, aufgewachsen inmitten von Bilder

ut und totaler
sexueller Information, andere Verarbeitungsmodi als die lteren. (...) Warum unter-
stellen wir nicht, dass, gerade auch im Hinblick auf sexuelles Verhalten, den Ju-
gendlichen die Unterscheidung zwischen Realem und Fiktion auch gelingen kann?
(Sielert 2005, S. 128)
Die Bundeszentrale fr gesundheitliche Aufklrung kommt in ihrer empirischen
Untersuchung zur Jugendsexualitt am Ende des Jahrzehnts zu dem Ergebnis, dass
sich die Tendenzen hinsichtlich einer erhhten Akzeptanz von Eltern der Sexuali-
tt ihrer Kinder gegenber, mehr Gleichheit der Geschlechter und eines verbes-
serten Verhtungsverhaltens durchgesetzt haben (s. BZgA 2010). Auch geschieht
Jugendlichen:
Ein geringer Anteil vllig Ahnungsloser ist jedoch nicht gleichzusetzen mit einem
entsprechend groen Anteil von Jugendlichen, die ganz gezielt ihr erstes Mal an-
gehen. (BZgA 2010, S. 123)
Bei aller Annherung der Geschlechter bleiben allerdings geschlechtsspezi

sche
Unterschiede in der Zufriedenheit mit dem eigenen Krper. Wesentlich mehr Jun-
gen als Mdchen stimmten der Aussage Ich fhle mich wohl in meinem Krper
zu (s. BZgA 2010, S. 9298), was zweifellos auf den nach wie vor hheren Druck
auf Mdchen wie Frauen zurckzufhren ist, ihre Krper als attraktiv zu prsen-
tieren und davon ihre subjektive Zufriedenheit abhngig zu machen. Dies ist mit
psychischen Belastungen fr weibliche Heranwachsende verbunden:
2767 Die zweitausender Jahre
Ritzen, endlose Diten, die ngstliche berwachung des Krpergewichts, Anfl-
ligkeit fr ein geringes Selbstwertgefhl, Magersucht: Dies alles sind heute gesunde
Zeichen ungesunder Weiblichkeit, (McRobbie 2010, S. 133)
Die groe Popularitt von Model- und Castingshows trug erheblich dazu bei, in-
dem das Model fr einen Teil der weiblichen Jugend zum Leitbild wurde.
tt als einen Wandel von der Wollust zur Wohllust:
Ging es frher um den Trieb des Mannes und den Orgasmus der Frau, geht es
heute darum, wie junge Frauen und Mnner am besten miteinander zurechtkom-
men. Wichtiger als der sexuelle Akt ist eine feste Beziehung, in der sich die Partner
angenommen und aufgehoben fhlen. Pointiert gesagt ist das der historische Weg
von der Wollust zur Wohllust. Beschritten werden konnte er nur, weil Tabus und
Geschlechterdifferenzen abgebaut worden sind und sich Jungen allmhlich trauen,
Gefhle zu zeigen und darber mit ihrer Freundin zu sprechen, obgleich sie immer
noch eher als Mdchen dazu erzogen werden, stark und hart zu sein. (Sigusch
2013, S. 444)
Trotz aller Liberalisierung und grerer Prsenz schwuler Mnner und lesbischer
Frauen in der ffentlichkeit hatten junge Menschen mit bi- und homosexueller
Orientierung auch nach der Jahrtausendwende zum Teil noch groe Schwierigkei-
ten, wenn sie zu ihrer sexuellen Vorliebe offen standen. Diskriminierung, der Ab-
bruch von Freundschaftsbeziehungen, groe Probleme mit den eigenen Eltern und
der sozialen Umwelt erschwerten diesen Jugendlichen das Leben mit der Folge,
dass die Selbstmordrate bei ihnen signi

len Gleichaltrigen (s. Schwules Netzwerk NRW 2006).
barkeit und Vervielfltigung noch beschleunigt fort,
so dass in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts eine kaum mehr berschaubare
Pluralitt und Zersplitterung von unterschiedlichen jugendlichen Verhaltensweisen,
Orientierungen, Haltungen, Lebensstilen sowie inhomogenen jugendkulturellen Ein-
stellungen, Ausfcherungen und Stilisierungen vagabundiert. (Ferchhoff 2011, S. 193)
ber 4.000 Jugendkulturen ausmachen (s. Farin 2001, S. 72); diese haben in der
Regel keinen umfassenden Anspruch hinsichtlich einer anderen Gesellschaft oder
einer Utopie, sie werden von den Jugendlichen zumeist auch eher von Fall zu Fall
gewhlt, miteinander kombiniert und gewechselt, so
277
7.4 Jugend in der interkulturellen Gesellschaft
da Jugendliche heute zwischen dem 11. und 19. Lebensjahr (...) im Schnitt sechs
bis acht dieser Kulturen durchlaufen und hu

g sogar zwei oder drei Jugendkultu-
ren und -szenen parallel angehren (Farin 2001, S. 206).
derts auch als Sampling-Genies (Farin 2001, S. 207).
ranwachsende auch ein Aufwachsen unter uerst beschrnkten materiellen Be-
dingungen; die Schere zwischen Arm und Reich, die immer grere Zahl von
Menschen, die ein Leben am Rand der Gesellschaft fristen mssen, betrifft auch
zahlreiche Kinder und Jugendliche. Studien aus dem Jahr 2008 kommen zu dem
Ergebnis, dass je nach Berechnungsgrundlage 12 %, 17 % oder sogar 26 % der Kin-
2010, S. 211f); selbst wenn der geringste Prozentsatz angenommen wird, muss da-
von ausgegangen werden, dass mindestens jedes neunte Kind oder Jugendliche
unter stark eingeschrnkten konomischen Bedingungen in der Bundesrepublik
aufwchst.
In einer Gesellschaft, in der der Wert und das Ansehen der Menschen in erster
Line ber Konsum de

niert werden, ist fr diese Kinder ihre konomische Situ-
tionen, in einem Teufelskreis aus Arbeitslosigkeit oder schlecht bezahlter Arbeit
der Eltern, mangelnder Bildung und daraus resultierenden negativen individuellen
Aussichten. So stellt auch die 16. Shell Jugendstudie fest, dass der grundstzliche
Optimismus und die Zufriedenheit der Heranwachsenden ein Durchschnittswert
ist, der nicht auf die Kinder und Jugendlichen am Rand der Gesellschaft zutrifft:
Rcklu

g ist die Zuversicht allerdings bei Jugendlichen aus der sozial schwchs-
ten Schicht. In 2010 sind es gerade noch ein Drittel (33 %), die sich optimistisch
uern. (16. Shell Jugendstudie 2010, S. 16)
Insbesondere in sozialen Milieus, die ber geringe konomische Mglicheiten ver-
fgten, war es zum Teil angesagt, sich gegenseitig zu dissen, das Gegenber
gegenseitigen Abwertungen wie Du Opfer das fort, was ihnen ein Teil der Me-
dien als Umgangsform vormachte.
2787 Die zweitausender Jahre
Doch auch diejenigen, die ein Studium absolviert haben, konnten nicht unbe-
dingt auf eine befriedigende Beschftigung und dementsprechende Bezahlung
hoffen. Viele AbsolventInnen gehrten zur Generation Praktikum und mussten
nach ihrem Studium in schlecht oder berhaupt nicht bezahlten Praktikumsstellen
arbeiten, ohne die Aussicht auf eine feste Anstellung.
werden, es hat auch immer eine Einschrnkung der Lebensgestaltung jenseits
des Konsums zur Folge. Eine Untersuchung von pro familia hat ergeben, dass die
Wahrscheinlichkeit eines starken Machtgeflles in Beziehungen und die Gefahr
einer ungewollten Schwangerschaft im Jugendalter stark mit den konomischen
Ressourcen und dem Bildungsstand korrelieren: Je hher die Bildung und je bes-
ser die konomischen Perspektiven fr Jugendliche sind, desto geringer wird die
Wahrscheinlichkeit einer ungewollten Schwangerschaft im Jugendalter und der
Gewalt in Beziehungen (s. Tho/Weiser 2006).
Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund sind dabei wesentlich hu

ger
von Armut betroffen als Kinder deutscher Eltern (s. Butterwegge 2011, S. 142). Ein
nicht unbetrchtlicher Teil dieser Kinder stammt aus Familien, die sich zum islami-
schen Glauben bekennen; im Gegensatz zu den eher skular orientierten deutschen
Familien spielt der Bezug auf die Religion in diesen Familien eine grere Rolle:
Die Mehrheit der Muslime ist glubig. Insgesamt 36 Prozent schtzen sich selbst
als stark glubig ein. Weitere 50 Prozent geben an, eher glubig zu sein. (Sen 2007,
S. 14)
Bei den Heranwachsenden muslimischen Glaubens zwischen 18 und 29 Jah-
ren de

niert sich ein Fnftel als sehr religis, die Mehrheit von 60 % als religis
(s. Sen 2007, S. 19). Unter den Menschen muslimischen Glaubens sind dabei die
Trkischstmmigen die am hu

gsten vertretene Nation (s. Sen 2007, S. 17).
Bei den in Deutschland lebenden Jugendlichen lsst sich insgesamt eine Re-
ligion light in den alten Bundeslndern, ein unglubiger Osten in den neuen
Bundeslndern und eine echte Religion in den islamischen Milieus feststellen
(s. 16. Shell Jugendstudie 2010).
Inhaltlich weist der in Deutschland praktizierte Islam eine enorme Bandbreite
auf, es gibt unterschiedliche Konfessionen, fundamentalistische, orthodoxe und
liberalere Grundauffassungen. Ebenso vielfltig wie die Bindung an die Religion
sind die Angebote islamisch orientierter Jugendkultur. Es hat sich eine breite Pa-
279
7.4 Jugend in der interkulturellen Gesellschaft
Hunderttausende junger Muslime leben in Deutschland. In den vergangenen
Jahren haben sich unter ihnen vielfltige Jugendkulturen entwickelt, die sich ganz
bewusst auf den Islam beziehen. Es ist ein bunter, kleiner Kosmos voller Wider-
sprche. (Schule ohne Rassismus 2008, S.7)
Allerdings

nden sich unter ihnen auch extremistische und radiale Strmungen,
die nicht mit demokratichen Grundwertn zu vereinbaren sind:
Sie lehnen die Demokratie und individuelle Freiheitsrechte ab und befrworten
Gewalt zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele. (Schule ohne Rassismus 2008,
S. 7)
Bei aller Unterschiedlichkeit innerhalb der Jugendlichen muslimischen Glaubens
ist insgesamt die Tendenz festzustellen, dass es kulturelle Unterschiede zwischen
dem eher westlichen Lebensstil der deutschen Heranwachsenden mit zentralen
Werten wie individueller Freiheit, Selbstverwirklichung, Konsum und Hedonis-
mus und den Leitwerten von jugendlichen MuslimInnen gibt; hier spielen die
Orientierung an Familie, Tradition und Religion eine bedeutend grere Rolle:
Strukturelle Basis fr diese Unterschiede sind vor allem zwei Dimensionen: Ers-
tens die Kontinuitt traditioneller Familienstrukturen und zweitens das Fortwirken
der normativen Bindungskraft religis begrndeter Normen und Werte fr eine is-
lamisch orientierte Lebensfhrung. (Wensierski 2007, S. 61f)
Die Unterschiede in den Wertorientierungen in islamisch geprgten Familien
selbst zeigen sich in erster Linie im Autorittsgeflle, dem Umgang mit Sexualitt
und den Geschlechterrollen.
So kommt Ahment Toprak in einer Studie zu dem Ergebnis, dass der religis-
autoritre, der autoritre und der konservativ-spartanische Erziehungsstil in
nachsichtige oder ein permissiver Stil (s. Toprak 2004, S. 4).
Aushandlungsprozesse zwischen den Generationen oder Diskussionen sind
eher selten, denn:
Den Eltern zu widersprechen gilt in traditionellen trkischen und islamischen Fa-
milien als ein hchst aufsssiges Verhalten und wird keineswegs mit Autonomie-
bestrebungen verbunden. (Uslucan 2011, S. 253)
2807 Die zweitausender Jahre
In dieses eher autoritre Erziehungskonzept fgt sich auch der Umgang mit Se-
xualitt ein: Sie ist in den meisten muslimischen Familien kein Thema, ber das
repressiven und einer ausweichenden Variante unterschieden werden (s. Cagliyan
2006, S. 5072). Dieser Umgang mit Sexualitt fhrt zu einem konservativen und
rigiden Verstndnis von Sexualitt:
Tabuisierung von Sexualitt innerhalb der Familie, keine familire Sexualauf-
klrung, Tabuisierung und Verbot vor- und auerehelicher Sexualitt, weitreichen-
des Virginalittsgebot fr junge Frauen, keine legitimen Experimentierrume fr
sexuelle und geschlechtliche Erfahrungen (zumindest fr Mdchen) und weitrei-
chende Sexualisierung des weiblichen Krpers. Sexualitt erscheint hier nicht als
zentraler Wert der eigenen Identittsbildung, sondern als eine religis de

nierte
Funktion der islamischen Familie und ihrer patriarchalen Sozialordnung. (Wen-
sierski 2007, S. 63)
Dieser strenge Umgang vor allem mit der weiblichen Sexualitt fhrt dazu, dass
Mdchen und Frauen in den Mglichkeiten, ihre Krperlichkeit positiv zu erfahren
und sexuell selbstbestimmt zu leben, stark unterdrckt werden. In vielen Familien
werden die Mdchen kontrolliert, da die Jungfernschaft unter allen Umstnden bis
zur Hochzeit erhalten bleiben muss. Vor allem in streng an Glauben und Tradition
orientierten Familien stehen sie unter der Kontrolle, ihren Krper nicht als aufrei-
zend fr andere Jungen und Mnner zu prsentieren und sich auch bezglich des
eigenen Lustemp

ndens zurckzuhalten; ihre Krper sollen verhllt, schamhaft
Ausdruck bringen. Mdchen mit muslimischem Hintergrund verfgen ber erheb-
lich weniger sexuelle Erfahrungen im Vergleich zu deutschen Mdchen (s. BZgA
2010).
In ihren Grundzgen erinnern die in vielen trkisch-stmmigen Familien prak-
tizierten Umgangsformen und Gep

ogenheiten stark an das Deutschland der 50er
und 60er Jahre: Ein starkes Machtgeflle zwischen den Generationen bei mnn-
licher Vorherrschaft, Tabuisierung von Sexualitt und eine geforderte Zurckhal-
tung von Mdchen und Frauen waren in den Jahrzehnten nach Kriegsende gesell-
schaftliche deutsche Normalitt.
Diese Tendenzen sind innerhalb der Familien mit trkischem bzw. islamischem
Hintergrund sehr unterschiedlich ausgeprgt und

nden ihre strengste Umsetzung
im religis verwurzelten Milieu; auch ist die Rigiditt, mit der die Regeln und Ge-
jeweilige Familie verfgt, wobei hhere Bildung und ein hherer sozialer Status
tendenziell zu einem Abbau der Machtunterschiede beitragen:
281
7.5 Rock und Pop am Beginn des neuen Jahrtausends
Erhhte Bildungsressourcen beider PartnerInnen, eine Erwerbsttigkeit der Ehe-
frau sowie gute Deutschkenntnisse gehen mit verstrkten autonomen Handlungen
und Verantwortlichkeiten der Ehefrau einher. Eine hohe Kinderzahl, hohes Alter,
starke religise Bindungen und vermehrte Bindungen an das Herkunftsland ver-
weisen eher auf eine Handlungs- und Kompetenzautonomie des Ehemannes. (Ka-
rakasoglu 2010, S. 21)
Auch sind Heranwachsende mit muslimischem Hintergrund benachteiligt, was
ihre Bildungsmglichkeiten betrifft, sie sind strker von Arbeitslosigkeit betroffen
als die deutschen Gleichaltrigen, zudem erleben sie im Alltag nicht selten Diskri-
minierungen aufgrund ihrer Herkunft. In dieser Situation der konomischen und
und Orientierung (s. Rttgers 2012), er erlaubt eine Abgrenzung von der als un-
moralisch verurteilten westlichen Gesellschaft. Fr die mnnlichen Jugendlichen
kommt hinzu, dass mangelndes Selbstbewusstsein aufgrund der konomisch un-
befriedigenden Lage durch den Bezug auf eine Kultur kompensiert werden kann,
die ihnen die Vormachtstellung ber Mdchen und Frauen sichert.
7.5 Rock und Pop am Beginn des neuen Jahrtausends
Die beschleunigte technische Entwicklung des Jahrzehnts, und hier insbesondere
die Gewohnheiten der Jugendlichen, wobei Jungen diese Mglichkeiten intensiver
nutzten als Mdchen: Im Durchschnitt waren Jungen am Ende des Jahrzehnts 15
Stunden wchentlich online, Mdchen hingegen 10,7 Stunden (s. 16. Shell Jugend-
studie 2010, S. 83).
Die rasante technische Entwicklung hatte auch Auswirkungen auf die Verbrei-
tung und den Konsum von Musik. Die Einfhrung von MP3 als Medium zur Spei-
cherung und bertragung von Musik ermglichte es, groe Mengen an Songs aus
Player zu bertragen, was in der Musikbranche zu Sorgen ber die Absatzzahlen
Schallplatte oder CD gebunden, sie musste nicht mehr im Geschft erworben oder
im Katalog bestellt werden, sondern stand mit der entsprechenden technischen
Ausstattung immer und berall zur Verfgung, was zu einer In

ation durch eine
Flut von Musik fhrte. Eine technische Ausrstung mit den neuesten Produkten
wurde fr viele Jugendliche zu einem Statussymbol, Technik zu einem zentralen
Bestandteil der jugendlichen Lebenswelt:
2827 Die zweitausender Jahre
PopKultur ist ein riesiger Industriezweig geworden, dessen Produkte sich neben
diversen Lifestyleartikeln, Fashion, Games, DVDs und anderer Unterhaltungselek-
tronik fast ausschlielich an den jungen Erwachsenen richten. (Hoersch 2006,
S. 658)
Die Zielgruppen fr die Produkte der Popkultur wurden immer jnger, lngst
waren es nicht mehr nur die Teenager, die als Interessierte gewonnen werden
konnten, auch schon Kinder im Grundschulalter zhlten zu den potenziellen Ab-
nehmerInnen sowohl der technischen Ausrstungen als auch der Mode in einem
hochprofessionellen und durchkalkulierten Markt.
Auf der internationalen Bhne feierten wie schon zuvor die Megastars
des Rock und Pop wie die Rolling Stones, Paul McCartney, Madonna oder U2 mit
gigantischem technischen Aufwand, riesigen Konzerten und Tourneen groe Er-
folge; hinzu kamen in einer immer differenzierteren Branche aus unterschiedlichs-
ten Musikstilen diverse neue Stars, hier waren vor allem junge Frauen erfolgreich.
Millionen Platten konnten in diesem Jahrzehnt Jennifer Lopez mit den Alben
J.Lo (2001) und Rebirth (2005), die Kolumbianerin Shakira, die aus kom-
merziellen Grnden ab 2002 ihre Songs auf Englisch sang, und Christina Agui-
lera, eine US-Amerikanerin lateinamerikanischer Herkunft mit Back to Basics
von 2006, verkaufen. All diesen Frauen war gemeinsam, dass sie jung waren, ihre
Krper dem herrschenden Schlankheitsideal entsprachen und sie sich bei ihren
Herkunft ihnen ein gewisses sexy Image gab.
Die US-Amerikanerin Britney Spears, auch als Princess of Pop tituliert, ver-
kaufte in der ersten Hlfte des Jahrzehnts mehr Tontrger als alle anderen Inter-
pretInnen. Die 1981 geborene Spears hatte bereits 1999 mit Baby one more time
einen Riesenhit, es folgten Oops I Did It Again (2000) und Britney von
2001. Britney Spears wurde systematisch als weiblicher Superstar aufgebaut und
verkauft
.
Diese erfolgreichen weiblichen Popstars verkauften sich als sexy, verkrper-
ten eine erotische, offene und selbstbewusste Weiblichkeit, traten mit einstudier-
ten Tanzbewegungen auf und wurden von der Plattenindustrie inszeniert und ver-
marktet; ihre Fangemeinde bestand sowohl aus weiblichen Teenagern, die sie als
Fantasien be

gelt wurden.
Die jeweiligen Texte bewegten sich im Rahmen des blichen Pop, es ging um
Liebe, Einsamkeit und um Erotik und Sex.
Mit den No Angels wurde versucht, an den Erfolg der Spice Girls anzuknpfen.
Diese deutsche Girlband ging aus der RTL-II-Sendung Popstars hervor, wurde
283
7.5 Rock und Pop am Beginn des neuen Jahrtausends
in Deutschland, gelangen. Es handelte sich um eine gecastete Band von jungen
und attraktiven Frauen, die durch ein Zusammenspiel von Kommerzfernsehen und
Boulevardpresse schon bekannt waren, ohne vorher berhaupt musikalisch in Er-

el Lady Gaga. Mit brgerlichem Namen Stefani
Germanotta, schaffte die Tochter italienisch-stmmiger Eltern mit The fame
(2008) den internationalen Durchbruch; Lady Gaga schreibt einen Groteil ihrer
Songs selber, markant an ihr sind die diversen Fantasiekostme, die sie nicht nur
auf der Bhne trgt, ihre offene bisexuelle Orientierung und das Spielen mit ge-
schlechtlichen und sexuellen Eindeutigkeiten.
Nicht in die Schublade der sexy jungen Frau mit mehr oder weniger seichten
Popsongs passt die britische Sngerin und Songwriterin Amy Winehouse. Die 2011
verstorbene Knstlerin spielte eine Mischung aus Soul und Jazz, hatte 2001 mit
Back to Black ein Album, das in England, Deutschland und Australien auf Platz
1 war, und orientierte sich mit ihrem Out

t und ihrer Frisur am Stil der 60er Jahre.
Der kommerzielle Erfolg der Boygroups der 90er Jahre sollte durch die Retor-
tenband US 5 wiederholt werden, die von der Musikbranche als Sensation ange-
Lnder Identi

kation zu ermglichen, wurden fr die Gruppe zwei US-Amerika-
ner, zwei Deutsche und ein Englnder ausgewhlt. Das Strickmuster war dasselbe
wie bei den zuvor erfolgreichen Boygroups: junge, schlanke Mnner, deren Songs
in professionellen Videos prsentiert wurden, wobei die Bandmitglieder ausgefeil-
te Tanz-Choreogra

en auffhrten.
Als Mdchenschwarm entwickelte sich der kanadische Pop und R&B-Snger
Justin Bieber, der mit seinem jungenhaften Aussehen vor allem bei weiblichen
Teenagern ankam; Bieber startete mit seinem Album My World 2.0, das 2010,
Bieber war 16 Jahre alt, in den USA Platz 1 belegte, eine Weltkarriere.
Der erfolgreichste Popsnger dieser Zeit war jedoch Robbie Williams. Der Bri-
when you

re winning (2001) oder Intensive Care (2005) in den Charts der be-
deutendsten Lnder auf Platz 1 und hatte in erster Linie weibliche Fans, die zum
berwiegenden Teil das Teenager-Alter schon hinter sich gelassen hatten.
Bedeutend hrter war dagegen der Musikstil der deutschen Band Rammstein,
die im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends ihre bis dahin grten Erfolge
setzung,

oder Spiel mit mir), Kannibalismus (Mein Teil, Eifersucht) oder Nekrophi-
2847 Die zweitausender Jahre
lie (Heirate mich). Es ist nicht klar zu erkennen, ob es sich in den Songs um eine
moralische Anklage, eine nchterne Darstellung oder um Verherrlichung handelt.
Der relativ harte Sound, die an Tabus kratzenden Texte und die Tatsache, dass der
Snger der Band, Till Lindemann, mit tiefer Stimme sang und das R stark roll-
te, was an die Sprechweise der Nazi-Propaganda erinnert, verschaffte Rammstein
ein zwielichtiges Image. Groe Erfolge hatten ihre Alben Mutter (2001), Reise,
Reise (2004), Rosarot (2005) und Liebe ist fr alle da (2009), sie erreichten
in Deutschland und in sterreich alle Platz 1. Auerhalb des deutschen Sprach-
raumes, vor allem in den USA, gaben sie Konzerte in groen Hallen und Stadien;
der Bekanntheitsgrad von Rammstein in den USA hatte damit zu tun, dass die
Gruppe aufgrund der Sprache und des martialischen Auftretens als besonders
deutsch angesehen wurde. Hinzu kamen Liveshows, bei denen in groem Mae
Die Sprache, die Texte, die Musik und die Bhnenauftritte voller Feuer und Rauch
fhrten dazu, dass einige KritikerInnen die Gruppe als rechtsradikal oder zumin-
dest mit Rechtsradikalismus sympathisierend einstuften, doch distanzierten sich
die Musiker in verschiedenen Interviews immer wieder sowohl von faschistischem
Gedankengut als auch von Gewalt verherrlichenden Positionen, wie auch ihr Song
Links 2-3-4 von 2001 zeigt.
Eindeutig rechtsradikal war dagegen die CD, die die NPD im Bundestagswahl-
kampf 2005 unter dem Namen Schulhof-CD kostenlos an Jugendliche verteilte.
Die Schulhof-CD der NPD besteht aus vierzehn Liedern, bei denen es sich teils
um Rockmusik, teils um Balladen handelt, sowie der deutschen Nationalhymne in
allen drei Strophen. Die Texte sind gut verstndlich und transportieren die extrem
rechten Botschaften der Partei. Mit der Musik, einer direkten Bezugnahme bzw. An-
sprache, rebellischem Gestus und sozialer Demagogie, versuchen die Partei und die
Musiker an die Lebenswelt Jugendlicher anzuknpfen und sich als deren Stimme
und als die Interessenvertretung des kleinen Mannes darzustellen. (Schule ohne
Rassismus 2010, S. 39)
Rechtsrock war auch im neuen Jahrzehnt die eigentliche Musik rechtsorientierter
Jugendlicher. Mit der Schulhof-CD wurde der Versuch unternommen, den Rah-
men zu erweitern und mit Hilfe von anderen Musikstilen weitere Heranwachsende
fr die Menschen verachtende und Gewalt verherrlichende Ideologie der Nazis zu
gewinnen.
Jenseits von Rammstein und rechtslastiger Musik und auch jenseits des deut-
nen Namen trgt beides groe Erfolge von DJ tzi , entwickelte sich in den
2000er Jahren eine lebendige deutschsprachige Rock- und Popszene.
285
7.5 Rock und Pop am Beginn des neuen Jahrtausends
ihre Alben Es ist Juli von 2004, Ein neuer Tag von 2006 und In love (2010)
eroberten Spitzenpltze. Silbermond hatte mit den Alben Verschwende deine
Zeit von 2004, Laut gedacht (2006) und dem 2009er Album Nichts passiert
ebenfalls groe Erfolge im deutschsprachigen Raum. Mit Eva Briegel bei Juli und
Stephanie Klo von Silbermond hatten beide Bands Frauen als Sngerinnen, eben-
so wie Wir sind Helden mit der Sngerin und Frontfrau Judith Holofernes.
Welle genannten Trends, Rock- und Popmusik mit deutschen Texten zu verf-
fentlichen. Mit Die Reklamation (2003), Von hier an blind (2005) und dem
auf den vorderen Pltzen und erhielten verschiedene Gold- und Platinauszeich-
nungen fr hohe Verkaufszahlen. Die Gruppe spielte auf Demonstrationen gegen
Atomkraft und engagierte sich bei Projekten gegen die Politikverdrossenheit der
Bevlkerung. In ihren Texten vertritt sie eine durchaus kritische Grundhaltung.
So kritisiert der Song Guten Tag eine an Konsum und Kommerz orientierte
Gesellschaft, Ist das so? rigide Konventionen, der Song Zuhlter die Gep

o-
genheiten der Musikindustrie oder Zieh dir was an die Vermarktung weiblicher
Krper:
Wenn du mit zwanzig deinen Hintern entdeckst/Du ihn fortan in jede Kamera
steckst/Dann passt dein tolles neues Selbstgefhl/Perfekt in jedes Marketingkal-
kl.
Groen kommerziellen Erfolg hatte auch der R&B-Snger Xavier Naidoo. Nai-
doo hat sdafrikanische, indische, irische und deutsche Wurzeln und wuchs in
Mannheim in einem katholisch geprgten Umfeld auf, was sich in seinen christ-
lich inspirierten Texten widerspiegelt. Mit seinen Alben Zwischenspiel Alles
fr den Herrn von 2002, Telegramm fr X (2005) und dem 2009 erschienenen
Alles kann besser werden erreichte er jeweils den ersten Platz der deutschen
Albumcharts. Charakteristisch fr Naidoo ist sein eher zurckhaltendes, sensibles
Auftreten, zudem, dass er groen Wert auf ein elegantes Escheinungsbild legt,

s Health
einbrachte. Die starke christliche berzeugung von Xavier Naidoo kommt unter
anderem in dem Song Alles fr den Herrn zum Ausdruck:
Ich sing Lobeslieder/Auf den Herrn/Und ich schreib sie nieder/Fr nah und fern
... Ich tu alles fr den Herrn/Nur das tu ich gern/Alles fr den Herrn/Der Rest liegt
mir fern ...
2867 Die zweitausender Jahre
Ebenfalls stark religis geprgt, allerdings mit einem Bezug zum Islam, ist der
(trkische) Islam-Pop, der vor allem bei Jugendlichen mit islamischem Hinter-
grund beliebt war:
Lange Haare, Basketballschuhe und Rhrenjeans sie sehen aus wie Rockstars
aus dem Bilderbuch. Doch hier zhlen weniger Sex, Drugs and Rock n Roll als
Koran, Islam und das Preisen Gottes: Die Rede ist vom Islam-Pop (...) Auch in
Deutschland erfreut er sich groer Beliebtheit, denn lngst ist eine Welle in den
haben ihren Bestand mit bekannten Popstars wie Tarkan und Athena um die Islam-
Popper aufgestockt. (Schule ohne Rassismus 2008, S. 24)
Eindeutig erfolgreichste deutsche Band ab Mitte der 2000er Jahre war die Magde-
burger Gruppe Tokio Hotel, die ihren Erfolg in erster Linie der Jugendzeitschrift
Bravo zu verdanken hat:
Sie sind die Gewinner der Saison 2005/2006. Endlich mal wieder eine Band
zum Trumen und Schwrmen. Endlich mal wieder erfrischend junge Kerle, die
zu Stars taugen. Endlich mal wieder Power-Pop, Glam-Rock, der kracht und lrmt
und trotzdem ins Ohr geht. Als BRAVO die Band entdeckt, fehlt es allenthalben
an Stars, die junge Mdchen unruhig machen und die Jungs cool

nden knnen.
Die Boy-Bands haben von wenigen Ausnahmen abgesehen abgewirtschaftet.
(Hoersch 2006, S. 680)
Mit einer eher rockigen Musik erreichten die Alben Schrei, Zimmer 483 und
Humanoid, das auf Deutsch und Englisch verffentlicht wurde, jeweils vordere
Pltze in den deutschsprachigen Charts und hatten ber den deutschsprachigen
Raum hinaus auch Erfolge in den USA, Kanada und Frankreich.
Stilistisch orientiert sich die Band um die Brder Bill (Gesang) und Tom Kau-
litz (Gitarre) am Visual Kei, einer aus Japan stammenden Jugendkultur. Musi-
kalisch steht hier japanische Pop- und Rockmusik (sog. J-Pop oder J-Rock), eine
Mischung verschiedener westlicher Stilrichtungen wie Glam, Rock, Pop oder auch
optische Erscheinung der MusikerInnen spielt eine zentrale Rolle.
Die sthetische Erscheinung der Bands, vor allem der einzelnen Musiker, die
teilweise zu Superstars und Models wurden wie Mana, Gackt, Hyde oder Miyavi,
ist der entscheidende stilprgende Faktor der Visual-Kei-Szene. Die berwiegend
mnnlichen Bandmitglieder betonen sehr radikal ihre feminine Seite und sprechen
so das gilt sowohl fr Japan als auch fr Deutschland die bei den berwiegend
ner an (Hhn 2007, S. 47)
287
7.5 Rock und Pop am Beginn des neuen Jahrtausends
Kei spielt mit dem Costume Play (Cosplay), der Nachahmung von Manga- und
Anime-Figuren, wobei vor allem mnnliche Szenemitglieder beim Cosplay die
herkmmliche mnnliche Darstellung in Kleidung und Verhalten in Frage stellen
knnen.
Somit erffnen sich fr mnnliche Cosplayer Chancen, das eigene Verhaltens-
repertoire bei der Darstellung der Geschlechtszugehrigkeit als etwas zu erfahren,
das keineswegs festgelegt ist, sondern fr unterschiedliche Geschlechtsentwrfe ge-
nutzt werden kann. Distanzierungen zu stereotyp verfestigten Mnnlichkeitsbildern
werden mglich. Geschlechtsbezogene Darstellungen knnen im Cosplay aufgebro-
chen werden. (Eulenbach/Wagner 2014, S. 291)
Cosplay ist in Japan ein Synonym fr erotische Rollenspiele und das Spielen mit
sexuellen Identitten. Die Visual-Kei-Szene in Deutschland ist vor allem bei weib-
lichen Heranwachsenden beliebt, es handelt sich um eine relativ exklusive und sich
von anderen Jugendkulturen distanzierende Szene, die aufgrund ihres Spielens mit
Geschlechterdarstellungen bei diesen in der Regel unbeliebt ist.
In ihrem Alltag erfahren deutsche Visus allerdings auch groe Ablehnung, manch-
mal hin bis zu Bedrohungen, gerade von mnnlich dominierten Szenen wie der
HipHop-Rap-Szene oder der Metal-Szene. Diese bezeichnen Visual kei hu

g als
Mdchenkram oder Kinderkram und beschimpfen die wenigen mnnlichen Visus
wegen ihres androgynen Erscheinungsbildes als schwul. Andererseits legen die
Visus auch sehr groen Wert auf eine Abgrenzung von anderen Szenen. (Hhn
2007, S. 52)
Ebenso wie die in den 2000er Jahren aufkommenden Emos (s. Rttgers 2014) ist
Visual Kei eine Ausnahme im Bereich der Jugendkulturen; fr beide Szenen ist ein
an Vorstellungen von Weiblichkeit orientierter Stil kennzeichnend.
2887 Die zweitausender Jahre
7.6 Hip-Hop
Hip-Hop war die eindeutig dominierende Jugendkultur der 2000er Jahre, eine Ju-
gendkultur, die
mit vielen (freilich nicht mit allen wichtugen) szenespezi

schen Zeichensystemen,
Moden, Mimiken, Gesten, Haltungen, Krper- und Bewegungssprachen, Sprech-
weisen und Begrungsszenarien nachhaltig und universalisierend, freilich nicht
homogenisierend in die generelle Alltagskultur von Jugendlichen insbesondere
auch jenseits des Hip Hop eingewandert ist (..) (Ferchhoff 2011, S. 233f)
Als jugendkultureller Stil umfasst Hip-Hop mit der Dreifaltigkeit von Rap,
Breakdance und Graf

ti (El

ein 2007, S. 15) sowohl musikalische als auch ma-
lerische und tnzerische Ausdrucksmglichkeiten.
und ist ein Sprechgesang, der oft erst in dem Moment entsteht, in dem er aufge-
dazu, Geschichten zu erzhlen, Kritik zu formulieren oder sich selbst zu prsentie-
ren, weil hier das sonst bliche Schema von Strophe-Refrain-Strophe wegfllt, das
die Ausdrucksmglichkeiten von Pop- oder Rocksongs begrenzt. In der US-ame-
rikanischen Szene hat Rap zudem die Bedeutung und den Zweck, die Begriffe der
Herrschenden, der Weien, verfremdend zu benutzen, um dadurch Herrschafts-
mechanismen aufzuzeigen und zu verndern. Rap

bewerb statt, in dem es darauf ankommt, die Mitstreitenden zu dissen, sie beim
Rap in fast allen Teilen der Welt vor allem mnnliche Anhnger gefunden, die das
Medium nutzen, um ihre jeweiligen Botschaften zu verbreiten.
Breakdance ist ein Tanz, der zumeist einzeln aufgefhrt wird, sehr akrobatisch
ist und eine hohe Krperbeherrschung erfordert, es wird dabei auch auf Bewegun-
gen aus dem Kampfsport zurckgegriffen. Breakdance wird vor allem von Jungen,
Graf

ti sind Bilder, die meist mit Spraydosen oder wasserfesten Stiften an f-
fentliche Gebude gemalt werden; in der Regel werden Tags gemalt oder ge-
sprayt, Erkennungszeichen der Sprayenden und/oder ihrer Gang. Bei den Tags
kommt es darauf an, dass sie einen guten Stil und Wiedererkennungswert haben,
sie enthalten das Pseudonym des Writers und er oder sie bekommt besonders
hohes Ansehen, wenn sie sich an schwer zugnglichen Orten wie z. B. Brcken be-

nden oder Tags auf Zge gesprht werden. Zugleich dienen Tags als Markierung
289
7.6 Hip-Hop
des Territoriums einer Gang, wodurch diese Jugendkultur ffentlich sichtbar wird.
Die Szene ist eindeutig mnnlich dominiert, hier knnen junge Mnner unter dem
weitestgehenden Ausschluss von Frauen ihren Mut, ihr Geschick und ihre Furcht-
losigkeit vor der Polizei ffentlich prsentieren:
Sprherinnen werden indirekt aus der Szene ausgeschlossen, da ihnen Durchset-
zungsvermgen und Mut angesichts der Gefahren abgesprochen werden, whrend
sie mnnlichen Sprhern scheinbar grundstzlich eigen sind. (Jung/Schmidt 2014,
S. 62)
Weit ber die eigentliche Szene hinaus hatten Elemente der Hip-Hop-Kultur Aus-
strahlung auf die Alltagskultur und die Lebenswelt der 2000er Jahre:
Linguistische Besonderheiten sind in die Alltagssprache bergegangen, der rhyth-
mische Sprechgesang wird in der Werbung ebenso eingesetzt wie die als Zeichen der
Vitalitt genutzten Powermoves der B-Boys, deren spezi

sche Tanzstile auch dem
modernen Tanz neue Impulse gegeben ha
Graf

ti nicht nur Huserwnde, Lrmschutzmauern und Unterfhrungen ziert,
sondern auch Ein

uss auf Design, Malerei und (legale) stdtische Flchengestal-
tung genommen hat. (Kimmich 2010, S. 83f)
Die einzelnen Elemente der Hip-Hop-Kultur erfordern jeweils spezi

sche Fhig-
keiten des- oder derjenigen innerhalb der Szene: Zum Rappen sind ein gekonnter
Umgang mit Sprache, dazu noch Spontaneitt und Originalitt notwendig; Break-
dance erfordert Krperbeherrschung und akrobatisches Geschick; um Graf

tis zu
malen, sind knstlerische Fhigkeiten, und falls es an extremen Orten geschieht
Mut erforderlich; all den verschiedenen Elementen von Hip-Hop ist der Wett-
bewerbscharakter gemeinsam.
den vor allem von Schwarzen bewohnten Vierteln in den USA mit einer unterpri-
vilegierten Bevlkerung liegt, deren Lebensumstnde sich mit der Prsidentschaft
Reagans noch verschlechterte, wie im New York Ende der 70er Jahre. Hier wur-
den durch verschiedene stdtebauliche Manahmen traditionelle und gewachsene
Stadtteile zerstrt, zudem herrschten dort hohe Arbeitslosigkeit, Drogenkonsum,
Prostitution und rivalisierende, gewaltttige Jugendgangs. Hip-Hop war in diesen
Vierteln der Versuch, sich die Stadt zurckzuholen und jenseits des professio-
selbst organisiert die eigene Musik zu machen und Parties zu feiern:
2907 Die zweitausender Jahre
tenspieler und Lautsprecher wurden an die Stromquellen der ffentlichen Straen-
beleuchtung angeschlossen. Die zentralen Durchfahrtsstraen wurden zu Open
Air-Gemeindezentren in Vierteln, in denen es sonst keine gab. Rapper griffen zu
Mikrophonen, als besen Verstrker eine lebensrettende Kraft. HipHop wurde in
einer Phase grundlegender Umwlzung zum Ausdruck der Spannungen und Wi-
dersprche der ffentlichen Stadtlandschaft New Yorks. HipHop versucht, sich des
wankenden stdtischen Gelndes zu bemchtigen. Ein Versuch, die Stadt im Namen
der Enteigneten wieder zum Funktionieren zu bringen. (Rose 1997, S. 143f)
Im Mittelpunkt der Parties standen der DJ, der fr die Musik zustndig war, und
der Master of Ceremony, der MC. Der DJ kombinierte mit zwei Plattenspielern
die entsprechenden Songs, wobei bestimmte Sequenzen durch Scratchen, das
Hin- und Herbewegen der Platte, noch besonders betont wurden. Daneben trat der
MC, der durch Sprche und Scherze das Publikum in Stimmung brachte und zum
Tanzen animierte.
Musikalisch hat sich das Genre im Laufe der Jahre ausgeweitet, es

nden sich
in diversen Stcken auch Elemente aus Soul, Funk, R&B oder Rock. Das Tanzen
der Hip-HopperInnen, die keinen Breakdance betreiben, ist nicht extrovertiert, es
ist eher ein lssiges Mitgehen mit der Musik.
Ziel der Veranstaltungen war es neben dem Spa an den Parties auch, Ju-
gendliche mit einzubinden. Hier hatten sie die Mglichkeit, die sonst brutal zwi-
Feindschaften friedlich auszutragen; der Battle-Charakter von Hip-Hop hat ein
friedliches Ziel, nmlich an die Stelle brutaler Gewalt andere Wege des Wett-
Im Rap, bis Anfang der 80er Jahre eigentlich nur eine alternative Partyform ju-
gendlicher Ghetto-Kids, preiswert selbstorganisiert und fernab vom langweiligen
Rock- und Disco-Mainstream, sahen sie das Potential zur Vernderung. Statt sich
gegenseitig umzubringen, motivierten sie die Gangs, ihre Rivalitten in sprachge-
waltigen Verbal Contests und DJ-Battles auszutragen, sprhten ihre erfahrungs-
gesttigten Warnungen vor der selbstzerstrerischen Wirkung von Drogen an die
Wnde, verkehrten das verchtliche Nigger-Dasein im Rap zum selbstbewussten
Black&Proud. (Farin 2001, S. 134).
Die zentralen Elemente der Hip-Hop-Kultur orientierten sich stark an mnnlich
de

nierten Eigenschaften: Im Mittelpunkt steht der traditionelle mnnliche Ehr-
begriff, die Verteidigung der eigenen Ehre oder die der Familie, des Viertels oder
der eigenen Gang. Es geht darum, Anerkennung als Rapper, Breakdancer oder
Sprayer fr seine Fhigkeiten und seinen Mut zu erhalten; und es geht schlielich
291
7.6 Hip-Hop
um das (eher mnnliche) Prinzip des Wettbewerbs, sich zu beweisen, zu bestehen
und dafr Respekt von anderen zu erhalten.
traditioneller Mnnlichkeit ein enormes emanzipatorisches Potenzial: Die neue Ju-
gendkultur ermglichte, unabhngig von den Vorgaben der Kulturindustrie einen
Stil zu kreieren, bei dem die Jugendlichen selbst kreativ ttig werden konnten, und
Rap als Musikstil, der die Texte in den Mittelpunkt rckt, bot die Mglichkeit,
zum Teil selber als Nigger, sie bernahmen den rassistischen und abwertenden
Begriff der Herrschenden und vernderten dadurch seine beleidigende und ab-
wertende Bedeutung.
In diesem Sinne kann fr die Anfangszeit von Hip-Hop durchaus von einer
Subkultur gesprochen werden, die dem Mainstream von Gesellschaft und Pop-
Texten der Rapper zum Ausdruck kam:
Text ist dabei Re

exion eine ursprnglich von den Ausgeschlossenen stammen-
de kritische Re

exion ber die psychischen, sozialen und kologischen Mistn-
de in einer sich nun global durchsetzenden Welt- und Gesellschaftsordnung, ge-
kennzeichnet durch Phnomene wie gnadenloser Sozialabbau, Zwangsmigration
und aggressiven Wettbewerb. Musik, Tanz (darstellende Kunst) und Graf

ti-Kunst
(bildende Kunst), die am Rand der Gesellschaft entstehen, sind Ausdrucksweisen
eines Untergrundprotestes gegen das grundlegende Unrecht der Ausgrenzung. Der
Versuch, diese Ausgrenzung zu durchbrechen, ist zugleich der Versuch, sich Heimat
und Sinn zu verschaffen. (Weinfeld 2000, S. 253)
Diese Intention wird vor allem bei den New Yorker Rappern der frhen 80er Jahre
deutlich. Grandmaster Flash mit seiner Gruppe The Furious Five formulierte auf sei-
my, vor allem mit ihrem Platin-gekrnten Album It takes a nation, nahmen in ag-
gressiver und provokanter Weise Stellung zu der Situation in den Armenvierteln und
forderten selbstbewusst gleiche Rechte fr den schwarzen Teil der Bevlkerung ein.
Den Sprung vom Underground in den kommerziellen Bereich der Popmusik
schaffte allerdings eine Band, die nicht aus den unterprivilegierten Teilen einer
US-amerikanischen Grostadt kam, sondern knstlich zusammengestellt wurde:
Die Sugarhill Gang verkaufte von ihrem Song Rappers Delight im Jahr 1979
ber zwei Millionen, der Startschuss fr den Hip-Hop in die Mainstream-Pop-
kultur.
2927 Die zweitausender Jahre
Ein weiterer Schritt hin zur jugendlichen Massenkultur erfolgte, als MTV 1988
mit Yo! MTV Raps eine tgliche Hip-Hop-Sendung startete, die von Anfang an
enorme Einschaltquoten hatte und zahllose Jugendliche begeisterte. Hip-Hop als
trchtigen Teil der Kulturindustrie geworden.
Konnte Rap zuvor nur live vorgetragen oder auf zumeist miserablen Tape-Mit-
schnitten erlebt werden, so drang der Sound nun berall in den USA aus den Radio-
boxen und damit in die Ohren von Jugendlichen, die nie in ihrem Leben einen Fu
in die realen Ghettos gesetzt hatten. Filme wie Wild Style (...), Beat Street (...)
oder Breakin (...) trugen die bunten Identittssymbole New Yorker Graf

ti-Spray-
er und die Fitnekunst jugendlicher B-Boys (Breakdancer) auch in bundesdeutsche
Jugendclubs, wo die selbstbewute Bilder- und Krpersprache der afroamerikani-
schen Straenikds vor allem bei hierzulande ebenfalls sprachlos belassenen Ein-
wandererjugendlichen ein euphorisches Echo auslste. (Farin 2001, S. 141)
Mit der Verbreitung und Kommerzialisierung des Stils nderten sich auch die In-
halte; es war vor allem der Gegensatz zwischen der Old School des Hip-Hop
an der Ostkste mit New York als Zentrum und Ausgangsort und dem an der
Westkste mit dem Zentrum Los Angeles entstehenden Gangsta-Rap. Gangsta-
Arbeitslosigkeit, Drogen, Bandenkriege, Verbrechen und Prostitution geprgt war.
Im Gegensatz zu den Intentionen der Old School, die mit Hilfe der verschiede-
nen Elemente des Hip-Hops zu Gewaltlosigkeit und Drogenabstinenz beitragen
wollte, schilderte Gangsta-Rap das Leben der Unterprivilegierten in den USA ent-
weder nchtern und schonungslos oder es wurde verklrt und verherrlicht, was mit
einem uerst reaktionren Geschlechterbild einherging:
Zu den im Gangsta-Rap vermittelten mnnlichen (und allesamt radikal patriar-
chalen) Rollenmustern gehren der Player, der seinen Erfolg an der Anzahl der
Frauen bemisst, die er kriegt, der Pimp, ein autorittsbesessener Zuhlter, fr den
Frauen eine Ware sind, die ihm Geld bringen, der Gangsta, ein harter Kerl, der
sich mit Waffengewalt Geld verschafft und Macht sichert, fr den Frauen schm-
ckendes Beiwerk sind und ohne eigenen Willen, und schlielich der Hustler, ein

eiiger Macher, der einerseits spieig seine Familie versorgt und andererseits Sex
mit bitches hat, die er im Grunde verachtet. (Weller 2010, S. 214)
Die martialische Selbstdarstellung der Gangsta-Rapper zeigte sich auf den Coverfotos
ihrer CDs und in ihren Videos: Eine berlegenheit und Aggressivitt ausstrahlende Mi-
mik und Krperhaltung, dazu nicht selten auch Waffen als Zeichen der Kampfbereitschaft,
teuer wirkender Schmuck und teure Autos als Zeichen ihres Erfolges und Reichtums.
293
7.6 Hip-Hop
Mnnliche Dominanz und Gewalt, das Verachten und Benutzen von Frauen
waren Bestandteile des Mnnlichkeitsbildes im Gangsta-Rap. Frauen wurden in
Heilige und Huren unterteilt: Der Krper der Heiligen, der Frauen aus der
eigenen Familie und hierbei in erster Linie der Mutter, war frei von Sexualitt zu
halten, ihre Ehre war mit allen Mitteln gegenber dem zu verteidigen, was als
Beleidigung aufgefasst werden konnte. Die Hure hingegen hatte nicht das Recht,
ber den eigenen Krper zu bestimmen, ihr Krper gehrte dem bestimmenden
Mann, der sie benutzen oder als Prostituierte verkaufen durfte. Damit verbunden
war eine heftige Ablehnung (mnnlicher) Homosexualitt und die Prsentation als
potenter heterosexueller Mann.
Zum Genre des Gangsta-Raps zhlten unter anderem Ice-T, 50 Cent und Nig-
gaz With Attitude, die ihre Tontrger millionenfach verkauften. Insbesondere die
Gangsta-Rapper machten mit CDs auf sich aufmerksam, die unter die Zensur

e-
len, was das Image des harten Typen befrderte und den Umsatz ankurbelte.
Denn Zensur wirkt selten so, wie die Zensoren sich das vorstellen. Vor allem dann
nicht, wenn sie auf eine Szene trifft, die es geradezu darauf anlegt, das Establish-
ment zu reizen. Da wird ein Verbot schnell zur Auszeichnung, zum Qualittsmerk-
mal ... So wurden die verbotenen oder boykottierten Songs zu Kult- und Sammel-
objekten, Index-Platten schossen ohne jegliche Radio- und TV-Untersttzung in die
Charts, Rapper erreichten durch krasseste Provokationen einen hohen Bekannt-
heitsgrad. (Farin 2001, S. 147)
Entscheidend fr das Image und den kommerziellen Erfolg war die Glaubwrdig-
keit des Rappers, seine Credibility, die Frage, ob er wirklich aus armen und
durch Gewalt geprgten Verhltnissen stammte oder sich glaubhaft so verkaufen
konnte. Dass es sich nicht ausschlielich um ein knstlich aufgebautes Image han-
delte, sondern auch einen realen Hintergrund hatte, zeigte die Tatsache, dass di-

ikt
kamen (s. Farin 2001, S. 150f).
Auch wenn der erfolgreichste Musiker des beginnenden 21. Jahrhunderts, Emi-
nem (auch bekannt als Slim Shady), ein weier Hip-Hopper war, so war die Stil-
richtung in den Vereinigten Staaten eindeutig von schwarzen Mnnern dominiert,
Frauen wie etwa Foxy Brown, Lil Kim oder Latifah spielten in dem Genre, ge-
Wie in anderen Jugendkulturen auch wurde im Hip-Hop ein umfassender
Streetfashion oder Urban wear zhlten weite, hngende Hosen (Baggy Pants),
vornehmlich helle Kleidung in bergre, Turnschuhe, Kapuzenpullis (Hoodies)
und Baseballmtzen, bevorzugt mit dem Schirm nach hinten getragen, die beim
2947 Die zweitausender Jahre
modebewussten Hip-Hopper von bestimmten Marken stammen mussten und nicht
selten vom entsprechenden Star auf den Markt gebracht wurden; der Kleidungsstil
betonte die Sportlichkeit und die Beweglichkeit des Krpers.
Hip-Hop stie in Deutschland zuerst bei mnnlichen Jugendlichen mit Migra-
tionshintergrund auf Interesse, sie konnten sich mit dem Mnnlichkeitsbild und
der Situation der Schwarzen in den USA identi

zieren, waren sie doch selbst von
Rassismus und Armut betroffen und lebten zum Teil in Stadtvierteln mit hoher
Kriminalittsrate. Da Crime Posse, eine Hip-Hop-Formation mit trkisch-stm-
migen Jungen, knpfte mit ihren Texten bereits in den 80er Jahren an den ur-
sprnglichen Gedanken von Rap an, Jugendliche dazu zu bewegen, sich nicht ihr
Leben von Drogen und Gewalt zerstren zu lassen.
Wir sind sowas wie kopfgeldjger, wir jagen die kids auf den straen, wir angeln
sie, wir zerren sie aus dunst und nebel, und wir mssen ihnen mit der harten sprache
kommen, weil sie tag und nacht umlagert sind von menschlichem mll, wir mssen
sie anbrllen, da sie diese gottverschissenen spritzen und das elende banditenge-
gockele sausen lassen, wir mssen ihnen klare parolen bieten, wir mssen zuhlter
und dealer und autoknacker und kiffer und drcker und glcksspieler und die ge-
waltbereiten berschreien. (...) Wir kdern die kids mit ner rden etikette, und wenn
die zu uns berlaufen, geben die von selbst ihre grundfalsche haltung auf und blei-
ben sauber und scheien auf Gewalt. (Zit. n. Zaimoglu 1995, S. 29f)
In eine hnliche Richtung gingen die Texte von Sons of Gastarbeita, einer 1994
Einem breiteren Publikum wurde Hip-Hop in Deutschland in den 90er Jahren
durch Gruppen wie Deichkind, Fettes Brot und die Fantastischen Vier bekannt; sie
lich als Stilmittel, um ihren zum Teil sozialkritischen Texten eine musikalische
Form zu geben.
Ein Groteil der deutschen Hip-Hop-Szene () wurde seit Mitte der 90er und in
den spten 90er Jahre(n) zum erfolgreichen, eher aufgeklrten, spaorientierten
brgerlichen Mittelstandsprojekt und somit im Medium der (...) Poesie der Sprache
zum jugendkulturellen Massenphnomen ... (Ferchhof 2011, S. 236)
Das Image des Hip-Hops in Deutschland wurde in den 2000er Jahren allerdings
mageblich durch den deutschen Gangsta-Rap geprgt, dessen Zentrum in Berlin
lag:
295
7.6 Hip-Hop
Die Avantgarde der deutschen Hip-Hop-Szene kam in der zweiten Hlfte der ers-
ten Dekade im 21. Jahrhundert aus Berlin. Es war eine Avantgarde der inszenierten
vulgren Hrte, die die Grenzen des guten Geschmacks mit gezielten antibrger-
lichen Ressentiments, die weit ber den Punk hinausgingen, antestete. (Ferchhoff
2011, S. 235f)
Hier entwickelte sich um die Straengang Berlin Crime das Label Bass Boxxx
mit Sngern wie Boss Aro, Frauenarzt, King Orgasmus One oder MC Bastard. Die
Gewalt. Frauen kamen nur als Gebrauchsgegenstnde zur Befriedigung der mnn-
lichen Sexualitt und zur Bewunderung ihrer sexuellen Fhigkeiten vor, hatten an-
sonsten keine weitere Persnlichkeit oder Meinung und schon gar nicht das Recht,
dem Star zu widersprechen oder ihm die Bewunderung zu verweigern.
Das bekannteste Label des Genres war Aggro Berlin, das von 2001 bis 2009
Videos. Bereits wenige Jahre nach der Grndung stieg Aggro Berlin zum kommer-
ziell erfolgreichsten Independent-Label Deutschlands auf.
Bekannt wurden unter anderem die Rapper B-Tight, Fler, Tony D., Sido, Bushi-
do und als weibliche Ausnahme Kitty Kat.
Sido, Akronym fr Super-intelligentes Drogenopfer, brgerlich Paul Hart-
mut Wrdig, hatte seinen ersten Erfolg mit dem Song Mein Block, in dem er die
soziale Realitt in einer Berliner Plattenbausiedlung beschreibt:
Ich will dir was zeigen/Der Platz an dem sich meine Leute rumtreiben/Hohe Hu-
ser dicke Luft ein paar Bume Menschen auf Drogen/Hier platzen Trume.
Aufsehen erregte er mit dem Arsch

ck-Song, in dem er Analverkehr mit einer
jungen Frau gegen ihren Willen eine Vergewaltigung beschreibt, wobei dieser
Tabubruch ihm die gewollte Aufmerksamkeit bescherte.
Bushido, mit of

ziellem Namen Youssef Ferchichis, Sohn einer deutschen
Mutter und eines tunesischen Vaters, wurde Nhe zur organisierten Kriminalitt
und machte sein eigenes Label auf. Er vertritt in seinen Texten frauenverachtende
und homosexuellenfeindliche Positionen und bevorzugt eine direkte, sexualisierte
Sprache, wie z. B. in seinem Stck Gangbang:
2967 Die zweitausender Jahre
Einen Schwanz in den Arsch!/Ein Schwanz in den Mund/Ein Schwanz in die Fotze/
Jetzt wird richtig gebumst.
Obwohl er sich das Image eines enfant terrible redlich verdient htte, war Bushi-
do von seinem Status und seiner Anerkennung ein arrivierter Knstler: Zahlreiche
goldene und Platinschallplatten, der Bambi-Preis fr Integration und diverse Aus-
zeichnungen wie die als bester Knstler National belegen, dass Bushido trotz
gelegentlicher Kritik gesellschaftlich akzeptiert ist. Einige Stcke von Sido und
Bushido wurden als Jugend gefhrdend eingestuft und zensiert, was sowohl deren
Image als auch den Verkaufszahlen zu Gute kam.
Als weibliches Pendant und Ausnahme im Bereich des Gangsta- oder Por-
no-Raps ist Lady Bitch Ray zu nennen, die sich selbst als die deutsche Bushido
schaftlerin und ehemalige Radiomoderatorin ihr eigenes Label Vagina Style Re-
cords und verffentlichte Songs, deren Texte mit ihrer provoanten und sexuell
offensiven Art durchaus mit denen ihrer mnnlichen Kollegen mithalten knnen:
Ich bin ne Bitch! Du meinst dass du mich disst, nennst du Ficker mich Bitch? Junge
die Wahrheit ist Ich bin ne Bitch! Bitch ist fr mich ein Kompliment, Junge du bist
verklemmt! ... Wenn ich dich reite, solange bis ich komm; Schwnze zu lutschen wie
Sahnebonbons!
Lady Bitch Ray dreht die abwertende Bezeichnung Bitch, den Slang-Ausdruck
fr Prostituierte, offensiv und positiv um, verweigert sich somit der mnnlichen
Vorherrschaft innerhalb des Genres, indem sie hnlich sexistisch ber mnnliche
Krper spricht wie in den Songs Deutsche Schwnze oder Hengzt, Arzt, Orgi,
in denen sie sich auf deutsche Porno-Rapper bezieht.
Bei aller Vielfltigkeit der Hip-Hop-Kultur spielte Gangsta-Rap nicht die zent-
rale Rolle, doch bestimmte er aufgrund der provozierenden Inhalte und des Habitus
der Vertreter (und der wenigen Vertreterinnen) das Image des Genres in der ffent-
lichkeit. Von der ursprnglichen Intention von Hip-Hop, ber soziale Verhltnisse
aufzuklren und zu deren Besserung beizutragen, ist heute nichts mehr brig.
Wie bereits anderen Jugendkulturen zuvor gelingt es Gangsta-Rap durch einen
zen, Skandale zu erzeugen und dadurch Aufmerksamkeit zu erhalten. Im Mittel-
punkt der Aufregung standen der Umgang und die Einstellung zur Sexualitt.
Reichte bei den Hippies die Forderung nach freier Liebe und einem natrlichen
Umgang mit Sexualitt noch aus, um fr Entrstung zu sorgen, so mussten in den
297
7.5 Rock und Pop am Beginn des neuen Jahrtausends
Verhandlungsmoral, der greren Gleichheit zwischen den Geschlechtern und der
zunehmenden Akzeptanz von homosexuellen Menschen andere Tabubrche her,
um die Gemter zu erregen. In diesem Sinne gelang dem Gangsta-Rap das, was
auch schon anderen Jugendkulturen gelungen ist: die Provokation durch Sexuali-
tt, diesmal allerdings mit umgekehrten Vorzeichen.
Im Gegensatz zu den 60ern, in denen das sexualfeindliche Klima kritisiert wurde,
wurden im Gangsta-Rap reaktionre Vorstellungen von Sexualitt verbreitet, die
gesellschaftlich grtenteils nicht auf Zustimmung stoen, woraus sich die Ent-
rstung erklrt. Auch wenn die Texte zum Teil angeblich ironisch gemeint ist, so
ist doch zweifelhaft, ob dies von den KonsumentInnen so verstanden wird. Das re-
aktionre Sexualitts- und Geschlechterverstndnis im Gangsta- bzw. Porno-Rap
kam in erster Linie bei mnnlichen Jugendlichen an, die von ihrer sozialen Lage
her unterprivilegiert waren und im Umgang mit Sexualitt eine Mglichkeit sahen,
die relative gesellschaftliche Ohnmacht zu kompensieren.
Die sexistischen Potenz- und Allmachtsphantasien in den konkreten Produkten
des Pornorap so unsglich sie z. T. auch sind mgen vor allem fr in ihrer Mnn-
lichkeit verunsicherte, sexuell unerfahrene und ressourcenarme unterprivilegierte
Jungen ein Faszinosum sein. Diese pornographisch inszenierte Frauenbeleidigung
ist eine drastische Fortsetzung und Verstrkung des bekannten Modus, dass Jungen
fr sie unerreichbare und abweisende Mdchen verbal attackieren und anmachen
... (Weller 2010, S. 221)
Das Sexualittsverstndnis des Genres schtzt vor Nhe, vor Enttuschungen und
schenden und mchtigen Mannes, der den Frauen berlegen ist und sich aus dieser
Position heraus auf keine Beziehung einlassen muss.
Die Faszination des Genres stammt auch daher, dass vor allem Jungen das Ge-
fhl haben, hier sei einer von ihnen zum Star geworden, einer, der es geschafft
wird durch die Texte und die Inszenierungen ihrer Stars noch unterstrichen: Mit
Goldketten behangen und teuren Autos stellen sie ihren Reichtum zur Schau. In
diesem Punkt befand sich das Genre wenn auch in einer bertriebenen Art in
bereinstimmung mit zentralen Werten der Bundesrepublik in den 2000er Jah-
ren: Die Siegerinnen und Sieger, die in den Boulevardmedien gefeiert wurden,
demonstrierten ihren Besitz als Zeichen des Erfolgs. In einer Gesellschaft, in der
Angst vor Armut, Egoismus, Wettkampf und Konkurrenz bestimmend war, konnte
sich der erfolgreiche Gangsta-Rapper als Gewinner inszenieren.
Ziel dieser Studie war es, in einer Zeitreise die Entwicklung von Jugendkul-
turen und ihrem Umgang mit Geschlechterverhltnissen und Sexualitt im so-
zialgeschichtlichen Kontext der Bundesrepublik chronologisch und systematisch
darzustellen. Es ging darum, die Jahrzehnte anhand verschiedener Quellen zu
charakterisieren und in ein Verhltnis zu den verschiedenen jugendkulturellen Sti-
Wandel zu verdeutlichen, der sich im Alltag der Menschen, deren Selbstverstnd-
lichkeiten und berzeugungen in einem Zeitraum von 60 Jahren vollzogen hat.
lichkeiten zeigt sich, dass in der Bundesrepublik im Verlaufe der letzten 60 Jahre
rasante Entwicklungen stattgefunden haben.
Zentral ist zum einen die enorme technische Entwicklung, die sowohl die Be-
rufswelt als auch das Alltagsleben aller Menschen grundlegend verndert hat. Sie
zeigt sich von der damals vorherrschenden krperlichen Arbeit in Landwirtschaft
und Industrie hin zu einer Gesellschaft, die durch Dienstleistungen und dem all-
gegenwrtigen Computer bestimmt wird, von kaum erschwinglichen Schallplat-
unberschaubaren Anzahl an Sendern, von vereinzelt vorhandenen Telefonen bis
zur stndigen Erreichbarkeit mit dem Handy. Zudem kam es in dem betreffenden
Zeitraum zu einer Vervielfltigung des Warenangebotes in allen Bereichen, wobei
sich die Mglichkeiten des Konsums in einer sich immer mehr polarisierenden Ge-
sellschaft stark unterscheiden. Die Entwicklung der Konsumgesellschaft geht ein-
her mit einer zunehmenden konomisierung des gesamten Lebens. Dieser Trend
P. Rttgers,
Von RocknRoll bis Hip-Hop,
DOI 10.1007/978-3-658-10846-5,
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spiegelt sich auch in den Jugendkulturen wider: Immer mehr Angebote fr Ju-
gendliche sind nicht das Ergebnis der Kreativitt von Jugendlichen selber, sondern
entstehen in den dements
prechenden Abteilungen der Mode- und Musikindustrie,
wo diverse Stile und Images fr spezielle jugendliche Marktsegmente entwickelt
auch bei der kommerziellen Ausbeutung ursprnglich authentischer Jugendkultu-
ren, wie es nicht nur die Beispiele der Hippies und des Punks belegen, sodass
die Geschichte der Jugendkulturen auch immer eine Geschichte des Konsums ist.
Eine weitere zentrale gesellschaftliche Vernderung besteht in einer deutlichen
Verringerung des Autorittsgeflles zwischen den Geschlechtern und den Gene-
rationen, wo an die Stelle von Befehl und Unterordnung Aushandlungsprozesse
die von den 50ern bis weit in die 60er Jahre hinein gesellschaftlich vorherrschend
waren, so erscheinen sie den meisten Menschen aus heutiger Sicht als absurd, er-
heiternd oder emprend. Gleiches gilt fr den Bereich der Sexualitt, der bis in die
gen unterworfen war, whrend in krassem Gegensatz dazu gegenwrtig eine von
groen Teilen der Bevlkerung geteilte Verhandlungsmoral herrscht, in der auch
stoen. Zugleich ist im Laufe der Jahre auch Sexualitt in einem ungeheuren Aus-
ma kommerzialisiert worden.
Die deutliche Tendenz hin zu einem verringerten Machtgeflle und damit einer
Lockerung im zwischenmenschlichen Umgang zwischen den Generationen zeigt
sich auch bei den genderten Erziehungsvorstellungen in der professionellen wie
der familiren Erziehung, die sich eindeutig zu Gunsten der Heranwachsenden
verndert haben: Das Beispiel der Sexualerziehung in Schule und Familie, gekenn-
Dialog, Untersttzung und Akzeptanz von Kindern und Jugendlichen, belegt, dass
Heranwachsende nicht nur hinsichtlich ihrer Sexualitt heute als Menschen
mit eigenen berechtigten Bedrfnissen, Fragen und Interessen wahrgenommen
und behandelt werden. Im Bereich der Jugendkulturen und der Popmusik wird der
genderte Umgang mit Sexualitt daran deutlich, dass in den 50er Jahren schon
das Hftwackeln von Elvis Presley bei manchen Erwachsenen Panik auslste, weil
es erotische Gefhle wecken konnte. In einem solchen sexual- und lustfeindlichen
Klima wren die ffentlichen Umzge der Love-Parade mit ihren Rhythmen und
dem stark sexualisierten Auftreten der ProtagonistInnen wie der ZuschauerInnen
vllig undenkbar gewesen.
Neben der technischen Entwicklung und dem eher gleichberechtigen Um-
gang miteinander lsst sich eine Tendenz zur Individualisierung von Lebenslu-
301
fen feststellen: Bedingt durch die geringere Bedeutung von Traditionen, die An-
forderungen eines

exibilisierten Arbeitsmarktes und das Bedrfnis nach einem
nebeneinander bestehen und nicht selten innerhalb einer Biogra

e zu wechselnden
Stationen fhren, was je nach Standpunkt als bedauerlicher Verlust an Traditionen
und Bindungen oder als Erweiterung von Freiheits- und Gestaltungsmglichkeiten
Bedrfnisses nach individueller Darstellung oder der Vermarktungsstrategien der
Industrie stark ausdifferenziert und pluralisiert, sodass immer weniger Jugend-
liche sich nur einer dieser Kulturen zugehrig fhlen, sondern diese wechseln oder
sogar zeitgleich mehreren von ihnen angehren.
Provokationen, Tabubrche und die Abgrenzung von Erwachsenen sind zent-
rale Aspekte von Jugendkulturen und fr nicht wenige Jugendliche auch das Mo-
tiv, sich ihnen anzuschlieen. In der gegenwrtigen bunteren und liberaleren Ge-
wenige Mglichkeiten, das Bedrfnis nach Rebellion auszuleben: Jugendkulturen
haben immer weniger den Charakter einer Gegenkultur als Alternative zu den
bestehenden Verhltnissen, Jugendliche im 21. Jahrhundert sehen sich nicht mehr
einer Generation von spieigen Erwachsenen gegenber, die ihnen mit Verboten
andere Jugendkulturen zuvor mit Forderungen nach einer selbstbestimmten und
befreiten Sexualitt Skandale erzeugen kann, sondern mit einem uerst reaktio-
nren Bild von Geschlecht und Sexualitt die zurzeit provokanteste Jugendkultur
darstellt.
Bei allen Unterschieden der diversen jugendkulturellen Stile lsst sich in Be-
zug auf das Geschlechterverhltnis und den Umgang mit Sexualitt als Tendenz
festhalten, dass in Jugendkulturen, die sich bei unterprivilegierten Schichten und
Klassen groer Beliebtheit erfreuen, eine Orientierung an traditioneller mnnli-
cher Inszenierung, weiblicher Unterordnung und einer massiven Ablehnung von
(mnnlicher) Homosexualitt vorherrschend ist; dies gilt fr die Halbstarken ber
die Rocker und Fuballfans bis hin zum Gangsta-Rap. Umgekehrt sind in den-
jenigen Szenen, die fr Jugendliche aus privilegierten Milieus attraktiv sind, Lo-
ckerungen von starren und stereotypen Geschlechterrollen, ein erweiterter Raum
oder den Emos.
Trotz aller eindeutigen Trends lassen sich keine Prognosen ber die Zukunft
von Jugendkulturen und deren Umgang mit Geschlecht und Sexualitt erstellen. Es
handelt sich bei ihrer weiteren Entwicklung um ein komplexes Wechselverhltnis,
eine komplizierte Gemenge- und Interessenlage aus der konomischen und techni-
schen Entwicklung, den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um Geschlecht
und Sexualitt, den Vermarktungsstrategien von Mode-, Musik- und Medienindus-
trie und nicht zuletzt auch der Widerstndigkeit und Kreativitt, dem Bedrfnis
nach Provokation und dem Wunsch nach Abgrenzung und Selbstbestimmung von
Jugendlichen selber.
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